Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Ein bundesweites Vorbild! Die AFM des FC St. Pauli steckt 450.000 Euro in die Antidiskriminierungsarbeit!

Ich muss ja sagen: Selten war ich so begeistert wie von der gestrigen AFM-Versammlung! 

Die Ära Gunkel, als ein intransparent agierendes Grüppchen Kleinbeträge gönnerhaft wie Papa das Taschengeld an diverse unterstützenswerte Projekte der Fanszene verteilte, ist ja zum Glück vorbei. 

Damals, als erstmal in Bittstellerhaltung von Diskriminierung Betroffene und ihre Unterstützer in finsteren Spelunken Lobby-Arbeit betreiben mussten, um ein Anliegen als förderungswürdig auszuweisen. Als in diversen Hinterzimmern einem der Fanszene-Gottkönige buchstäblich in den Arsch zu kriechen war, weil ohne Bauchpinselung gar nichts lief. Als es zuging wie bei irgendeinem provinziellen SPD-Unterbezirk – das ist nun aus und vorbei. Ein für allemal. 

Jener Teil der Vereinsgeschichte also, da alle sich fragten, wieso die fähigste Vertreterin aus dem Vorstand ausschied, sie das selbst jedoch nicht begründete und Herr Gunkel, ganz Mann, großherzig für eine Frau sprach: Sie gehören der Vergangenheit an. 

Im Nachhinein wird sie mit Gruseln und Entsetzen als die „Ära 3%“ bezeichnet – weil dieses eben der Prozentsatz war, der in den Abteilungszweck „Kulturförderung“, mal kurz gefasst, floss. Am meisten von den „3%“ erhielt imner der Museumsverein – es wurde gemunkelt, das läge darin begründet, dass Vorstände dessen auch Aufsichtsräte des FC St. Pauli stellten. Ein Buddy-System nur für Eingeweihte, das alles heraus mobbte, was sich nicht bedingungslos unterwarf. Viele blieben auf der Strecke und raunten verängstigt und hinter vorgehaltener Hand Worte wie „mafiös“ und „unerträglich“ …

Doch nun ist alles anders! Ich bemerkte es schon beim Betreten des Ballsaales: Die Zeiten einer rein weißen Versammlung, bei der ich mich manchmal fragte, ob das nicht vielmehr der Bevölkerungsstruktur sächsischer Kleinstädte entspräche, sind tatsächlicher Vielfalt gewichen. People of Colour waren machtvoll und dominant vertreten. Nicht nur im Publikum, auch im neu gewählten Vorstand. Auf den roten Stühlen knutschten Schwule und Lesbenpärchen in großer Zahl, auch das Thematisieren von Inklusion zeigte Wirkung: Eines der Vorstandsmitglieder wetterte lautstark gegen Ableismus, der ihm im Alltag allerorten entgegen schlägt und erhielt großen Beifall. 

Ebenso begeisterte mich, dass das Motto „Fantasie an die Macht – wir gestalten aktiv unseren Verein!“ auch bei der finanzkräftigsten Abteilung des Vereins nun vollkommen gegriffen hat. Hatten ihr die Millerntor Gallery und andere ja auch lange genug vorgemacht, wie das geht. Kein Wunder, zwei der neuen Vorstandsmitglieder sind Frauen, die wissen, wie das geht. Und mit Sophie Müller hat nun auch die ausschließliche cis-Gender-Dominanz in der Fanszene den Beginn eines Wandels vollzogen. Auch ist nicht genug abzufeiern, dass der strikten Verbürgerlichung durch einen ehemaligen „Stricher“ im Führungsgremium entgegen gewirkt wurde und somit erste Versuche, Anknüpfungspunkte zur Realgeschichte des Viertels zu suchen, fruchteten.

Auch weiterhin fließen die großen Teile des Etats vorbildlich in die Jugendförderung. Großartig! Durch das Einstellen eines schwarzen Antidiskriminierungsbeauftragten – männlich nur deshalb, weil eben doch vor allem Jungs  den Nachwuchs in Fussballdeutschland stellen, in anderen Fällen ist im Etat das gut bezahlte Engagieren erfahrener, weiblicher Coaches vorgesehen – wurde schon Erstaunliches in der Jugendarbeit bewirkt: Alleine dadurch, dass Betroffene einen qualifizierten Ansprechpartner fanden, wurden versteckte rassistische und heterosexistische Strukturen zugänglich, die zuvor niemandem auffielen. Außer denen, die es ausbaden mussten. Hiermit wurde dank der Finanzierung durch die AfM wahrlich ein Leuchtturm geschaffen: Bundesweit informieren sich nun Sportvereine bei uns über die Erfahrungswerte, die sich nicht zuletzt auch im sportlichen Erfolg der Teams zeigt. Wo unterschwellige Probleme erkannt werden, stimmt auch der Mannschaftsgeist. An mehreren amerikanischen Elite-Universitäten entstehen derzeit Doktorarbeiten über die Jugendarbeit des FC St. Pauli, die deutschen sind da noch nicht so weit.

Doch auch für die Zukunft wurde gestern ein unübersehbarer Meilenstein am Weg des FC St. Pauli gebaut. Statt der Begierde der Geschäftsführer Rettig und Meggle nachzugeben, wurde beschlossen, aufgrund des Scheiterns des Projektes „Kollau Zwei“ die nicht verwendeten Gelder von 450.000 Euro komplett in die FC St. Pauli-Empowerment-Stiftung zu überführen. Herr Rettig möge doch Wege finden, das Geld, was er abgreifen wollte, anders zu erwirtschaften. Dazu sei er ja da. Applaus.

Die Stiftung erüllt die Aufgabe von Forschung, Beratung, Coaching und des Bereitstellens von Wissen in Antidiskriminierungsfragen. Sie schult kompetent und mit tatsächlichen, nicht nominellen Experten besetzt Gremien, Fanclubs, Mitarbeiter der Geschäftsstelle und kostenpflichtig auch jene von Sponsoren, stellt so Anschluss an den internationalen Standard der Diskussion her. Und sie agiert bundesweit. Andere Vereine und Fanszenen können die Leistungen gegen Bezahlung nutzen, ebenso Universitäten und Schulen.

Der Jubel war groß. Wellen der Erleichterung wogten durch die Anwesenden. Manche erinnerten sich mit Schaudern daran, wie es war, als erst nach intensiven Vorarbeiten rund um die Hüter der Schwelle das Vorwagen in die Gunkel-Höhle mit einem devoten „Bitte, Bitte!“-Sagen verbunden war und als Lohn ein wohlwollendes Lächeln und ein Kleckerbetrag für das „Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus“ winkte.

Alle gemeinsam freuten sich, dass die Erkenntnis sich durchsetzte: Antidiskriminierungsarbeit kostet Geld. Was ökonomisch marginalisiert wird, bleibt dies auch gesellschaftlich. Und es sollen Betroffene von ihr profitieren, es soll ihren Interessen dienen, nicht der narzißtischen Befriedigung selbstbezüglicher Mehrheitsgesellschaftler.

So viel Einigkeit war selten!

Final beschlossen die Anwesenden noch einen Appell an Präsidium und Geschäftsstelle, dass Teile der Erlöse aus dem Verkauf der „Regenbogen-Trikots“ und zugehöriger Assessoires an die Berliner LesMigras gehen sollen, um ihnen zu ermöglichen, eine Hamburger Dependance zu gründen. Freilich nur, wenn die das auch wollen. Der anschließende Applaus: Einfach nur überwältigend.

5 Antworten zu “Ein bundesweites Vorbild! Die AFM des FC St. Pauli steckt 450.000 Euro in die Antidiskriminierungsarbeit!

  1. Pingback: Mit 5 Punkten aus der Englischen Woche steht der #FCSP gut da – auch bei der AFM läuft es | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. MrsNextMatch Oktober 7, 2015 um 7:46 am

    Echt jetzt? Wenn das keine Fanfiction war, überlege ich glatt, eines Tages mal wieder ins Stadion zu gehen.

  3. momorulez Oktober 7, 2015 um 7:59 am

    Es ist bedauerlicherweise Fanfiction. Die sich der Fassungslosigkeit verdankt, dass meine Vereinsabteilung auf derart viel Kohle sitzt und dem Abteilungszweck zufolge all das Beschriebene auch problemlos möglich wäre, das also im Sinne der Zweckbindung so eingesetzt werden könnte, ohne neue Vereine zu gründen oder irgendwas – dann aber behauptet wird, es lägen ja gar keine Ideen vor, wie das Geld mal ausgegeben werden kann.

    Dabei liegt dem Vorstand das Konzept für die Antidiskriminierungsstiftung seit einem Dreivierteljahr vor mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass eben auch da auf allen Hierarchiebenen PoC vertreten sein müssen und auch Frauen.

    Das Lustigste ist, dass es mir dann den Vorwurf des „Weltfremden“ und Unverlinkbaren eintrug😉 – mitten aus total antirassistischen Kreisen.

    Da sieht mensch mal wieder, wie die die Welt so sehen.

    Also besser noch abwarten vor der Rückkehr. Aber irgendwas ist in Bewegung, das spüre ich schon. Und ich sag Dir dann als erstes Bescheid!!!

  4. MrsNextMatch Oktober 12, 2015 um 10:23 am

    Auf jeden Fall ist es sehr inspirierend gewesen, es zu lesen. Danke dafür! Was Schland ‚weltfremd‘ findet, ist in entwickelteren Ländern schon lange als einzig logische Policy verstanden und vielerorts umgesetzt. Und dann wundern sie sich immer, warum sie ein rückständiges Image haben. Der ‚gesunde Menschenverstand‘ kommt halt nicht von der heiligen Dreifaltigkeit sondern wird von reichlich kaputten Traditionen reinsozialisiert. Es muss schwer sein, das zu raffen, für Menschen, die zur Aufrechterhaltung ihres Selbstwertgefühls auf Alleinherrschaft angewiesen sind…

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