Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: September 2015

Schon wieder kein Monster (und: my blog will eat itself): FC St. Pauli – Heidenheim 1:0

heidenheimsieg

Spielberichte schreiben ist im Grunde genommen so – undankbar. Die armen Sportjournalisten.

Dabei passierte wieder so vieles, wofür nach diesem gestrigen Sieg gegen Heidenheim Dankesreden und Lobgesänge angebracht wären.

Deshalb vorab von ganzem Herzen: DANKE! Ihr seid toll, Boys in Brown! Und sexy!

Undankbar ist es dennoch, obgleich nirgends der Antagonismus klarer wäre als nun ausgerechnet beim Fussball: Da tritt Mannnschaft A an, die etwas unbedingt will, und Mannschaft B, und die will das gleiche, und dann stehen sie sich 90 Minuten wechselseitig im Wege rum, nehmen einander den Ball weg (im Falle Sobiechs gab es allerdings gestern keine Wechselseitigkeit, laut offiziellem Twitteraccount des Vereins hat er 100% (!!!) seiner Zweikämpfe gewonnen, Glückwunsch!), schießen ganz pazifistisch am Gegenspieler vorbei, um eigene Mitspieler anschließend kollegial zu BEDIENEN, ja, manche sagen ja, dienen führe zum Erfolg – und prompt hindert schon wieder ein Gegenspieler daran, den Ball einfach so ins Tor zu schießen.

Und drumherum Tausende, die auf jede Bewegung attraktiver Männerkörper mit aller Wucht der Emotion reagieren, singen und saufen, meckern und schnaufen.

Und jeder weiß, nach 90 Minuten ist alles wieder vorbei, und wer dann die eine Lücke gefunden hat, die antagonistische Kräfte diesees eine Mal gelassen haben, hat gewonnen. Also wir. Toller Schuss aber auch von dem Basti. Danke!

Dann freut mensch sich und geht schon um 21.30 h besoffen nach Hause, weil der Anpfiff so früh war. 17.30 h. Völlig unsinnige Anpfiffzeit. Hinterher redet mensch sehr angeregt mit tollen Menschen vor der Domschänke über Sex, Macken und Fussball – gehört ja zusammen – und kann noch nicht mal rumdramatisieren, weil ja schon wieder alles gut ging.

Und der Blogger, bei dem auch noch scheißegal ist, ob er nun was schreibt oder nicht, sitzt anschließend da und will da einen Text draus machen.

Klar kann mensch dann den Kicker imitieren  Mehr von diesem Beitrag lesen

Wackeln am Kippschalter: FC St. Pauli – MSV Duisburg 2:0

  

Hinter mir in der Schlange vor dem Einlass zu meiner Haupttribüne schwappte die Promigeilheit aus Besucherkehlen. Fettes Brot wollten sie sehen. Bela B. Lautstarke Fantasien äußerten sich, was im Falle eines Aufeinandertreffens wohl passieren würde. 
Wunderte mich. Dachte, ich sei auf dem Weg zum Fussball, nicht zur BRAVO-Super-Show oder Ähnlichem. In dessen Fall, also des Fussballs, ich mir ja immer wünsche, es würden drumherum Heftreihen entstehen, die dann „Jermey“, „Robin“ oder „Florian“ heißen und all das lust- und liebevolle, was zwischen Männern möglich ist, schwärmerisch zelebrieren. So wie in „Julia“, „Romana“, „Baccara“  oder „Tiffany“. Die therapeutische Wirkung von happy end-driven Trivialliteratur sollte ja nicht unterschätzt werden. Wenn auch die darin enthaltenen Rollenbilder und Geschlechterklischees dringend der Innovation bedürfen. Aber gerade deshalb könnte ja so eine „Fussballer in Love“, natürlich miteinander, -Reihe gar nicht schaden. Das wäre doch mal ein Fortsetzungsroman für die 11 Freunde! Der gute, alte Fortsetzungsroman in Zeitungen, gibt es den eigentlich noch?
Das Spiel war seltsam. So, als wüssten die Boys in Brown nicht, was nun gerade ihre Rolle ist. Favorit? Wegen des Tabellenplatzes? Als Heimmannschaft? Das Spiel schien in eine Art Rumprobieren mit der Rollenerwartung an sich selbst zu münden – plötzlich Durchbrüche und aufblitzende Ideen, zögerndes Tasten und kurzes, schnell bestraftes Aufwallen von Überheblichkeit lösten etwas unsortiert einander ab. So dass gar keine Story entstand. Lieber aufpassen, dass Duisburg nicht aufkommt, trotz deren Tabellenplatzes? Doch das Spiel schneller machen, weil die dann so hübsch taumeln? Lauter lose Ideen-Endenverknäulten sich zum Haufen Zwirn.

Es gibt ja Spiele, da ist die Zuschauerin an sich DRIN. Da hebt sich diese so berühmte Subjekt-Objektspaltung auf, und sie wird eins mit dem Spiel. 

Aber gestern hatte der fussballgöttliche Drehbuchschreiber einen merkwürdig experimentellen Tag erwischt. Dass Erik gar von „Laienspieltheater“ schrub. Ich glaube ja, es lag eher am Buch in den Köpfen als an der drstellerischen Leistung. 

Und somit glaube ich auch, dass der Schiedsrichter für Abhilfe sorgen wollte. Wenigstens EINE klar definierte Figur gehöre auf dan Platz, dachte er sich bestimmt. 

Ansonsten war das ja eher Theaterprobe, bei der die neuen Ensemble-Mitglieder in hübschen Präsentationen ihrer Fähigkeiten für Szenenapplaus sorgten. Jeremy Dudziak zum Beispiel. Erst verlor ich ja fast die Fassung, dass nun ein anderer Spieler die 8 trug. Die gehört doch zu den für immer schönsten Beinen aller Ligen! Aber trotzdem die seinen kürzer sind, wusste Dudziak schon Sehenswertes mit ihnen anzufangen. Gefiel mir gut. Fafa Picault riß mich mit seinen Soli prompt zu spontan begeisterten Fanaufwallungen des „Hey, ein Held für die Zukunft!“ hin. Und das nicht nur wegen der stilsicher gewählten Farbe seiner Schuhe.

Aber trotz dieser Einzel-Performances – das Spiel war so UNEINDEUTIG. Keinem Genre wirklich zuzuordnen, keine klar identifizierbaren Emotion prägte den Stoff, aber auch keine übergreifende, abstrakte Idee. 

Mein Lieblingspopstar sagt über Menschen, die ihn mit ihrer Energie beeindrucken, diese seien so AN. Das war das Spiel nicht, obwohl ich jetzt auch keinen Zustand zwischen an und aus wüsste. Wackeln am Kippschalter vielleicht.

Ich denke mal, dass, in Dramaturgie geschult, der Schiri DESHALB den Elfmeter pfiff. Um aus dem Diffusen eines schlechten Drehbuchs wenigstens eine klar identifizierbare Tragödie für die Duisburger heraus zu pointieren. Was dann auch den Raum für den späten Auftritt der Helden schuf: Fafas Assist und das wunderschöne und vor allem EINDEUTIGE Tor Basti Maiers. Yes!

Ich will ja gar nicht meckern. Freue mich riesig, dass wir gewonnen haben. Und danke der Mannschaft von ganzem, braun-weißen Herzen! 

Neben dem beherzten Eingriff des Schiedsrichters lag das aber, glaube ich, auch an dem zauberhaften Flamingo, den Stefan Groenveld so eindrucksvoll im Bild einfing. 

Der kann dann ja auch den Fortsetzungsroman der Reihe „Florian“ (oder so)  in der „11 Freunde“ als Logo schmücken. Aufträge nehme ich gerne entgegen! 

Momo on the radio: Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum, Mo, 14.9. 2015, 14-16 h beim FSK

Die Stimme von Momo Rulez dringt aus dem Radio, die Musik, die er spielt, eröffnet Welten jenseits des Üblichen oder deutet es um – na, so ist es zumindest gemeint. Keine Ahnung, ob es funktioniert. Macht aber immer wieder Spaß zu plappern und das gesprochene Wort gesprochenes Wort sein zu lassen (inklusive Verschlucken von Silben und gelegentlich, nur punktuell, Einschränkung der Hörbarkeit  dank suboptimaler Kopfhörer und Monitorboxen bei meiner House-Production-Mischung am heimischen Schreibtisch). Die Forschungsreise durch den  collagierten Zettelkasten rund um einen einzigartigen Stadtteil und dessen Historie reicht hinein in den frühen Punk der Hansestadt der späten 70er, frühen 80er unweit des Fischmarkts und außerdem hinter das Tor zur Herbertstraße. Und bis nach Kuba. Wo ja auch Viva con Agua entstanden ist. Das erzähle ich aber nicht.

Ja, das liegt an Mrs. Mop! Also, der Kuba-Bezug. Ungefragt, aber hier in der Kommentarsektion ja öffentlich zugänglich hat meine Lieblingskommentatorin- und -hörerin nicht nur den Einstieg (bzw. das, was nach dem Einstieg kommt, also die Eröffnung von Akt 1 der Sendung) sozusagen prädestiniert bis in die Musikauswahl. Falls ich aus Versehen bei Schrottigem gelandet bin, dann liegt das an mir, nicht an Mrs. Mop.

Ihre Tipps sind zu hören, bevor sich die Sendung durch das, was aus Ausstellungseröffnungen im St. Pauli-Museum mitgenommen ich habe, bewegt und letztlich doch wieder am Strand von Havanna sehnsüchtig Lust und Auge schweifen lässt. Die sind ja universell, und St. Pauli ohne Lust im schweifenden Blick wäre ja auch nicht, was es ist.

Zunächst wollte ich zwar „Breaking Bad“ folgend eine Metamorphose zum Bösewicht, schnackend, hinlegen, aber daran muss ich noch mal intensiver arbeiten. Trotzdem das bei all den verstrahlten Kids an Wochenenden auf dem Kiez schon möglich wäre, das Thema dieser Serie problemlos aufzugreifen. Beim nächsten Mal vielleicht. Zu hören beim FSK!

Hier wie immer die Tracklist:

Donna Summer – On The Radio
LKM – Move
Zulumafia – Soweto Uprising
Cubaton (feat. Alta Frecuencia) – Club de Fans
Dizzy Gillespie & Funky Lowlives – Menteca (Funky Lowlives Remix)
Jesse Gould – Out of Work
Brian Blade & The Fellowship Band – He Died Fighting
Klaus Hoffmann – Musik der Straße
Ben E. King – This Magic Moment
Marc Almond – The Hustler
Josef Salvat – Hustler
Georgette Dee – Wenn Deine Küsse …
Abba – Gimme! Gimme! Gimme!
Daymé Arocena – Drama
Noemi Waysfeld – Befrayung
Bold Breed – Let Me Down Easy
Rim Kwaku Obeng – Believe In Yourself
Leon Brigdes – River

Und die Literaturliste:

Arenas, Reinaldo, Ein Lesebuch, Berlin 2013 (kostenloses eBook)

Paulsen, Waldemar, Meine Davidwache, Reinbek bei Hamburg  2012

Teipel, Jürgen – Verschwende Deine Jugend, Frankfurt/M. 2001

Traven B., Das Totenschiff, zitiert nach: Buchbesprechung.blog.de