Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Mein bisher schnellster und längster Spielbericht: Pokalspiel FC St. Pauli -Borussia Mönchengladbach, ach, Ergebnis egal … 

Seltsam. Kann mich gar nicht daran erinnern, überhaupt, ja je ein Heimspiel des FC St. Pauli im Fernsehen geguckt zu haben. War fast immer da, seitdem ich dabei bin; bei live übertragenen Spielen sowieso.

Und habe nun verpasst, mir fristgerecht „meine“ Karte besorgt zu haben. Dumm gelaufen.

Sitze auf dem Sofa; der Torjubel aus dem Stadion wird in meine Wohnung wehen – der Hund pennt. Mein Fernseher, das dritte Mal in diesem Jahr erst eingeschaltet, zeigt nur noch schwarz/weiß. Im Computer läuft parallel mit einer Minute Versatz der Stream in Farbe.

Auf zum Kühlschrank. Bier zum Sound von „Hell’s Bells“ holen …. Schick schmiegen sie sich an Spielerkörper, die roten Antisexismustrikots von Jason Lee, vom „Jolly Rouge“ inspiriert.

Die Farbe im Fernseher springt an.

Lauter Weiße fallen über einen Roten her.

Hübsch, der blonde Gladbacher mit Undercut. Rufe auf dem Sofa „Aux armes“ mit und vermisse P.A.s Lautmalerei dazu neben mir. Der Hund springt vom Sofa. Und pennt auf dem Parkett.

Erster Durchbruch unserer Jungs durch Gladbacher Reihen. Wir scheinen gut und organisiert zu stehen. Na, und uns eben auch so zu bewegen. Das Bier schmeckt, wenn auch ganz anders als im Stadion.

Was bin ich froh, kein Fussballkommentator zu sein. Spiele muss mensch fühlen. Dazu die ganze Zeit brabbeln, wie anstrengend.

Oje! Gladbach kommt auf und wirbelt durch unseren Strafraum. Gott schütze Himmelmann! Oder das Universum. Die Quelle. Shiva. Ganesha. Wer oder was auch immer dafür zuständig ist.

Choi und Thy glänzen und strahlen sich vors Gladbacher Tor. Wechselgesänge.

Soll ich jetzt im Sinne des Antiblogs den unleserlich längsten Spielbericht schreiben? Okay, mache ich.

„Haupttribüne, Haupttribüne!“-Chöre. Bleibe ganz wie im Stadion sitzen.

Der Fernseher in freudiger Anarchie schaltet wieder auf schwarz/weiß. Wie damals, in den 70ern, in meiner Kindheit, als alle schon Farbfernseher hatten, nur wir nicht, guckt sich das. Hat was. Gladbach wühlt, unsere wirbeln ein wenig wie diese Bürstenwalzen in Waschstraßen herum.

Was wäre aus James Joyce‘ „Ulysses“ wohl geworden, hätte es schon Fernsehen gegeben? Shakespeare wäre auch der Weltruhm versagt geblieben. Ob es in dessen Theater auch Wechselgesänge gegeben hat? „Macbeth – Macbeth“?

Himmelmann hält. Saxophone umrahmen meinen Fernseher. Der Hund schmatzt. Seit ich mit Drones übe, synthetischen Klängen in der richtigen Frequenz, per Kopfhörer zugeschaltet, wird die Intonation besser. Thy stößt gefährlich vor das Gladbacher Tor. Ob man aus den Saxophontönen wohl Energie gewinnen könnte, aus …

YES! Yes! Yes! Ratsche! 1:0! Großartig!!!! Hüpfe zwar nicht zu Blurs „Hu, hu“, aber … schön!!!

Sebastian Meier würd ich ja auch gern mal den ausrasierten Nacken kraulen.

Mein Verein hat Auftrieb, merklich. Kein Vergleich mit dem Spiel gegen Dortmund letztes Jahr. Da war ich im Stadion.

Buballa ans Außennetz. Gladbach senst Ratsche um. Sobotta provoziert Handspiel des Gegners – wird nicht geahndet.  Auf meinem Sofa ist es auch ganz schön.

Halbzeit.

Gardinen und Jalousien schließen. Mehmet Scholl findet, dass Gladbach zu wenig tut und Thy großartig spielt. Der Hund räkelt sich.

Ich rauche weniger, seitdem ich wieder meditiere. Und weiß, warum ich lieber meditiere, anstatt die Tagesschau zu gucken.

Schnell Biernachschub holen. Die Kioskdichte in der Neustadt hat zugenommen. Kommt gut. Der an den Stromkasten Gelehnte auf dem Weg dorthin, der mit der Glatze, haucht ins Handy „In einer Freundschaft hätte man das aber sagen müssen … .“, während Wauwi pinkelt.  Im Kiosk läuft kein Fernsehen, kein Pokal.

Himmelmann rettet vor Johnson, während ich dies schreibe. Meine Hündin hat ihre Zahnputzstange bekommen. Wie jeden Abend. Die Hühnerstreifen liebt sie, von denen J., die Shiba Inu-Hündin, immer Durchfall bekommen hat. Und verträgt sie gut. Danke, S.!!!

Der blonde Gladbacher sieht immer noch gut aus. Wie, nicht ausverkauft? Wieso sitze ich dann auf dem Sofa???

P.A. smst, dass es schade sei, dass ich nicht da bin. Finde ich auch. Freue mich trotzdem, wenn ich vermisst werde😀 …

Mist. Irgendsoein S-Name von Gladbach stochert zum 1:1 den Ball ins Tor. Na, so richtig Gestocher war das doch nicht in der Zeitlupe.  Steffen Simon lebt auf. Die Chöre werden lauter.  Fuck. 1:2. Simon lebt Genugtuung und noch mehr auf, sich über Buballa erhebend.

Himmelmann fliegt superheldenlike. Come on, Boys in brown!  Schon wegen der Wortbausteinkiste von Steffen Simon.

Jetzt nicht auch noch Raphael, bitte. Beinahe drin.  Kennt noch wer Raphael Schäfer aus „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten?“ Der hat sich einst um mein WG-Zimmer beworben und ich war ganz verknallt in ihn und habe, um Kontakt zu halten, eine Uni-Arbeit über Schauspielschüler geschrieben und ihn dazu interviewt. „Kognitive Ethnologie im Feld – Probleme und Methoden der Datenerhebung“. Die Arbeit hieß „Der Sinn dieser Schule – zur Subkultur der Schauspielschüler“, und meine These war, dass es sich eigentlich um eine Meta-Kultur handele.

Erste Gelbe nach Choi-Niederdrücken durch einen auch ganz hübsch am Kopf rasierten Gladbacher. Simon feiert penetrant Gladbach, ich habe unsere Jungs lieb.

Nein, dieses ist kein journalistisches „Internetblog“😀 … ich stelle lediglich Material für zukünftige Alltagshistoriker bereit.

Scheiße. Und dann so simpel. Nee, das haben wir nun aber echt nicht verdient. Und das alles nur, weil ich nicht da bin. Ich bekenne mich schuldig. 1:3. Simon orgiastsich. Keine schöne Vorstellung. Der Ventilator kühlt meine in Frustration erhitzten Sinne.

Den Hund interessiert das alles gar nicht. Kommt, ein 4:3 ist noch drin!!!!

Nehrigs Finetuning ist nicht so ganz ausgereift. Ball ins Toraus. Ansätze gut, aber diese Entmutigung ist so … ach, das Leben zeigt halt nicht immer auf Anhieb, was es gerade schenkt. Vermutlich steigt Gladbach wegen Doppelbelastung in Pokal und Championsleague sang- und klanglos ab, während wir in Spaß und Freude durch’s Leben ziehen.

Ui, Ratsche verpasst knapp. Johnson von Gladbach kann kaum noch laufen, so geil findet der sich. Oh, beinahe drin für uns. Hazard ist aber ein cooler Name. Gladbacher Einwechselspieler. Jetzt regiert der Zufall. Choi geht, Litka kommt. Auch so ein Boygroup-Kandidat. Could it be magic? „Es fehlen Zentimeter für John Verhoek“ (Steffen Simon) Herrmann von Gladbach tut gnädig und schießt daneben. Also neben unser Tor.

Das Publikum wird noch mal laut. Wo ist mein Feuerzeug? Hazard versagt kläglich, indem er das 1:4 schießt. So was rächt sich immer irgendwann,  Hazard. Wart’s ab.

Ich finde dieses verflixte Feuerzeug nicht. Die St. Pauli-Chöre werden lauter. Zu recht! Das Feuerzeug liegt unter dem iPad.  Mein Bedürfnis, im Stadion zu sein, ist nach dem 1:4 noch einmal deutlich gestiegen. So was wie heute sind ja oft die innigsten Momente, da ich die Mannschaft ganz besonders liebe. Das Publikum im Stadion auch. Das singt gerade „You’ll never walk alone!“

Die St. Pauli-Chöre schwellen noch einmal an. Auf Steffen Simons Respekt verzichten wir gerne – wir haben schließlich uns. Und wissen, wann Niederlagen Sternstunden bedeuten können … die Chance dazu liegt in diesem Abend sanft geborgen und kuschelt sich wohlig in ihn, prächtige Zeiten voraus ahnend, rosig erschöpft und in Regenbogenfarben glitternd.

4 Antworten zu “Mein bisher schnellster und längster Spielbericht: Pokalspiel FC St. Pauli -Borussia Mönchengladbach, ach, Ergebnis egal … 

  1. Ben August 10, 2015 um 11:53 pm

    Auch wenn ich einige Dinge in der Kneipe anders gesehen habe, waren das die schönen Worte vorm Einschlafen.
    Danke, danke, danke,
    Ben

  2. Pingback: DFB Pokal, Round 1: FC Sankt Pauli – Borussia Mönchengladbach 1-4 | FCSP Athens South End Scum

  3. Pingback: Liebe braucht keinen Erfolg – #FCSP Erstrundenaus im DFB-Pokal gegen Gladbach | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  4. goodsoul August 12, 2015 um 6:29 pm

    Danke fuer diesen Bericht!!

    Wir hatten in den 70igern auch noch keine Farbe in der Glotze.

    Und ja! Meditieren ist definitiv besser als TS schauen.

    Keep the faith!

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