Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die unheimliche Leichtigkeit des Gewinnens: FC St. Pauli – Fortuna Düsseldorf 4:0

„Thy-Amo“-Chöre vor der Domschänke. Ich raune noch dem Kleinen Tod zu, dass die doch alle viel zu jung seien, um irgendwann in den 70ern als Kind an der Reihenhaus-Kellerbar (ja, der berühmte Partykeller!) der Nachbarsfamilie S. den Howie aus dem Radio erstmals, also für mich erstmals, diesen Song hauchen gehört zu haben …

Thy-Amo

„Sagtest Du das nur so“, so sang Carpendale einst, doch nein, gesungen wurde es gestern nicht nur so. Stimmen, erfüllt von der genießenden Hingabe an dieses Spiel der Mannschaft – alle hatten zu tief in die Ungläubigkeit wie ins Glas geschaut auf den Rängen und begegneten sich mit positiver Fassungs- und Sprachlosigkeit nach dem Spiel vor und in den Kneipen. Ähnlich berauscht versagten die Worte angesichts eines Erlebnisses, in dem Genuß und Gucken eine Einheit bildeten mit Blick auf das Geschehen auf dem Rasen. Ein Erlebnis, das zum wiederholten Male das Staunen zurück brachte und die Kritik im Schrank abstellte.

Was heißt es, eine Erfahrung mit Fussball zu machen? Auf jeden Fall für die Spieler was Anderes als für die Zuseher, und was in Thy gestern abging, ach, hoffentlich inhalierte er intensive Freude wie ein Rauschmittel, und es erfülle ihn heute noch! Und morgen Und übermorgen. Und weit darüber hinaus.

So wie wir auf den Rängen uns noch in Jahren hinein begeben werden in die Schönheit dieses 90minütigen Momentes: In Flutlicht getaucht gebannt zuzusehen, in Erfüllung schwelgten, weil bereits zur Halbzeit ohne den in jener Phase noch überragenden Michael Rensing ein 5:0 problemlos möglich gewesen wäre. Wir labten uns daran, wie Wille und Eleganz die Körper der Boys in Brown antrieb und sie druckvoll in immer neuen Wellen auf das Tor der „Fortunen“ zu rauschten. Vom Innenpfosten prallende Bälle flogen dank des geistesgegenwärtigen Thy doch noch jubilierend in das Netz, und zumindest in unserer Erfahrung als Zusehende war etwas ANDERS, so völlig anders als noch ein Jahr zuvor: Die Möglichkeit entspannter Kontemplation, von Jubeln durchzuckt, manifestierte sich in uns.

In der zweiten Halbzeit reichten zwei eigentlich zu umständliche Spielzüge, einer nach einem Fatal Error eines Düsseldorfer Spielers, Slapstick fast (trotzdem kein Grund, so mit der eigenen Mannschaft umzugehen wie ihr es tatet, liebe Düsseldorfer, nach Abpfiff, das war ja völlig daneben!!!), um den vierfachen Streich des Thy zu vollenden – gerade will ich noch P.A. neben mir , vorm 3:0, zuraunen „Was für eine coole Flanke!“, war es Sobotta?, da ist der Ball auch schon drin, und auch das um die Ecke spitzeln zum 4:0, also, was in diesen Fuss des Thy auf einmal gefahren war, wir wissen es nicht, aber es war so schön!

Alle Traumata nach Dialogen mit Aktionsbündnissen und Fanladen-Mitarbeiter wie weggefegt, die Mannschaft macht doch immer wieder gut, was in „die aktive Fanszene“ so alles schief läuft.

Vielleicht gelingt es ihr ja, allesamt in ein gelungenes Morgen, ja, das Morgenland des FC St. Pauli zu ziehen – wo lauter hoch aggressiv wütende Reaktionäre derzeit „das Abendland“ zu verteidigen vorgeben, ist der Weg ins Morgenland wohl geboten. Im Sinne des Werdens und Wandelns im Hier und Jetzt.

„Es ist immer wieder behauptet worden, dass sich ästhetische Erfahrungen von anderen Arten von Erfahrungen dadurch unterscheiden, dass sie mit einem spezifischen Gefühl, einer spezifischen Emotion oder auch einer spezifischen Modifikation unseres Fühlens oder Empfindens – oder wie wir allgemein sagen werden: einer spezifischen Qualität – verbunden sind.“

Stefan Deines, Jasper Liptow und Martin Seel Kunst und Erfahrung, Eine theoretische Landkarte, in: Deines, Stefan / Liptow, Jasper / Seel, Martin (Hg:), Kunst und Erfahrung, Frankfurt 2013, S. 17

Ja, in der Tat, und folgt die St. PaulianerIn an sich dieser Kombination aus Konzentration und Leichtigkeit, aus Wille und Chancenbewusstsein, die Ewald Lienen in der Mannschaft als Grundgefühl etablierte, herrje, was für Gefühle und Empfindungen sie uns wohl noch schenken und bescheren wird?

Ist ja kaum zu toppen, das gestern, und von daher von ganzem Herzen: Danke!

Soll doch das Gefühl der Dankbarkeit immer neue Erlebnisse nach sich ziehen, für die mensch dankbar sein kann – und angesichts dieses gestrigen Spiels ist die Wahrscheinlichkeit immens hoch, dass sie tatsächlich folgen werden!

5 Antworten zu “Die unheimliche Leichtigkeit des Gewinnens: FC St. Pauli – Fortuna Düsseldorf 4:0

  1. ill November 10, 2015 um 12:53 pm

    Traumata nach Dialogen mit Aktionsbündnissen und Fanladen-Mitarbeiter???

  2. momorulez November 10, 2015 um 3:51 pm

    Nun ja, ist ja nicht ausgeschlossen, dass die das umgekehrt mit mir auch traumatisch fanden😀 … werte es einfach als einen Ausruf wie einen Schrei, wenn was weh tut, und weil es zum Ausdruck kam, ging’s danach besser. Es bedarf da zumindest keiner Vertiefung.

  3. Pingback: Wenn alles zusammenkommt… Feiertag für den #FCSP gegen Fortuna Düsseldorf | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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