Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„… and the shame was on the other side“: Alienation durch Künstlichkeit besiegen. Rest in Peace, David Bowie

 
Ein Schlag in die Magengrube. Kurz sack ich weg. Morgendliches Scrollen durch die Timelines von Twitter und Facebook – ein Stück Welt, in dem die Popkultur und ich uns zusammen bewegten, ist plötzlich weg. Tot. The story ends. Unfassbar.

Andere Künstler schreiben Songs. Bowie erschuf Welten und formte sie zu einem Vexierspiel aus Möglichkeiten.

Welt1: Die jeweilige Persona und ihr in Visualisierung aufgobenes, musikalisches Gewand. Welt2: Eben die Bowie-Welt als Ganze – ein Unversum aus Verweisen, eine symbolische und musikalische Wucht in Vielfalt. Kosmisch. Ein Konglomerat aus Appropriation, Hybridem, ein Labyrinth – im Film gleichen Namens spielte er mit -; aus kühl scheinendem Kalkül und Düsternis, Glamour und Fantasie, Absturz und Stilisierung. In der Musik wie auch deren Inszenierung.
Er war immer schon da. Eine Voraussetzung. Unterhintergehbar. 

Hinein gewachsen in ein Pop-Szenario irgendwie zwischen Disco, Soul, früher Neuer Deutscher Welle und Postpunkverzweigungen mit einer Prise Queen und Kiss in den späten 70ern, frühen 80er schien uns so vieles schlicht sein Echo zu sein. Während ich zu „Let’s dance“, das so viele hassten, weil wie Verrat es schien an dem Underground in bierselig vollgepissten Kellerlöchern, auf die Tanzfläche eilte, fuhr zuleich das Wissen um all die Bowies zuvor mir in die Sinne. Den Ziggy, den im Anzug von „Young Americans“. Den, den wir bewunderten, wenn nach Carolyn Maas‘ „Sittin‘ in the dark“ Iggy Pops „Passenger“ auf Parties lief (das passierte oft), weil er das ja produziert habe. 

„Bowie-Typen“, das war ein fester Begriff für melancholische, anämisch-hagere, blasse Jungmänner, die Seitenscheitel trugen und eine ganz andere Sexyness versprühten als kraftstrotzende Jocks in Röhrenjeans. Die ein Hauch von Bohéme umwehte, als seien sie eine Fusion aus Klaus Manns „Frommen Tanz“, denn die Berlin-Assoziation war zu unserer Zeit schon gegeben, und den auf Stil setzenden unter den Postpunkbewegten – die allesamt vor ihm, der vorher schon da war, niederknieten wie vor einer Madonnenstatue. Klar, das Bild ist bewusst gewählt, niemand hat mehr von ihm gelernt als Madonna: Das fortwährende Neuerfinden, das viele dem Neoliberalismus als Prinzip untersciheben wollen, prägte er als Erfolgsrezept.
Die Problematik dieser Ikonographie wurde deutlich, als zu Zeiten, da er als „Thin White Duke“ sich inszenierte, ein offensives Kokettieren mit dem Faschistioden in Interviews aus Bowie drängte. Nicht zufällig in seiner Berliner Zeit, diese Stadt evoziert das wohl, weil mensch es dort bis heute spürt – die Brutalität dieser visuell wie sprachlich geprägten Faszination des Drüberhinausseins über die Moralität, die Walter Benjamin die „Ästhetisierung des Politischen“ nannte. Eine neue Rechte forderte er und behauptete Hitler als Rockstar, und schwamm mit in einem Strom der teils affirmierenden Provokation durch Nazismen, der auch frühe Punk Acts, in den Anfängen auch Joy Division und Siouxzie antrieb. Später schob Bowie diese Äußerungen auf kokainindizierte, psychotische Phasen. Bowie, das ist eben auch der Soundtrack zum einst bahnbrechenden „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Doch das Role Model, das er in jenen Jahren nach der „Ziggy Stardust“-Phase kreierte, kann als Abfeiern von Whiteness gelesen werden, ob bewusst oder unbewusst  – noch da, wo er sich akustisch auch bei Black Music-Traditionen bediente. „Heroes“ konnte somit auch zur Titelmelodie einer Ausgabe der ZDF-Sendung „Unsere Besten“ werden – spricht das gegen den Song? Ich glaube nicht.

Das alles  ist die Kehrseite dessen, was den Starman gerade in queeren Zusammenhängen so überlebensgroß erscheinen lässt: Todd Haynes hat in „Velvet Goldmine“, grob orientiert an der Bowie-Iggy-Pop-Story, unübertroffen ins Bild gesetzt, wie Glam als Zelebrieren von Bi und Andogynität den Natürlichkeitskult der Hippie-Generation durch radikale Künstlichkeit auslachte und zugleich toppte. Die Koppelung an Science-Fiction-Motive – Spiders from Mars, Space Oddity – hat es auch im Afrofuturismus gegeben, dort noch nachhaltiger motiviert. Sinn und Zweck der Alienwerdung: Alienation nun gerade entkommen durch die Projektion einer fantasievollen Zukunft derer, die im mehrgesellschaftlichen Realitätsprinzip naturalisierenden Zuschreibungen brutalstmöglich ausgesetzt werden.

Bowie demonstrierte das nicht nur auf der Bühne: Das „Andere Ufer“, das erste offene (!!!) Schwulenlokal in Berlin, also mit großen Fenstern zum Hereinschauen, besuchte er publikumswirksam als Stammgast. Seine Liaison mit Romy Haag zelebrierte er öffentlich. All die widersprüchlichen Aussagen in all den Jahren dazu, welcher „Orientierung“ er denn nun wirklich folge, sind nur konsequent: Der stilisierte Rollenwechsel hebt solche Fragen auf, sprengt Codes und Zeichenregime und eröffnet Freiheitsspielräume – und das noch da, wo der Zauber des Sentimentalen als Schmelz in die Melodieführung eindringt. Auch das eine Praktik im Glam, ebenso von Roxy Music vollzogen: Die Furcht, des Kitsch bezichtigt zu werden, schwindet, befreit ein Künstker sich von der Diktatur des Authentischen. So durchbrachen sie mit Bowie an der Spitze inmitten des Rockism-Paradigmas dessen Fundamente und spürten im freien Fall, lost in time, lost in space, die kosmische Dimension einer Ästhetik der Existenz auf, die diesen Namen auch verdient hat. Alles rund um New Wave und Synthie-Pop in den 80ern erzählte diese Geschichte weiter – mal gelungen und mal auch nicht. Und Bauhaus übersetzten es in Goth. 

Sein gerade Freitag erschienenes Album habe ich noch gar nicht gehört. Es werden Tränen wie jene des Pierrot sein, die fließen beim Hören – in die Unwirklichkeit der Vergänglichkeit des Unvergänglichen gebeamt, ein wenig maskenhaft. Und deshalb gut.

12 Antworten zu “„… and the shame was on the other side“: Alienation durch Künstlichkeit besiegen. Rest in Peace, David Bowie

  1. mark793 Januar 11, 2016 um 6:03 pm

    Komme mir jetzt fast ein bisschen voyeuristisch vor, nachdem ich grade Steve Blames Erinnerungen an seine Interviews mit David Bowie gelesen hatte und sofort der Impuls mich durchzuckte, geh mal gucken, ob Momo schon was dazu geschrieben hat.

    Er hat, und ich verstehe das rätselhafte Phänomen Bowie etwas besser. Nun gab es in meinem näheren Umfeld durchaus einige „Bowie-Typen“, die ich sehr schätzte und die sich redlich mühten, mich mit ihrer Begeisterung anzustecken, aber ich muss gestehen, es blieb bei mir stets mehr so eine Kopfsache, die Bewunderung für seine Wandlungsfähigkeit und die Verweigerung, sich in Schubladen stecken zu lassen. Musikalisch wirklich mitgerissen hat er mich eher selten, und so musste ich ihm „Let’s Dance“ nicht übel nehmen, für mich war das kein Verrat, sondern schlicht eine sehr eingängige Nummer, die ich nach dem ersten wtf?-Moment sogar mochte.

    Wenn er vielen Menschen, die ich schätze, so viel gegeben hat, nehme ich es ihm (und mir) nicht übel, dass unser Verhältnis vergleichsweise unterbelichtet blieb. So zu tun, als wäre ich Teil der globalen Trauergemeinde, wäre verlogen, aber ich möchte Dir hiermit meine aufrichtige Anteilnahme aussprechen.

  2. momorulez Januar 11, 2016 um 8:12 pm

    Dankeschön! Und ich habe „Let’s dance“ ja auch geliebt😉 … und, ach, ich trauere da halt auch gleich mit um Potenziale des Pop, die er so unvergleichlich pointierte, die einst wirkungsmächtig waren, glaube ich zumindest und die heute so gar nicht mehr greifen könnten. Und das mit Sicherheit nicht, weil heute nun alle so total free wären. Sondern weil die Reaktion teils links wie auch rechts und „mittig“ einfach zu oft zu heftig zuschlägt, ausgrenzt, fantasielos agiert.

  3. momorulez Januar 11, 2016 um 8:28 pm

    Zur Vertiefung:

    „Two of the scholarly books — Future Nostalgia: Performing David Bowie (2015) and Enchanting David Bowie: Space/Time/Body/Memory (2015) — insist that Bowie should not be viewed simply as a rock musician: Bowie’s ongoing cultural performance is an elusive and pliable text that can be read and reread from various critical vantages.“

    https://lareviewofbooks.org/review/david-bowie-and-the-1970s-testing-the-limits-of-the-gendered-body/

    Auch sonst vertieft das alle Aspekte dessen, was ich oben geschrieben habe.

  4. mark793 Januar 11, 2016 um 9:47 pm

    (…) Sondern weil die Reaktion teils links wie auch rechts und “mittig” einfach zu oft zu heftig zuschlägt, ausgrenzt, fantasielos agiert.

    Ich denke, die Reaktion ist da nicht der einzige und womöglich auch nicht der wichtigste limitierende Faktor. Wenn man sich anschaut, was popkulturell schon alles da war, stellt sich auch die Frage, welche neuen und nie dagewesenen Transgressionen unterhalb der Strafrechts-Relevanz denn heute und künftig überhaupt noch möglich wären. Oder, noch konsequenter weitergedacht, vielleicht ist Pop, wie wir ihn kannten, schon tot, und wir haben es nur noch nicht gemerkt. Wenn ich das Mediennutzungsverhalten und die Vorlieben von meiner Tochter jetzt mal als Indiz hernehme, scheint es mir keinesfalls gottgegeben, dass die Stars, auf die sie mal abfährt, in der musikalischen Sphäre zuhause sind. Vielleicht sind das dann Typen, die virtous zocken können und genial gemachte Videos davon ins Netz stellen? Ich weiß es nicht.

  5. momorulez Januar 11, 2016 um 10:12 pm

    Musik ist mit Sicherheit nicht mehr DAS zentrale Medium, klar gibt es auch massenhaft Ganer, Youtuber usw., auch das, woran ich nun lange Zeit rund um den Fussball partizipierte – und der „Wildstyle“ meines ältesten Neffen unterscheidet sich unerheblich von dem damals. Es gibt auch sehr viele Phänomene in, Gott, wie soll ich das nenne, „postmigrantischen“ Zusammenhängen, von denen ich Null Ahnung habe oder allenfalls ein wenig. Da gibt es mit Sicherheit lauter Potenziale, von denen ich gar nichts weiß.

    Trotzdem denke ich schon, dass es eine Verbiederung gegeben hat, eine vermehrte Aggression gegen alles, was „künstlich“ scheint und mit sich und dem Leben spielt, und das von „links“ durch bestimmte Formen der Hipster- und Neoliberalismuskritik sogar verschärft. Und selbst so was wie Teile des Salafismus als eben auch strikt konservativ-asketische Jugendkultur sind ja ein groteskes Phänomen, dass sich sozialrevolutionär Gebendes ausgerechnet so inszeniert. Ich meine wirklich ganz konkret salafistische Strömungen, kein bißchen „den Islam“ im Allgemeinen. Als würden allesamt kapitulieren vor Unübersichtlichkeit, um dann Schrebergärten zu errichten.

    Und der Gipfel ist dann immer noch, wenn irgendwelche reaktionär gewordenen Pseudorevoluzzer von einst das Konservative nun ausgerechnet im Feminismus und bei ernstzunehmenden Antirassisten wittern.

    Aber auch, was als neuerdings wieder zur Kunst-Uni gehend so erlebe – klar kriege ich das nur oberflächlich mit, und erste Kontakte mit konsequent Unkonventionellen fanden nun zum Glück auch schon statt, auch echt erfrischend – aber insgesamt bin ich erschüttert, wie brav das da zugeht. Da war in Philosophieseminaren 1990 mehr los. Obgleich popkulturelle Referenzen sehr wohl auftauchen, nur immer so, ich weiß gar nicht, wie ich das nennen soll – sich schließende, die irgendwie „auf der richtigen Seite stehen“, aber in einem sehr sicheren Rahmen agierend auch was Zementierungen von „Independant“-Traditionen betrifft.

    Ich hoffe aber selbst, mein Urteil morgen schon wieder zu revidieren und vom Gegenteil überzeugt zu werden🙂 …

  6. mark793 Januar 11, 2016 um 10:49 pm

    Hmja, den Vorwurf, früher wären die Studis politischer gewesen, durfte ich mir anno 1985 aber auch schon von irgendwelchen Zauseln anhören. Und ja, gemessen an deren Standards kann man das so sehen, ich habe mich bei einer Fahrpreiserhöhung im Heidelberger Nahverkehr nicht aus Protest an die Schienen gekettet.😉

    Die Verbiederung, die Du beschreibst, gibt es sicher, dazu ließen sich noch andere Facetten beisteuern (wann ist beispielsweise Bausparen denn wieder chic geworden?), aber das alles wäre im Prinzip kein Hinderungsgrund, bewährte oder auch neue Transgressionen im Pop zu wagen. Doch seit Gangsta-Rap ist da ja nichts nennenswertes auf meinem Radar aufgetaucht. Und was Miley Cyrus heute so treibt, das hat Madonna doch schon auf höherem Niveau vorweggenommen.

    Aber vielleicht kommt das nächste Paradigma ja tatsächlich unangekündigt aus einer Ecke, die wir nicht im Blick haben.

  7. momorulez Januar 11, 2016 um 11:17 pm

    Ich bin ja damals genau an dieser Grenze zwischen den „noch bewegten“ späten 70ern und dem, was dann kam, als Kohl ans Ruder kam, aufgewachsen – meine Schwester gehörte noch zu den „Engagierten“, und angeblich waren meinen Jahrgänge dann auch schon alle doof. Ich kenne also die Diskussion auch noch ganz gut. Nur dass rund um die viel gescholtene „Postmoderne“, die angeblich darunter litt, dass alles schon mal da gewesen sei, sich schon unabgegoltene Potenziale entwickelten, die später verreckten – und das waren ja die, die in Bowie gründeten.

    Ich glaube ja mittlerweile, dass die anderswo als in Deutschland, Frankreich oder England, wo das alles gegen Ende der 90er verebbte, längst schon weiter gedacht und erfahren wird. Japan vielleicht, Indien, USA, Südamerika, Südafrika. Und von daher wirst Du mit Deiner Pointe recht haben. Was rund um Kendrick Lamar und Kamasi Washington gerade abgeht, das ist ja wirklich was, wo mit Historie der Black Cultures mal anders umgegangen wird. Z.B.. Miley Cirus habe ich noch zu erkunden; die James Franco/Lana del Ray-Connecttion hat beim teils peinlichen Versagen des ersteren auch irgendwas. Manche Serien generieren neuen Style, Mr. Robot z.B. – mensch landet ja irgendwie doch immer bei so diffusen Pointen, die irgendwie darauf hinaus laufen, dass Deutschland halt Grönemeyer hervor gebracht hat und Großbritannien Bowie, und letzterer sogar noch vorführte, was mensch aus Krautrock so alles machen könnte (wie Julian Cope ja auch).

    Das ist jetzt aber auch echt gerade Gelaber hier von meiner Seite😀 – ich suche morgen mal weiter, was ich eigentlich suche.

  8. mark793 Januar 12, 2016 um 9:57 am

    Auf die Gefahr hin, jetzt etwas abzudriften, möchte ich den Grönemeyer dann doch nicht so solitär im Raum stehen lassen. Der hat nicht den Madison Square Garden ausverkauft, sondern Rammstein (wie auch immer man dazu stehen mag). Und als zugezogener Rheinländer muss ich auch Kraftwerk erwähnen, Propaganda, die Krupps und last but not least DAF, die ja letztlich vieles vorweggenommen haben, was dann als Electronic Body Music auch andernorts fortwirkte, New Beat wäre da auch noch zu erwähnen, und da passt es schon ganz gut, dass Tragic Error ihren Smash-Hit „Tanzen“ auf Deutsch gesungen haben, und in der Reihe würde ich auch „Im Rhythmus bleiben“ von Front 242 sehen. Es gab eigentlich kaum eine je Gattung, bei der ich so sehr das Gefühl hatte, die Musik wäre direkt mit meinen Synapsen verlötet wie damals™ bei EBM & Co. Vor ein paar Jahren beim Youtube-Cruisen bin ich auf „Push“ von The Invincible Spirit gestoßen, was für ein Heureka-Moment, darauf bin ich in den 80ern regelmäßig abgegangen, ohne zu wissen, von wem das war. Ich stand mit dieser Präferenz auch ziemlich alleine, meinem eher punkig-wavigen Umfeld (oder den Genesis-sozialisierten Kollegen) war das alles total suspekt, auch wegen des diffusen Spiels mit Nazi-Ästhetik und den strammen Rhythmen. Ich entdecke das grad alles wieder für mich, wo mich meine Radtouren auch mal auf die Route der Industriekultur führen, da brauche ich keinen mp3-Player mit Kopf im Ohr, um Sachen wie „Stahlwerksymphonie“ oder „Wahre Arbeit, wahrer Lohn“ im Kopf abzuspielen und mit den Beinen in die Pedale zu pumpen, wenn ich auf der Duisburger Mannesmannstraße an den HKM-Hüttenwerken vorbeiradle. Da wäre ich dann geneigt zu fragen, wer war dieser Herbert Grönemeyer nochmal?

  9. momorulez Januar 12, 2016 um 10:07 am

    Erst mal nur das:

    http://agqueerstudies.de/vortragseinladung-2013-05-15-wie-der-berliner-techno-weis-wurde/

    … und später mehr. Gerade D.A.F., die Krupps oder EBM aus dem internationalen Kontext zu lösen ist schwierig, ohne in einem überschreibenden Narrativ zu landen. Klar, Kraftwerk und Moroders Munich Sound – das musste aber auch erstmal durch Africa Bambaata in die USA geschleust werden und in London variiert. Was jetzt nix gegen D.A.F. sagen soll. Oder die Neubauten, eine Figur wie Blixa Bargeld kommt vom Attitude-Faktor einem Bowie ja noch am nächsten, wenn auch aus einem ganz anderen Pop-Verständnis. Und es ist halt alles sehr mänlich, no Gender-Bender. Bei Malaria gab es das, aber die kennt in der breiten Masse keiner.

  10. mark793 Januar 12, 2016 um 11:28 am

    Gut, ich wollte das nicht so verstanden wissen, als ginge es mir um eine Über-Germanisierung der elektronischen Tanzmusik, bei der EBM haben Engländer. Belgier, Spanier und was weiß ich noch alles für Landsleute tatkräftig mitgemischt. Ich will damit nur sagen, denk ich an Deutschland in der Nacht, ist nicht Grönemeyer der Soundtrack-Lieferant meiner Wachträume.😉 Techno ist dann eh nochmal ein anderer Schnack, ich sehe den nicht in der direkten EBM-Nachfolge, da kamen z.T. wohl noch ganz andere Einflüsse zusammen, und ich sehe weiteren Erhellungen diesbezüglich schon gespannt entgegen. Wobei zweifellos richtig ist, dass der Paradigmenwechsel vom Primat des Interpreten hin zur Dominanz des DJs jenseits des großen Teichs schon lange vor Sven Väth und Marusha vorweggenommen war. In meiner Wahrnehmung ist Techno als Ganzes ohnehin nie ein ausschließlich weißes Ding gewesen, allenfalls in der Ausprägung Eurodance oder Kirmes-Techno). Wobei ich auch sagen muss: Die MDMA-gepushte Dauerhappyness-Rumhüpfkiste zu Uffta-Uffta und Trillerpfeifengeschrille hat mich ziemlich schnell gelangweilt, und entsprechend habe ich in jenen Jahren dann mehr dem Cocooning und anderen Freizeitraktivitäten als dem Clubbing gefrönt. Ich war auch paar mal im Mannheimer „Milk“, wo dem Drum’n’Bass, Jungle & dergleichen gehuldigt wurde (Türsteher war da übrigens Xavier Naidoo), aber so richtig ins Mark getroffen wie zuvor EBM hat mich das alles nicht mehr.

    Es hat dann ja gut ein Jahrzehnt gedauert, bis da ein Revival einsetzte, und vielleicht braucht es seine Zeit, bis auch Gender-Bender wieder fröhliche Urständ feiert (um diese blöde Phrase auch mal wieder anzubringen). Wenn die Entwicklung der Populärkultur nicht nur linear verläuft, sondern auch in Zyklen, werden wirs vielleicht noch erleben.

  11. momorulez Januar 12, 2016 um 11:39 am

    I hope so🙂 – bei Lady Gaga, Anthony & the Johnsons, ganz anders und aktueller Kele, Hercules & The Love Affair usw. gibt es solche Ansätze ja auch immer wieder, und Jamie XX finde ich auch nicht übel. Dass ein Kamasi Washington so eifrig diskutiert wurde und Y’akoto in den Top Ten landete, das ist ja auch gut,

    Das Frappierende ist aber, dass das ja in den Restbeständen der Musikpresse auch durchaus ankommt, aber ansonsten, so scheint es mir vielleicht auch nur mir, ist halt diese gemütlichkeitsheischende Selbstabschottung der Deutschpopflege schon ganz schön dominant. Deutschland hat eine sehr unangenehme Selbstreferentialität entwickelt. Da muss irgendwie mal raus gefunden werden. Und da kann aktuell eine Bowie-Bewusstwerdung dann, wenn die nicht auf die übliche Berlinselbstverkultung setzt, gar nicht schaden.

  12. mark793 Januar 12, 2016 um 12:35 pm

    Ich bin in Sachen Popdiskurs ja überhaupt nicht am Puls der Zeit, von daher kann ich Deine Diagnose der deutschen Selbstreferenzialität aus dem Stand weder bestätigen noch widerlegen. Soweit ich jetzt die Feuilletons, Blogs und meine überschaubaren Timeslines gescannt habe, ist David Bowie nicht übermäßig in deutschnationalen Beschlag mit Bezug auf Berlin, „Helden“ etc. genommen worden. Aber ja, man kann trotzdem gar nicht oft genug darauf verweisen, dass es da draußen jenseits des nationalen Tellerrands noch sooo viel anderes gibt. Nachfolgenden Generationen ist das vielleicht in viel höherem Maße schnurz, in der Grundschule haben die Kids vor ein paar Jahren alle den „Gangnam Style“ getanzt, da wurde nicht rumgefremdelt, huch, das ist ja K-Pop, das gehört hier nicht her.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s