Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Oktober 2015

Die allgegenwärtige Abwesenheit von Wechselseitigkeit

Ich durfte vor kurzem, was sehr viel Spaß gemacht hat, per Twitter  in „Direct Messages“ ein wenig beraten bei der Unterscheidung zwischen „Goldener Regel“ und „Kategorischem Imperativ“ – also zwischen „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu“ und „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“.

Gerade gestern ging bei Facebook ein Schaubild herum, das Formulierungen der „Goldenen Regel“ in den Texten aller Weltreligionen aufsuchte. Sie ist nichts Kulturspezifisches, weil sie zwischenmenschlichen Beziehungen als Möglichkeit immer schon innewohnt.

Kants Formulierung war dezidiert auch gegen die Macht der Kirchen gerichtet, die politisch-praktisch auf den zwischenmenschlichen Kernbestand des Richtigen zu scheißen pflegten und auf allerlei Hierarchien und Abstände pochten – Mehr von diesem Beitrag lesen

Meinungsfreiheit? Kurzer Kommentar zur Zusammenfassung einer Rede von Salman Rushdie zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse

(Ist mir gerade bei Facebook passiert, ich hole es mal hier rüber):

Einerseits:

„„Die Begrenzung der Meinungsfreiheit ist nicht nur Zensur, sie ist ein Angriff auf die menschliche Natur.““

Andererseits:

„Literatur und Kunst nehmen die Welt nach den Worten von Rushdie nicht als etwas Gegebenes hin, sondern hinterfragen die Familie, die Politik und die Religion.“

Ja, wat denn nu? Klar kann mit de Beauvoir/Sartre „die menschliche Natur“ über Leiblichkeit plus „Defizit an Sein“ bestimmt werden und somit als absolute Freiheit der Selbsterfindung.

Ist nur schwierig, das mit Worten wie jenen Rushdies gegen den vermeintlichen PC-Terror in Stellung zu bringen, wenn die, die das ansonsten zumeist tun, in der Regel Familie und nur eine ganz bestimmte Form von Politik – weiß-völkisch-rassistisches-biologistisches Familiengedusel, zusammen gefasst – gelten lassen wollen. Weil die es ja sind, die alles Andere verurteilen, nieder machen, verbieten und mundtot machen wollen (siehe z.B. die Attacken auf Genderforschungs-Professuren oder Putin in Russland und sein „Homopropaganda-Gesetz“, das große Vorbild aktueller Verfechter der „Meinungsfreiheit“ in Deutschland und Frankreich). Und das oft auch noch religiös begründen, was denn nun angeblich die Menschennatur sei. Die atheistischen Zweige dieses Denkens folgen oft exakt den Mechanismen, die Horkheimer und Adorno als „Aufklärung schlägt in Mythologie zurück“ beschrieben haben in der „Dialektik der Aufklärung“. Dann, wenn sie wissenschaftlich-positivistisch ansetzen.

Diese Plädoyers für rücksichtsloses und unreflektiertes Rumgepöbel und wahre Beleidigungsorgien gegen eh schon Diskredierte, dieser Wille zur Demütigung, der sich da ggf. nunmehr auf Rushdie glaubt berufen zu können – die Vertreter dessen verstehen in der Regel eben gerade NICHT das Hinterfragen mittels des Wortes, sondern speisen sich vom Vorurteil und stabilisieren Mythos statt Aufklärung (im Wort-, nicht ausschließlich im historischen Sinne, war  die Aufklärungsphilosophie nun mal nicht nur, aber auch Legitimationsdiskurs von Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus) mit ihrem „Kultur“gequassel. Das lenkt nur von manifesten Machtinteressen ab. Und das sind immer auch die Interessen tatsächlich dominanter Bevölkerungsteile.

All diese sich aus der Struktur der „Protokolle der Weisen von Zion“ speisenden Übermächtigungsfantatsien durch Minderheiten sind reine Projektionen, Befürchtungen, die eigene Praktiken gedanklich bei Anderen anzusiedeln, um von sich selbst abzulenken. Nein, das gilt nicht für Rushdie, aber für die, die ihn nun als Beleg anführen werden.

Mit dem, was das Plädoyer für Meinungsfreiheit gegenüber Kirche und Staat historisch mal wollte, hat das in der Regel auch nix mehr zu tun. Wie auch jeder sofort zu spüren bekommt, der nicht fortwährend den Speichel der ach so „Toleranten“ leckt, sondern eben auch diese hinterfragt, und sei es auch nur unter Berufung auf die eigene Geschichte.

Das Stänkern gegen „Political Correctness“ VERHINDERT gerade, dass mal Geschichten erzählt werden, die etwas weitergehend befragen und Neuland erschließen. Insofern ist das einfach selbstwidersprüchlich, was da zusammen gefasst steht.

Schade, dass Rushdie seine Autorität nicht nutzt, das Ganze etwas differenzierter zu erzählen. Hat er ja vielleicht im Wortlaut. Muss ich noch mal raussuchen.

Das kann mensch ja angesichts seiner Vita auch verstehen; aber „Black Album“ seines Freundes Kureishi ist bestimmt nicht deshalb ein spannendes und bedeutendes Buch, weil es im Wüten gegen „PC“ die Sau raus ließe, sondern weil es aus einem Verständnis der Diaspora-Situation heraus unter impliziten Bezügen auf James Baldwin und andere den Angriff auf jene unternimmt, die Rushdie jagten. Was angesichts vieler Vorgänge in den Nullerjahren wirklich prophetisch war, ebenso „My son is a fanatic“.

Falls er das so gesagt hat, wie es da zusammen gefasst steht, fällt Rushdie hinter diese Diskussion der frühen 90er sehr weit zurück. Schade. Ihm zu lauschen ist ja an sich Gebot.

Meinungsfreiheit ohne Empathie und Analysefähigkeit ist eben auch nur eine leere Formel und somit das Gegenteil gelungener, literarischer Perspektiven.

Was nun keine Verurteilung im buchstäblichen Sinne durch welche selbst erklärten Gotteswortvollstrecker auch immer je rechtfertigen würde. Klar hat Rushdie da die volle Solidarität.

Momo on the Radio: Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum, FSK, 12.10. 2015, 14-16 h

Morgen mal wieder, da dringt sie, die Stimme des Blogbetreibers Momo Rulez, aus den Radioboxen – für die, die es hören wollen.

Diesmal sind die „Tales“ vermutlich noch kryptischer und assoziativer geworden als sonst 😀 – aber sie sollen ja auch eher Denk- und Vorstellungsräume eröffnen als Flugblattweisheiten konsumierbar verkünden. Das mundgerecht Aufbereitete ist  eher ein Problem in Zeiten vorschneller Antworten, die Egos kitzeln und dann die nächste Sau im Dorf reiten. Glaube ich zumindest. In denen zu viel vorgefertigt von Zungen perlt und einen Cocktail scheinbaren Realismus‘ wie leicht dosiertes Gift im Hardboiled-Krimi für Hörende und Lesende anrührt.

Diesmal geht es um Fantasie und wie sie politisch wirkt, im Guten wie im Schlechten; Alien-Landungen, Heimatfilme und katholische Verschwörungstheorien wie auch die Stirn von Rainald Goetz umspült Musik,  ganz so, wie Brandung Relikte und Artefakte im Erzählstrom aufgetürmter Küsten höhlt.

Hier wie immer die Tracklist:

Donna Summer – On The Radio
Joe Stafford – Use your Imagination
Imagination – Illusion
Prince – Sometimes It Snows In April
Bollock Brothers – Faith Healer
Bronski Beat – Screaming
Pet Shop Boys – Being Boring
Duke Ellington feat. Ben Webster – In A Jam
Shirley Bassey – Birth Of The Blues
Thievery Corporation – Le Monde
Nick Chacona – The Fear
Hans Albers – Das Herz von St. Pauli
Montego Joe – Freestyle
Licky – African Rock
Nuclear Family – Rise
Gloria Gaynor – I Am What I Am
Stevo – Pay The Price
Lana Del Ray – Music To Watch Boys To
Arnold Schönberg – Orchestral Pieces, Opus 16, Nr. 1
Stephen King, Dense Macabre, München 1988
Jean-Paul Sarte, Das Imaginäre, Reinbek bei Hamburg 1971
Zu hören wie immer beim FSK! Viel Spaß dabei!

Imaginationsarbeit an die Macht: FC St. Pauli – SSV Sandhausen 1:3

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Bevor ich weiteres schreibe: Bitte alle erst mal die Rede Abimbolas anhören!

Es ist supercool, „Refugees Welcome“-Schals im Stadion zu verteilen. Es ist grandios, auf die Lage der Roma bei der irrwitzigen Praxis, irgendwelche Drittländer als „sicher“ auszuweisen, in einer Choreo aufmerksam zu machen. Was deren Vertreter denken, sagen und erleben, kann hier angehört werden! Der Blick gehört immer auf die Bedürfnisse und Interessen der Betroffenen zurückgelenkt.

Ein sehr treffender und ausführlicher Kommentar zum Thema „Geflüchtete“ findet sich beim „Lichterkarussell„. Danke dafür! Der auch aufzeigt, wo ehrenamtliches Engagement kontraproduktiv wirken kann, wenn es sich in die neoliberale Matrix fügt. Exakt das ist wohl eines der großen Themen für die Zukunft des FC St. Pauli: Wie kann strukturell das entfaltet werden, was bisher von symbolpolitischer Ehrenamtlichkeit Nicht-Betroffener verklebt wird?

Was noch grandioser wäre als eine Choreo ist nämlich, Visionen zu erdenken, Mehr von diesem Beitrag lesen

Ein bundesweites Vorbild! Die AFM des FC St. Pauli steckt 450.000 Euro in die Antidiskriminierungsarbeit!

Ich muss ja sagen: Selten war ich so begeistert wie von der gestrigen AFM-Versammlung! 

Die Ära Gunkel, als ein intransparent agierendes Grüppchen Kleinbeträge gönnerhaft wie Papa das Taschengeld an diverse unterstützenswerte Projekte der Fanszene verteilte, ist ja zum Glück vorbei. 

Damals, als erstmal in Bittstellerhaltung von Diskriminierung Betroffene und ihre Unterstützer in finsteren Spelunken Lobby-Arbeit betreiben mussten, um ein Anliegen als förderungswürdig auszuweisen. Als in diversen Hinterzimmern einem der Fanszene-Gottkönige buchstäblich in den Arsch zu kriechen war, weil ohne Bauchpinselung gar nichts lief. Als es zuging wie bei irgendeinem provinziellen SPD-Unterbezirk – das ist nun aus und vorbei. Ein für allemal. 

Jener Teil der Vereinsgeschichte also, da alle sich fragten, wieso die fähigste Vertreterin aus dem Vorstand ausschied, sie das selbst jedoch nicht begründete und Herr Gunkel, ganz Mann, großherzig für eine Frau sprach: Sie gehören der Vergangenheit an. 

Im Nachhinein wird sie mit Gruseln und Entsetzen als die „Ära 3%“ bezeichnet – weil dieses eben der Prozentsatz war, der in den Abteilungszweck „Kulturförderung“, mal kurz gefasst, floss. Am meisten von den „3%“ erhielt imner der Museumsverein – es wurde gemunkelt, das läge darin begründet, dass Vorstände dessen auch Aufsichtsräte des FC St. Pauli stellten. Ein Buddy-System nur für Eingeweihte, das alles heraus mobbte, was sich nicht bedingungslos unterwarf. Viele blieben auf der Strecke und raunten verängstigt und hinter vorgehaltener Hand Worte wie „mafiös“ und „unerträglich“ …

Doch nun ist alles anders! Ich bemerkte es schon beim Betreten des Ballsaales: Die Zeiten einer rein weißen Versammlung, bei der ich mich manchmal fragte, ob das nicht vielmehr der Bevölkerungsstruktur sächsischer Kleinstädte entspräche, sind tatsächlicher Vielfalt gewichen. People of Colour waren machtvoll und dominant vertreten. Nicht nur im Publikum, auch im neu gewählten Vorstand. Auf den roten Stühlen knutschten Schwule und Lesbenpärchen in großer Zahl, auch das Thematisieren von Inklusion zeigte Wirkung: Eines der Vorstandsmitglieder wetterte lautstark gegen Ableismus, der ihm im Alltag allerorten entgegen schlägt und erhielt großen Beifall. 

Ebenso begeisterte mich, dass das Motto „Fantasie an die Macht – wir gestalten aktiv unseren Verein!“ auch bei der finanzkräftigsten Abteilung des Vereins nun vollkommen gegriffen hat. Hatten ihr die Millerntor Gallery und andere ja auch lange genug vorgemacht, wie das geht. Kein Wunder, zwei der neuen Vorstandsmitglieder sind Frauen, die wissen, wie das geht. Und mit Sophie Müller hat nun auch die ausschließliche cis-Gender-Dominanz in der Fanszene den Beginn eines Wandels vollzogen. Auch ist nicht genug abzufeiern, dass der strikten Verbürgerlichung durch einen ehemaligen „Stricher“ im Führungsgremium entgegen gewirkt wurde und somit erste Versuche, Anknüpfungspunkte zur Realgeschichte des Viertels zu suchen, fruchteten.

Auch weiterhin fließen die großen Teile des Etats vorbildlich in die Jugendförderung. Großartig! Durch das Einstellen eines schwarzen Antidiskriminierungsbeauftragten – männlich nur deshalb, weil eben doch vor allem Jungs  den Nachwuchs in Fussballdeutschland stellen, in anderen Fällen ist im Etat das gut bezahlte Engagieren erfahrener, weiblicher Coaches vorgesehen – wurde schon Erstaunliches in der Jugendarbeit bewirkt: Alleine dadurch, dass Betroffene einen qualifizierten Ansprechpartner fanden, wurden versteckte rassistische und heterosexistische Strukturen zugänglich, die zuvor niemandem auffielen. Außer denen, die es ausbaden mussten. Hiermit wurde dank der Finanzierung durch die AfM wahrlich ein Leuchtturm geschaffen: Bundesweit informieren sich nun Sportvereine bei uns über die Erfahrungswerte, die sich nicht zuletzt auch im sportlichen Erfolg der Teams zeigt. Wo unterschwellige Probleme erkannt werden, stimmt auch der Mannschaftsgeist. An mehreren amerikanischen Elite-Universitäten entstehen derzeit Doktorarbeiten über die Jugendarbeit des FC St. Pauli, die deutschen sind da noch nicht so weit.

Doch auch für die Zukunft wurde gestern ein unübersehbarer Meilenstein am Weg des FC St. Pauli gebaut. Statt der Begierde der Geschäftsführer Rettig und Meggle nachzugeben, wurde beschlossen, aufgrund des Scheiterns des Projektes „Kollau Zwei“ die nicht verwendeten Gelder von 450.000 Euro komplett in die FC St. Pauli-Empowerment-Stiftung zu überführen. Herr Rettig möge doch Wege finden, das Geld, was er abgreifen wollte, anders zu erwirtschaften. Dazu sei er ja da. Applaus.

Die Stiftung erüllt die Aufgabe von Forschung, Beratung, Coaching und des Bereitstellens von Wissen in Antidiskriminierungsfragen. Sie schult kompetent und mit tatsächlichen, nicht nominellen Experten besetzt Gremien, Fanclubs, Mitarbeiter der Geschäftsstelle und kostenpflichtig auch jene von Sponsoren, stellt so Anschluss an den internationalen Standard der Diskussion her. Und sie agiert bundesweit. Andere Vereine und Fanszenen können die Leistungen gegen Bezahlung nutzen, ebenso Universitäten und Schulen.

Der Jubel war groß. Wellen der Erleichterung wogten durch die Anwesenden. Manche erinnerten sich mit Schaudern daran, wie es war, als erst nach intensiven Vorarbeiten rund um die Hüter der Schwelle das Vorwagen in die Gunkel-Höhle mit einem devoten „Bitte, Bitte!“-Sagen verbunden war und als Lohn ein wohlwollendes Lächeln und ein Kleckerbetrag für das „Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus“ winkte.

Alle gemeinsam freuten sich, dass die Erkenntnis sich durchsetzte: Antidiskriminierungsarbeit kostet Geld. Was ökonomisch marginalisiert wird, bleibt dies auch gesellschaftlich. Und es sollen Betroffene von ihr profitieren, es soll ihren Interessen dienen, nicht der narzißtischen Befriedigung selbstbezüglicher Mehrheitsgesellschaftler.

So viel Einigkeit war selten!

Final beschlossen die Anwesenden noch einen Appell an Präsidium und Geschäftsstelle, dass Teile der Erlöse aus dem Verkauf der „Regenbogen-Trikots“ und zugehöriger Assessoires an die Berliner LesMigras gehen sollen, um ihnen zu ermöglichen, eine Hamburger Dependance zu gründen. Freilich nur, wenn die das auch wollen. Der anschließende Applaus: Einfach nur überwältigend.