Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Selbstwidersprüche in der Agitation gegen „Politisch Überkorrekte“

Die FAZ mal wieder. Heizt fröhlich an die Facebook-Kommentar-Hater, die sich einbilden, „Weihnachtsmärkte“ könnten zukünftig „Wintermärkte“ heißen. Es geht in einem Artikel, überschrieben mit „Die politische Korrektheit bedroht die freie Rede“ und vom pegidistischen Geiste beflügelt, um das Verurteilen, Maulstopfen und Zumschweigenbringen derer, die sich für das Einfordern von „Safe Spaces“ für durch Diskriminierung Sozialisierte an britischen Universitäten einsetzen. 

Der Text zeigt auf, dass es ausschließlich um die Freiheit jener geht, die gesellschaftlich sowieso dominieren und Anderen noch ganz andere Rechte vorenthalten wollen. So z.B. jenes zu heiraten. 

Auftrumpfend formuliert er die Pointe: Das“Recht, nie von irritierenden Ideen herausgefordert oder von Angriffen aufgerüttelt zu werden„, würde erstritten.

Der Witz ist ein schlechter. Wer transsexuell, als schwul oder lesbisch, als schwarz oder Frau gelesen oder als Muslim, Hindu oder Jude in einer weiß dominierten, cis- und heterosexistischen sowie christlich geprägten Gesellschaft aufwächst – letzteres eine mit allerlei Privilegien ausgestattete, bestens abgesicherte und mit einer Geschichte ausgestattete Formation, die in vergleichbaren Fällen Verbote nach sich ziehen würde -, verbringt sein/ihr Leben in fortwährender Irritation und unter Dauerbeschuss. Ein kontinuierlich aufgerütteltes Leben, sozusagen. 

Der Alltag kann, wenn mensch nicht aufpasst, zum fortwährenden Angriff durch Andere ausarten, zum Verharren in einer fortwährenden Verteidigungshaltung. Schon aus Well-Being-Gründen ist es nötig, sich Facebook- und Twitter-Pausen zu verordnen, möglichst keine sexistischen, rassistischen und heteronormativen Fernsehproduktionen voller weißem cis-Personal, das in christlichen Kirchen von Inspector Barnaby gütig beäugt den Bund der Ehe schließt, mehr anzugucken und das fortwährende Problematisiertwerden mal für ein paar Tage zu ignorieren. 

Im Nachklapp zur Debatte rund um Köln und den Bahnhofsvorplatz dürfte auch deutlich geworden sein, dass abgestufte Formen sexueller Gewalt, auch das eine Mischung aus schmerzhafter Irritation des eigenen Sicherheits- und Integritätsbedürfnisses und brutalem Angriff, Befingertwerden und Schlimmeren,  für Frauen in Deutschland schlicht Alltag sind. Wer es nicht glaubt, braucht nur die Trolle zum Hashtag #ausnahmslos zu lesen: Der sexistsiche Mob ist überall und sehr angriffslustig.
Was in der Tat neu ist, ist, dass nunmehr auch dominante Gesellschaftsgruppen auf einmal Irritation und Angriff unterliegen. Dass durch die Homo-Ehe-Diskussion manche ihren Heteronormativität dienenden way of life nicht mehr als „natürliche“ Selbstverständlichkeit wahrnehmen können. Dass der Kanon der europäischen Kulturgeschichte nicht mehr unbefragt als globales Non-plus-Ultra gilt, weil er von Antisemitismus, Sexismus, Rassismus und Heteronormativität durchdrungen ist. Dass nicht mehr automatisch jede als  weiß gelesene Person befugt ist, qua gesellschaftlicher Position Nicht-Weiße zu belehren, zu paternalisieren, zu „zivilisieren“, zu beurteilen und ggf. zu exkludieren oder abzuschieben. Dass Frauen sich nicht mehr der Dominaz männlichen Zugriffs und Verfügens unterwerfen und mal nicht mehr fortwährend sich als Opfer phallischer Gewalt gezeichnet sehen wollen. Dass vielleicht sogar die märchenbuchhafte, patriachale Lesart der Bibel im Bischofsornat Alternativen erfährt, die – vor allem in den USA – Querverbindungen zu fernöstlicher und Sufi-Weisheit öffnen und weniger autoritär auftrumpfen als manche der aktuellen islamischen Rechtsgelehrten oder christlichen Sittenwächter. Dass das BH-Verbrennen Ende der 60er für als weiß gelesene Frauen Freiheitspielräume ermöglichen mochte, während als schwarz Gelesene froh waren, sich mal etwas anziehen zu dürfen, um dem sexualisierenden, weißen Blick zu entrinnen (das war ein variiertes Originalzitat einer schwarzen US-Bürgerrechtlern).

All diese Irritationen und Angriffe freilich möchte die FAZ in jenem Text am liebsten verbieten und weiter dafür sorgen, dass auch ja das Gewohnsheitsrecht dominanter Gruppen, Andere zu beleidigen, herabzuwürdigen und darüber zu diskutieren, ob diese ein Recht auf Rechte haben, als maßgeblich gilt. Z.B. auch jenes Recht Marginalsierter darauf, öffentlich mit ihrem Reden, ihren Bedürfnissen, ihren Ideen überhaupt erst mal sichtbar zu werden und ausnahmsweise auch mal Gehör zu finden. 

Bei einem Votum gegen die Homo-Ehe oder Sottisen gegen Transmenschen, ÜBER diese geäußert, von einem „Ringen um Ideen“ zu sprechen, ja, gar von Demokratie und Innovation daher zu schwadronieren, das ist ebenefalls ein schlechter Witz. Diese „Ideen“ sind an gesellschaftliche Zwangsmaßnahmen gekoppelt weder neu noch irritierend für alle jene, die sich bisher durch Eingliedern in Normalisierungsraster der Befragung entzogen und das auch konnten, weil sie nicht eh schon ständig aufgrund äußerer Merkmale dem Verdacht unterlagen. Diese „Ideen“  haben in jeder Diktatur, ob im Stalinismus (okay, der orthodoxen Kirche ging es da an den Kragen), Nationalsozialismus (in dem es vereinzelt, in Düsseldorf zum Beispiel, auch Katholikenverfolgung gab) oder Klerikalfaschismus unter Franco bestens gedeihen konnen. Auch in Monarchien wie unter Wilhelm Zwo. Und das ist ja kein Zufall. 

Nee, ihr lieben Mehrheitsgesellschaftler und Patriachatsliebhaber: Lasst IHR euch doch mal irritieren. Andere sind das eh gewöhnt. Haltet IHR doch mal Angriffe aus, anstatt EUER Well-Being als Weltmaßstab absolut zu setzen. Lernt IHR doch erstmal, Selbstverständnisse  ohne die Herabwürdigung Anderer zu gewinnen. Dann findet freie Rede vielleicht sogar mal wirklich statt. 

Das ewige Restaurieren bringt keine irritierenden Ideen hervor. Noch nicht einmal produktive Spinoza-Lektüren sind unter diesem Vorzeichen möglich, und selbst Shakespeare mutiert zum toten Fisch, wenn sich AutorInnen wie die von der FAZ durchsetzten. Solche Plädoyers gegen gesellschaftliche Innovation zementieren nur das, was vorher schon falsch war.

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