Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Das philosophische Äquivalent zu B. Kelles „Gender-Gaga“? „Akzeleration“ und „Spekulativer Realismus“

Ein Wiedergänger geht um im Merve-Verlag … einer, der nicht nur mich an den Futurismus erinnert. Mir war er bisher nicht begegnet; obgleich ich bei ersten Einblicken und Reinlesungen die Debatte schon auch anregend finde: „Akzeleration“ kann grob umschrieben werden mit „Beschleunigung“ als einem Versuch, linkes Denkes neu zu erfinden – und „spekulativer Realismus“ als Attacke auf die angeblich durchgängig „konstruktivistisch“ und „fiktionalisierend“ agierende „Postmoderne“ fundiert ihn, indem es wie üblich in der Konstruktivismus-Kritik einen Popanz, wohl spekulativ, erfindet.

Keine Ahnung, ob das tatsächlich allerorten schon lange diskutiert wird oder ob es nur ein zum Zwecke des Theorie-Marketings aufmerksamkeitsheischend inszeniertes Spektakel der Autoren selbst ist, sozusagen die akademische Entsprechung zum selbstgenerierten Youtube-Star. Die Beschäftigung damit ist aber ganz interessant.

Das Anliegen der Akzelerationisten hat dieses wohl als Faktum zu lesendes (freilich frei von der Erfahrung, Subjektivität oder sonstwie den Lesenden in Relation zum Text zu verstehendes) Ontum (im Sinne der Ontologie und da wohl ontisch zu begreifen) in einem Manifest verkündet:

Falsch daran ist, nun eine solche Zuspitzung so vorzunehmen, als seien damit alle anderen Fragen, Tendenzen und Bewegungen vom Tische gefegt alleine schon durch die Monstranz der Mackerhaftigkeit und die Adaption der Haltung des neoliberalen „Machers“ (eine Kritik, die von den philosophischen Performance-Künstlern dieser Denkrichtung übrigens als „arglistig“ bezeichnet wird und sie animierte, Spuren des Eigenen im feministischen Textgeschehen aufzuspüren).

Richtig daran ist das, was sie über den „folkloristischen Lokalismus“ schreiben. Und das ist der Grund, es in diesem Blog aufzugreifen, trifft die Beschreibung doch wohl nirgends besser zu als auf den FC St. Pauli und sein Umfeld sowie die ganzen stadteilinitiierten Selbstreferenzen rund um das Schanzenviertel.

Das Manifest kann ja nun jeder selbst lesen; interessant finde ich daran, Fragen der Technologie wie auch der Mechanismen des Finanzmarktes sich gewissermaßen von Links anzueignen und nicht a priori in Opposition dazu zu verharren.

Es entspricht wohl ein wenig der guten, alten Hoffnung, dass die Produktivkraftentwicklung im Marxschen Sinne selbst zu einer sozialistischen Utopie führen könne. Was tatsächlich auch noch keine historische Wiederlegung erfahren hat, die kommunistischen Revolutionen fanden immer in Agrarländern statt, allen voran Russland und China; und, mensch glaubt es kaum, Stalin wurde einst dafür bewundert, ja, auch „vom Westen“, dass es ihm gelang, Russland brutalstmöglich zu industrialisieren. Und manche werden neidisch gewesen sein, dass er dabei Mittel nutzte, die sie sich nicht anzuwenden trauten.

Der Export des Systems z.B. in die zwar durch Reparationen geschwächte, jedoch teilindustrialisierte DDR ist kein Argument dagegen. Denn dass der „Realsozialismus“ implodierte, lag unter anderem (!!!) daran, dass die Digitalisierung verschlafen wurde bzw. das ökonomische System sie nicht hervorzubringen vermochte, was global ihn aus der Konkurrenzfähigkeit beamte, war doch letztlich Staatskapitalismus.

Was FÜR eine Herangehensweise wie die der Akzelerationisten spräche, eben lieber auf die technologische Entwicklung zu sehen – übrigens auch hinsichtlich dessen, dass z.B. die Folgen des Klimawandels wohl kaum durch ein „Zurück zur Natur!“ abzufedern oder umzukehren wären, sondern nur selbst wiederum durch technologischen Fortschritt. Dass sie solche Fragen jedoch in Begriffsfeldern wie „primitiv“ abhandeln, verweist auf die ungebrochen KOLONIALE Perspektive dieses Denkens, wenn es denn global wirksam werden KÖNNTE.

Gut an dem ganzen Unternehmen finde ich, dass es wagt, von links die Zukunft zu denken – was nun tatsächlich ansonsten in reinen Abwehrkämpfen und Nischenbildungen nirgends mehr wahrnehmbar geschieht. Nicht ganz klar wird dabei, ob die Idee, nun den Kapitalismus derart zu beschleunigen, dass er implodiert und daraus Neues entstünde, wirklich utopisch gedacht wird oder nicht auch ein Kokettieren mit apocalyptischer Dystopie in Kauf genommen wird. Und unangenehm stößt auf, dass alte Leninismen sich einschleichen:

 

Die uneingeschränkte Bevorzugung von Demokratie-als-Prozess muss überwunden werden. Die Fetischisierung von Offenheit, Horizontalität und Inklusion seitens der Mehrheit der heutigen „radikalen“ Linken hat die Voraussetzun- gen für die Wirkungslosigkeit geschaffen. Geheimhaltung, Vertikalität und Ex- klusion haben genauso ihren Platz in wirksamer politischer Handlung (wenn auch selbstverständlich keinen ausschließlichen).

Aber das bedeutet nicht, dass wir uns mit den müden Überbleibseln der Postmoderne gemein machen, die Beherrschung als proto-faschistisch verschreien und Autorität an sich als illegitim. Stattdessen schlagen wir vor, dass uns die Probleme, die unseren Planeten und unsere Spezies bedrängen, dazu zwingen, Herrschaft in einer neuen komplexen Gestalt aufzubereiten. Wenn wir auch nicht das genaue Resultat unserer Handlungen voraussagen können, können wir dennoch wahrscheinlichkeitstheoretisch vorhersehbare Ergebnisbereiche bestimmen. An eine derart komplexe Systemanalyse muss eine neue Form des politischen Handelns gekoppelt werden: improvisatorisch und in der Lage, einen Entwurf vermittels einer Praxis durchzusetzen, die mit den Unwägbarkeiten umgehen kann, die sie nur erst im Lauf ihres Handelns erkennen kann – in ei- ner Politik der geosozialen Kunstfertigkeit und gekonnter Rationalität.

 

Interessant daran freilich ist, dass nun tatsächlich „der Gegner“, also das neoliberale Regime, als Strukturell-Systemisches gedacht, mit alledem so gar keine Probleme hat und das allenfalls punktuell kritisiert wird (im Falle von TTIP z.B.), aber so ganz und gar nicht im alltäglichen Wirtschaftsleben. Somit die Frage schon gestattet sein muss, wieso die Kritik a priori auf Ohnmacht setzen muss, um sich auch ja nicht die Hände schmutzig zu machen.

Umgekehrt kann eine Mittelwahl, die im Widerspruch zum gewünschten Ergebnis steht, nun auch nicht in die Emanzipation führen.

Das sind ein wenig diese logischen Umwege, unter Berufung auf ein „höheres Ziel“ – einst „Gott“, dann „die Geschichte“, „die Natur“, „der Markt/die Märkte“, bei manchen Zweigen der hier skizzierten Denkbewegung „das Absolute“ – eine Legitimation zu erlangen, weil es „dem Ganzen“ dann besser ginge. Und das ist in seiner Logik einfach ZU identisch mit den Begründungsmodi der Apologeten des Marktes. Weil es letztlich auf einen Utilitarismus hinaus läuft, und mit dem kann mensch meines Erachtens GERADE dann, wenn sie mit Elementen, nicht der Realgeschichte von Aufklärung und Moderne, Handlungen begründen will, nun auch keine bessere Zukunft herbei spekulieren.

Diese normative Unterbelichtung des Ansatzes hat freilich sein Grund in der Fundierung des Bewegung in dem, was sie großkotzig als „spekulativen Realismus“ mit Spezialzweig „spekulative Poetik“ verkündet. Dieser gewinnt seine Verve ungefähr aus den selben Gründen wie Birgit Kelle oder Alef Pirincci: Diese ganzen Theoreme „sozialer Konstruiertheit“ werden als Gaga verlacht und dem dann die normative Kraft des Faktischen entgegengesetzt mit Rekurs auf einen naiven Realismus, der sich auf „Wissenschaft“ beruft. Ohne freilich deren Arbeitsweise wirklich zur Kenntnis zu nehmen. Da trifft sich dann das Achsohochgeistige schnell mit dem Reaktionären im Feuilleton, das autoritär „Spinnereien“ zu identifzieren glaubt und mit der rhetorischen Dachlatte Börners kontert.

Hauptfeind der „Spekulativen Rationalisten“ ist der „Korrelationismus“:

„Zentral ist allen der von Meillassoux geprägte Begriff des Korrelationismus. Er bezeichnet ein grundlegendes Problem in der Philosophie seit Kant, an dem sich alle spekulativen Realisten auf je eigene Weise abarbeiten. Dieses Problem betrifft die Möglichkeit, Denken und Sein unabhängig voneinenader, also ausserhalb ihrer Korrelation, zu denken. Laut Korrelationismus ist dies nicht möglich, da Denken immer auf die Welt bezogen ist und die Welt immer einem denkenden Subjekt erscheint. Der Spekulative Realismus ist also ein Versuch auf ein Jenseits dieses Bezuges zu spekulieren.“

Das greift dann vor allem Modelle an, dass beispielsweise alles Text sei und Realität allenfalls ein „Realitätseffekt“ im Text selbst, der auf nichts verweise – diese werden in Analogie zu Kants Unterscheidung zwischen „Ding an sich“ und „Erscheinung“ gelesen (!!!). Und Luhmanns reine Immanenz der gesellschaftlichen Subsysteme mag als wohl tatsächlich „konstruktivistisches“ Denken identifiziert und abgewatscht werden – wobei es bei dem eben AUCH das biologische System gibt, nur dass er es allenfalls als Teil des gesellschaftlichen Sub-Suby-Systems „soziologische Systemtheorie“ fassen kann.

Ansonsten wäre es jetzt zwar möglich, elend lang zu diskutieren, auf wen wie dieser „Korrelationismus“ als „Konstruktivismus“ oder „Postmodernismus“ nun tatsächlich zutrifft. Bringt aber nichts.

Wichtig ist der dezidiert antihumanistische Standpunkt, der noch nicht einmal versucht, mit Heidegger zu behaupten, der Humanismus setze die menschliche Würde nicht hoch genug an. Theoretischer Antihumanismus kann moralisch sehr gehaltvoll sein – z.B im Falle Michel Foucaults, der Personen dem Zugriff der sich instituionalsierenden Humanwissenschaften entziehen wollte.

Die Versuche zielen zumindest teilweise darauf, ebenso ein wenig im Sinne von Foucaults „Ordnung der Dinge“ die Welt ohne Menschen zu denken, und deshalb sind die von ihnen ausgewählten Beispiele auch solche, dass ja die die Erde als Planet auch in seinem Sein vor viereinhalb Milliarden gedacht werden könne, ohne sie nun direkt zu beobachten oder eine wie auch immer vermittelnde Instanz außer wissenschaftlichen Apparaturen dazu nötig sei.

Nur dass es dann schwer fällt, sich Kriterien vorzustellen, die zum einen erläutern, wieso dann z.B. mittelalterliche Vorstellungen vom Weltenbeginn falsch waren, weil, wenn sie es waren, ebenso vorstellbar ist, dass in 200 Jahren das aktuelle, wissenschaftliche Weltbild falsch sein könnte – aber was ist es dann, was da z.B. in der Quantenphysik des 20. Jahrhunderts gedacht wurde, auf die die Denker sich nun ggf. berufen wollen?

Und was besagen Formeln oder Modelle, wenn da niemand ist, der sie interpretiert? Wenn ich das alles richtig verstehe, erschöpfen sich die Versuche an irgendeinem Punkt darin, das alles – Text, Bild, Film, Diagramm usw. – einfach auf die Objektseite zu beförden und ihnen ein „es IST“ zuzusprechen, was so dolle nun auch nicht ist („Einhörner existieren – eben in Texten über Einhörner“).

Die Versuche gehen freilich noch einen Schritt weiter: Z.B. gebärdet sich Suhail Malik als eine Diskursschieds- oder scharfrichter in einem Text zum „Grund der Zerstörung der zeitgenössischen Kunst“, weist im Sinne der „strikten Rationalität“ des „Spekulativen Rationalismus“ alles zurück, was noch irgendwie mit menschlicher Erfahrung zu tun hat und gebärdet sich dabei fast wie die totalitäre Karrikatur des Philosophenkönigs, den die Postmoderne einst angegriffen hat. Indem eher willkürlich alles zurück gewiesen wird, was ihm gerade nicht in den Kram passt oder noch mit menschlichen Regungen, Erfahrungen und Affekten zu tun hat.

Bei anderen Texten entsteht ein merkwürdiger Wunsch der Verdoppleung von Welt ausgerechnet unter Berufung auf das Spekulative – „The Wire“ wird beispielsweise gefeiert als „Faction“, weil es eben ein sehr reales Baltimore skizziert habe. Da verschwindet dann schnell die Imagination, was gar nicht gegen „The Wire“ spricht, aber z.B. gegen die Filme Peter Greenaways.

Ansonsten wird sich eben deshalb auf Horror oder Science Fiction kapriziert – wobei mir in keinem dieser Fälle bekannt wäre, was den Reiz all dessen nun ausmachen würde, würden da nicht Figuren agieren, die Erfahrungen machen. Was eben auch in „The Wire“ zentral ist – das ganze wäre schlechterdings sinnlos ohne die erfahrenden Reaktionen auf Welt durch die Figuren. uUnd auch kein Ansporn für eine andere Dorgengesetzgebung, zum Beispiel, was Armen Avanessian vermutlich auch als „naiv“ abtun würde.

Und: Der Wissenschaft in ihrer Ausdifferenziertheit ist es schlicht egal, ob nun Philosophen und Literaturwissenschaftler oder auch Künstler ihre Attacken auf den „Korelationismus“ fahren oder nicht – die macht, angekoppelt an kapitalistische Strukturen sowieso recht unbeeindruckt das, was gerade finanziert wird. Diese ganzen auftrumpfenden Wissenschaftsbegründungen, die Philosophie selbst als Wissenschaft ausweisen wollten, waren auch historisch dem szientistischen Regime in der Regel völlig schnurz und haben nun auch nicht mehr Stellen an Universitäten geschaffen für Leute wie Avanessian.

Problematisch wurden sie dann, wenn sie auf Kritik unter Rekurs auf menschliche Erfahrungen VERZICHTETEN. DANN wurden nämlich die Menschenversuche eines Mengele, die Elektroschocks an Schwulen und Lesben oder auch maschinelle Genozide überhaupt erst möglich. Ästhetisch betrachtet muss es da keine Einwände geben, es fasziniert ja positiv oder negativ; und aus der Wissenschaft oder dem Faktischen jenseits menschlicher Erfahrung selbst heraus ist da auch kein Argument zu gewinnen, irgendetwas dagegen zu haben. Das geht nur dann, wenn das, was da geschehen ist, als schreckliche Erfahrung für die Betroffenen ausgewiesen werden kann. Ebenso der Gulag. Und das einzige Kriterium für wahr oder unwahr ist, dass die Opfer es als schrecklich EMPFANDEN. Natürlich kann mensch auch die Intensität von Schmerzen z.B. messen, aber das bringt auch keinen Realismus hervor, der diesen Namen verdient hätte. Ebenso ist der Staubsauger als technischer Fortschritt deshalb zu begrüßen, weil es sich mit ihm leichter putzt und man nicht noch das Kehrblech zur Entsorgung des Schmutzes benötigt: Wiederum ist die menschliche Erfahrung wichtig, um Technologie gutzuheißen.

Das ahnen manche der Autoren natürlich – so wird in einem Text von Nick Smicek („Kapital, Technologie, Wert“ in: Armen Avanessian/Robin Mackay, Akzeleration 2, Berlin 2014) Freiheit bestimmt als die Möglichkeit, sich an begründungsfähige Regeln zu halten.

Das ist nun wieder reinster Kant – nichts anderes besagt der Kategorische Imperativ ja auch. Und die Konstruktion von Kants Kritiken verdankte sich nun gerade der Annahme, dass ihn einer von Kausalitäten durchdrungenen Welt a.) Handlungsfolgen schlicht nicht antizipierbar und b.) „eine Reihe von selbst anzufangen“ durch Handlung, also eine Kette von Ereignissen zu verursachen, nicht denkbar sei, wenn der Grund dieser Handlung selbst kausal durch „innerweltliches Geschehen“ verursacht würde (das heißt bei ihm „Affiziertsein durch Sinnlichkeit“). Insofern erfand er eine intelligible Welt, um Freiheit denken zu können, und systematisch hängt das mit der Differenz zwischen Ding an sich und Erscheinung, von Sein und Denken zusammen. Was auch das Erfinden des Intelligiblen ja Anspron ist, es weiter zu denken – auch für Nick Smicek.

Wie so oft scheitert nun gerade der so großartig vorgetragene Aufruf nach Praxis daran, dass weder das Normative noch praktische Vernunft wirklich be- noch durchdacht werden, indem in der theoretischen Fundierung ein Kurzschluss zwischen Formen der Rationalität vollzogen wird.

Und so entsteht ggf. ein insofern prämodernes Denken, dass zu „Naturrechtsvorstellungen“ der Prägung Ratzingers führen kann und ihren szientistischen Äquivalenten, die in Vulgärform bei Kelle und Co auftrumpfen.

Weil nicht klar wird, FÜR WEN denn linkes Denken nun eigentlich gut sein sein soll.

Und wenn ich das alles – ich lese weiter! – richtig verstehe, sind die Machtfantasien deklassierter, weißer, männlicher Akademiker zumindest nicht nebensächlich, die neben den Brokern auch mal wieder cool sein wollen. In deren Machtsphären sie sowieso nie vordringen werden. So spekulieren sie sich hinein.

Da lobe ich mir doch den guten, alten „Korrelationismus“ – der kann wenigstens begründen „warum das alles – und für wen“. Fragen, die linken Perspektiven doch auch weiterhin maßgeblich sein sollten.

Und pflege lieber weiter angewandte Bizzarologie im Sinne eines (dis-)alterierter Reflexiv-Ensemblismus und schreibe dazu demnächst ein Manifest! Vielleicht veröffentlicht das dann Herr Avanessian ja im Merve-Verlag.

35 Antworten zu “Das philosophische Äquivalent zu B. Kelles „Gender-Gaga“? „Akzeleration“ und „Spekulativer Realismus“

  1. Mrs. Mop Dezember 6, 2015 um 10:07 pm

    Hab mir dieses Manifest reingetan und erhebliche Kollateralschäden beim Lesen davongetragen: 1. wurde weder „das Gefühl belebt“, vielmehr ihm der Garaus gemacht, noch 2. der „Geist gekitzelt“, er vielmehr plattgelabert (vgl. Pkt. 22) von diesem unsäglich unsinnlichen, aufgeblähten, eitlen Polit-Technokraten-Schwätz. Irgendjemand holt sich da gewaltig einen runter, oder auch „… Monstranz der Mackerhaftigkeit und die Adaption der Haltung des neoliberalen “Machers” …“, sehr schön gesagt, oder auch „… die Machtfantasien deklassierter, weißer, männlicher Akademiker …, die neben den Brokern auch mal wieder cool sein wollen“, noch schöner gesagt. Diese Typen schwitzen einen derart streng müffelnden Autoritarismus aus, schon fast zum Fürchten das, wenn es nicht eh, gottlob, zum Davonlaufen wäre. Nase zu und weg *gulp*

    Nur eines kapier ich nicht:
    „Richtig daran ist das, was sie über den “folkloristischen Lokalismus” schreiben.“ Was soll daran richtig sein? Führst Du das irgendwo aus, argumentativ? Hab ich das überlesen? Folkloristischer Lokalismus, was für ein aufgemotztes Bläh-Buzzword, prima zum Dissen irgendwelcher missliebigen Leute/Projekte, aber ohne jegliche analytische Anstrengung dahinter. Hauptsache, mal kräftig nach unten getreten, hey, kommt uns das nicht bekannt vor? Yo klar, sind ja laut Selbstauskunft beim Neoliberalismus in die Lehre gegangen, die Typen, bravo, Lektion brav gelernt. Pfft.

    Rant Ende, peng🙂

  2. momorulez Dezember 7, 2015 um 9:10 am

    Habe da auch noch mal weiter gegoggelt; manche derer Vertreter scheinen sich in England mittlerweile im Sinne des „Dark Enlightment“ auf so eine Einheit bzw. Fusion vormodernen Feudalismusses und Finanzmarkts-Leninismus, und das auch noch rechtslibertär inspiriert, Hans-Herrmann-Hoppe und Co, zu kaprizieren. Nick Land konkret, einer der Autoren, die in den Sammelbänden auftauchen. Umgekehrt hat auch Negri sie mit Kommentaren beschenkt, Georg Diez promotet sie, und Merve ist nun weiß Gott kein Großverlag, aber halt für eine halbe philosophische Generation maßgeblich gewesen. Kennst Du „Der lange Sommer der Theorie“? Großartiger Buch! Insofern wirken solche Leute immer irgendwie unterschwellig, und das natürlich am meisten bei denen, die sich mit so lästigen Fragen wie Rassismus, Sexismus und Homophobie nicht auseinander setzen wollen, sondern dann „Technologie“ schreien, weil das so materialistisch klingt.

    Dieser folkloristische Lokalismus, da ist ja alles rund um den FC St. Pauli, aber auch die „Viertelkultur , hier das beste Beispiel: Eine stark auf Ausgrenzung angelegte Labernade von bärtigen Wollmützenträgern, Wollmützenträgern, die revolutionäre Sprüche kloppen, aber nicht über den Tellerrand ihrer oft piefigen „Gentrifzierungskritik“ hinaus schauen und satt und zufrieden in ihrer „Kritik“ verharren, weil sie von diesem Leben so gar nichts zu befürchten haben – und alles, was bei denen raus kommt, ist immer „Projektfläche für uns!“. Und dann geht’s in die Werbung, Geld verdienen, oder aber in irgendwelche „Hilflsprojekte“, wo dann Marginalisierte paternalisiert werden, aber immer dann, wenn es ums Geld geht, durch ehrenamtliche Strukturen verhindert wird, dass die, die nicht ohne weiteres in die Arbeitsmärkte vordringen, wo sie selbst hauptamtlich agieren, deshalb können sie ja ehrenamtlich sich engagieren, auch mal mit irgendwas Geld verdienen. Oder sie besetzen jedes noch nicht völlig reglementierte Feld gleich selbst und mobben dann los, was das Zeug hält.

    DAS ist eine extrem provinzielle Schiene, die dann Lokalhelden wie Thess Ullmann abefeiert, ansonsten aber NIE guckt, was international so diskutiert wird, aber trotzdem in allen Fragen vom Nahost-Konflikt bis zu Rassismus in Brasilien Experte ist und die ganze Welt damit zutextet.

    Um dann in kritischer Resignation Kneipen zu verstopfen, szeneimmanente Konkurrenzen auszutragen – im Grunde genommen geht es denen in ihrer Nische aber prima, und sie werden alles dafür tun, dass es auch schön provinziell bleibt. Das ist eher eine Karrikatur von „Think globally, act locally“. Das deutsche Dorf halt mit Lokalbands als Blaskappelle und „Antifa“ als Trachtengruppe, mal überspitzt gesagt, und ganz unangenehmer Vereinsmeierei.

  3. hrafnsgaldr Dezember 7, 2015 um 5:26 pm

    So, wie Du die St- Pauli-„Viertelkultur“ beschreibst (die es meiner Ansicht nach in ähnlicher Form auch in anderen deutschen Großstädten gibt), liegt eher das Motto „Think locally, act like it is globally“ nahe: Nicht über den eigenen Tellerrand denken, aber Weltrettungsphantasien hegen.

  4. momorulez Dezember 7, 2015 um 5:39 pm

    Ja, so ist es ja auch. Und die Weltrettungsfantasien würden die ja auch – mal ab von „Mehr Wohnraum für UNS!“ und ggf. auch für Geflüchtete, wobei Du da schon angeschissen wirst, richtig krass sogar, verweist Du darauf, dass es nicht darum geht, dass die Hiesigen schöne Zeit mit Refugees verbringen, sondern darum, ökonomische Strukturen zu erdenken, die greifen könnten, wenn sie Bleiberecht bekämen – gar nicht auf Flugblätter schreiben, wenn sie denn selbst glaubten, dass sie wahr werden könnten. Immer, wenn es tatsächlich um Veränderung geht, mutieren die zu Konservativen. Weil sie sich ja wohl in ihrer Scheinwiderständigkeit fühlen.

  5. Mrs. Mop Dezember 7, 2015 um 6:06 pm

    Aha, daher weht der Wind, Dark Enlightenment, Nick Land, danke für die Stichworte. Bei Nick Land – Eigenprädikat: neoreaktionär – gehört ja der Autoritarismus zum Programm, da wundert mich meine Gänsehaut bei der Manifestlektüre nicht mehr; umgekehrt kriegen diese „Neophilosophen“ ja schon Geschwüre unter den Zehennägeln, wenn sie nur das Wort Demokratie hören. Passt also schon. Und ja, ist natürlich clever, solches neoreaktionäres Gedankengut unter der Flagge von Merve segeln zu lassen. Prima Türöffner sozusagen, dieser Merve-Bonus. Bin da auch nicht immun dagegen, bewahre mein ehrwürdiges Mix, Cuts & Scratches-Bändchen mit fast fetischhafter Sorgfalt vor dem papierenen Verfall und denke erstmal, quasi aus den Eingeweiden: Merve? Find ich gut. Na gut. Oder auch nicht.

    Okay, das mit dem folkloristischen Biotop um den FC St. Pauli verstehe ich jetzt besser, hast Du gut erklärt. Obwohl ich ja als passionierte Wollmützenträgerin selber gern revolutionäre Sprüche kloppe, aber immerhin keinen Bart trage und damit hoffentlich aus der Schusslinie bin🙂 und immer dann am verbal-militantesten werde, wenn mal wieder die deutsche Ehrenamts(un)kultur in den höchsten Tönen besungen wird, gern von abgesicherten Mittelschichtlern, unfähig zu raffen, welchen Arbeitsplatzraubbau sie damit aktiv unterstützen, bis, tja, bis es irgendwann sie selber trifft, und dann gucken sie unglaublich dumm aus der Wäsche und finden alles total ungerecht.

    Lokalbands als Blaskapelle, Antifa als Trachtengruppe, hahaha. Du solltest ein Buch schreiben🙂🙂🙂

  6. momorulez Dezember 7, 2015 um 6:20 pm

    Das mit dem Buch – zumindest darüber kann ich ja gerade nicht, weil ich mit einst meiner „aktiven Fanszene“ derart gebrochen habe, innerlich, dass das ein Hater-Manifest würde🙂 – das kann ich aber Mannschaft, Geschäftsstelle, Präsidium und den Anderen im Stadion nun auch nicht antun.

    Diese neoreaktionäre „Dark Enlightment“-Nummer habe ich auch erst gefunden, nachdem ich den Text oben geschrieben habe. Ich hatte ja sogar erst ein schlechtes Gewissen, wenn auch nur kurz, die in die Ecke der „Gender GaGa“-Apologeten zu denken. Das hat sich mittlerweile aber komplett gelegt😀 – ich glaube, ich lag da ziemlich richtig. Je mehr ich da lese, desto unheimlicher wird mir das. Und dieser Avanessian ist ja nun maßgeblich am Merve-Programm beteiligt und haut da einen Band nach dem anderen raus. Dessen Seite zur „Spekulativen Poetik“ ist sogar ganz sympathisch, aber trotzdem wird mir da bei einigen Texten sehr schummerig – auch bei dem Negri-Kommentar in dem „Akzelerationismus#2“-Bändchen. Da geht gerade echt was schief.

  7. Timo Luks Dezember 13, 2015 um 3:06 pm

    Ich hab dieses Bändchen irgendwann auch mit großer Spannung in die Hand genommen, war dann aber, gelinde gesagt, irritiert. Substantiell trägt das weder theoretisch noch politisch irgendetwas zu irgendetwas bei. Es ist geradezu ein Treppenwitz, wenn man predigt, dass die „Zukunft“ wieder gedacht werden muss – und einem dann dazu nichts einfällt als ein lascher Aufguss von kybernetischer Planungseuphorie der 1960er Jahre. Offenkundig lebt dieser Akkzelerationismus ausschließlich von der Erkenntnis, dass früher sogar die Zukunft besser war. So richtig reizvoll finde ich diese Technik- und Zukunftsnostalgie dann aber nicht wirklich …

  8. momorulez Dezember 13, 2015 um 5:59 pm

    Habe auch nach dem Lesen von einigen Texten mittlerweile aus zweien der Sammelbände meinen ersten Eindruck nicht korrigieren können und stimme Dir vollkommen zu😉 – zudem diese Basisbehauptungen des „Spekulativen Realismus“ mir auch zu sehr, na, steht ja oben schon, diesem ganzen überheblichen Gezeter gegen Cultural Studies, Queer- und Gender.Theory, Machttheorien infolge von Foucault, postcolonial studies usw. klingt. So, als sollte dieses vermeintliche „Gequassel“ nun niedergeschrien werden, indem sich auf „Handfestes“ berufen wird – da klingt dann immer ein wenig Walter Ulbricht und sein Gewetter gegen die „Monotonie des Yeah, Yeah, Yeah“ nach. Bloß keine Selbstreflektion mehr, sondern direktes Draufhauen unter Berufung auf vermeintliche „Objektivität“ ist auf der Linken historisch nun auch nicht gerade harmlos geblieben.Da hat sich ein Habermas dann auch doch mehr Mühe gegeben, dieses aggressive Gesabbel gegen „Derridada und Lacancan“ in rationale Bahnen zu überführen als die, die sich nun an die Spitze irgendwelcher Bewegungen träumen. Zudem die Entwicklung in der Quantenphysik, soweit ich die überhaupt verstehe, ja in die komplett konträre Richtung weisen, also ob nun in der Heisenbergschen Unschärferelation oder dem Doppelspaltexperiment die Rolle des Beobachters nun gerade ausbauen und dezidiert „korrelationistisch“ operieren und sowieso von Modellen, die sich in der Interferenzzone zwischen der Kommunikation zwischen Wissenschaftlern und reproduzierbaren Experimenten, die von Menschen erdacht und interpretiert werden, bewegen. Ich habe auch irgendwie den Eindruck, dass da ein Mythos von wissenschaftlicher Objektivität beschworen wird, den wissenschaftliche Praktiker, die in der Regel eher wissen, was sie nicht wissen und was trotzdem funktioniert, von Geistes- und Literaturwissenschaftlern beschworen wird, die gar nicht so genau wissen, wovon sie da reden.

    Was ich aber noch nicht ganz gepeilt habe, ist, was die denn mit „spekulativ“ genau meinen. Da tauchen Bezüge von Schelling bis Whitehead auf, und ein Bruno Latour bekommt nebenbei auf die Glocke – das wirkt zum Teil in den produktiven Teilen auf mich etwas hilflos und in den polemischen Teilen eher so, als müsse nun aus Gründen des Theoriemarketings ein Strohmann als Gegner aufgebaut werden. Der Teil könnte ja eigentlich interessant sein, ich suche da noch rum.

    Die Entwicklung, die dieser Nick Land genommen hat, scheint aber eher den Eindruck des ersten Absatzes zu bestärken: Da halten weiße Typen es nicht aus, dass ihr Wissens- und Bildungsprivileg global unter Beschuss geraten ist und mackern dann rum, indem sie auf „Fakten“ verweisen. Das ist irgendwie sarrazinesk, dieser Teil des Spiels.

  9. futuretwin Dezember 14, 2015 um 3:17 pm

    „zudem diese Basisbehauptungen des “Spekulativen Realismus” mir auch zu sehr, na, steht ja oben schon, diesem ganzen überheblichen Gezeter gegen Cultural Studies, Queer- und Gender.Theory,“

    Das kommt nicht so ganz hin. Zumal SR so ein bisschen als der neue heisse Scheiss gerade IN den Cultural Studies gehandelt wird.
    Donna Haraway würde ich auch im weitesten Sinne zu SR zählen und damit sollte der pauschale Vorwurf „Anti-Gender“ auch ausgeräumt sein.
    Es ist eine ziemlich heterogene „Szene“, aber es ist eigentlich afaik eher eine, die „durch die Dekonstruktion durchgegangen“ ist und „das Reale sucht“, immer unter Berücksichtigung der Erkenntnisse von Dekonstruktion, Poststrukturalismus, usw. Ein Post-Post-Strukturalismus quasi.
    Levi Bryant ist z. B. ein Protagonist der Szene und der kommt eher aus der Richtung Lacan, Deleuze, Rancière, Žižek.

  10. momorulez Dezember 14, 2015 um 4:20 pm

    Na, Zizek oder Lacan sind in der Hinsicht nun aber auch alles andere als harmlos. Und diese Deleuze-Anklänge fand ich bisher, in dem, was ich so fand, doch arg selektiv – als bräuchten sie nun unbedingt einen Kronzeugen unter „den Guten“, wobei sie dann aber die Form der Bücher, insbesondere von „Milles Plateau“ und dem „Anti-Ödipus“, komplett ignorierten.

    An Ranciére robbe ich mich gerade erst ran, der hat aber in den Auseinandersetzungen mit Bourdieu nun auch nicht nur geglänzt, weil er genau denen Vorschub leistet, die mit diesem ganzen vermeintlichen „Identitäts“-Quatsch und „Sektierertum“ nun ein für allemal aufräumen wollen. Was dann wieder all die Macker anfüttert, die notfalls zu unterschwelligen Gewaltandrohungen übergehen, wenn Frauen, PoC und Homos mal wieder nicht spuren wollen. Zudem z.B. Foucault nie „Konstruktionen“, sondern ganz reale (!!!) MachtPRODUKTIONEN beschrieben hat. Man muss sich ja nun auch von Derrida nicht überfaszinieren lassen.

    Ich googele die anderen aber auch gerne noch mal nach, ich freue mich ja, wenn es nicht so ist. Levi Bryant und Donna Haraway suche ich mal raus. Ich habe mich ha zunächst auch in erfreuter Neugier darauf gestürzt und wurde zumindest von meinen zwei Merve-Sammelbänden eher abgeschreckt. Kann sich ja noch ändern. Was Armen Avenessian auf seiner Seite zur Spekulativen Poetik schrub fand ich ja auch interessant – bis er dann krumm sich „The Wire“ zur Brust nahm. Da wurde es mir echt zu trivial und vor allem gar nicht mehr spekulativ.

  11. futuretwin Dezember 14, 2015 um 7:37 pm

    „Na, Zizek oder Lacan sind in der Hinsicht nun aber auch alles andere als harmlos.“ In welcher Hinsicht?

  12. momorulez Dezember 14, 2015 um 7:51 pm

    In der “Gender”- und Heterosexismus-Hinsicht. Wie alle, die psychoanalytisch argumentieren. Habe keine Lacan-Tiefenkenntnisse, aber bin auch jedes Mal zurück geschreckt – das finde ich sehr dubios, diese Mängelwesen. Haben ja Foucault und Deleuze/Guatarri auch heftig gegen opponiert. Und Zizek hat in „Die Tücke des Subjekts“ auch ganz unangenehm argumentiert. Den hakte ich eher für ’nen Konservativen.

    Die anderen beiden habe ich gerade mal gegoogelt; das feministische Cyber-Manifest gibt es auch auf deutsch. Muss ich mal lesen. Das ist auch tatsächlich so ein Denkzweig, dieser ganze Techno-Futurologismus der 90er, den ich immer umschifft habe, mal ab von “Matrix”😀 – und das habe ich nun mehrfach gelesen, dass die da teilweise sozialisiert wurden. Vielleicht verstehe ich deshalb auch manche Prämissen nicht. In diesem Sammelband über Kunst und SR ist auch ein Text über das Denken in Klängen, den ich sogar ganz gut finde und der sehr housig/technoid ansetzt.
    Dieser Levy Bryant, da habe ich nur Englisches gefunden bisher, und das liest sich beim Überfliegen recht heideggernd. Muss ich mal weiter gucken. Dieses Denken des Virtuellen u.a. im Anschluß an Deleuze, das es bei ihm wohl auch gibt, das wurde hier an der HfbK gerade zu einem Doktorandenkolleg geformt, u.a. wohl, um den Akzelerationisten nicht das Feld zu überlassen und doch ähnliche Akzente zu setzen.

  13. Mrs. Mop Dezember 15, 2015 um 7:10 am

    Die Zielgruppe hat sich das Buch bereits auf den Gabentisch gelegt.

  14. futuretwin Dezember 15, 2015 um 9:23 am

    Die Psychoanalyse ist als konservativ zu haken?

  15. momorulez Dezember 15, 2015 um 9:48 am

    Wenn mensch sich das Zuckerberg-Bild dazu anguckt, Danke!, Mrs. Mop!: Ja, klar. Die hatte zunächst den Nimbus des Progressiven, weil sie „Sexualität“ anders thematsierte, aber das ja klar im Rahmen der Sexualpathologie einer mal eben so kontrafaktisch universal gelesenen Kleinfamilienkonstruktion, phallozentristisch sich einreihend in soziale Normalisierungsmaschinerien. Es hat die großartige Jessica Benjamin z.B. gegeben, ja, aber es ist auch kein Zufall, dass statt ihr dann Zizek Eingang ins machistische Theoretisieren fand. Das ist übrigens ziemlich lustig trotz teils gruseliger Begrifflichkeiten in den Anti-Ödipus mal wieder reinzulesen, wo ja u.a. mittels ethnologischer Forschungen die Psychoanalyse geschlachtet wird.

  16. futuretwin Dezember 16, 2015 um 4:19 am

    Hast du nen Kapiteltipp? Ich sehe es aber weniger als ein schlachten, als ein Bereinigen von eben diesem KleinfamilienfetischismuIst natürlich die Frage, ob es dann noch Psychoanalyse genannt werden soll/kann. Sie nennen es ja Schizoanalyse. Ich beschäftige mich gerade viel mit Luce Irigaray. Benjamin check ich mal…
    Btw, ich fand Gestalttherapie mal ganz spannend, so von den anarchistischen Wurzeln her, aber das ist heute fast nur noch gruselig eso, mein Eindruck..

  17. momorulez Dezember 16, 2015 um 9:16 am

    Irigaray kannte ich bis dato nicht, liest sich spannend. Im Anti-Ödipus vor allem Kapitel III. und IV.3. – und die theoretischen Fundierungen der Gestalttherapie kenne ich gar nicht. Rein praktisch, so, wie ich sie erleben durfte in den 90ern, war sie zumindest weit weniger manipulativ als die Psychoanalyse und setzte sehr viel direkter an Gefühlen, Beziehungen und dem Hier & Jetzt an, ohne so verhaltenstherapeutische Konditionierungsnummern durchzuziehen. Psychoanalyse hätte ich da gar nicht machen können, Schwule nahmen die nicht. Und manches auf dem Eso-Markt (nein, nicht die Kopp-Verlag-Varianten) finde ich mittlerweile deutlich besser als die Psychoanalyse😀 … die ja auch eine Ego-Produktions-Maschine ist. Um lustigerweise aktuell in einem Heidegger-Seminar festzustellen, dass der in seinem gerade in Frankreich höchst einflussreichen Spätwerk eine Mischung aus Zen und Neo-Advaita betrieben hat🙂 – ich hasse den zwar wie die Pest, aber uninteressant ist das nicht. Und sozusagen Anti-Akzeleration. Und mit Jazz-Improvisation bestens kompatibel. Die alten Inder und Ost-Asiaten sollte mensch echt nicht unterschätzen, trotz aller Metaphysik.

  18. futuretwin Dezember 16, 2015 um 11:52 am

    Irigaray kennt mensch meistens aus „Gender Trouble“. Neben De Beauvoir, Kristeva und Wittig ist sie eine der Theoretikerinnen an denen Butler sich abarbeitet.
    Ich mache eine lacansche Analyse. Von verhaltenstherapeutischen Konditionierungsnummern habe ich nichts bemerkt. Und mit spirituellem Brimborium kann ich nun wieder überhaupt nichts anfangen.

    Um nochmal ein Stück zurück zu gehen: Zizek als Konservativen abzutun, bedeudet imho das Kind mit dem Bade auszuschütten. Es ist doch was anderes wenn er mit Butler und Laclau eine Debatte in Buchform führt, als das was BiologistInnen oder andere pauschale Gender-GegerInnen tun.
    Und ich weiss nicht, was es bringen soll, den Spekulativen Realismus mit Kelle oder Sarrazin zu vergleichen. Sie können im Sinne eines Backlashs vereinnahmt werden, das bestreite ich nicht. Es ist aber doch immer die Frage, was mit den Theoretikern gemacht wird. Das gilt für Nietzsche, Heidegger, Carl Schmitt, für Lacan und Freud und eben auch für Meillassoux, Brassier, Harman und Grant. Ich denke auch nicht, dass der Akzelerationismus notwendig mit SR einhergehen muss. Das ist Avanessians Agenda und der dominiert den Import von SR nach Deutschland. Aber viele an den Unis beschäftigen sich direkt mit den englischen Texten und das wird durchaus mit Cultural Studies zusammengedacht und mit Feminismus (siehe Haraway). Nick Land war eher ein bisschen freakig, jemand hat den mal so umschrieben, dass er sämtliche Bergson-Einflüsse aus dem Deleuze getilgt hat. Ein weiterer wichtiger Einfluss war wohl auch William Gibson.😉 Also der Cyberpunk. Daher auch diese Faszination an der Dystopie, das stimmt schon.
    Aber Land ist halt jetzt nicht DER Kronzeuge des Spekulativen Realismus.

    Hab gerade nochmal gesucht und den Link gefunden zu diesem jemand, das ist auch so ein Akzelerationist:
    http://www.divus.cc/berlin/de/article/terminator-vs-avatar-notes-on-accelerationism

  19. momorulez Dezember 16, 2015 um 12:13 pm

    Nee, Psychoanalyse konditioniert nicht, ich finde sie manipulativ – was Dir aber ja schnurz sein kann, wenn es Dir gut tut, ist ja gut.

    Und ich glaube nicht, dass mensch das Kind mit dem Bade ausschüttet, wenn sie das Kulturkonservative und zugleich Stalinistische an Zizek heraus arbeitet. Das ist angesichts dessen, dass Teile der Feld-, Wald- und Wiesenlinken mit Putin kokettieren, der zugleich Front National-Vorbild ist, alles andere als trivial.

    Ebenso wie das hochaggressive Eingedresche auf Feminismus, Queer-Theory, vermeintliche „postmoderne Beliebigkeit“ und Critical Whiteness Teile der Autonomen und Post-Antideutschen gerade untreibt, die dann auf einmal fleischauern, was Zeug hält – was kein Zufall ist, weil sie ja Teil dergleichen Dominanzkultur sind. Mir sind da schon im Antifa-FC St. Pauli-Umfeld Reaktionen begegnet, die von der AfD nicht mehr unterscheidbar waren.

    Wenn dann so eine technologisch aufgeplusterte, sich als Materialismus behauptende Theorie auftritt, die Macker wieder richtig Macher sein lässt, ahne ich Böses.

    Aber wie gesagt: Ich grabe ja gerne tiefer. Und freue mich ja, wenn es andere Lesarten gibt. Deshalb Danke für all Deine Hinweise!

  20. momorulez Dezember 16, 2015 um 8:05 pm

    PS: Habe den Link jetzt mal durchgelesen, und von der Schreibe und der Kritik am akademischen Marxismus samt Merlot her ist mir das ja auch ganz sympathisch und liest sich frisch – aber inhaltlich ist das doch heiße Luft, oder? Ich finde „Fantasie an die Macht“ und die, na, wie soll man’s sagen, Anwendung von Gamer-Fantasien und Sci-Fi-Plots auf Popkultur-Speed nun auch alles andere als falsch, aber so, wie das da durchgeführt wird, ist das weder Programmatik noch Vision.

  21. futuretwin Dezember 17, 2015 um 10:21 am

    Ja, sehe ich ähnlich. Ich hatte auch nur nochmal nachgesehen, wo ich das herhatte und hab das der Vollständigkeit halber noch verlinkt. Meine Position ist folgende: Dem Akzelerationismus stehe ich tendenziell eher skeptisch gegenüber, den spekulativen Materialismus finde ich ganz interessant, durchdringe das aber noch zu wenig. Es könnte eventuell zu den Theorien passen, mit denen ich mich so beschäftige, das ist neben Irigaray etwa Ernst Bloch.

  22. Hanneswurst Dezember 28, 2015 um 3:50 pm

    Was soll an Zizek kulturkonservativ und zugleich stalinistisch sein? Ich kenne den als einen Vertreter der postrukturalistischen Linken, so zwischen Lacan, Bourdieu und Detlef Hartmann lavierend.

  23. momorulez Dezember 28, 2015 um 5:55 pm

    „(…) Der neokommunistische Theoretiker hält aber auch nichts von spontaneistischen und anarchistischen Ansätzen, die Hierarchien grundsätzlich ablehnen und auf die sogenannte Selbstorganisation der Massen setzen. Der Idee von „pluralisierenden, rhizomatischen Netzwerken“ setzt Žižek die alte, leninistische Idee der Avantgarde entgegen, die die Massen im revolutionären Kampf zu führen habe. Das alles ist natürlich hochgradig retro. Manchmal wird’s sogar richtig spooky, wenn man liest, was Žižek zu sagen hat (…)“

    http://www.deutschlandfunk.de/kapitalismuskritik-auf-der-suche-nach-einer-linken-thatcher.1310.de.html?dram:article_id=340540

    Ich gehe ja bis heute davon aus, dass der Schritt vom Leninismus zum Stalinismus kein Zufall war und der Schritt von Marx zu Lenin das Problem. Vielleicht bin ich auch nur ein Scheißliberaler unter dem Vorzeichen pluralistischer, postmoderner Beliebigkeit denkend – aber ich halte halt auch die „Szene“ von Friedman über die Chicago Boys bis Thatcher und Schröder mit ihrem Zerstörungswerk für Leninisten und den nachrückenden „Sicherhaeitsapparat“ in manchen Zügen nun, na, strukturell analog, nur ganz ohne Zentralismus und Diktator, eher autopoetisch, zur Nomenklatura.

    Dieses „Zerstörungswerk“, das auch Zizek oft beklagt, las sich für mich für mich in den Texten, die ich von ihm gelesen habe, auch immer als die Klage eines reaktionären Traditionalisten zumindest implizit, was die zugrunde gelegten Kriterien betraf. Da heideggerte was, was nicht dessen Spätwerk-Vorstellung des Nichts entsprach. Da muss ich jetzt aber Textstellen schuldig bleiben.

    Was ich von Hartmann kenne, das ist lediglich ein Text, der einst zu einem gewaltigen Zerwürfnis mit Neo-Reacs führte, die sich sozialrevolutionär wähnen, aber auch fast nur noch Scheiß zwischen Martenstein und Fleischauer angesiedelt schreiben, wenn’s nicht gerade um Geflüchtete geht. Und der Text von Hartmann war schlimm. Kulturkonservatismus findet sich übrigens auch bei Adorno, der lohnt aber ja trotzdem.

    Klar, das sind jetzt eher Ausrufe und Verweise, keine Aussagen. Das wäre mir jetzt aber zu viel für die Kommentarsektion, da die ganzen Belege zusammen zu sammeln.

    Um Lacan habe ich wie um alle Psychoanalytiker, mal ab von Jessica Benjamin, immer einen Riesenbogen gemacht. Im universitären Kontext kam ich neulich mal dazu, mich damit oberflächlich (!!!) zu beschäftigen, und es lockte mich wenig, diese Modellle ewiger, quasi-naturalisierter Mangelerscheinungen, die tantalusmäßig zur endlosen Frustration getrieben durch Scheinwelten surfen. Da scheint mir die Kritik von Foucault und Deleuze/Guattari, letztere kenne ich auch nur oberflächlich, in eine politisch fruchtbarere Richtung zu weisen. Kann mich aber ja irren, Futuretwin sieht das ja ganz anders.

  24. Hanneswurst Dezember 29, 2015 um 11:13 am

    Hmmm. Also Hartmann beschäftigt sich eigentlich damit, wie unter den heutigen Umständen soziale Revolte noch möglich kann. Das ist bei ihm ziemlich maschinenstürmerisch gedacht, also industrielle Produktionsketten durch groß organisierte Sabotage lahmlegen und sowas, Aufbau von Subsistenzwirtschaftsstrukturen durch die kleinen Leute, um von öffentlichen Versorgungssystemen unabhängig operieren zu können.

    Zizeks Bezug auf das Zerstörungswerk folgt im Grunde Schumpeters Konzept der schöpferischen Zerstörung. Dies wird von Hartmann wie von Zizek dann so mit Inhalt gefüllt, dass diese Zerstörung nicht nur Sozialsysteme und Institutionen umfasst, sondern auch physische Zerstörung meint. In dieser Perspektive sind Kriege von Vietnam bis Jugoslawien Akte schöpferischer Zerstörung, die dem Erzeugen von Wertschöpfung durch Zerbomben industrieller Anlagen und damit Herbeibomben des nötigen Wiederaufbaus dienen, und zugleich auch eugenische Bevölkerungspolitik im Sinne der gezielten Vernichtung „überflüssiger Esser“. Entsprechend radikal, nicht traditionalistisch ist die Perspektive: Das kapitalistische Weltsystem ist jeder Legitimationsgrundlage beraubt und steht moralisch auf einer Stufe mit den Vernichtungslagern der Nazis.

  25. momorulez Dezember 29, 2015 um 11:49 am

    Danke für die Aufklärung!

    Letzteres haben Horkdorno ja auch schon proklamiert. Das geschieht aber nie nur deskripitiv oder Rationalitäten rekonstruierend oder auf Schumpeter referierend; auch wenn das in der marxistischen Tradition unpopulär ist: Es braucht schon auch so was wie normative Kriterien für das Kritisieren dieser Prozesse. Und da schillert bei Zizek im Untergrunde zumindest so, wie ich ihn gelesen habe, immer ein Konservatismus durch – wobei ich da Belege schuldig bleibe, ja. Wenn sie mir wieder über den Weg laufen, kann ich sie gerne noch mal im Blog thematisieren.

    Der Irrsinn ist übrigens, dass diese Eugenik-Pläne mittlerweile in rechten Verschwörungstheorien als die „wahre Agenda“ hinter der „Homo Lobby“ behauptet werden – ja, selbst „Rassen“vermischung sei im Rahmen der „New World Order“ ja Strategie des Zerstörungswerks der „Eliten“. Deren Ziel es u.a. sei, die Weltbevölkerung zu reduzieren und alles „Organische“ im sozialen Sinne einzuebnen.

    Daraus kann man mehr oder minder traditionellen Kritiken des „militärisch-industriellen Komplexes“ nun auch keinen Strick drehen.

    Da sehe ich aber sogar eine Stärke bei diesen Akzelerationsisten: Dass die eine Perspektive formulieren, die nicht auf das Kritisieren des „Zerstörens von Traditionen“ setzt – was dann allerdings von der Kritik am „Korrelationsimus“ wieder konterkariert wird. Was nun nicht heißen soll, die Vernichtung „überflüssiger Esser“ gutzuheißen,kein bißchen, niemals, an diesen Diagnosen ist ja sehr viel dran.

    Umgekehrt frage ich mich immer: Herrje, wie konnte das geschehen, dass so vieles, was eins im linken Diskurs angesiedelt war, aktuell derart inflationär auf rechts wieder auftaucht? Kann Zizek auch nicht beantworten, glaube ich.

    Der Funke des Zerwürfnisses rund um Hartmann und Geppert entzündete sich übrigens damals am folgenden Zitat:

    „Eine Welt genormter Individualisten und medial geformter Lebensstile ersetzt die postnazistische Forderung nach Konformität. Heute weicht jeder genüsslich von der Norm ab. Das Biedere, Langweilige, Komplizierte wird argwöhnisch beäugt.“

    HAHAHA. Braucht mensch sich nur mal in der Fankurve des FC St. Pauli umzugucken, die ganzen Thees Ullmann-Hörer: So viel pärchenselige Biederseligkeit auf einem Haufen, der Hammer. So was schreiben nie Leute, die erfahren haben, wie normalisierende Sanktion, auch von links, sich fortwährend vollzieht.

    Das Zitat regt mich immer noch auf. Nicht hinsichtlich des Komplizierten. Sondern weil den Rest Frau Kelle ebenso formulieren würde.

    Mit diesen Kulturindustrie-Kapitel-Aneignungen entsteht sehr oft was sehr Gruseliges, Repressives. Ich denke, dass das Nachwirken konservativer Kulturkritik aus den 20er Jahren, was eben auch so lustige Bestseller wie Spenglers „Untergang des Abendlandes“ hervor brachte, immer wieder aufzuspüren und anders zu beantworten sein muss als ich es zumindest bei Zizek bisher gefunden habe.

  26. Hanneswurst Dezember 29, 2015 um 12:13 pm

    Ich weiß nicht, was an diesem Zitat schlimm ist. Es besagt zunächst einmal, dass die konservative Genormtheit der Vierziger, Fünfziger und frühen Sechziger Jahre durch eine scheinbare Pluralität ersetzt wurde, hinter der sich aber auch nur Anpassung an Lifestylemoden und keine echte Individualität verbirgt. Halte ich für völlig zutreffend. Wer sind Ullmann und Frau Kelle?

  27. momorulez Dezember 29, 2015 um 12:30 pm

    Frau Kelle ist einer der führenden AktivistInnen gegen „Gender Gaga“, „Homo-Ehe“ und den Unterricht zur sexuellen Vielfalt an Schulen.

    Und nein, das besagt, dass Biederkeit und inszenierte Langweiligkeit, stromlinienförmiges Heterogenormtsein (wozu ich tatsächlich auch das Bestreben nach der „Homo-Ehe“, für die ich politisch votiere, aber widerwillig) sich gegen z.B queere Lebensstile des Schillernden, intendiert Künstlichen, Glamour-Campigen in Stellung bringen und all das dem Neoliberalismus zuschlagen. Woran auch ein „formal gegen Schwule nichts haben“ nichts ändert. Und die Diagnose traf mit massiven Abstrichen vielleicht in den 90ern, aber auch da auf die Mehrheitsgesellschaft nicht zu, und heute schon mal gar nicht mehr.

    Was Abweichen von der Norm betrifft, das erfährst Du halt fortwährend, was dann mit Dir geschieht. Das ist einfach falsch. Das habe ich in 23 Jahren Medienarbeit kein einziges Mal erlebt, dass da genüsslich irgendwas abweichen würde.

    Thees Ullmann ist ein öder Deutschpop-Barde. Kannste googeln, den verlinke ich hier nicht.

  28. Hanneswurst Dezember 29, 2015 um 6:33 pm

    @Und nein, das besagt, dass Biederkeit und inszenierte Langweiligkeit, stromlinienförmiges Heterogenormtsein (wozu ich tatsächlich auch das Bestreben nach der “Homo-Ehe”, für die ich politisch votiere, aber widerwillig) sich gegen z.B queere Lebensstile des Schillernden, intendiert Künstlichen, Glamour-Campigen in Stellung bringen und all das dem Neoliberalismus zuschlagen. Woran auch ein “formal gegen Schwule nichts haben” nichts ändert. Und die Diagnose traf mit massiven Abstrichen vielleicht in den 90ern, aber auch da auf die Mehrheitsgesellschaft nicht zu, und heute schon mal gar nicht mehr.

    Was Abweichen von der Norm betrifft, das erfährst Du halt fortwährend, was dann mit Dir geschieht. Das ist einfach falsch. Das habe ich in 23 Jahren Medienarbeit kein einziges Mal erlebt, dass da genüsslich irgendwas abweichen würde.

    Das meint der Hartmann-Text, zumindest, wenn Du, wie ich vermute aus dem Band „Cluster. Das neue Gesicht des Kapitalismus“ zitierst aber überhaupt nicht. Der befasst sich damit, wie der Kapitalismus sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat und dass es da habituelle Umwälzungen bei Managern, Leistungsträgern und Führungskräften in Unternehmen gegeben hat. Zur Zeit eines Schleyer oder Herrhausen war es noch Regel, dass man gefälligst im Markenanzug, mit gestärktem weißen Hemd, Einstecktuch und Krawattennadel im Büro zu erscheinen hatte, wer das nicht tat, wurde nach Hause geschickt. Heute ist es kein Problem, im Hoodie ins Büro zu gehen, auf der Arbeit einen Walkman aufzuhaben oder seinen kompletten Style alle paar Jahre zu ändern. Damit ist das Berufsleben aber nicht lockerer geworden, im Gegenteil, die Ausbeutung hat zugenommen. Nur ist das biedere Gesicht des Kapitalismus durch ein cooleres, „streetcredybles“,Matrix-likes ersetzt worden. Es kommt nicht mehr darauf an, einer konservativen Norm zu entsprechen, wohl aber, einen googlebaren Lebenslauf zu haben und möglichst auch coole Hobbies, zum Beispiel Kampf- oder Extremsport. Wenn ich mir mal die von Dir erwähnten St.Pauli-Fans angucke, so sehen die zum größten Teil zum Fürchten aus: Wild tätowiert, Piercings im Gesicht, schwarze Kapuzis mit Totenkopffahne. Noch in den 90ern wäre beim Anblick solcher Leute, tauchten sie in Gruppen auf, mancherorts sofort ein Polizeieinsatz ausgelöst worden. In der Stiftung wo ich arbeite hätte eine einzige Person die so aussieht beim Betreten des Gebäudes die Pförtnerin dazu gebracht, sofort die Security anzurufen. Dabei sind diese St-Pauli-Fans aber ganz angepasste Arbeitnehmer, Werbeleute dabei, die am Samstag ganz folgenlos die Kostüm-Autonomen geben. Und genau so etwas ist einer der Formen von lustvoller Normabweichung die Hartmann meint, so verstehe ich das jedenfalls. Schwule und deren Lebensstile kommen in dem ganzen Buch nicht vor, sie sind einfach überhaupt nicht Thema. Hartmann interessiert sich für Industriesoziologie.

    Die weiteren Teile des Buches befassen sich mit der Infrontbringung von untertariflich bezahlten Kurzzeitarbeitskräften gegen die Stammbelegschaft bei VW und wie von Schröder über Harz bis zur Arbeitswissenschaft und der IG Metall alle den Konzern und seine neoliberale Klassenspalte hochjubeln sowie mit einem wilden Streik bei Gate Gourmet und der Frage, inwieweit wilde Streiks mit explizit politischen Zielen und illegalen Mitteln zur Wiederherstellung der Menschenwürde notwendig sind. Das sind so grob gesehen die drei Themen des Buchs.

  29. momorulez Dezember 29, 2015 um 7:06 pm

    Na ja, was die St. Pauli-Fans betrifft, gehst Du da Formen der medialen Inszenierung auf den Leim. Noch die Capos der Ultras posieren dann beim Facebook-Profilfoto mit Anzug in wilhelminischer Säulenhalle. Ja, Du schreibst es ähnlich, aber eben nicht in dem Sinne, dass nun „Langweiliges“ und „Biederes“ argwöhnisch beäugt würde. Da werden bunte Turnschuhe und gute Frisuren argwöhnisch beäugt.

    Und dass es Hartmann einen Scheißdreck interessiert, wie LGBTIQ-People oder solche, die, weil schwarz, ständig als Putzfrau angesprochen werden oder als Küchenhilfe, geht, das hat mich ebenfalls damals schon komplett genervt. Auch darin besteht ja das Reaktionäre – zudem vieles dessen, was Du da beschreibst, nicht zufällig auch als „Westerwelle-Klischee“ kursiert, wenn Menschen an Schwule denken. Korrespondierend hast Du ohne Ende seit 16 Jahren ein „Unterschichtenbashing“ ohne gleichen bis ins RTL-Nachmittagsprogramm hinein, was noch mal ganz anderen Gesetzmäßigkeiten folgt, als dass das „Biedere“ oder „Langweilige“ argwöhnisch beäugt würde.

    Dieses ganze Fasziniertsein von neuen Management-Outfits und -Hobbies betrifft zudem annähernd ausschließlich das untere Middle-Management. Da, wo echt Macht und Geld sitzen, geht es zumindest in HH zu wie eh und je. Über den Brioni-Schröder, diesen Emporkömmling, der für sie Politik machte, haben die sich doch weg geschmissen. Dabei durfte ich doch zugucken.

    Das, was daran noch irgendwie interessant ist, haben schon Marcuse und andere als „Oberflächenphänomene“ beschrieben: Die Wahl zwischen Coca- und Pepsi-Cola. Aber auch das war schon nur halb richtig – also, hinsichtlich der Cola nicht, aber hinsichtlich der Diagnostiken der Populärkultur.

    Der letzte Teil, den Du beschreibst, scheint ganz interessant zu sein. ich hatte ja geschrieben, dass ich das allenfalls oberflächlich kenne, das Buch.

  30. Hanneswurst Dezember 30, 2015 um 12:00 am

    @: Na ja, was die St. Pauli-Fans betrifft, gehst Du da Formen der medialen Inszenierung auf den Leim. Noch die Capos der Ultras posieren dann beim Facebook-Profilfoto mit Anzug in wilhelminischer Säulenhalle.

    Ich kenne St.Pauli-Fans nur aus der Fankurve im Stadion, vom Auftreten in der U-Bahn und auf Demos, und da treten die als ultraharter autonomer schwarzer Block im Stachelpunk-Outfit auf, der sie bei näherem Nachprüfen nicht sind.

    @: Und dass es Hartmann einen Scheißdreck interessiert, wie LGBTIQ-People oder solche, die, weil schwarz, ständig als Putzfrau angesprochen werden oder als Küchenhilfe, geht, das hat mich ebenfalls damals schon komplett genervt. Auch darin besteht ja das Reaktionäre – zudem vieles dessen, was Du da beschreibst, nicht zufällig auch als “Westerwelle-Klischee” kursiert, wenn Menschen an Schwule denken.

    Da überträgst Du, so denke ich zumindest, eine Eigenerfahrung auf einen Text von Hartmann, in dem es um völlig Anderes geht – das ist ein Buch, in dem es um den aktuellen Umbau des Kapitalismus und Widerstandsperspektiven dagegen geht und weder um Schwule noch um Schwarze, die nebenbei gesagt ständige Klientinnen des Asylanwalts Hartmann sind. Du hast da meiner Meinung nach sein Thema tatsächlich für Dich gekapert und zweckentfremdet. Genauso gut könntest Du die Theorie des kommunikativen Handelns von Habermas dafür kritisieren, weil da kein Fußball vorkommt. Das ist nichts Anderes als „Thema verfehlt“. Ich habe mir tatsächlich die Mühe gemacht, mir die Debatten auf Shifting Reality, in Deinem Blog und bei dem merkwürdigen Che reinzuziehen, kann da noch zu keinem endgültigen Schluss kommen, denke aber als Gesamtfazit: Du liegst da sehr falsch. Ich selbst bin ja gar kein Freund dieser linksradikalen Ansätze, weil sie m.E. auf nicht lebbare Ziele hinauslaufen, aber mit Neurechten wie Fleischklopper oder Neoliberalen wie Poschardt gleichgesetzt zu werden, das haben sie nicht verdient.

  31. Hanneswurst Dezember 30, 2015 um 12:14 am

    Ach, und auch noch das: „Dieses ganze Fasziniertsein von neuen Management-Outfits und -Hobbies betrifft zudem annähernd ausschließlich das untere Middle-Management. Da, wo echt Macht und Geld sitzen, geht es zumindest in HH zu wie eh und je. Über den Brioni-Schröder, diesen Emporkömmling, der für sie Politik machte, haben die sich doch weg geschmissen. Dabei durfte ich doch zugucken.“ Darum geht es aber ja den Autoren: Die anzusprechen und umzugewinnen, die nicht ganz oben sind. Sie beziehen sich auf Ingenieure, Team-und Abteilungsleiter in den Clustern, um die es in dem Buch geht, also um ganz bestimmte Firmen in ganz bestimmten Regionen: Apple, Microsoft, Google, VW im Greater Silicon Valley und in der Großregion Wolfsburg-Braunschweig-Hannover.

  32. momorulez Dezember 30, 2015 um 12:29 am

    @hanneswurst:

    In der „Theorie des Kommunikativen Handelns“ kommt Fussball vor, wenn mensch nur genau hinliest😉 … mehrdimensional sogar. Kann ich gerne ausführen bei Bedarf.

    Was heißt denn „für Dich gekapert“? Entweder redet Herr Hartmann über gesellschaftliche Realitäten, dann spielt das eine Rolle, was ich einwende – oder aber er labert sich einen selbstgefälligen, analytisch unbrauchbaren Müll zusammen, der nur stört. Da nun irgendeine kapernde „Subjektivität“ zu imaginieren, die mal wieder zu selbstbezogen sei, also, ich erspare Dir mal, was sich da nun so alles raus lesen ließe.

    Klar kannst Du die Position vertreten, dass Schwule, Lesben, Transgender, der ISD, Angela Davis usw. keinerlei relevante Perspektive hinsichtlich des Widerstandes oder auch des aktuellen Umbaus des Kapitalismus beizutragen haben und halt so entmündigt und ignoriert werden sollten wie immer schon.

    Klar. Hat ja Tradition, wird auch allerorten so verfochten, und ich habe mich da auch dran gewöhnt, weil es sich eh nicht ändern lässt, dass eben die Mehrheitsgesellschaftler und Vertreter der Dominanzkultur ihre Ignoranz notfalls mit Gewalt, Mobbing und Pathologisierung durchsetzen. Das ist auch eine übliche Vorgehensweise, die kenne ich gut.

    Passiert ja auch allerorten, ist meines Erachtens aber reaktionär.

    Ist halt die Frage, wer da wessen Thema „kapert“ und „zweckentfremdet“. Inwiefern nun der Herr Anwalt Hartmann zu denen gehört, denen Emanzipation formal und material vorenthalten wird, das ist ebenso diskussionsfähig. Ich renne ja nun nicht nur berufsschwul durch die Gegend, ganz im Gegenteil, und habe nun allerlei realökonomische Stufen auch hautnah erfahren dürfen, und ja, es sind Heteronormativität und damit korrespondierende Männer- und auch Familienbilder konstitutiv für kapitalistische Funktionsweisen wie auch „White Supremacy“-Konzepte, aber bestimmt nicht für „Widerstandsperspektiven“.

    Da nun von „Thema verfehlt“ zu reden bestätigt mich nur in der Ansicht, bei diesem ganzen absurden linken Geschwätz tatsächlich lieber die Klappe zu halten und Jazz zu hören. Das ist ja auf der Linken auch so üblich, frei nach Haupt- und Nebenwiderspruch im Zuge des falschen Allgemeinen fröhlich alles wegzuredigieren, was an weißen, heroischen Männerfantasien kratzen konnte, die sich auf ihr Leid – haha – einen runter holen. Da ist auch eh nicht gegen anzukommen.

    Ich finde das ja sehr sympathisch, dass Du das alles noch mal nachgelesen hast, Danke für die Mühe.

    Aber doch: Die gehen ganz und gar genau so gegen alles vor, was sich ihrem heteronormativen, weißen Gequake, das zudem ja politisch auch noch völlig wirkungslos bleibt, weil die Veränderung doch gar nicht wollen, entzieht wie Fleischauer oder Martenstein. Das ist der gleiche Stil, die gleiche Perspektive, und dann zwischendrin mal so zu tun, als bestünde auch nur eine entfernte Ahnung von ökonomischen oder gesellschaftlichen Prozessen, das ist einfach illusionär. Reiner Nonsens.

  33. momorulez Dezember 30, 2015 um 12:38 am

    „Darum geht es aber ja den Autoren: Die anzusprechen und umzugewinnen, die nicht ganz oben sind. Sie beziehen sich auf Ingenieure, Team-und Abteilungsleiter in den Clustern, um die es in dem Buch geht, also um ganz bestimmte Firmen in ganz bestimmten Regionen: Apple, Microsoft, Google, VW im Greater Silicon Valley und in der Großregion Wolfsburg-Braunschweig-Hannover.“

    Und darin zeigt sich eine „Widerstandsperspektive“? Ich bitte Dich. Das sagt doch noch nicht mal was über den „Umbau des Kapitalismus“ aus. Da kommste nun mit der Großregion „Wolfsburg-Hannover-Braunschweig“ auch nicht weit; dazu sollte mensch schon eher nach Brüssel, in den Kongo, nach Moskau und nach China gucken. Das, was da maßgeblich ist, funktioniert völlig unabhängig von solchen Akteursgruppen. Schon das gehobene Middle-Management in der Commerzbank ist dabei, Computerprogramme, die auf Basel 1-10 aufbauen, auszutricksen. Und einzelne Ingenieure sind da völlig irrelevant. Das Zusammenspiel zwischen Finanzmarktsmechanismen und dem, was traditionell und somit falsch „Realwirtschaft“ genannt wurde, kann doch nicht sinnvoll auf so einer Ebene analysiert oder kritisiert werden.

  34. Hanneswurst Dezember 30, 2015 um 3:06 pm

    @ Das sagt doch noch nicht mal was über den “Umbau des Kapitalismus” aus. Da kommste nun mit der Großregion “Wolfsburg-Hannover-Braunschweig” auch nicht weit; dazu sollte mensch schon eher nach Brüssel, in den Kongo, nach Moskau und nach China gucken. Das, was da maßgeblich ist, funktioniert völlig unabhängig von solchen Akteursgruppen.

    Dieses Buch ist Teil einer Reihe, die beginnend mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Bürgerkrieg in Jugoslawien den Umbau des Kapitalismus in allen seinen Teilbereichen und aus einer sehr multiplen Perspektive analysiert, da ist dieses Buch nur ein Mosaikstein. Das Autorinnenkollektiv schreibt daran seit 1990, und es ist nicht absehbar, dass die vor 2020 fertig sein werden. Dabei sind die ersten Bände schon nicht mehr aktuell, müssten eigentlich überarbeitet werden, existieren aber großenteils in elektronischer Form nicht mehr (wo noch, da in Word für DOS-Formaten) und sind im Buchhandel vergriffen. Was die machen ist eine Sysiphosaufgabe, vor der ich größte Hochachtung habe. Zumal die nicht dafür bezahlt werden sondern Geld ausgeben und Risiken an Leib und Leben eingehen um recherchieren zu können, z.B. auch in Kirgistan, Usbekistan oder Kolumbien.

    Was ganz Anderes: Komm gut ins neue Jahr!

  35. momorulez Dezember 30, 2015 um 3:23 pm

    Du auch! Einen „guten Rutsch“! Und ein traumhaftes 2016 wünsche ich Dir!

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