Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

That’s Entertainment! I found my thrill … FC St. Pauli – Greuther Fürth 3:2 

  

Manche hegen ja Aversionen gegen das Wort „Unterhaltung“. Also das, was in der DDR einst „Unterhaltungskunst“ genannt wurde. Entertainment. Großes Gefühlskino. Liebe, Drama, Wahnsinn. Emotionaler Extremismus. Krude Plots mit konstruiert wirkenden Höhepunkten und attraktiven Hauptdarstellern. Solche, wo die Musikuntermalung fast ins Melodramatische kippt,  um sich anschließend in Suspense zu aalen – wirbelnde Streicher zu Pauken und Trompeten abgehen, als wäre der Komponist auf Speed im Purple Rain versunken. Singend.

Ja, so ungefähr der Soundtrack meines inneren Ohres gestern im Millerntorstadion🙂 … was ein GROSSARTIGES Spiel! Mehr geht ja kaum. Ritt auf Messers Schneide. Kippen die Metaphern um zur Plattitüde, so war das Geschehen zumeist unbeschreiblich. In diesem Falle gut.

Zunächst 20 Minuten Gewackel der unseren. Fürth bot den Habitus von Schulhofschlägern, unsere Abwehr auf der Suche im Nichts nach der Abwesenheit von Halt,  aus dem dann das Potenzial der Chancen des Gegners erwächst – sie wirkten merkwürdig filigran gegen die grünweißen Brocken, die sich über den Platz rempelten. 

Und machten genau daraus anschließend eine Tugend wie in diesem uralten Kung Fu-Streifen, da vom wilhelminischen Boxer mit Zwirbelbart in seiner Grobschlächtigkeit der elegante Kampfkünstler beinahe zu Boden gedrückt wird, um sich frei schwingend doch zum Sieg zu erheben. 

Na, etwas übertrieben, aber ich fand schon dolle, wie das auf einmal flutschte, als flink die Boys in Brown wie zum 1:0. ihre Leichtigkeit als Chance begriffen und Schneisen, Wege, Pfade für den Pass inmitten des undurchdringlichen Weißgrün entdeckten, die prompt zum Treffer führten. War ja nur eine recht kurze Phase, die war aber so schwerelos, kosmisch – wie ich mich bei Sobota  eh frage, ob der sich heimlich über den Platz beamt. Der tauchte fortwährend irgendwo wie aus dem Nichts auf, und ich habe ihn da beim besten Willen nicht hin laufen sehen. Okay, das Bier, das Wetter … 

Muss ich Ratsche huldigen, Halstenberg feiern, das Offenkundige beglückt ausformulieren? Deichmann beglückwunschen, dass er nach anfänglicher Überforderung doch sich so klasse eingroovete mit aufmunternder Unterstützung seiner Mitspieler? Was eben, ja, und überhaupt: Wie sie halt zusammen (!!!) alles in die Waagschale warfen, bis die zu unseren Günsten final kippte. 
Euphorie bereits in der Halbzeit. Trotz Anschlusstreffer, nachdem es so wirkte, als sei unserer Manschaft vor Überrraschung über das 2:0 vorrübergehend das Ziel abhanden gekommen. 

Die Plakate und Transparente in Ankündigung des Protestes gegen den Aufmarsch der Alten und Neuen Rechten bis in den Fürther Block hinein waren beeindruckend (!!!) und zutreffend. Großartig! 

Wobei ich ja eben doch immer befürchte, dass zu viel Fokus auf alte und neue Nazis Nazis, zu wenig auf deren  tatsächliche und potenzielle Opfer auch kontraproduktiv wirken können könnte. Weil Fragen z.B. des Rassismus nicht nur im Paradigma des Nationalsozialismus diskutiert werden können. Ja,  mittlerweile stellt das sogar ein Problem in der Analyse und somit auch den daraus zu ziehenden Schlüssen dar. 

Und dass nun noch den Anfängen zu wehren sei, wie auf einem Plakat zu lesen war –  hmmm, dazu ist wohl längst zu spät. Über die sind die Massen hierzulande schon längst hinaus, angefeuert von einer interessegesteuerten politischen Klasse, der die Legitimation von Demokratie größtenteils am Arsch vorbei geht. 

Was freilich auch auf ein Feld der Auseiandersetzung verweist, dass den Rechten überlassen wird: Die tuen ja so (bis hin zu Merkel), als seien nun ausgerechnet sie die Gralshüter der Demokratie, während sie die Entrechtung von Minderheiten im Namen der Mehrhei twahlweise fordern oder zementieren. 

Nein, das ist falsch, es sind der formale Gleicheitsgrundsatz und das Grundrechtekonzept, das für alle gleichermaßen gilt, das die Verfahren überhaupt erst als demokratische ausweist. Exakt die gegenteilige Annahme der gerechtfertigten Dominanz, des vorab gültigen Privilegs ist antidemokratisch und faschistoid. Das raubt den Verfahren jede Rechtfertigung – während automatisches Bleibe- und Wahlrecht für alle, die sich auf dem klar definierten Territorium befinden, in der Tat begründungsfähig ist und eine Demokratie als solche in Bewegung hielte, Erstarrung verhinderte. 
Insofern ist zum Beispiel die sehr breite Unterstützung für die nun in den Messehallen eintreffenden Refugees, die sich bis zu recht biederen Hundebesitzern in Planten & Blomen zeigt, zukunftsfähig und großartig. Inzestuöse Zustände in Sachsen oder in sterbenden Dörfern in Meck-Pomm sind dies nicht, und Dortmunder Bürgerwehren auch nicht. Neoliberale Politik und technokratischer Funktionalismus im Stile von Scholz, Neumann und de Maiziére produzieren auch nur fortwährend neue Nationalismen, um Interessenpolitik zu tarnen.
Lange Rede, kurzer Sinn: Das Umfeld des FC St. Pauli ist doch so unendlich reich, multidimensional, dass das Hervorheben dessen, was schon cool ist und noch viel besser werden kann, mischt die Crowd mal ihre folkloristischen Tendenzen auf und öffnet sich der Symmetrie, immer noch die beste Antwort ist.

Passiert ja bereits, in den Konzepten zum ESSO-Häuser-Gelände, beim FSK usw. – geht nur manchmal unter, beschäftigt mensch sich zu sehr mit denen, die all das verhindern wollen im Sinne menschenverachtender Gleichmacherei. 

Mehr Pro-Demos fänd ich cool! Lieber noch Pro Homo als gegen Homophobie, lieber Raum, Macht, Einfluss und Kohle fur PoC als die freiwillige Selbstbeschränkung auf Antirassismus. Dann versteht mensch irgendwann auch besser, wie der funktioniert und wirkt. Sich von Pegida und Co die Themen vorgeben zu lassen, das bestätigt die ja nur in ihrem Machtrausch. 
Halbzeit vorbei, und ja, also, nun stilistisch zurück in die Euphorie zu finden ist gar nicht so einfach, und doch, es hängt ja zusammen – nach Jahren der freiwilligen Selbstmusealisierung und – mummifizierung bis kurz vor den Untergang WIRD da wieder was auf dem Platz. Dieser Thrill, so sexy, so haarscharf am Gegenteil des tatsächlichen Ergebnisses vorbei schrammend, so SCHNELL, juchhu nach Abseitstor der Fürther mit Nachstochern das 3:1 und mittlerweile sogar fair und ansehnlich spielende Grünweiße, die beinahe noch den Ausgleich schaffen – ja, es hat ja jeder gesehen, was ich hier beschreibe, aber es fühlt sich so gut an, es noch einmal zu durchleben😀 …

Entertainment, Zukunft, Spaß und Werden schließen einander gar nicht aus. Und Ewald Lienen gebührt echt tiefste Anerkennung, aus einem Haufen Verunsicherter eine lustorientierte, selbstbewusste, ja, glatt bei allen noch sichtbaren Unzulänglichkeiten (die sind das, was Menschen liebenswert macht) den Eros des FC St. Pauli atmendes Team geformt zu haben. Ressourcen nutzen, stark zu machen statt nur Fehler zu kritiseren – das ist ein Weg. 

Wenn der für uns geebnet uns so weiter führt – ich folge ihm gerne! 

3 Antworten zu “That’s Entertainment! I found my thrill … FC St. Pauli – Greuther Fürth 3:2 

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  3. Pingback: Wankelmut. | Positiv-Erlebnis.

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