Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Januar 2016

Klang- und Bilddenken im Dialog mit dem Saxophon: David Bowies „Blackstar“-Album

Ich geb’s ja zu: Ich hätte das Album vermutlich gar nicht angehört, hätte David Bowie nicht den Übergang vollzogen.

Ein schweres Versäumnis wäre das gewesen – eine abschließende Vision als Hinterlassenschaft von Gewicht mir entgangen. Bowie zeigt Wege auf hinaus dem „Meta“, ohne dabei der berühmten „falschen Unmittelbarkeit“ zu erliegen.

Springt mitten hinein ins Erforschen des Seins und seinem Sich-Ereignen in Klängen, Sprache und (Sprach-)Bildern in all ihrer Historizität. Das Werden zelebriert sich als Vergehen, aus dem das Neue aufscheint, so in etwa kann das „Blackstar“-Album gehört werden, und so plump diese Message scheint, ihre Durchführung geht tief unter die Haut– das Album taucht Mehr von diesem Beitrag lesen

Selbstwidersprüche in der Agitation gegen „Politisch Überkorrekte“

Die FAZ mal wieder. Heizt fröhlich an die Facebook-Kommentar-Hater, die sich einbilden, „Weihnachtsmärkte“ könnten zukünftig „Wintermärkte“ heißen. Es geht in einem Artikel, überschrieben mit „Die politische Korrektheit bedroht die freie Rede“ und vom pegidistischen Geiste beflügelt, um das Verurteilen, Maulstopfen und Zumschweigenbringen derer, die sich für das Einfordern von „Safe Spaces“ für durch Diskriminierung Sozialisierte an britischen Universitäten einsetzen. 

Der Text zeigt auf, dass es ausschließlich um die Freiheit jener geht, die gesellschaftlich sowieso dominieren und Anderen noch ganz andere Rechte vorenthalten wollen. So z.B. jenes zu heiraten. 

Auftrumpfend formuliert er die Pointe: Das“Recht, nie von irritierenden Ideen herausgefordert oder von Angriffen aufgerüttelt zu werden„, würde erstritten.

Der Witz ist ein schlechter. Wer transsexuell, als schwul oder lesbisch, als schwarz oder Frau gelesen oder als Muslim, Hindu oder Jude in einer weiß dominierten, cis- und heterosexistischen sowie christlich geprägten Gesellschaft aufwächst – letzteres eine mit allerlei Privilegien ausgestattete, bestens abgesicherte und mit einer Geschichte ausgestattete Formation, die in vergleichbaren Fällen Verbote nach sich ziehen würde -, verbringt sein/ihr Leben in fortwährender Irritation und unter Dauerbeschuss. Ein kontinuierlich aufgerütteltes Leben, sozusagen. 

Der Alltag kann, wenn mensch nicht aufpasst, zum fortwährenden Angriff durch Andere ausarten, zum Verharren in einer fortwährenden Verteidigungshaltung. Schon aus Well-Being-Gründen ist es nötig, sich Facebook- und Twitter-Pausen zu verordnen, möglichst keine sexistischen, rassistischen und heteronormativen Fernsehproduktionen voller weißem cis-Personal, das in christlichen Kirchen von Inspector Barnaby gütig beäugt den Bund der Ehe schließt, mehr anzugucken und das fortwährende Problematisiertwerden mal für ein paar Tage zu ignorieren. 

Im Nachklapp zur Debatte rund um Köln und den Bahnhofsvorplatz dürfte auch deutlich geworden sein, dass abgestufte Formen sexueller Gewalt, auch das eine Mischung aus schmerzhafter Irritation des eigenen Sicherheits- und Integritätsbedürfnisses und brutalem Angriff, Befingertwerden und Schlimmeren,  für Frauen in Deutschland schlicht Alltag sind. Wer es nicht glaubt, braucht nur die Trolle zum Hashtag #ausnahmslos zu lesen: Der sexistsiche Mob ist überall und sehr angriffslustig.
Was in der Tat neu ist, ist, dass nunmehr auch dominante Gesellschaftsgruppen auf einmal Irritation und Angriff unterliegen. Dass durch die Homo-Ehe-Diskussion manche ihren Heteronormativität dienenden way of life nicht mehr als „natürliche“ Selbstverständlichkeit wahrnehmen können. Dass der Kanon der europäischen Kulturgeschichte nicht mehr unbefragt als globales Non-plus-Ultra gilt, weil er von Antisemitismus, Sexismus, Rassismus und Heteronormativität durchdrungen ist. Dass nicht mehr automatisch jede als  weiß gelesene Person befugt ist, qua gesellschaftlicher Position Nicht-Weiße zu belehren, zu paternalisieren, zu „zivilisieren“, zu beurteilen und ggf. zu exkludieren oder abzuschieben. Dass Frauen sich nicht mehr der Dominaz männlichen Zugriffs und Verfügens unterwerfen und mal nicht mehr fortwährend sich als Opfer phallischer Gewalt gezeichnet sehen wollen. Dass vielleicht sogar die märchenbuchhafte, patriachale Lesart der Bibel im Bischofsornat Alternativen erfährt, die – vor allem in den USA – Querverbindungen zu fernöstlicher und Sufi-Weisheit öffnen und weniger autoritär auftrumpfen als manche der aktuellen islamischen Rechtsgelehrten oder christlichen Sittenwächter. Dass das BH-Verbrennen Ende der 60er für als weiß gelesene Frauen Freiheitspielräume ermöglichen mochte, während als schwarz Gelesene froh waren, sich mal etwas anziehen zu dürfen, um dem sexualisierenden, weißen Blick zu entrinnen (das war ein variiertes Originalzitat einer schwarzen US-Bürgerrechtlern).

All diese Irritationen und Angriffe freilich möchte die FAZ in jenem Text am liebsten verbieten und weiter dafür sorgen, dass auch ja das Gewohnsheitsrecht dominanter Gruppen, Andere zu beleidigen, herabzuwürdigen und darüber zu diskutieren, ob diese ein Recht auf Rechte haben, als maßgeblich gilt. Z.B. auch jenes Recht Marginalsierter darauf, öffentlich mit ihrem Reden, ihren Bedürfnissen, ihren Ideen überhaupt erst mal sichtbar zu werden und ausnahmsweise auch mal Gehör zu finden. 

Bei einem Votum gegen die Homo-Ehe oder Sottisen gegen Transmenschen, ÜBER diese geäußert, von einem „Ringen um Ideen“ zu sprechen, ja, gar von Demokratie und Innovation daher zu schwadronieren, das ist ebenefalls ein schlechter Witz. Diese „Ideen“ sind an gesellschaftliche Zwangsmaßnahmen gekoppelt weder neu noch irritierend für alle jene, die sich bisher durch Eingliedern in Normalisierungsraster der Befragung entzogen und das auch konnten, weil sie nicht eh schon ständig aufgrund äußerer Merkmale dem Verdacht unterlagen. Diese „Ideen“  haben in jeder Diktatur, ob im Stalinismus (okay, der orthodoxen Kirche ging es da an den Kragen), Nationalsozialismus (in dem es vereinzelt, in Düsseldorf zum Beispiel, auch Katholikenverfolgung gab) oder Klerikalfaschismus unter Franco bestens gedeihen konnen. Auch in Monarchien wie unter Wilhelm Zwo. Und das ist ja kein Zufall. 

Nee, ihr lieben Mehrheitsgesellschaftler und Patriachatsliebhaber: Lasst IHR euch doch mal irritieren. Andere sind das eh gewöhnt. Haltet IHR doch mal Angriffe aus, anstatt EUER Well-Being als Weltmaßstab absolut zu setzen. Lernt IHR doch erstmal, Selbstverständnisse  ohne die Herabwürdigung Anderer zu gewinnen. Dann findet freie Rede vielleicht sogar mal wirklich statt. 

Das ewige Restaurieren bringt keine irritierenden Ideen hervor. Noch nicht einmal produktive Spinoza-Lektüren sind unter diesem Vorzeichen möglich, und selbst Shakespeare mutiert zum toten Fisch, wenn sich AutorInnen wie die von der FAZ durchsetzten. Solche Plädoyers gegen gesellschaftliche Innovation zementieren nur das, was vorher schon falsch war.

„… and the shame was on the other side“: Alienation durch Künstlichkeit besiegen. Rest in Peace, David Bowie

 
Ein Schlag in die Magengrube. Kurz sack ich weg. Morgendliches Scrollen durch die Timelines von Twitter und Facebook – ein Stück Welt, in dem die Popkultur und ich uns zusammen bewegten, ist plötzlich weg. Tot. The story ends. Unfassbar.

Andere Künstler schreiben Songs. Bowie erschuf Welten und formte sie zu einem Vexierspiel aus Möglichkeiten.

Welt1: Die jeweilige Persona und ihr in Visualisierung aufgobenes, musikalisches Gewand. Welt2: Eben die Bowie-Welt als Ganze – ein Unversum aus Verweisen, eine symbolische und musikalische Wucht in Vielfalt. Kosmisch. Ein Konglomerat aus Appropriation, Hybridem, ein Labyrinth – im Film gleichen Namens spielte er mit -; aus kühl scheinendem Kalkül und Düsternis, Glamour und Fantasie, Absturz und Stilisierung. In der Musik wie auch deren Inszenierung.
Er war immer schon da. Eine Voraussetzung. Unterhintergehbar. 

Hinein gewachsen in ein Pop-Szenario irgendwie zwischen Disco, Soul, früher Neuer Deutscher Welle und Postpunkverzweigungen mit einer Prise Queen und Kiss in den späten 70ern, frühen 80er schien uns so vieles schlicht sein Echo zu sein. Während ich zu „Let’s dance“, das so viele hassten, weil wie Verrat es schien an dem Underground in bierselig vollgepissten Kellerlöchern, auf die Tanzfläche eilte, fuhr zuleich das Wissen um all die Bowies zuvor mir in die Sinne. Den Ziggy, den im Anzug von „Young Americans“. Den, den wir bewunderten, wenn nach Carolyn Maas‘ „Sittin‘ in the dark“ Iggy Pops „Passenger“ auf Parties lief (das passierte oft), weil er das ja produziert habe. 

„Bowie-Typen“, das war ein fester Begriff für melancholische, anämisch-hagere, blasse Jungmänner, die Seitenscheitel trugen und eine ganz andere Sexyness versprühten als kraftstrotzende Jocks in Röhrenjeans. Die ein Hauch von Bohéme umwehte, als seien sie eine Fusion aus Klaus Manns „Frommen Tanz“, denn die Berlin-Assoziation war zu unserer Zeit schon gegeben, und den auf Stil setzenden unter den Postpunkbewegten – die allesamt vor ihm, der vorher schon da war, niederknieten wie vor einer Madonnenstatue. Klar, das Bild ist bewusst gewählt, niemand hat mehr von ihm gelernt als Madonna: Das fortwährende Neuerfinden, das viele dem Neoliberalismus als Prinzip untersciheben wollen, prägte er als Erfolgsrezept.
Die Problematik dieser Ikonographie wurde deutlich, als zu Zeiten, da er als „Thin White Duke“ sich inszenierte, ein offensives Kokettieren mit dem Faschistioden in Interviews aus Bowie drängte. Nicht zufällig in seiner Berliner Zeit, diese Stadt evoziert das wohl, weil mensch es dort bis heute spürt – die Brutalität dieser visuell wie sprachlich geprägten Faszination des Drüberhinausseins über die Moralität, die Walter Benjamin die „Ästhetisierung des Politischen“ nannte. Eine neue Rechte forderte er und behauptete Hitler als Rockstar, und schwamm mit in einem Strom der teils affirmierenden Provokation durch Nazismen, der auch frühe Punk Acts, in den Anfängen auch Joy Division und Siouxzie antrieb. Später schob Bowie diese Äußerungen auf kokainindizierte, psychotische Phasen. Bowie, das ist eben auch der Soundtrack zum einst bahnbrechenden „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Doch das Role Model, das er in jenen Jahren nach der „Ziggy Stardust“-Phase kreierte, kann als Abfeiern von Whiteness gelesen werden, ob bewusst oder unbewusst  – noch da, wo er sich akustisch auch bei Black Music-Traditionen bediente. „Heroes“ konnte somit auch zur Titelmelodie einer Ausgabe der ZDF-Sendung „Unsere Besten“ werden – spricht das gegen den Song? Ich glaube nicht.

Das alles  ist die Kehrseite dessen, was den Starman gerade in queeren Zusammenhängen so überlebensgroß erscheinen lässt: Todd Haynes hat in „Velvet Goldmine“, grob orientiert an der Bowie-Iggy-Pop-Story, unübertroffen ins Bild gesetzt, wie Glam als Zelebrieren von Bi und Andogynität den Natürlichkeitskult der Hippie-Generation durch radikale Künstlichkeit auslachte und zugleich toppte. Die Koppelung an Science-Fiction-Motive – Spiders from Mars, Space Oddity – hat es auch im Afrofuturismus gegeben, dort noch nachhaltiger motiviert. Sinn und Zweck der Alienwerdung: Alienation nun gerade entkommen durch die Projektion einer fantasievollen Zukunft derer, die im mehrgesellschaftlichen Realitätsprinzip naturalisierenden Zuschreibungen brutalstmöglich ausgesetzt werden.

Bowie demonstrierte das nicht nur auf der Bühne: Das „Andere Ufer“, das erste offene (!!!) Schwulenlokal in Berlin, also mit großen Fenstern zum Hereinschauen, besuchte er publikumswirksam als Stammgast. Seine Liaison mit Romy Haag zelebrierte er öffentlich. All die widersprüchlichen Aussagen in all den Jahren dazu, welcher „Orientierung“ er denn nun wirklich folge, sind nur konsequent: Der stilisierte Rollenwechsel hebt solche Fragen auf, sprengt Codes und Zeichenregime und eröffnet Freiheitsspielräume – und das noch da, wo der Zauber des Sentimentalen als Schmelz in die Melodieführung eindringt. Auch das eine Praktik im Glam, ebenso von Roxy Music vollzogen: Die Furcht, des Kitsch bezichtigt zu werden, schwindet, befreit ein Künstker sich von der Diktatur des Authentischen. So durchbrachen sie mit Bowie an der Spitze inmitten des Rockism-Paradigmas dessen Fundamente und spürten im freien Fall, lost in time, lost in space, die kosmische Dimension einer Ästhetik der Existenz auf, die diesen Namen auch verdient hat. Alles rund um New Wave und Synthie-Pop in den 80ern erzählte diese Geschichte weiter – mal gelungen und mal auch nicht. Und Bauhaus übersetzten es in Goth. 

Sein gerade Freitag erschienenes Album habe ich noch gar nicht gehört. Es werden Tränen wie jene des Pierrot sein, die fließen beim Hören – in die Unwirklichkeit der Vergänglichkeit des Unvergänglichen gebeamt, ein wenig maskenhaft. Und deshalb gut.