Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die völkische Hypothek der „Wieder“vereinigung

Die Passage aus dem großartigen Roman Utlus schwirrt mir jedes Mal durch den Kopf, wenn im Zuge neuer rassistischer Pogrome auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gemutmaßt wird, da seien „Demokratie“, „das westliche System“ oder ähnliche Abstrakta nicht internalisiert, nicht verstanden worden oder nicht akzeptiert. Manche der Diagnostiker sind klug genug, von in universellen (!!!) Grundwerten gründender Demokratie zu schreiben – die letztlich gar keine Werte sind, sondern begründungsfähige Regeln des Miteinanders sowie des Verhaltens eines Staates denen gegenüber, die auf seinem Territorium seinen Handlungen aufgrund des Gewaltmonopols ausgeliefert sind.

Nun ist angesichts des Handelns und Redens der Kanzlerin in Fragen der so genannten „Homo-Ehe“ oder auch von Sonntagspredigten Olaf Scholz‘ zur Situation Geflüchteter die Frage, wer die denn überhaupt internalisiert oder akzeptiert hat in der BRD.

Vielmehr korrespondiert die Frage nach Demokratie annähernd durchgängig mit einem tief sitzenden, völkischen Demokratieverständnis, das sich von Schäuble bis zu manch Gutmeinenden durch sämtliche Institutionen dieser Republik zieht – und wurde im Zuge der so genannten „Wieder“-Vereinigung noch zementiert, wie Utlus Geschichte bestens belegt.

Und eben auch ein Artikel in „DIE ZEIT“:

„Es mag befremdlich klingen, aber für Deutschland sind die Flüchtlinge, diese vielen jungen, zuversichtlichen, nicht selten begabten und ehrgeizigen Menschen, ein Glück.“

Was ist denn da „Deutschland“? Und wieso muss so etwas erläutert werden, und was ist daran für wen genau befremdlich?

Wem gegenüber positioniert sich da stellvertretend für „Deutschland“ Sabine Rückert?

In was wird „integriert“?

Wer hat dabei erst einmal, ein der Verfassung fremder Gedanke, seine „Nützlichkeit“ unter Beweis zu stellen und wer nicht?

Die Prämissen eines letztlich weiß“arisch“ gedachten „Volkskörpers“, der sich wahlweise nährt oder an dem, vermeintlich überall aufzufinden, angeblich „Parasitäres schmarotzen“ würde, bleiben in dieser Sicht gewahrt – und völlig ausgeblendet wird, wer denn nun so alles zu dem Gedeihen jener BRD, der einst die „Neuen Länder“ beigetreten sind, beigetragen hat.

Und das nicht erst bei den Anwerbeabkommen der 50er und 60er Jahre, sondern schon im 19. Jahrhundert – vorher gab es „Deutschland“ ja gar nicht. Im Zuge der Industrialisierung war es unter anderem Zuwanderung aus Polen, die in der Konkurrenz europäischer Staaten für „Deutschland“ einen Vorteil bewirkten.

Soll heißen: Jene jenseits der ehemaligen „Mauer“, deren Leben auf den Kopf gestellt, deren Institutionengefüge von Schäuble und Co verramscht wurde – nach diesem Vorbild quält er nun Griechenland -, haben seit 1989  eben doch ganz nachhaltig von der Vorarbeit als „Gastarbeiter“ Geschmähter profitiert, ohne sich auch nur einmal dafür zu bedanken.

Um so befremdlicher, dass Frau Rückert diese Realgeschichte befremdlich findet und gar nicht berücksichtigt, ganz so. als sei die Fragestellung neu. Da ist sie ganz Kind der „Wieder“vereinigung.

Weil natürlich um Wahlen zu gewinnen bauernschlau Kohl einst die berühmte semantische Wende von „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“ für sich nutzte – das war jener Schachzug, der aus einer Bürgerrechts- eine völkische Bewegung formte, die letztlich in die de facto-Abschaffung des Asylrechts mündete.

Damit hat sich ein Demokratieverständnis zementiert, das bereits zur Reichsgründung im 19. Jahrhudnert aggressiv von Bismarck befördert wurde, um mittels Nationalismus „Einheit“ zu erzeugen – mit korrespondierenden „Sozialistengesetzen“ und der Erfindung „vaterlandsloser“, weil internationalistischer „Gesellen“. Das jagt der SPD bis heute so eine Angst ein, dass sie bei jeder völkisch-nationalistischen Runde auch einen ausgibt. Heute tönt widergängerisch „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“ aus den Kehlen der Rechten, was eben das gleiche meint.

Die Pointe freilich ist, dass anschließend „Wir sind ein Volk“ und „Wir sind das Volk“ fusionierten, was aggressiv gegen PoC, manchmal im Zuge bürgerlicher, gar nicht christlicher Familien-Ideologie auch gegen queere Menschen in Anschlag gebracht wird unter kompletter Ignoranz historischer Realitäten.

Viele wettern ja gegen den „Privilegienansatz“ in der Antirassismusarbeit, der belegt, dass eben alleine schon sozial als weiß situiert zu sein sein Vorteile mit sich brächte – die Völkischen wollen schlicht und ergreifend, dass das so bleibt, während die Anderen es weg diskutieren.

Und die Völkischen wollen das ja gar nicht durch und durch „antidemokratisch“ zementieren: Ihr Demokratieverständnis ist halt zutiefst rassistisch. Also eine vorpolitisch sich vorgestellte, „rassisch“ reine Abstammungsgemeinschaft mit natürlichen Rechten, der gegenüber dann „die Anderen“ stehen, die notfalls auch ermordet und vernichtet gehören, prägt ihre Sicht. Diese sei dann „Demos“ oder wie das altgriechisch auch immer heißt, und sie entscheide über Wohl und Wehe derer, die sie duldet oder auch nicht.

Exakt das steckt aber auch im Artikel von Sabine Rückert mit drin. Und da zeigt sich einfach, dass die BRD in Gänze überhaupt nie in einer grundrechtsbasierten Demokratie angekommen ist. Weil das ja nicht nur in Heidenau so gedacht wird, sondern, geht mensch über Universitätsflure, dort ebenso praktiziert sich findet.

Und der erste Schritt weg davon wäre anzuerkennen, welche historische Leistung Menschen wie die Verwandten von Deniz Utlu vollbracht haben. Ohne freilich das Thema auf „Nützlichkeit“ zu reduzieren.

Das Problem ergänzend ist, dass das noch nicht mal in linken Zusammenhängen immer geschieht. Da ist das historisches Subjekt z.B. „die Antifa“ und schreibt nur SEINE Geschichte.

Es weiß doch kein Mensch, was mit den Bewohnern der Häuser in Lichtenhagen passiert ist. Die in Hoyersverda wurden wohl vorsichtshalber prompt deportiert, wenn Wikipedia nicht lügt. Stattdessen werden die ja akut wirklich mutigen Heldentaten der einst in Lichtenhagen Agierenden ganz ohne die erzählt, vor die sie sich schützend stellten.

Da sollten auch die eigenen in diesem Fall, also linken Mythen mal deutlcher unter die Lupe genommen werden, wo sie denn nun vielleicht noch „antideutsch“ einfach reproduzieren, strukturell, was als Kern in all den Problemen steckt.

Weil nämlich das Folgende ganz genau so auch bei den Helfenden oft aufscheint:

„In der Westdeutschen Zeitung etwa werden die Einwanderer „stets als eine primitive Problemgruppe dargestellt, die sich durch Nomadentum auszeichnet. Sie kommen nie zu Wort, sind passiv und die Kriminalität eines Teils dieser Personengruppe wird ethnisiert“, heißt es in der Studie.

„Einheimische“ hingegen sind der Studie zufolge stets aktiv, haben Ziele, gehen, begleiten, versuchen und helfen. Sie mahnen, denken, urteilen und unterstützen. Darüber hinaus reden sie Klartext und kommen entsprechend oft zu Wort. „Kurzum spielen die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft eine aktiv gestaltende Rolle in der Gesellschaft und handeln vernunftbasiert. Ihnen werden darüber hinaus individualisierende Attribute zugeschrieben – was bei der Repräsentation von Zuwanderern aus Südosteuropa weitgehend fehlt“, so die Wissenschaftler.“

Mensch hält sich Hilfsobjekte, um doch wieder nur „White Supremacy“ anzufüttern – ganz wie die Missionare in den Kolonien einst mit ihren Krankenhäusern und Schulen.

Das ist nun spätestens seit dem Wirken der Lampedusa-Gruppe zumindest in Hamburg auch sehr vielen aufgefallen. Vor und in den Messehallen scheint sich somit aktuell Anderes abzuspielen. Da wird sehr deutlich ein symmetrisches Miteinander mit Einbürgerung als Ziel zumindest formuliert. Und die taz kommentiert spitz und treffend:

„Die Frage ist dabei nicht, ob die Helfer selbst etwas von ihrer Hilfe haben. Die Frage ist: Was haben die Flüchtlinge davon? Und: Haben die Helfer den Anspruch, die Ungleichheit, die jeder Hilfe eingeschrieben ist, zu überwinden?“

Das ist nämlich die tatsächliche Frage nach Demokratie: Dass eben die Interessen ALLER GLEICHERMASSEN von Relevanz sind und im politischen Diskurs Berücksichtigung finden. Nicht nur die weißer Deutscher. Dass die Grundrechte sich nicht nur auf „Staatsbürger“ beziehen, sondern auf alle, die sich auf einem bestimmten Territorium bewegen. Eine grundrechtsbasierte Demokratie ist NICHT die Diktatur der Mehrheit über Minderheiten, folgt NICHT dem Schema „Hier die Dominanzkultur als Subjekt, da zu Paternalisierende“. Sie konstituiert sich erst dann, wenn inklusiv operiert wird.

Davon ist die politische Realität in diesem Land allerdings sehr weit entfernt. Da sind sich schützende Mega-Institutionen (Behörden, Ministerien usw.), die nur gegen die vorgehen, von deren Seite sie Kritik oder Widerspruch fürchten und den Anderen dann ggf. zu viel Saufen zubilligen – und sie nutzen den völkischen Diskurs zum Erhalt nackter Macht für sich.

Das hat mit der Begründung des Grundgesetzes NICHTS zu tun. Insofern haben da noch ein paar mehr Leute zu lernen, was Demokratie bedeuten sollte, als nur der Mob in Heidenau.

Eine Antwort zu “Die völkische Hypothek der „Wieder“vereinigung

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