Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Imaginationsarbeit an die Macht: FC St. Pauli – SSV Sandhausen 1:3

IMG_6010

Bevor ich weiteres schreibe: Bitte alle erst mal die Rede Abimbolas anhören!

Es ist supercool, „Refugees Welcome“-Schals im Stadion zu verteilen. Es ist grandios, auf die Lage der Roma bei der irrwitzigen Praxis, irgendwelche Drittländer als „sicher“ auszuweisen, in einer Choreo aufmerksam zu machen. Was deren Vertreter denken, sagen und erleben, kann hier angehört werden! Der Blick gehört immer auf die Bedürfnisse und Interessen der Betroffenen zurückgelenkt.

Ein sehr treffender und ausführlicher Kommentar zum Thema „Geflüchtete“ findet sich beim „Lichterkarussell„. Danke dafür! Der auch aufzeigt, wo ehrenamtliches Engagement kontraproduktiv wirken kann, wenn es sich in die neoliberale Matrix fügt. Exakt das ist wohl eines der großen Themen für die Zukunft des FC St. Pauli: Wie kann strukturell das entfaltet werden, was bisher von symbolpolitischer Ehrenamtlichkeit Nicht-Betroffener verklebt wird?

Was noch grandioser wäre als eine Choreo ist nämlich, Visionen zu erdenken, was denn nun passierte, wenn alle Forderungen von Bleiberecht bis zu Arbeitserlaubnissen und einem zugunsten Betroffener veränderten Ayslrecht erfüllt wären.

Sind sie nicht, weiß ich ja auch, aber das wird sich auch niemals ändern, richtet sich die Imagination nicht auf ein „Was wäre wenn“ statt reiner Abwehrarbeit.

Meines Wissens leben einige der Lampedusa-Flüchtlinge längst wieder auf der Straße, also da, wo sie der Senat schon vor zwei Jahren einfach krepieren lassen wollte, das schließe ich zumindest aus dessen Verhalten, um sie noch bei starkem Regen aus dem Park vertreiben zu lassen. Dass so was so ohne weiteres möglich ist, liegt immer AUCH an Strukturen in linken Szenen, wo das eigene Süppchen, also der Status in irgendwelchen Stadteilinitiativen, wichtiger zu werden droht als das, was die Betroffenen wollen.

Ja, der große strategische Fehler war ja tatsächlich, nun Klobürsten, ESSO-Häuser und Flora mit Lampedusa zu vermengen. Und es ist nicht so, dass Geflüchtete automatisch als Vision ihres guten Lebens das HArtz IV-Aufstockertum als Küchenhilfe verfolgen, wo sie dann noch ständig von Streifen des Zolls drangsaliert werden.

Nach der Solidarität mit den Ex-Bewohnern der Messehallen ist nun eine neue Chance gegeben. Lasst sie uns nutzen!

Wir haben im Stadion zwar bei einigen eine ausgesprochene – buchstäblich – Weltfremdenfeindlichkeit (also Feinseligkeit gegenüber vermeintlich „Weltfremden“, nicht, dass das wieder wer falsch liest), die dann mutmasslich der Meinung ist, jeder Schwule z.B. sollte sich schon mal damit zufrieden geben, nicht gleich aufs Maul zu bekommen, sonst sei er nicht verlinkbar. Oder so was in die Richtung.

Aber: Das kann ja nun alles kein Anlass sein, ständig nur an den Vorgaben der Anderen zu kleben. Wo sind denn die Visionen? Ja, ich bin dabei, Du bist dabei, wir sind dabei – dazu müssen wir das aber wollen. Bei dem ESSO-Häuser- Terrain ist ja schon mal Bewegung in eben diese Richtung drin, wenn ich nicht völlig fehl informiert bin. Beim FSK sowieso auch.

Das Interessante an der nun auch problemlos in Bausch und Bogen in die Tonne zu wetternden 60er-Jahre-Bewegungen war ja, dass sie noch aus der Utopie sich speisten. „I have a dream …“

Das ist zwar seitdem out, aber ist ja nun nicht so, dass der Utopieverzicht irgendwas verbessert hätte. Es wirkt wenn überhaupt noch die Vision von damals nach, und sie ist auch weiterhin Objekt des Hasses – wahr wurde stattdessen die durchkonzipierte und durchgesetzte neoliberale Visionen, die sich als „Realismus“ tarnten.

Blickt mensch zurück in die Texte z.B von Marcuse, nun wirklich nicht mein Lieblingsdenker und seitenweise auch mal hochproblematisch, dann ist gerade heute mit Gewinn zu studieren, was er über das Realitätsprinzip schrub:

„Das ursprüngliche Lustprinzip, gerichtet auf die unmittelbare und vollständige Befriedigung der Triebwünsche, gelangt unter dem Einfluss einer durch materiellen Mangel geprägten Wirklichkeit unter die Herrschaft des Realitätsprinzips. Die Erfüllung der Triebwünsche wird unter der Wirkung gesellschaftlicher Herrschaft zurückgestellt, dadurch entsteht das bewusste, denkende und sich erinnernde Subjekt. Das Lustprinzip wird ins Unbewusste verdrängt und nur die Phantasie gelangt nicht unter die Herrschaft des Realitätsprinzips. Die Unterdrückung des Lustprinzips jedoch schwächt den Eros zugunsten der destruktiven Tendenz des Thanatos und führt so zu den soziopathologischen Dynamiken moderner Gesellschaften wie Krieg und Massenmord. Im Unterschied zu Freud jedoch sieht Marcuse die Ananke (Lebensnot), unter deren Einfluss die Repression der Triebe sich entwickelt, als historisch-kontingentes Faktum und nicht als zeitlose Bedingung menschlicher Existenz schlechthin an. Die historisch vorherrschende Form des Realitätsprinzips ist das Leistungsprinzip.“

An der Utopie maximaler Tirebbefriedung ist freilich noch intensiv herum zu denken; zu schnell wandelt sie sich in patriachale Fantasien reiner Ego-Durchsetzung.

Das ist übrigens einer der Gründe, aus denen sich Habermas so auf Intersubjektivität, das Zwischenmenschliche, fokussierte. Das umgehen ja die Kritischen Theoretiker der ersten Generation in atemberaubender Form, wie so viele politische Theorien. Im Zwischenmenschlichen gilt Wechselseitigkeit, soll es gelingen. Wird gerne mal vergessen.

Aufgrund solcher Erwägungen wie denen Marcuses kam es aber zu Slogans wie „Phantasie an die Macht“ – nur sie entzieht sich dem Druck des Realitätsprinzips, das dazu führt, wie eine Fliege am ekligen Streifen zu kleben, der von der Decke der Wirtschaftswelt hängt.

Interessant daran ist auch, das wie letztlich auch bei Marx, wo der Mensch in der (nur angedeuteten) Utopie den Naturzwängen enthoben ist, also auch dem Arbeiten müssen, das Modell nicht am Mangel orientiert ist. Es KANN aus der Fülle geschöpft werden, das ist längst so beim aktuellen Stand der Produktivkraftentwicklung. All die Kuchen-Philosophien sind falsch. Mensch bracht ja nur mal gucken, was eine Fussballvereinsabteilung wie die AFM an Verteilungsmasse so alles anhäuft und was für Kohle bei jeder Millerntor-Gallery rum läuft.

Nur die Imagination entzieht sich dem Realitätsprinzip, nicht die unverortete Kritik.

Ich halte das ja mittlerweile für einen Fehler tradierter Modelle. Klar, die standen unter dem Druck des Stalinismus als Horror-Entwicklung der Utopie – aber mal die im Mittelmeer Ersaufenden mit dem Gulag verglichen … rechtfertigt den Gulag auch nicht. Aber Frontex ebenso wenig.

Ich plädiere von daher unverdrossen für Imaginationsarbeit. Wieso sollen denn immer nur die der Anderen sich verwirklichen – „deutsche Einheit“ statt Bürger- und Menschenrecht, zum Beispiel?

Auf das Spiel am Samstag bezogen heißt das: Was für eine strategische Meisterleistung! Es gibt ja die Praxis des „Reframings“ in manchen individualtherapeutischen Methoden: Ändere den Bezugsrahmen Deines Fokus, und auf zauberhafte Art wandelt sich Dein Leben. Das geht. Habe ich oft erfahren.

Eine solche Sicht läse das Spiel wie folgt: Mensch, da war das Selbstbewusstsein der Mannschaft aber an einen Punkt gestiegen, der zur Leichtfertigkeit verführte. Könnte die Zuschauerin denken. Aber: Nee, nix da. Sie spürten, dass die Favoritenrolle ja auch den Spaß und die Leidenschaftlichkeit austreibt. Alles so easy … öde. Und wenn die Konkurrenz das frisst und auch glaubt, dass wir ja eh immer gewinnen und jedes Tor verhindern, vertreiben wir ja auch nur die Spannung aus der Liga. Außerdem lernen wir so Frustrationstoleranz.

Sollen die Anderen uns doch lieber für punktuell vertölpelt halten und denken, dass wir Rückständen eh immer nur ergebnislos hinterher laufen: Das schafft für uns Räume zum Spaß haben.

Dumm nur, dass der Schiri das gleich gemerkt hat. Und vor lauter Wut und Neid über die Raffinesse der Taktik pfiff er eine Symphonie des Egos.

Was nur wieder die Imagination unserer Spieler für die Zukunft befeuerte, wenn sie dieses als immerwährend ihnen begegnende Realität einfach nicht anerkennen wollen. Das Denken der Alternativen zum Erlebten speist Imaginations-Energien, die sich Spielfluss, Fairness und Lustgewinn wünschen, und wartet nur ab, wie die sich beim nächsten Spiel – von mir aus auch dem übernächsten – dann zeigen …

Während die Sandhausener jetzt irrtümlich glauben, sie könnten ganz leicht mal eben so Tore schießen und notfalls immer hinfallen und rumtreten, der Schiri regele das dann schon. Das kippt als Ego-Wunsch in Gegenteil um.

Also, ich glaube, Sandhausen hat sich am Samstag echt in Abstiegsgefahr begeben. Tut mir ja leid für die. Kann man nichts machen.

Wir aber schon! Man, ey, was für eine akut weltfremde, perspektivisch aber lustvoll-utopische Möglichkeiten dieser Fußballverein in sich birgt, das ist mir ja erst bei der AFM-Versammlung wieder so richtig klar geworden.

Nutzen wir sie!

2 Antworten zu “Imaginationsarbeit an die Macht: FC St. Pauli – SSV Sandhausen 1:3

  1. Pingback: Matchday 10: FC Sankt Pauli – SV Sandhausen 1-3 | FCSP Athens South End Scum

  2. Pingback: #FCSP gegen Sandhausen – kein Tag zum Feiern (bis auf die Fertigstellung der Nord) | KleinerTods FC St. Pauli Blog

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s