Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„… oder verteidigt die autonomie des nachtlebens gerade in ihrem geist“: Ulf Poschardt und das „Racial Profiling“ mancher Türsteher

„Wie Larry Levan verkörperte Knuckles den Disco-DJ, der nie in den schicken Mainstream-Clubs von New York Top-Hits spielte, sondern auch während des Disco-Hypes im Underground operierte“.

Ulf Poschardt, DJ-Culture, S. 243, Hamburg 1995/97

 

„“Painting the picture“ haben das die virtuosen Türsteher im legendären New Yorker „Studio 54“ genannt. Es ging darum, jenes filigrane soziologische Experiment, das jeder grandiose Abend im Nachtleben sein kann, gelingen zu lassen.

Die Werte, die dafür gebraucht werden, waren und sind so unterschiedlich wie die Clubs, die sie anwenden. Schönheit, Kraft, Stil, Reichtum, Macht, Exotik – zugelassen wurde an der Tür, was gebraucht war. Nichts ist schwieriger als dieser Mix.“

Ulf Poschardt, Rot-Grün will die Freiheit der Nacht reglementieren, in: DIE WELT 29.12. 2015

Macht. Reichtum. Exotik. Aha. EXOTIK.

Ich meine, Nile Rodgers von Chic, der einige der wirkungsmächtigsten Riffs und Grooves der Musikgeschichte erschuf – der besten, coolsten, frischesten Riffs: forever young -, habe einst in einem Interview berichtet, wie er in der Studio 54-Schlange stand und für zu schwarz, zu „raw“, zu wenig machtvoll und reich befunden wurde, um hineingelassen zu werden.

In der bei vielen vor lauter Motörhead (R.i.P., Lemmy!), Thees Ullmann und Coldplay vermutlich längst vergessenen Promi-Disco New Yorks hingen immerhin Ikonen wie Truman Capote, Andy Warhol und Grace Jones ab – letztere ist wohl eine der wenigen, die aus der Szenerie etwas nachhaltig Wirksames, etwas unvergesslich Wegweisendes geschaffen hat. So nachhaltig fazinierend, dass sie aus Kanonisierungspraxen der Musikgeschichtsschreibung zumeist ausgeschlossen bleibt. Da passt halt nur rein, was sich zuvor schon passend gemacht hat.

Grace Jones – sie war einst Supermodel und überzeichnet Begriffe von „Exotik“ maskenhaft und aggressiv androgyn derart, dass die Begriffe und Sichtweisen selbst ebenso fast furchterregend wirkten wie die Künstlerin hypnotisch. Was in ihrem Fall Objekt, was Subjekt der Hitmaschinerien war ist unergründlich schon im Falle ihrer frühen Alben, auf denen sie Musical-Klassiker wie „Send in the Clowns“ und das Chanson „La vie en rose“ zum stampfenden Beat deklamierte – halt ebenso unergründlich wie im Falle vieler Künstlerinnen, denen oft einfach die Rolle des Mediums eines Produzenten zugewiesen wurde. Auch Donna Summer litt darunter: Als Schöpfersubjekt gelten halt zumeist Männer in der Geschichtsschreibung.

Das bereits erwähnte, frühe Album von Grace Jones ist ein verzaubertes Werk aufgrund ihres unvergleichlichen Gesangs. Und immer wieder gelang es ihr in ihrer Karriere, Zeichenregime durch Übertreibung derart umzucodieren, dass sie Rassisten, Sexisten und Homophoben so treffsicher und wirkungsvoll in die Eier trat. Ein Trauerspiel somit, dass  sie einen ihrer Auftritte in Hamburg ausgerechnet im „Trinity“ absolvierte – ein Club an der Eimsbütteler Chaussee, der unter anderem deshalb bekannt wurde, weil er vor vielen anderen „V.I.P.“-Lounges nach Vorbild des Studio 54 einführte.

Das ist erfahrungsgemäß gerade der Tod jeder Kreativität, jeder Schönheit, jeder Kraft – weil da nur noch Egos rumlungern, die sinntenleert auf „Exotik“ starren. Es mag auch ein Schutzbereich für von Massen Drangsalierte, „Promis“; sein – doch gerade die wissen, wie leicht es geschieht, dass in der Musik nur noch Schatten und Zitate vorherigen Schaffens kurz erklingen und dann auch schon wieder verrecken. Madonna ist wohl eine der wenigen, der es lange Jahre immer wieder gelang, sich die funkelnden Bodensätze des Sound-Gedeihens aus der Mischzone zwischen Mainstream und Underground zusammen zu kaufen und somit für sich nutzbar zu machen. Bis auch sie das nicht mehr schaffte – und sie wusste auch, warum sie in frühen Jahren eher an Jean-Michel Basquiat sich ran schmiss und in ganz anderen Szenen als solchen wie des Studio 54 das Fundament für späteren Ruhm legte. In was für einem Paradigma sie das tat, das wurde sichtbar in Fotos mit Naomi Campbell in ihrem SEX-Buch von 1992, die Bell Hooks in einem Aufsatz treffend als Inszenierung von White Supremacy interpretierte (Achtung, Contentwarnung, Zitat kann weh tun):

„Black female sexuality is stereotypically represented as degraded. In the much-remarked and visually powerful come shot. Madonna stands over the prostate naked body of black female model Naomi Campbell (not an anonymous fantasy image) and mimics a golden shower, by squirting lotion on the reclining figure. This image conveys a serious visual message about race, gender, and nationality.“

Bell Hooks, Power to the Pussy: We don’t wanna be dicks in Drag, in dies.: Outlaw Culture: Resisting Representations, Pos. 405 der eBook-Ausgabe, New York 1994/2006

Womit auch Kriterien angegeben wären, wer warum und um welchen Preis in welche Art von Club gelassen wird.

Von Relevanz ist das auch deshalb, weil das, was abseits vom Studio 54 und dessen Schlangen vor der Tür sich vollzog, jene so nachhaltig wirksame Housemusic-Revolution war, die nach rockistischer Vernichtung von Disco ein neues Paraoma gesellschaftlich an den Rand Gedrängter entfaltete. House-Music, deren Schwundstufen drastisch ins Übel karrikiert noch bei mit Bumsbeat unterlegtem Aprés-Ski-Schlager nachhallen als Herumtrampeln auf Musikgeschichte. Das war zu gut, zu magisch, zu gewichtig, um nicht aggressiv verwässert zu werden.

Headliner wie z.B. der bereits oben erwähnte Frankie Knuckles, DJ im „Warehouse“ in Chicago, und Larry Levan, Resident im „Paradise Garage“ in New York, bereiteten diese Revolution vor. Es ist so, und es ist traurig, dass nun niemand gelungener als ausgerechnet Ulf Poschardt die Geschichte von House in „DJ Culture“ einst aufbereitet hat – so weit es die deutsche Medienlandschaft betrifft.

Eben jene Riten im Nachtleben, da Marginalisierte aus Black- und Gay Communities sich zu Zeiten des Grassierens von AIDS, das einer wie US-Präsident Ronald Reagan noch als „gerechte Strafe“ betrachtete, ein Massensterben, das nie öffentliche Trauer nach sich zog, in Erlösungshoffnung dem vom Gospel gesättigten Beat sich unterwarfen. Eine Musik, in der Rhythmus und „Klangdenken“ eine treibende Fusion eingingen, als zu Frankie Knuckles‘ und Jamie Principles „Your Love“ Sehnsucht und Sinnlichkeit in Alltag drängten. In den Sammelbänden zu den von Merve und „Texte zur Kunst“ gehypeten Spekulativen Realisten findet sich immerhin ein Text, der fasziniert: „Klangdenken“ von Christoph Cox.

„Klangphilosophie entsteht nicht aus der Musik als einem Gefüge von kulturellen Gegenständen, sondern aus der tieferen Erfahrung des Klangs als Strömen, Ereignis und Wirkung.“

Christoph Cox, Klangdenken, in: Armen Avanessian, Christoph Cox, Jenny Jaskey, Suhail Mailik (Hg.): Realismus/Materialismus/Kunst, Berlin 2015, S. 38

Ein wenig gemahnt das an Gedanken des späten, offenkundig von ZEN, I Ging und Tao beeinflussten Heidegger, der annahm, dass das „Wesen“ der Sprache sich nicht metasprachlich erfassen lasse – nur, indem man in ihr Erfahrungen macht und so die Dinglichkeit der Welt sich durch Zuhören konstituiere. Es mag über überflüssig erscheinen (weil’s jeder weiß, dass Heidegger Mitglied der NSDAP war) oder auch nicht, darauf zu verweisen, das in dem gleichen Text, auf den ich mich gerade beziehe, auch Antisemitismen sich finden. So z.B. im Beklagen des „Verstandes als Rechnen“, was in den „Schwarzen Heften“ aus dem Nachlass des Schwarzwald-Denkers eine klar antijüdische Stoßrichtung erfährt. Ganz im Sinne derer, die bereits in den 20er Jahren gegen den „westlichen Krämerseelengeist“ wetterten und dabei immer auch, in Stereotypen wildernd, Juden meinten.

Die Differenz mag dennoch aufzugreifen sein, ohne solche Motive zu reproduzieren; eben jene, dass nicht mittels der reflektierenden oder konzeptionellen Rekonstruktion das, was Sprache und Musik ausmacht, in den Begriff zu bekommen sei, sondern, indem man in den Medien selbst erfährt, was sie als Sein hervor bringen. Und gegen das „Rechnen“ war keine Musik weniger gerichtet als House, die eben auch mit neuen Drum- und Bass-Computern und mit Sampling, ins DJ-Set integriert, die Revolution auf dem Dancefloor schuf. Das 4 On The Floor ist auch ein  ekstatisch erfahrbarer Rechenprozess. Um so interessanter, dass Christoph Cox in seinem Text ausdrücklich auf Schopenhauer Bezug nimmt, der sich intensiv in Buddhismus und die Upanishaden vertieft hatte („die europäische Kultur“ ist halt zusammen geklaubt). Liest man dazu noch ergänzend Kodwo Eshuns „Heller als die Sonne“, in dem er auf den Fusion Jazz der frühen 70er und den Afrofuturismus z.B. eines Sun Ra verweist, um eine Eigendynamik, ja, Autopoesis des erfahrbaren Grooves heraus zu arbeiten, versteht zwar kein Mensch mehr all die Bezüge in diesem Text. Wer will, kann sie sich jedoch zusammen sammeln und ein Stück des Weges mit mir gehen.

Das, ja, akustische Panorama, das dabei entsteht, war ja durchaus treibend auch für Poschardts „DJ Culture“. Um so trauriger ist es, ihn neben anderen aus jenen technoiden 90ern Geborenen wie z.B. Norbert Bolz heute solche Texte schreiben zu sehen wie den eingangs Verlinkten.

Dieses Mutieren vom Hineingehen in digitale und popkulturelle, dissidente Welten zum uninspirierten Spaziergang durch den gepflegten Vorgarten eines „nur noch Stil“ (Horkheimer/Adorno) des Vulgärliberalismus erfährt nichts mehr, sondern postuliert nur noch die falsche Form.

Das ist auch nicht neu, schon gar nicht bei Ulf Poschardt – und doch, manchmal, ganz selten nur, schmerzt es. Weil es all das sabottiert, was nicht nur in „DJ Culture“ steht. Weil da aus so viel Potenzial so erbärmliche Sätze wie die folgenden entstanden sind:

„Je besser der Club, desto härter die Tür. Natürlich hat dies auch etwas Unangenehmes für denjenigen, der an der Tür abgewiesen wird. Doch eine verführerische, aufregende Stimmung herzustellen – das kann nicht nach Gesetzen des politisch Korrekten entstehen.

Nach Meinung der rot-grünen Regierungen in Bremen und Niedersachsen wohl doch. Dort sollen Disco-Besitzer künftig bestraft werden, wenn sie aus „rassistischen“ Gründen junge Männer abweisen. Interessant wird, wie dieses Gesetz in die Realität umzusetzen ist, wie die Beweisführungen zu laufen haben und welche Ausweichmanöver es von Clubbetreibern und den Nachtleben-Profis geben wird.

Das Welt- und Menschenbild dieser rot-grünen Politiker, ihre mega uncoole Regelungswut, ihr alltags- und lebensfernes Moraldiktat, wo es nicht hingehört, ihre Viktimisierung von jedem – das alles ist nur schwer zu ertragen.“

Traurig zu lesen, wie ein Autor das Phänomen, um das es geht, mangels eigener Betroffenheit eher weg schreibt als begreift. Ein Aneinanderreihen modischer Floskeln und Versatzstücke: Das ist die wie vom Textgenerator ausgespuckte und selbstverständlich noch mit „Viktimisierung“ garnierte Phrasendrescherei jener, die aus allem und jedem die Erfahrung Anderer autoritär tilgen.

Ich bin mir sicher, dass sich ein Frankie Knuckles, ein Larry Levan angesichts dessen im Grabe umdrehen würden, trügen mensch es ihnen zu. Also jene, auf deren Werk Ulf Poschardt seine Karriere propfte. Stünden doch auch sie mutmaßlich draußen vor der Tür, und Poschardt würde es rechtfertigen.

Interessanterweise wird die mutmaßlich rassistische Regelungswut der Türsteher als legitim anerkannt und quasi-ästhetisiert (wie schon bei Milton Friedman), jene des Gesetzgebers als „Diktat“ bezeichnet – da pflegt jemand antidemokratischen Geist, weil der formale Gleichheitsgrundsatz der Verfassung ihn wurmt. Und maßgeblich für das, was als erträglich gilt, wird das persönliche Empfinden ausgerechnet von Ulf Poschardt angeführt.

Andere Erfahrungen lassen solche wie er gar nicht mehr zu – als hätten sie nicht genau durch diese Bekanntheit erlangt.

Z.B. all die Erlebniswelten Marginalisierter, eben genau denen, die im „Warehouse“ und im „Paradise Garage“ tanzten. Kurzerhand wegredigiert aus gesellschaftlichen Wirklichkeiten, als sei die Welt ein Text in dem gleichnamigen Springer-Blatt.

Und dann noch in Antwort auf einen Tweet meinerseits  gestern nacht nun eine „Autonomie des Nachtlebens“ zu imaginieren und diese lediglich im Sinne derer zu verstehen, die eh schon über das White Privilege verfügen und, dieses nicht reflektierend, das Leben Anderer ganztägig regulieren und drangsalieren; ja, diese Intention noch den House-Heroen zu unterstellen  – da hat sich seit Veröffentlichung von „DJ Culture“ eine Denkbewegung weg vom Klangdenken im Sinne des Wissens um die Sedimentierung des Sozialen im musikalischen Material hin zu formelhaften Dünkel des Haupstadtjournalisten sich vollzogen.

Ja, all das ist längst etabliert, und würde Herr Poschardt noch durch die Relevanz seiner Gedanken glänzen, die sich der Rechtfertigung nackter Macht entzögen, so hätte der Job bei Springer ja auch gar nicht. Ich weiß das ja. Manchmal tut es trotzdem noch weh, das zu lesen – weil es kraft Reichweite Menschen, die heute an Frankie Knuckles und Larry Levan und das, wofür sie standen,  andockten, in ihrer Autonomie so wirkungsvoll einschränkt.

Denn immer kommt ein Poschardt daher und überschreibt buchstäblich ihre Erfahrung.

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