Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Meinungsfreiheit? Kurzer Kommentar zur Zusammenfassung einer Rede von Salman Rushdie zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse

(Ist mir gerade bei Facebook passiert, ich hole es mal hier rüber):

Einerseits:

„„Die Begrenzung der Meinungsfreiheit ist nicht nur Zensur, sie ist ein Angriff auf die menschliche Natur.““

Andererseits:

„Literatur und Kunst nehmen die Welt nach den Worten von Rushdie nicht als etwas Gegebenes hin, sondern hinterfragen die Familie, die Politik und die Religion.“

Ja, wat denn nu? Klar kann mit de Beauvoir/Sartre „die menschliche Natur“ über Leiblichkeit plus „Defizit an Sein“ bestimmt werden und somit als absolute Freiheit der Selbsterfindung.

Ist nur schwierig, das mit Worten wie jenen Rushdies gegen den vermeintlichen PC-Terror in Stellung zu bringen, wenn die, die das ansonsten zumeist tun, in der Regel Familie und nur eine ganz bestimmte Form von Politik – weiß-völkisch-rassistisches-biologistisches Familiengedusel, zusammen gefasst – gelten lassen wollen. Weil die es ja sind, die alles Andere verurteilen, nieder machen, verbieten und mundtot machen wollen (siehe z.B. die Attacken auf Genderforschungs-Professuren oder Putin in Russland und sein „Homopropaganda-Gesetz“, das große Vorbild aktueller Verfechter der „Meinungsfreiheit“ in Deutschland und Frankreich). Und das oft auch noch religiös begründen, was denn nun angeblich die Menschennatur sei. Die atheistischen Zweige dieses Denkens folgen oft exakt den Mechanismen, die Horkheimer und Adorno als „Aufklärung schlägt in Mythologie zurück“ beschrieben haben in der „Dialektik der Aufklärung“. Dann, wenn sie wissenschaftlich-positivistisch ansetzen.

Diese Plädoyers für rücksichtsloses und unreflektiertes Rumgepöbel und wahre Beleidigungsorgien gegen eh schon Diskredierte, dieser Wille zur Demütigung, der sich da ggf. nunmehr auf Rushdie glaubt berufen zu können – die Vertreter dessen verstehen in der Regel eben gerade NICHT das Hinterfragen mittels des Wortes, sondern speisen sich vom Vorurteil und stabilisieren Mythos statt Aufklärung (im Wort-, nicht ausschließlich im historischen Sinne, war  die Aufklärungsphilosophie nun mal nicht nur, aber auch Legitimationsdiskurs von Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus) mit ihrem „Kultur“gequassel. Das lenkt nur von manifesten Machtinteressen ab. Und das sind immer auch die Interessen tatsächlich dominanter Bevölkerungsteile.

All diese sich aus der Struktur der „Protokolle der Weisen von Zion“ speisenden Übermächtigungsfantatsien durch Minderheiten sind reine Projektionen, Befürchtungen, die eigene Praktiken gedanklich bei Anderen anzusiedeln, um von sich selbst abzulenken. Nein, das gilt nicht für Rushdie, aber für die, die ihn nun als Beleg anführen werden.

Mit dem, was das Plädoyer für Meinungsfreiheit gegenüber Kirche und Staat historisch mal wollte, hat das in der Regel auch nix mehr zu tun. Wie auch jeder sofort zu spüren bekommt, der nicht fortwährend den Speichel der ach so „Toleranten“ leckt, sondern eben auch diese hinterfragt, und sei es auch nur unter Berufung auf die eigene Geschichte.

Das Stänkern gegen „Political Correctness“ VERHINDERT gerade, dass mal Geschichten erzählt werden, die etwas weitergehend befragen und Neuland erschließen. Insofern ist das einfach selbstwidersprüchlich, was da zusammen gefasst steht.

Schade, dass Rushdie seine Autorität nicht nutzt, das Ganze etwas differenzierter zu erzählen. Hat er ja vielleicht im Wortlaut. Muss ich noch mal raussuchen.

Das kann mensch ja angesichts seiner Vita auch verstehen; aber „Black Album“ seines Freundes Kureishi ist bestimmt nicht deshalb ein spannendes und bedeutendes Buch, weil es im Wüten gegen „PC“ die Sau raus ließe, sondern weil es aus einem Verständnis der Diaspora-Situation heraus unter impliziten Bezügen auf James Baldwin und andere den Angriff auf jene unternimmt, die Rushdie jagten. Was angesichts vieler Vorgänge in den Nullerjahren wirklich prophetisch war, ebenso „My son is a fanatic“.

Falls er das so gesagt hat, wie es da zusammen gefasst steht, fällt Rushdie hinter diese Diskussion der frühen 90er sehr weit zurück. Schade. Ihm zu lauschen ist ja an sich Gebot.

Meinungsfreiheit ohne Empathie und Analysefähigkeit ist eben auch nur eine leere Formel und somit das Gegenteil gelungener, literarischer Perspektiven.

Was nun keine Verurteilung im buchstäblichen Sinne durch welche selbst erklärten Gotteswortvollstrecker auch immer je rechtfertigen würde. Klar hat Rushdie da die volle Solidarität.

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