Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Schon wieder kein Monster (und: my blog will eat itself): FC St. Pauli – Heidenheim 1:0

heidenheimsieg

Spielberichte schreiben ist im Grunde genommen so – undankbar. Die armen Sportjournalisten.

Dabei passierte wieder so vieles, wofür nach diesem gestrigen Sieg gegen Heidenheim Dankesreden und Lobgesänge angebracht wären.

Deshalb vorab von ganzem Herzen: DANKE! Ihr seid toll, Boys in Brown! Und sexy!

Undankbar ist es dennoch, obgleich nirgends der Antagonismus klarer wäre als nun ausgerechnet beim Fussball: Da tritt Mannnschaft A an, die etwas unbedingt will, und Mannschaft B, und die will das gleiche, und dann stehen sie sich 90 Minuten wechselseitig im Wege rum, nehmen einander den Ball weg (im Falle Sobiechs gab es allerdings gestern keine Wechselseitigkeit, laut offiziellem Twitteraccount des Vereins hat er 100% (!!!) seiner Zweikämpfe gewonnen, Glückwunsch!), schießen ganz pazifistisch am Gegenspieler vorbei, um eigene Mitspieler anschließend kollegial zu BEDIENEN, ja, manche sagen ja, dienen führe zum Erfolg – und prompt hindert schon wieder ein Gegenspieler daran, den Ball einfach so ins Tor zu schießen.

Und drumherum Tausende, die auf jede Bewegung attraktiver Männerkörper mit aller Wucht der Emotion reagieren, singen und saufen, meckern und schnaufen.

Und jeder weiß, nach 90 Minuten ist alles wieder vorbei, und wer dann die eine Lücke gefunden hat, die antagonistische Kräfte diesees eine Mal gelassen haben, hat gewonnen. Also wir. Toller Schuss aber auch von dem Basti. Danke!

Dann freut mensch sich und geht schon um 21.30 h besoffen nach Hause, weil der Anpfiff so früh war. 17.30 h. Völlig unsinnige Anpfiffzeit. Hinterher redet mensch sehr angeregt mit tollen Menschen vor der Domschänke über Sex, Macken und Fussball – gehört ja zusammen – und kann noch nicht mal rumdramatisieren, weil ja schon wieder alles gut ging.

Und der Blogger, bei dem auch noch scheißegal ist, ob er nun was schreibt oder nicht, sitzt anschließend da und will da einen Text draus machen.

Klar kann mensch dann den Kicker imitieren und einfach das Spiel noch mal zusammen fassen oder Erörterungen rund um das Spiel formulieren  oder die Blumen in den Wallanlagen auf dem Weg ins Stadion lyrisch abfeiern und aufzählen, wen mensch nun traf oder auch nicht, und das alles ausgiebig ins Netz tippen. Oder auch dem Urteilen verfallen, wie er Spieler X nun fand, was ist im Sinne der Achtsamkeit die Eleganz und Schönheit eines jeden Körpers in Aktion weg definiert zugunsten eines Denkens in Schulnoten.

Oder der Blogger schreibt Liebeserklärungen an den Verein und über einzige Möglichkeiten oder die heterosexuelle Dominanzkultur, die im Stadion eben trotz allem, auch trotz formdabler und immer wieder erfreulicher Regenbogenärmel, regiert – oder dass wenigstens vor dem Spiel mal kein anachronistischer Hardrock aus den Boxen erklang. Dafür aber „Pogo in Togo“, bei dem nun auch die meisten gar nicht mehr wissen wollen, dass das mal ’ne deutsche Kolonie war und was da so passierte und wieso die nun gerade da war, wo sie war.

Und immerhin drang auch „One Step Beyond“ aus den Boxen, einst Grund für mich, im juvenilen Vorstadtzimmer mit Blick auf die Raucherecke (so was gab es damals noch) einer Realschule Saxophon lernen zu wollen (der Hausmeister der Schule züchtete übrigens Wellensittiche). Mein Brieffreund aus Ost-Frankreich hieß Marc und hörte Madness auch gerne und hat immer Briefe auf Snoopy-Briefpapier geschrieben. Der saß auf seiner Hundehütte und sagte „Salut!“. In einer Sprechblase.

Ja, und nu? Total viele Likes würde ich jetzt bekommen, wenn ich „Nazis sind Scheiße!!!“ schreiben würde, was ja zweifelsohne stimmt. Oder „Ich liebe den FC St. PaulI!“ Was ebenso richtig ist. Aber …

So richtig eine Story ergibt das ja auch nicht. Mir wird zunehmend unklar, wieso die Berichterstattung rund um Fussballspiele von so vielen Menschen gelesen wird. Sitzt mensch im Stadion, will er ja noch wissen, wie es ausgeht.

Aber ansonsten muss da eher so was Meditatives eine Rolle spielen. Ganz wie das Ritual des Spiels selbst, des Saisonverlaufs, des Zumstadionpilgerns muss gerade reizen, dass das Neue immer nur im recht bekannten Rahmen in die Wahrnehmung tritt. Im Grunde genommen sichert im Falle des Fussballs ja alles nur ab gegen echte Überraschungen. Fussball handelt eben doch von sich selbst.

Ein bißchen ist das so wie in Stephen Kings „Mr. Mercedes“. Den beneide ich ja nun einerseits, dass er sein ganzes Leben mit dem Erfinden doller Geschichten verbringen kann. Gleich mit „Carrie“ der Welterfolg, und so sitzt er nun seitdem jeden Tag da und schreibt und schreibt und schreibt. Das Problem dabei ist, dass notwendig, wenn nur noch Schreiben die eigene Erfahrung darstellt, irgendwann dieses selbst zum dominierenden Inhalt wird. King greift deshalb immer wieder auf seine Jugenderinnerungen zurück – oder wählt Schriftsteller als Hauptfiguren. In zweien seiner Werke, „Sarah“ und „Love“, bringt er jeweils einen Teil eines Schriftstellerehepaars um die Ecke – weil er eben schriftstellern oder Ehe führen kennt. In „Mr. Mercedes“ erschafft er schon fast einen Meta-Thriller, weil das so dermaßen klassisch und klischeetriefend gebaut ist, das Buch, oller Polizist in Pension begibt sich auf Killer-Jagd, jenen, den er vor Ende seiner Berufslaufbahn nicht mehr fassen konnte und der ihm nun einen Brief schreibt. Infolge wird sich steigernd einfach immer nur Aktion-Reaktion von Protagonist und Antagonist geschildert und ein bißchen drumherum erfunden, wobei die Intensität und der letztlich suizidale Spaßwille aus Hass beim Bösewicht liegt.

Ja, und so würde ich ja eigentlich gerne jeden Spielbericht schreiben – heldenhafte St. Paulianer gegen blutrünstige Schlechtmenschen aus Heidenheim, die fintenreich das Böse etablieren wollen. Doch ritterlich für’s Gute kämpfende St. Paulianer verhindern, nachdem sie in der Höhle des Monsters fast verreckt wären, doch noch die Verdunkelung der Welt und kehren mit dem Elixier dann heim. Eben so wie bei dem Spiel gegen Rostock damals, als wir zur Halbzeit 0:2 zurück lagen.

Geht aber nicht bei den Heidenheimern. Die foulten einfach eine Zeit lang ein bißchen viel rum, einer bekam folgerichtig gelb-rot, und dann hörte das auch auf. Ansonsten war das halt einfach ein Gegner.

Zum Glück gab es ja im Vorfeld noch die #bildnotwelcome-Debatte, das war ja ein wenig so eine Geschichte wie oben skizziert.

Aber so mächtig ein Diekmann ja ist und so richtig das Verhalten nicht nur unseres Vereins war, so viel Unheil so einer wie der auch anrichtet: Im Grunde genommen ist es so LANGWEILIG, sich über den aufzuregen. Ungefähr so wie über Martenstein oder Fleischhauer. Gähn. Die leben ja davon. Und schreiben alle so ödes Zeug und das auch noch schlecht.

Ja, und ich ergehe mich hier auch in selbstrefentieller Dekadenz, als gäbe es keine richtigen Probleme. Es IST ja gut, gegen die anzustinken.

Da ich davon ausgehe, dass eh kein Mensch bis hierher gelesen hat😀 – höre ich deshalb jetzt einfach auf.

Und freue mich einfach über einen Sieg meines Vereins. Danke!!!

2 Antworten zu “Schon wieder kein Monster (und: my blog will eat itself): FC St. Pauli – Heidenheim 1:0

  1. goodsoul September 24, 2015 um 6:04 pm

    „Da ich davon ausgehe, dass eh kein Mensch bis hierher gelesen hat “

    I did! Thumbs up!

  2. Pingback: Blendende Aussicht – #FCSP schlägt Heidenheim 1-0 und steht nach wie vor fern von unten. | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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