Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die allgegenwärtige Abwesenheit von Wechselseitigkeit

Ich durfte vor kurzem, was sehr viel Spaß gemacht hat, per Twitter  in „Direct Messages“ ein wenig beraten bei der Unterscheidung zwischen „Goldener Regel“ und „Kategorischem Imperativ“ – also zwischen „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu“ und „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“.

Gerade gestern ging bei Facebook ein Schaubild herum, das Formulierungen der „Goldenen Regel“ in den Texten aller Weltreligionen aufsuchte. Sie ist nichts Kulturspezifisches, weil sie zwischenmenschlichen Beziehungen als Möglichkeit immer schon innewohnt.

Kants Formulierung war dezidiert auch gegen die Macht der Kirchen gerichtet, die politisch-praktisch auf den zwischenmenschlichen Kernbestand des Richtigen zu scheißen pflegten und auf allerlei Hierarchien und Abstände pochten –Kant plädierte stattdessen für den Ausgang des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit durch den Gebrauch der Vernunft.

Der Kategorische Imperativ diente dabei u.a. als Denk-Mittel, instrumentelles Verhalten Anderen gegenüber durch das Prozedere der Begründung selbst zu ersetzen. Er verlangt strikte Symmetrie der Perspektiven wie auch Reziprozität, also Wechselseitigkeit des moralisch Gebotenen – sich selbst etwas zugestehen, was mensch Anderen aberkennt, geht nicht, folgt mensch ihm.

Allenfalls ein Appell, nicht purer Neigung, sondern eben der Begründungsverpflichtung nachzukommen, lässt sich ihm entnehmen – mit der üblen Folge, dass alles Emotionale ganz und gar patriachal in andere Bereiche des Zwischenmenschlichen verbannt wurde. Was von Schopenhauer bis Gilligan oft und vortrefflich kritisiert wurde.

Hier findet sich eben auch die Struktur, alles „weiblich“ konnotierte in das zu verlagern, was heute als „Care“-Bereich bezeichnet wird, ins Private, wo Männer die Beziehungspflege Frauen überlassen, während sie sich das öffentlich-politische Räsonnieren zubilligen. Auch das ein Erbe der Aufklärungsphilosophie und noch bei jeder FC St. Pauli-Abteilungsversammlung zu beobachten.

Jedoch: Ebenso ist hier der Kern bei Kant zuhauf aufzufindender Rassismen zu diagnostizieren. In den harmloseren Passagen weist er den „Südseebewohnern“ das „Befolgen reiner Neigung“ zu, während der weiße, „abendländische“ Mann ja zu Zucht und Ordnung fähig sei. Es finden sich in den „exoterischen“ Schriften auch drastischere Formulierungen.

Das Auffinden der „Goldenen Regel“ in den Texten aller Weltreligionen verweist auf den groben Unfug, den dieser kulturalistische White Supremacy-Blick nachhaltig wirksam verbrochen hat – indem er das ignorierte, was universal an Empathie und Vernunftgebrauch Menschen möglich wäre und auch immer schon war.

In seinem Buch über die „Identitätsfalle“ zeigt Armatya Sen unzählige Beispiele auf, dass eben das, was als „westlich“ gelabelt wird, ebenso andernorts in anderer Form aufschien und Praxis wurde. Nur dass ein verkürztes Rationalitätskonzept, dass sich von allem Emotionalen abkoppelte, im Westen am grausamsten operierte. Das ist Thema in Horkheimers und Adornos „Dialektik der Aufklärung“.

Wie kommen nun aber bei alledem jene Schreihälse, die vom „christlichen Abendland und Aufklärung“ schwadronieren, nun darauf, dass sie dessen Standards (die gar nicht kultur- und historisch spezifisch sind) selbst praktizieren würden?

Machen sie ja gar nicht. Sie erfinden fortwährend materiale Gründe für Ungleichheit, die formale Bestimmungen unterlaufen, die doch sowohl in der „Goldenen Regel“ als auch im Kategorischen Imperativ je unterschiedlich formuliert wurden.

Das Problem der „Goldenen Regel“ ist die Präferenz-Projektion, da hilft der Kategorische Imperativ doch erheblich weiter: Unterschiedliche Menschen wollen halt Unterschiedliches, das man ihnen tue, also sind bestimmte Präferenzen auch nicht als allgemeines Gesetz, also Verhaltensregel für alle, begründbar. Mal ganz kurz gefasst.

Das interessiert nur mit atemberaubender Ignoranz all die Hater gar nicht. Sie plädieren fortwährend für Abstandsgebote zum eigenen Privileg und erfinden dafür Gründe, wieso das nun wahlweise so called Heterosexuelle, „Staatsbürger“ usw. für sich in Anspruch nehmen dürfen, Andere jedoch nicht – und missbrauchen ihre Vernunftfähigkeit zur Herabwürdigung Anderer.

Würde das mal ernst genommen, was in der Bibel und z.B. bei Kant und universal eben auch sich aufspüren lässt, aber in Grundzügen bei Platon sich schon findet (es ist besser, Böses zu erleiden als Böses zu tun, so ganz grob der Gedanke aus dem „Gorgias“, und nein, das ist keine Untertanenmoral, es fordert zum Unterlassen illegitimer Herrschaft auf) nun zum Kernbestand der Überlieferungen gehört, ist z.B. die aktuelle Politik von Olaf Scholz einfach nicht begründungsfähig. Er müsste dann nämlich selbst ins Zelt ziehen.

Alles andere wäre, idealerweise, unwestlich, unchristlich und verstößt zudem gegen universale Moral (weil diese Konstruktionen wie „westlich“ und „Christentum“ eh Nonsens sind), die noch als Grundlage demokratischer Verfahren angeführt werden. DAs sind auch keine „Werte“, das sind Regeln des gelingenden Miteinanders. Da, wo Scholz diese Maßgabe verlässt, agiert er antidemokratisch.

Das ist nun ein anderes Argument als jenes „dann nehmt doch Geflüchtete bei euch Zuhause auf“, was einfach den reinen Selbstbezug implizierte, der in wirklich erstaunlichem Ausmaß alle Debatten prägt und wohl eine Art stoizistischen Erbes ist (ja, auch Seneca hat ohne Ende Spuren in der Bibel hinterlassen, deshalb glauben ja viele in deren Fall auch an alles andere als eine göttliche Offenbarung, zu viel Dionysos, zu viel Seneca, zu viel Gnosis trotz aller Versuche, sie auszuradieren). Michel Foucault brachte das auf die Formel „Die Sorge um sich“; eine heideggersche Formulierung.

Wenn Scholz meint, dass es gut für Geflüchtete sei, dass sie im Zelt bleiben, kann er das sinnvoll nur vertreten, wenn er das auch gut für sich fände, folgte er Traditionsbeständen des Denkens – eben der Wechselseitigkeit. Also, dann zieh mal um, Scholz! Oder aber, er will sie zur Abschreckung schlecht behandeln, dann müsste er fordern, dass auch er selbst zur Abschreckung falsch behandelt werden solle.

Nein, politische Debatten sind stattdessen durch eine erstaunliche Abwesenheit von Wechselseitigkeit geprägt, was nun dem gegenüber, was auch, nicht nur, das „abendländische Erbe“ formuliert, schlicht ignorant ist.

Die Pointe der „Goldenen Regel“ ist halt, dass man sich vorstellen möge, was das denn nun mit dem Anderen macht, was ich tue – sei es nun das Bestehen auf dem Verwenden rassistischen Begriffen und Darstellungen, das Aberkennen von Rechten LGBTIQ-Menschen und Geflüchteten gegenüber – es ist immer der reine Selbstbezug, der da wirkt, nicht das Erbe.

Die Abwesenheit von Symmetrie freilich ist deshalb nicht begründungsfähig, weil sie Voraussetzung des Begründungsprozesses selbst ist. Ja, das war nun ein Gedanke von Jürgen Habermas. Es wird dann ÜBER, nicht mehr MIT Menschen geredet, und das ist reine, illegitime Herrschaft und Machtmissbrauch.

Interessanterweise ist das eine extreme Vermännlichung von Gesellschaft. Männer reden über Status, Frauen über Beziehungen, das scheint auch eine universal patriachale Manifestation in kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht zu sein (und bedarf, um ernsthaft ausformuliert zu werden, der ergänzenden Kritik des cis-Sexismus und darüber hinaus), und nein, natürlich ist das nicht „natürlich“. Hedwig von Beverfoerde und Birgit Kelle wären in diesem Sinne „vermännlicht“.

Es gibt dann immer noch den Trick, einfach zu erfinden, was denn nun EIGENTLICH gut für den Anderen wäre. So holen die Homo-Hasser sich neuerdings enthaltsame Schwule auf die Bühne, die behaupten, es sei besser für sie, keinen Sex zu haben. Das ist das Einfallstor für die Therapeutokratie, die auch Michel Foucault zufolge die hehren Plädoyers der Aufklärung mittels der fiesen, kleinen Disziplinen und Normalisierungen unterlief (Deleuze Text zur „Kontrollgesellschaft“ fügt dem auch gar nichts Neues hinzu) mit drastischen Folgen: Lobotomie, Elektroschocks, tödliche Operationen.

Dieser Mangel an Wechselseitigkeit führte auch zu Kolonialismus und Völkermorden, und auch da lief etwas, was später therapeutokratisch wurde, mit: Die „Zivilsierung“ durch Missionare, immer begleitet von militärisch-mörderischer Macht und ökonomischer Ausbeutung, als Legitimationsdiskurs dem übergestülpt.

Es gibt freilich z.B. von Armatya Sen und Martha Nussbaum, beide nicht zufällig auch in so genannter „Entwicklungshilfe“ tätig, längst Gegenmodelle: Eben hinzusehen, welche Bedürfnisse und menschlichen Lebensformen auf welcher Grundlage sozusagen den Mindestbestand dessen, was mensch wechselseitig füreinander wollen könnten, definierte. Und das eben nicht für andere Weiße, andere Heten, andere Männer, andere Deutsche vorzubehalten, sondern ganz und gar universell. Weil es anders nicht begründungsfähig ist.

Um das dann fest stellen zu können, was das nun ist, dieser Kernbestand, bedarf es des praktischen Diskurses auf Basis der Wechselseitigkeit. Da hat Habermas einfach recht.

Alles andere ist die reine Willkür der Mächtigen. Und exakt deren Prämissen folgt aktuell z.B. Olaf Scholz.

2 Antworten zu “Die allgegenwärtige Abwesenheit von Wechselseitigkeit

  1. MartinM Oktober 16, 2015 um 12:22 pm

    Damit stellt sich für mich die Frage, wiese ein verkürztes Rationalitätskonzept, das sich von allem Emotionalen abkoppelt, offensichtlich so beliebt ist, und zwar auch und gerade bei Menschen, die sich selbst als humanistisch und links verorten.

    Meine ad-hoc-Hypothese: Es macht die Dinge einfach. Marxens Kurzformel, „Jedem nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten“ lässt sich in einer ent-emotionalisierten, reduktionistischen und naturalistischen, von einer strikten Pflichtethik bestimmten Weltsicht relativ „einfach“ verwirklichen: Erst werden die „objektiven“ Bedürfnisse eines Menschen bestimmt – wobei ausschließlich materielle Bedürfnisse relevant sind – dann die „Fähigkeiten“ bestimmt – Intelligenz, Belastbarkeit, Teamfähigkeit usw. – selbstverständlich durch „völlig objektive“ Messverfahren.
    Der Punkt ist dabei gar nicht mal so die (gar nicht herstellbare) „Objektivität“, sondern die „eiskalte Utopie“, in der „Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit“ (Lenin) ist, wenn nicht so etwas wie „freier Wille“ von vornherein kategorisch bestritten wird.
    Marx‘ menschenfreundliche Utopie (gut, er hätte sich gegen das Wort gewehrt) wird in dieser reduktionistischen und pflichtethischen Weltsicht zu so etwas wie „Harz-IV für alle“ plus „persönliche Leistungsfähigkeit optimal nutzen“ – vielleicht sogar gepaart mit ökonomischen Phantasien, um wie viel produktiver so ein „Kommunismus“ gegenüber dem Kapitalismus wäre.

  2. momorulez Oktober 16, 2015 um 12:49 pm

    Der Witz bei Sen ist, dass er das liberal deutet – Sicherung menschlicher Grundfunktionen plus „freier Markt“. Was auf Ähnliches hinaus liefe. Und das Problem bei Narx ist, dass, meines Erachtens, Revolutionäre Praxisphilosophie, die Entfremdungstheoreme wie auch die objektivistischen Analysen des „Kapitals“ recht unvermittelt nebeneinander stehen. Ja klar, er versucht’s, aber gerade zwischenmenschliche Dinensionen werden dann abstrakter, als sie sind. Und die Attraktivitöt des Funktionalismus liegt, glaube ich, auch im männlichen Bedürfnis, der herrschende „Macher“ sein zu wollen begründet.

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