Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Ballsaal, 26.8., 19 h: „Refugees Welcome, Karo-Viertel“ – Zusammenfassung

Eine gewaltige Menschentraube breitete sich bereits Viertel vor Sieben vor der Südtribüne aus. Das Interesse brodelt gewaltig: Jene facettenreiche und ausdifferenzierte Gruppe, die aktuell den in einer Messehalle geparkten, geflüchteten Menschen Unterstützung gewährt, lud zur Info-Veranstaltung. Grüppchenweise Einlaß; ich gehörte zu fast den den letzten, die noch hinein gelassen wurden. Der „Ballsaal“ fasst 900 Menschen, es passten nicht alle rein.

Coole, von Percussion geprägte Musik von Refugees empfing mich – da liegt es fast nahe, Tocotronic und Co zu fragen, wieso sie musikalisch so wenig fähig sind, sich mit globalen Polyrhythmen musikalisch auseinanderzusetzen.

Die Veranstalter ließen völlig zu recht zunächst einen Geflüchteten seine Geschichte erzählen. Doch schon da schlich sich diese verfluchte Ambivalenz ein, die keinem vorzuwerfen ist, der ehrlich ambitioniert sich hinein wirft in den Support, aber eben nagt und so tief strukturell sitzt, dass es mich täglich in die Verzweiflung treibt: Da muss ein Mensch sich vor 1000 Leute auf eine Bühne stellen und die schrecklichsten individuellen Erfahrungen vor Wildfremden ausbreiten. Und Hochengagierte, Bewundernswerte, Sich Aufreibende lauschen gebannt und können nach ein paar Monaten intensiver, nicht entlohnter Arbeit in ihre weißdeutschen Zusammenhänge problemlos und jederzeit zurück kehren und danach zur Erholung den Mallorca- oder Kenia-Urlaub planen. Und als stete Gefahr bleibt, dass sich alle auch dann noch an der eigenen Güte berauschen, wenn die Betroffenen längst abgeschoben sind – mir erschien es jedoch so, als sei diese Gefahr den ganzen Aktiven vollauf bewusst.

Mensch verstehe mich nicht falsch: Ich kreide diese eben fundamentale Differenz niemandem an. Sie ist aber schrecklich.

Der geschilderte Lebenslauf des Refugees stand völlig quer zu den großen Erzählungen rund um Fluchtgründe. Was gut so ist, Abstrakta wie „Wirtschaftsflüchtlinge“ zu missbrauchen ist Geschäft der strategisch orientierten, „Großen Politik“ – dem gehört das Individuelle entgegen gestellt. Er berichtete von dem Aufeinandertreffen des Differenten in der überfüllten Messehalle, wo ich schon den überfüllten Ballsaal kaum ertrage. Kann mich danach mit Bier in den Park setzen und dann nach Hause gehen. Diese Möglichkeiten hat er nicht und das ist FALSCH und unerträglich.

Ich will, wie alle anderen im Saal ebenfalls, dass er das auch kann. Ganz ohne Racial Profiling zu erleben, ganz ohne Not, alleine schon, um in Ruhe das Dramatische, Furchtbare, Entsetzliche wenigstens irgendwie verdauen können zu dürfen.

Stattdessen krakeelt und eifert Innenminister de Maziére Gegenteiliges in Mikrophone und legt so rhetorisch Ursachen für weitere Brände, legitimiert meines Erachtens Gewalt gegen Geflüchtete dadurch, dass er sich von ihr treiben lässt.

Es ist einfach erbärmlich, dass nun gerade die, die jedem Hartz IV-Empfänger „Eigenverantwortung“ ins Gesicht brüllen, in Kollektiven und pauschal „sicheren Herkunftsländern“ denken und schwadronieren, eben exakt jene sind, die im Falle von Freihandelsabkommen von „Freiheit“ und „Individuum“ faseln. Bei Geflüchteten scheißen sie drauf, wenn sie selbst die Individualprüfung des Asylbegehrs durch pauschalisierende Abkommen aufheben. Und auf einmal „europäische Solidarität“ einfordern, jetzt, bei der Geflüchtetenunterbringung, nachdem sie höchstselbst Griechenland zum Einsturz brachten und Irland, Spanien, Portugal und Italien im nicht rechtlichen, in meinen Augen aber tatsächlichen Sinne nötigen und erpressen mit den Mitteln nackter Macht: Eine Farce.

Zurück vom Exkurs zum Handeln der Aktiven: Die Karo-Viertel-Initiave hat binnen kurzem Beeindruckendes auf die Beine gestellt. Die Veranstaltung diente vor allem der Vorstellung der agierenden Arbeitsgruppen: Kleiderkammer, Kinderprogramm, Deutschunterricht, Unterrichtsmaterial-Spenden, Kinderchor, Willkommensfest, Sport & Spiel, Telekommunikation, Leerstand, Übersetzungen, Medizinische Versorgung, Selbermachen/D.I.Y.-Nähmaschine, Karte, Fundraising.

Details, Kontakt beim Wunsch der Mitarbeit etc. können auf dieser Seite eingesehen werden: https://refugeeswelcome20357.wordpress.com.

Zentral war den Agierenden, immer wieder zu betonen, wie wichtig es sei, sich nicht nur auf die Situation in den Messehallen zu fokussieren. Da seien nun sehr viele aktiv aktuell, klar, das Viertel ist trendy und in begehrter Lage, Popalltagsgeschehen ist direkt um die Ecke zum Biertrinken nach all dem Elend – aber auch Schnakenburgsallee, Jenfeld und andere Auffang-, ja, -lager brauchen Unterstützung angesichts eines mutmaßlich willentlichen Versagens von Behörden und Senat und seiner in meinen Augen „Deutschland den Deutschen„-Politik. Die Initiative rund um die Messehallen ist derart öffentlichkeitswirksam und populär, dass deren Kleiderkammer mittlerweile andere Stationen mit beliefert.

Der Verweis auf das Wenig- bis Nicht-Handeln der staatlichen Institutionen zog sich als roter Faden durch die Redebeiträge: Es ist wieder eine dieser Situationen, wo privates Engagement die Löcher stopft, die die Senatspolitik aufreißt. Und das, weil zumindest meiner Beobachtung nach gerade Hamburg früh auf Abschreckung setzte, damit auch ja nicht „noch mehr kommen“.

Ich glaube sogar, dass kommunale Strukturen nicht nur in Hamburg tatsächlich überfordert sind angesichts der aktuellen Situation – auch das ist unter anderem den „weniger Staat, mehr Eigenverantwortung!“-Apologeten vergangener Jahrzehnte zu verdanken. Es ist schon erstaunlich, wie easy Konjunkturprogramme zur „Bankenrettung“ aufgelegt und sich neue Einnahmequellen aus den zwangszuverscherbelnden griechischen Flughäfen erschlossen werden, nun aber Suggestionen kursieren, es bestünde eine Konkurrenz zwischen Geflüchteten und Hartz IV-Empfängern. Ganz wie ebenfalls eingeflüstert wird, dass im Falle lauter den „Pursuit of Happiness“ als Antwort auf unfreiwilliges Leid und Elend Suchenden angeblich Knappheit herrsche.

Ich bin für ein Umwidmen des „Soli“ und eine Zwangsabgabe für von Rüstungsexporten direkt und indirekt Profitierende (also auch manch Reederei) zugunsten der Flüchtenden ohne Umlagemöglichkeit auf die Beschäftigten. Letzteres ist ja auch eine Art Wiedergutmachung.

Die gestrige Veranstaltung betreffend schienen mir das die zentralen Aussagen zu sein:

  • Informiert euch über die Arbeitsgruppen, Mitarbeit ist willkommen
  • Übt Druck auf den Senat aus, der sich schon unfähig zeigt, genug Dixie-Clos bereit zu stellen und diese sauber zu halten und dazu erst mal gebrach werden muss.
  • Konzentriert euch nicht nur auf die Messehalle, sondern agiert in euren Vierteln und Umfeldern
  • Lasst euch nicht beeindrucken vom Gefasel über „Wirtschaftsflüchtlinge“ und „sichere Herkunftsländer“; jede Biographie ist einzigartig und jeder Mensch hat gleichermaßen ein Recht auf gutes Leben und sollte über die Freiheitsmöglichkeiten verfügen können, selbst den Weg dahin zu suchen und dabei unterstützt zu werden.

Abschließend sei noch das verteilte Flugblatt zitiert:

„(…) Dass das selbsterklärte „Tor zur Welt“ Hamburg nicht darauf vorbereitet ist, einige Tausend Menschen würdig willkommen zu heißen, ist ein Skandal. Dabei gibt es reichlich Leerstand in Hamburg.

(…) Unabhängig davon, ob im Falle des rot-grünen Senats Absicht oder Unfähigkeit ausschlaggebend ist: Die miserable Behandlung von Geflüchteten hat in Deutschland System. Menschen werden von der herrschenden Politik danach sortiert, welchen Nutzen sie für Deutschland in der globalen Staatenkonkurrenz bringen. Wir lehnen diese Logik der ökonomischen Verwertbarkeit entschieden ab. Für eine solidarische Gesellschaft, in der die Bedürfnisse der Menschen Vorrang haben! (…)

Wir fordern:

  • Zugang zum regulären Arbeitsmarkt

  • Zugang zur gesetzlichen Krankenversicherung

  • Kostenlose Sprachkurse

  • Zugang zu Bildung an Schulen, Unis & Volkshochschulen

  • Sofortige Umwandlung von Leerstand aller Art in Wohnungen

  • Bleiberecht für alle

  • für jeweils alle Refugees!

Ich schließe mich dem an!

21 Antworten zu “Ballsaal, 26.8., 19 h: „Refugees Welcome, Karo-Viertel“ – Zusammenfassung

  1. futuretwin August 31, 2015 um 1:17 pm

    „da liegt es fast nahe, Tocotronic und Co zu fragen, wieso sie musikalisch so wenig fähig sind, sich mit globalen Polyrhythmen musikalisch auseinanderzusetzen.“

    Weils Weiße sind und daher Rhythmus nicht so „können“? Nee, im Ernst, es wird wohl mittlerweile weniger daran liegen, dass Tocotronic nicht fähig sind ( in ihrer Frühzeit schon, bei dem damaligen Geschrammel hatte die Dilletanz Methode ) sondern nicht willens.
    Mir fallen gerade zwei Möglichkeiten ein, Polyrhythmik aufzugreifen. das eine wäre die World Music, also m. E. genau das perfekte Genre für Menschen, die sich “ an der eigenen Güte berauschen“. Multikulti und so.

    Das andere wären eher elektronische Genres. Bei Jungle ist der Bezug sogar noch zu erkennen, bei Drum’n’Bass schon nicht mehr. Spätere Formen heißen Dubstep und haben sowohl die Polyrhythmik als auch einen erkennbaren Bezug zu afrikanischen (oder aber asiatischen) Kontexten längst verloren.

    Außer Anbiederung (World Music) und Verleugnung der Wurzeln (D’n’B) sehe ich da nicht so viel.

  2. momorulez August 31, 2015 um 2:13 pm

    Nein, nicht weil’s Weiße sind, sondern weil sie eine Musik machen, die historisch wie symbolisch von manchen als Abfeiern von Whiteness gehört wird, kritisch wie affirmativ – wozu auch das Zelebrieren des Dilettantismus in der Frühphase zählt, was PoC so nie zugestanden würde, sondern als „ach, primitiv“ ausgelegt würde. Hatte bis vor Kurzem noch gedacht, das beträfe vor allem den RR, aber auch „Blowin‘ in the wind“ war ein Gospel, wenn ich nicht fehlinformiert bin.

    Die Auseinandersetzung lohnt deshalb ganz im Sinne besserer Kunst, weil solche Mechanismen Geschichte tilgen und vermeintlich „Kultivieren“ bei gleichzeitiger Orientierung an der Schriftsprache und dem Werk- und Autor-Begriff sich das durch so ziemlich alle Sparten „westlicher Kunst“ gerade in der Moderne zieht.

    Auch Ironie wird nicht jedem zugestanden und kann dann, wenn sie nicht von nicht-dominanten Bevölkerungsteilen angewendet wird, drastische Reaktionen bis zur prompten Gewaltanwendung nach sich ziehen.

    Die Beschäftigung lohnt deshalb, weil solche Zusammenhänge den Künsten dann gegenwärtig würde. Es passiert aber allerorten das Gegenteil, und die Methode Jan Delay oder Adele ist auch keine Antwort, weil da einfach appropriiert wird. Das ist ja keine wirkliche Auseinandersetzung. Da käme was anderes bei raus.

    Du hast eine ähnliche Entwicklung in dem, was jetzt nicht auf die konkrete Epoche bezogen, sondern allgemein „klassische Musik“ genannt wird – da wurde halt alles „Volkstümliche“ noch bei ungarischen Tänzen getilgt, was häufig auch Sinti- und Roma-Einflüsse waren. Carmen ist die Oper, an der sich das am deutlichsten nachvollziehen lässt, da treffen sich ja Misogynie, Rassismus und krude Vorstellungen von Kultur und „Natur“.

  3. futuretwin September 2, 2015 um 1:15 pm

    Und beim House z.B. gibts wirkliche Auseinandersetzung? Wie sieht die überhaupt aus? Hast du Positivbeispiele?

  4. momorulez September 2, 2015 um 2:10 pm

    Beim House gab und gibt es immer wieder Auseinandersetzungen, aber auch die eine ähnliche Entwicklung, z.B. die zu „Berlin Techno“ als weißem „Wieder“vereinigungssoundtrack. Da kann man bei fast jedem guten Track, also im Falle von House, alles Mögliche gleichzeitig hören, was sehr anregend ist, ganz unterschiedliche Hybridisierungen, Wurzelbezüge, Appropriation in einem, das macht die Musik ja so aktuell.

    Ich finde, dass z.B. beim „weißen Album“ von Tocotronic eine Auseinandersetzung zumindest angedeutet ist, wobei mir meine Mentorinnen da vermutlich vehement widersprechen würden. Was ja gut so ist, Sinn und Zweck der Auseinandersetzung ist ja eine Erweiterung des Focus ohne Dünkel, sozusagen. Es ist ja nicht so, dass Tocotronic unter einem Mangel an Aufmerksamkeit leiden würden oder Anerkennung, andere schon. Ansonsten gibt es bei den Originalen so viel zu entdecken, dass mensch ja auch einfach die hören kann und sich gewissermaßen zurück tretend es zu erlauschen, und ich glaube, dass das auch musizierend geht. Selbst beim Üben von „Blues-Tonleitern“, wo ja spürbar ist, was das für eine Entwicklung statt gefunden hat, dass die so notifiziert und auch kanonisiert wurden und wieso da trotzdem eine Erfahrung drin steckt, die ich so gar nicht gemacht haben kann.

    Was ich zu dem Thema gerade grandios finde, ist das allseits diskutierte Album von Kamasi Washington. Das ist fast ein Geschichtsbuch. Hammer. Und da auch Tocotronic manchmal ganz plötzlich Albert Ayler bei Facebook posten, bin ich mir sehr sicher, dass die genau wissen, was ich hier gerade schreibe.

    Ein Album, wo diese Zusammenhänge gerade sehr deutlich, virtuos und beeindruckend hörbar gemacht werden, ist „Nueva Era“ von Daymé Arocena. Da bin ich fast vom Sofa gefallen, als ich da rein gehört habe, weil das so virtuos gegen „World“ und „Ethno“-Etiketten ansingt, die John Lennon ja nie angeklebt wurden. Und dann eröffnet sich ein Raum, in dem erst mal angefangen werden kann, überhaupt zu hören. Glaube ich.

  5. Mrs. Mop September 2, 2015 um 8:29 pm

    Für Freunde des polyrhythmischen House empfehle ich wärmstens Zulumafia, z.B. Soweto Uprising, und wer das mag, sollte nach Latin House und Black Latin House abtauchen. Dort findet sich – wie immer halt, neben einigem Schrottigem – vieles, was das polyhythmisch schlagende Herz begehrt. House ist ja an keinen bestimmten Kulturkreis gebunden, und wenn man das erst mal geschnallt hat, tut sich ein grandioser musikalischer Kosmos auf. Mal nach Reggaeton oder Cubatón gucken – auch hier viel Schrottzeugs dabei, aber egal – dembow riddim, karibischer Tresillo Rhythmus in enger Umschlingung mit four to the floor, sehr abgefahren, aktiviert ruckzuck sämtliche polyrhythmischen Subsysteme im eigenen Körper, und um nichts anderes geht‘s ja letzten Endes, nicht wahr😉

  6. momorulez September 2, 2015 um 8:55 pm

    Dankeschön! Wobei House als Fortsetzung von Disco mit anderen Mitteln technischer und in Kommunikation mit dem Hip Hop sowie einer maßgeblich durch Africa Bambaata vermittelten Kraftwerk-Rezeption in Chicago und New York in queeren PoC-Zusammenhängen entstanden ist (Detroit Techno war nicht ganz so queer). Und das sind halt so Wurzeln, die oft einfach getilgt werden, deren Achtung freilich auch ein Mittel gegen Ausgrenzung darstellt, und zufällig war kulturell auch nix, dass das so gerade da zu jener Zeit entstanden ist.

    Das sagt nun nix gegen Deine Tipps! Klar ist dann eine internationale Sprache entstanden, und in je anderen kulturellen Zusammenhängen wurde sie anders geprägt. Es gibt auch Afrobeat-Einflüsse auf House usw. – nur dass die Geschichte halt sehr gerne am Leitfaden irgendwelcher WestBams usw. erzählt wird, der selbst am besten weiß, wie das wirklich lief. Was im Sinne historischer Gerechtigkeit wichtig ist und ebenso auch, um nicht immer nur das weiße, heterosexuelle Schöpfersubjekt als geschichtstreibende Kraft zu betrachten.

  7. Mrs. Mop September 2, 2015 um 9:45 pm

    Geh mal in einen kochenden, verschwitzten Gay Club in Habana, wo der Cubatón House tobt und die Hosen auf Halbmast hängen, und frag Dich beim Rauskommen – wenn Du überhaupt je wieder rauskommst😉 – wo zum Teufel eigentlich das weiße, heterosexuelle Schöpfersubjekt abgeblieben ist?🙂🙂🙂

  8. Mrs. Mop September 2, 2015 um 10:10 pm

    Genau. Und darum kriegst Du jetzt noch den hier, brandnew from Manchester. Ist zwar völlig monorhythmisch, aber grooven tut’s trotzdem🙂

  9. Mrs. Mop September 10, 2015 um 11:09 am

    Gestern gab es einen schönen Artikel in der New York Times über das politische Umfeld von FC St.Pauli incl. Engagement für Refugees.

    Und letztes Wochenende im Guardian mit der wunderbaren Überschrift „St.Pauli: the club that stands for all the right things … except winning“.

    Noch einer von neulich: „When footbal and punk collide“ , Shortlist.com.

    Wünsche gute Lektüre🙂

  10. HennesKnapp September 10, 2015 um 12:08 pm

    @da liegt es fast nahe, Tocotronic und Co zu fragen, wieso sie musikalisch so wenig fähig sind, sich mit globalen Polyrhythmen musikalisch auseinanderzusetzen

    Warum sollten sie das? Die machen Diskursrock, sowas wie gesungene Essays.
    So großartig polyrhythmische Musik aus Westafrika oder dem „Orient“ ist, alleiniger Maßstab für alles was vertont wird muss die auch nicht sein. Dass die schwarzen Wurzeln der Rock-und Pop-Musik oft untergebuttert oder verdeckt werden ist ein Tatsachenbestand der nicht oft genug betont werden kann. Aber das mit einem Besser/schlechter unterschiedlicher Musikstile zu vermischen finde ich reichlich absurd.

  11. momorulez September 10, 2015 um 12:19 pm

    Es geht weniger um „besser“ und „schlechter“ als darum, wie Formen von „White Supremacy“ reflexiv zugänglich werden z.B. beim Musik machen. Das bringt dann ggf. sogar die Geflüchtetenhilfe voran. Und angesichts einer klaren Höherbewertung von „Diskurspop“ und „Essays“ im Pop-Diskurs gegenüber Polyrhythmen liegt die Absurdität wohl kaum auf Seiten dessen, der das indirekt fest stellt. Da hängen sogar handfest ökonomische Folgen dran. Zudem ich übrigens bezweifel, dass Tocotronic im Falle ihrer Musik von „Essays“ sprechen würden.

  12. momorulez September 10, 2015 um 12:19 pm

    Dankeschön für die Lektüretipps!

  13. HennesKnapp September 10, 2015 um 4:20 pm

    Gut, das ist ein fremdes Feld für mich, weiß nichtmal, dass es einen Popdiskurs gibt in dem so eine Bewertung stattfindet. Wo kann ich das denn nachlesen?

  14. momorulez September 10, 2015 um 4:45 pm

    Ganz beliebig irgendeine (Pop)-Musik-Zeitschrift aufschlagen (nicht Jazz oder Dance), Spex, Rolling Stone, Playlists von Radiosendern angucken, schauen, wer bei „Die neuen deutschen Poeten“ aufgetreten ist, alle weiß, alle Mann, zumeist zu Piano oder Akustik-Gitarre – und da kann ich noch so sehr Fan von Clueso z.B. sein, was ich mit vollem Herzen bin, weil er bestimmte Supremacy-Parameter auch unterläuft, das schreit schon nach Reflektion auf der Ebene der Kunst selbst, glaube ich. Und da können jetzt Tocotronic selbst auch zumindest meines Erachtens so viel nun auch nicht für und ich bin ja auch mit Merve-Bändchen sozialisiert. Das Krude ist ja nur, dass sich das bis in den Hip Hop zieht – das eine ganz bestimmte Sprachanwendung (die ich ja auch drauf habe und anwende) weißer Typen da in bestimmten Szenen einfach dominiert. Und noch Jan Delay stellt sich dann vorne hin, und hinten singen schwarze Frauen, die viel mehr als er können, und er wird gefeiert als besonders klug. Und alle kaufen auf einmal wieder mehr als 20 Jahre alte Die Ärzte-Songs, anstatt mal zu gucken, was syrische Musik so alles lehren kann. Habe ich gerade versucht und wurde bei iTunes nicht fündig😀 … Es geht da um Dominanzkulturen, also auch Fragen, wem das Künstlerische, das „Intelligente“, das Wissende usw. automatisch zugebilligt wird, wer gar nicht erst darum kämpfen muss, als kompetent zu gelten usw. – und das steckt auch im musikalischen Material selbst. Und ich finde tatsächlich, dass es wahnsinnig hilft, nicht nur mir, sondern auch im Sinne des zugunsten von Anderen mal die Klappe zu halten, zurück zu treten, den eigenen Dünkel zu befragen, sich z.B. mit der polyrhythmischen Komplexität auseinanderzusetzen, um diese ganzen Linien von Dylan bis Nirvana bis Connor Oberst bis wasweißich zu rekativieren. Ich kann das auch nur ganz diletantisch, wenn ich z.B. eine Percussion-App einstarte und dann drauflos dudel mit dem Saxophon und auf einmal fest stelle, was für eine krude, deutsch-volksmusikartige Melodik ich da nur drauf hin bekomme. Das übt ja in Demut, und das finde ich wichtig bei den aktuellen Geflüchtetendiskussionen, um nicht auf einmal im Zuge des Helfenwollens letztlich irgendwas zu reproduzieren, was eh schon schief läuft in einem Land, wo Menschen afrikanische Literatur lehren, die keine der Sprachen kennen, in der die geschrieben wurde. Und gerade dieses „Text zur Gitarre“, da ist es schon wichtig, sich korrekt zu situieren, und da bin ich mir nicht sicher, ob Tocotronic das tun.

  15. HennesKnapp September 10, 2015 um 10:27 pm

    Ich weiß schon mal nicht,wer Jan Delay ist oder Clueso. Zu syrischer oder arabischer Musik fallen mir Khaled, Babylon Figthers (nicht die gleichnamigen Rapper, sondern die Rai-Band, die „The workers Scud“ promoted haben, geht da um eine Mittelstreckenrakete, die die proletarischen Massen in Nahost haben sollten, um die imperialistischen Angriffe zu vergelten) oder Fayrouz ein.Ich verstehe aber überhaupt nicht, was solche Musikfragen mit der Flüchtlingsproblematik zu tun haben.

  16. momorulez September 10, 2015 um 11:23 pm

    Das führte jetzt für die Kommentarsektion auch ein wenig weit; die entscheidenden Hinweise habe ich aber schon gegebn, wieso ich glaube, dass das miteinander zu tun hat.

  17. HennesKnapp September 13, 2015 um 10:17 pm

    Ich greife Deine Äußerungen mal auf. „Es geht da um Dominanzkulturen, also auch Fragen, wem das Künstlerische, das “Intelligente”, das Wissende usw. automatisch zugebilligt wird, wer gar nicht erst darum kämpfen muss, als kompetent zu gelten usw. “ Das kommt mir vor wie Cultural Studies von vor Dreißig Jahren. Und dann wäre erst mal empirisch zu überprüfen: Ist das heute noch so? Dass Weiße automatisch für kompetent gehalten werden und PoC nicht? Leute wie Frau Mbabi, Herr Naidoo, die Herren Boateng, erst gar Roberto Blanco sehe ich als feste Größen des deutschen Kulturestablishments an. Da wäre erst mal der Beweis zu führen, dass es diese Dominanzkultur in dieser Form 2015 noch gibt. Ich habe in den Rockzeitungen gelesen – und erst mal festgestellt, dass nahezu alle weißen Rockgrößen sagen, dass sie von schwarzen Musikern gelernt haben oder inspiriert wurden, Wenn Du feststellst, dass Deine eigenen Saxophon-Künste eher an deutsche Volksmusik erinnern als an Jazz straight out of Chikago, dann frage ich zurück: So what? Wie lange hast Du in Chikago in einer schwarzen Community gelebt? Du kannst gar nichts anderes bringen, weil Du Du bist. Und ist deutsche Volksmusik, da komme ich zu meinem Kommentar zurück, qualitativ schlechter als „schwarze“ Musik? Sie ist nur anders, Musik bleibt Musik, ohne moralisch verortete Hierarchien. Und endlich: Wenn Du Deine Positionen wirklich ernst nimmst, müsstest Du Dein eigenes Blog und Deine Radiosendung PoC überlassen, die dann ihre eigenen Texte veröffentlichen. Alles Andere wäre in Deiner Logik – die nicht meine ist, ich lese hier gern – Paternalismus.

  18. momorulez September 13, 2015 um 10:51 pm

    Das ist 2015 in Deutschland noch so, guck mal in eine beliebige Universität, in einen beliebigen Fernsehsender, Verlag usw. Da dann Einzelfälle wie Naidoo mit seinem christlichen Schmonz raus zu greifen, ich meine, guck Dir doch an, wo der mittlerweile gelandet ist, bei den Reichsbürgern – dass die wenig stichhaltig gegen das weiter oben Geschriebene anzuführen sind, sollte doch offenkundig sein. Du hast auch noch Y’akoto, zum Beipsiel, großartige Musikerin, die sehr wohl in den Top Ten war, einen anderen Diskurs als zu Tocotronic oder Grönemeyer.

    Dieses „Lernen von den schwarzen Musikern“ ist nun auch kein Argument, abgeräumt hat eben trotzdem Elvis, nicht Solomon Burke, und Adele, nicht Sharon Stone. Das ist Teil der klassischen weißen Geschichtsschreibung: Black Cultures liefern gewissermaßen die „Rohstoffe“, die dann von weißen Männern „veredelt“ werden – das hast Du bei Picasso und Gauguin auch schon so gehabt. Es hat sich, weil das in den USA einfach viel intensiver verfochten und diskutiert wurde, auch wegen der Cultural Studies vor 25 Jahren, aber dort schon auch einiges verschoben – in Rankings des „Rolling Stone“ tauchen neuerdings erst schwarze Musiker deutlich prominenter, deutlich mehr derer und deutlich weiter oben auf. Aber eben dann Marvin Gaye und nicht Grace Jones oder Donna Summer. Was zum einen am Genre liegt, zum anderen aber auch daran, dass das Verhältnis „Schöpfer“ und „Interpretin“ immer noch sehr sexistisch-patriachal ausgedeutet wird.

    Dieses „dass Du Du bist“ ist ja gerade die Pointe bei „Critical Whiteness“. Dazu muss ich auch gar nicht in Black Communities in Chicago leben, um eben trotzdem mir klar zu machen, dass ich mich vor Frankie Knuckles und nicht „Berlin Techno“ zu verbeugen habe. Der Jazz ist übrigens die einzige Form, wo das anders lief als in anderen teilweise populären Kulturen, vielleicht gilt das zum Teil auch noch für den Hip Hop. Klar bin ich da nicht irgendwie außen vor. Geht auch gar nicht.

    Dass Du Sottisen gegen „Cultural Studies vor 25 Jahren“, nicht jedoch gegen Marx, Kant oder Max Weber formulierst, gehört auch zum Schema, übrigens. Könntest ja auch schreiben „W.E. du Bois hatte ja damals schon recht“.

    Zu meiner Radiosendung: Die hat zum einen auch eine queeren Einschlag, was nun auch nicht gerade Teil der Dominanzkultur ist – schon gar nicht im Fussballkontext, wo die zumindest mal anfing.

    Zudem eben auch die Regel formulierbar ist, dass als weißer cis-Mann die Möglichkeit besteht, das eigene Privileg zu nutzen, um Promotion für nicht-dominante Bevölkerungsteile zu betreiben und ihnen so Gehör zu verschaffen, Türen einzutreten – um irgendwann zurück zu treten, wenn’s funktioniert hat.

    Das versuche ich da zumindest durch die Auswahl der Musik und der Quellen, die ich da zitiere. Jetzt bin ich auch zwei Mal auf das Thema „Prostituion“ eingegangen, weil das in der Fanszene des FC St. Pauli immer weg verbürgerlicht wird.

    Ich bin mir aber sicher, da auch oft zu scheitern. Kann ich ja nur draus lernen. Wie Tocotronic eben auch.

    Und klar geht es auch da darum, dass das nach Möglichkeit irgendwann wer anders macht, wobei ich die schwule Perspektive in linken Zusammenhängen (und die linke, antirassistische in schwulen) auch als wichtig empfinde. Ist zwar die nostalgisierende von einem, der so jung nun nicht mehr ist, aber auch Schwule haben ein Recht auf Geschichtsschreibung.

  19. momorulez September 13, 2015 um 11:06 pm

    PS: „Musik bleibt Musik, ohne moralisch verortete Hierarchien.“ Das hat mit Moral gar nichts zu tun, sondern mit Wahrheit und Ästhetik und auch mit dem, was für eine Art von Erfahrung das Machen und Hören von Musik jeweils ist, welchen Parameter das folgt usw.. Und das ist bei „Volksmusik“, so genannter, anders, als wenn Du über einen Jazz-Standard improvisierst, und bei einem Gospel anders als bei Thees Ullmann.

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