Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Wiederkehr des Schädels: Der FC St. Pauli kauft Upsolut

 
Die Fakten haben die vom Magischen FC schon derart treffend zusammen gefasst – auf der Grundlage einer vorbildlichen Informationspolitik des Vereins -, dass ich dankend zitiere:

„Erstmal die Fakten: Der FCSP kauft seine Merchandising-Rechte vollumfänglich zurück. Er gibt dafür 1,3 Millionen aus und übernimmt von Upsolut auch 80 Mitarbeiter (inklusive Aushilfen, Teilzeit und Auszubildende). Das Ganze soll aus einer Ansparrücklage und der laufenden Liquidität finanziert werden. Es soll dann eine Rückzahlung in die Ansparrücklage erfolgen, 2015 und 2016. Upsolut macht ca. 500.000 Gewinn und 8,5 Millionen Umsatz. Wie man sich zukünftig im Merch-Bereich aufstellen will, ist noch nicht geklärt. Der Verein schreibt so schön: „Teilhabe von Fans, Mitgliedern und/oder Partnern ist zu prüfen.“ Dies habe auch Auswirkungen auf die Internationalisierung des Vereines, schreibt der Verein weiter. Der Anteil des Merch am Gesamterlös war beim FCSP bisher deutlich unter einem Prozent, im Durchschnitt aller Bundesligisten liegt er bei sieben Prozent. Bisher hatte der FCSP zehn Prozent der Einnahmen erhalten. Ein Rechtsstreit lief, liegt vor dem BGH, sodass man nun eine einvernehmliche Lösung gefunden hat.“

Schon die Einbindung der Blogs und Fanzines in die Öffentlichkeitsarbeit durch Geschäftsführung, Geschãftsstelle und Präsidium ist ja, verglichen mit dem bundesrepublikanischen Institutionenmainstream, so außer-gewöhnlich, dass sie immer neu zu belobigen ist: 

Unter dem neuen Präsidium tut sich mehrdimensional vieles, was gut ist. Einladungen zum Einblicke in auch das Gewöhnliche, wo im Worte drin steckt, dass das was ist, wo mensch gewissermaßen drin wohnt, was vertraut ist, wo sie weiß, wo Treppe, Bett oder Küche sich befinden – oder auch Ballsaal, Business Seats und Fanräume -,  wo es raus geht, wie etwas rein kommt, nimmt der Blogger ja gerne hin: Einblicke in das das Gewöhnlich in dem Sinne, das das gerade in Zeiten des Neoliberalismus so oft beschworene „Unternehmertum“ seinen Bezugsrahmen uns gegenüber offenbarte. 

Wirklich eine Offenbarung ist das selten. Eher geht es darum, wie Spiel-Raum, auch das kann mensch ja durchaus wörtlich nehmen, ein Stadion ist ja eh sowas, ein Spiel-Raum – und everything is a game, dessen Regeln keiner selber schöpft -, gewonnen werden kann für einen Fussballverein. Und welche Parameter es sind, die als potenzielle Trümpfe im Poker mit viel Größeren ggf. ins Spiel kommen können. Jedoch ebenfalls darum, welcher Spieler unseres Vereins im ökonomischen Raum des Spiels wie welchen Zug ins Rollen bringt. 

Wenn ich das richtig gedeutet habe, ist Joachim Pawlik der Akteur, der im ökonomischen Klein-Klein sich orientiert – er referierte z.B. Fragen der Unternehmensbewertung von Upsolut, die ja nicht erst seit dem Aufstieg und Fall der NEW ECONOMY hochpolitisch sind. 

Weil die Kriterien nicht so objektiv sind, wie es zumeist scheint – es gibt unzählige Rechenmodelle, die je nach Hype, Interessen der Akteure und Chancenabwägungen in aktuellen Märkten bis hin zu intervenierenden Faktoren wie möglichen Rechtsstreitigkeiten reichen. 

Das sind Themen, die bis hin zu dem hochumstritten TTIP – der intergalaktischen Umgehungs-, sorry, dem transatlantischen Freihandelsabkommen – brandaktuell sind: Wenn ich nicht fehlinformiert bin, geht es da ja nicht darum, dass „die Linken Angst haben, ihnen könnte jemamd das Essen vergiften“, sondern um u.a. eine supranationale Gerichtsbarkeit installieren – um so die Investitionsrisiken, die sich aus nationaler Rechtssprechung ergeben könnten, zu minimieren oder gar per Vertrag wegzuverhandeln. Zugunsten des Investors.

 Ich persönlich finde beim FC St. Pauli immer spannend, wie sich im Kleinen das Große zeigt. Die Rechtsunsicherheit, die sich im Falle des nunmehr beigelegten Rechtsstreites mit Upsolut offenbarte und die uns gestern im Sinne der Chancenantizipierung referiert wurde – dass also auch Szenarien durchgespielt wurden, welche Summen als Kaufsummen aufzubringen gewesen wären, wenn der Rechtsstreit gewonnen worden wäre -, soll durch TTIP minimiert werden, freilich mit dem Ziel des Investionsschutzes. 

Das ist politisch interessant, sich zu fragen was denn das wohl geheißen hätte, wären die Eigner von Upsolut internationale Investoren und TTIP griffe schon. 

Und solche Fragen werden sich dem FC St. Pauli auch tatsächlich stellen, wenn die angestrebte Internationalisierung greift. 

Ich bekenne, da gestern aufgrund der klug abwägenden und informierten Art von Joachim Pawlik mehr Vertrauen verspürt zu haben als bei vorherigen Vorstellungsrunden. Machte einen gerade deshalb so soliden Eindruck, weil differenziert verschiedene Szenarien durchgespielt wurden. 

Zumindest ist gerade auch linken Politikansätzen anzuempfehlen, da selbst Spiel-Räume zu erdenken und Menschen wie Pawlik genau zuzuhören, anstatt sich in purer „Kommerzkritik“ zu verorten und desorientiert zu bleiben. Oder aber immer dann, wenn sich in die Unternehmer-Perspektive hinein gedacht wird, z.B. 80 Angestellte, die übernommen werden, als – potenziell – „Risiko“ oder „Belastung“ zu begreifen. Dass plötzlich neoliberale Imperative sich ins eigene Denken unbemerkt einschleichen, das geschieht nämlich schnell und kann diese kontraproduktive Vergötzung geringqualifizierter Ehrenamtlichkeit, wie sie in „die Fanszene“ unreflektiert gepredigt wird, noch verstärken. Das ist dann Mythos statt Aufklärung.

Andreas Rettig hielt sich insgesamt eher zuück, blieb schwammig und es entstand der Eindruck, als sei er mit verbandspolitischen Fragen weiß Gott auch genügend ausgelastet. Viel Glück🙂 …

Oke scheint in der Runde eher seine Richtlinienkompetenz zu pflegen und pochte vor allem auf zentrale Ziele dieses Präsidiums: „Werte“ im ethischen Sinne und Eigenständigkeit als Basis, sie auch leben zu können. Ich erspare moralphilsophische Erwãgungen, wieso ich ein in Werten gründendes Verständnis von Vereinskultur für völlig falsch halte, es geht meines Erachtens um Rechte und Regelbegründungungen; interesant war, dass trotz nunmehr erreichter Eigenständigkeit in der Vermarktung des Merchandisings – und das Präsidium und die Geschäftsführung sind ausdrücklich zu beglückwunschen, dass dies gelungen ist! – die offenen Fragen angesichts des Erwerbs von Upsolut weiterhin auf den Spagat auch in der Zukunft verweisen, eben jenen, Teil einer komplexen, von Politik, Makroökonomie und rechtlichen Rahmenbedingungen durchwirkten Wirschaftsspielregelwelt zu sein und zugleich partizipatorische Ideale zu pflegen. 

Die zukünftige Gesellschafterstruktur von Upsolut sei noch offen, bis zu 49% Prozent könnten optional an wahlweise Fans, Partner, Teilhaber, Mitglieder wie auch immer „abgegeben“, verkauft oder sonstwie verteilt werden – Kriterium sei hierbei jedoch auch die Frage der Internationalisierung des Vertriebs, auch der Produktion?, der Klamotten, Schlüsselanhänger, Toaster und was sonst noch so gewohnt ist oder im Vorgarten gepflanzt werden könnte. 

Dass NUR Eigenständigkeit gerade im Falle der Internationalisierung keine realistische Option ist, weil eben alles mit allem ökonomisch vermetzt ist, um kapitalistische Zirkulationszusammenhänge zu gewährleisten, wurde ebenfalls bestäigt. 

Die Zukunft ist also so offen, wie immer schon – Verweise darauf, dass „mit den Fans zusammen“ Ideen für Produkte entwickelt werden könnten, sind ja begrüßenswert. 

Bei Upsolut bisher stellten sich freilich auch Fragen wie jene, wer denn von den Erlösen z.B. der „Refugees Welcome“-Produkte profitiere. Keine Ahnung, ob die je beantwortet wurden. Nun kann selbstverständkich die Frage auch schlicht so beantwortet werden, dass das, was Geld in die Kassen des Vereins spült, angesichts des seit des Einsatzes für die Lampedusa-Gruppe ja vorbildlichen und hochengagierten Agierens der Geschäftstelle auch gut für Flüchtlinge sei. Dass zudem aufgrund einer auch noch internationalen Orientierung die Strahlkraft und Wirkung des Verins ungleich weiter reiche als z.B. die einer Stadtteilinitiave, zudem ein Zweitligist mit derart hohen Bekanntheits-und Popularitätswerten eh schon ein Politikum ist und z.B. vom Senat als strukturell relevenat auch nicht einfach ignoriert werden kann. 

Andere Modelle wären freilich, Erlösanteile von Produkten, die für marginalisierte Bevölkerungsteile und deren Rechte und Sichtbarkeit eintreten, zweckgebunden diesen Personengruppen auch zugute kommen zu lassen: Im Falle von Regenbogenaccessoires queeren Gruppierungen, im Falle von „Refugees Welcome“-T-Shirts Flüchtlingen, im Falle von Antirassismus-Slogans People of Colour und von denen selbst verantworteten Projekten.

Zumindest wurde die Diskussion eröffnet und auch offen gehalten. Fur mich zeigte das einmal mehr, dass in Geschäftsführung, Präsidium und Geschäftsstelle aktuell visionärer, refkektierter und zugleich realistischer gehandelt und wird als in den verknöcherten und verkrusteten Strukturen der organisierten und „aktiven Fanszene“. 

Der weitere Verlauf der Diskussion bleibt spannend – auch, weil sich zeigen wird, ob letztere sich beim Werden des FC St. Pauli als störend und blockierend im Sinne der Dominanzwahrung einiger Platzhirsche erweist, oder ob die Handreichungen, das Schaffen von Möglichkeitsbedingungen und die gestalterische Power der operativ Aktiven produktiv und zukunfsträchtug genutzt werden wird. Vorgelegt haben Präsidium und Geschäftsführung nun einmal mehr ganz enorm. 

Eine Antwort zu “Die Wiederkehr des Schädels: Der FC St. Pauli kauft Upsolut

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