Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: August 2015

No Nessie, no „Kirschgarten“: FSV Frankfurt – FC St. Pauli 1:0

Wenn das Spiel schon eher öde ist, soll das Bild, den Spielbericht zu illustrieren, ja wenigstens schön bunt sein 🙂 … da fiel heut was ins Spätsommerloch auf der energetische Ebene des Spiels der Boys in Brown. Wo das schon politisch sich nicht aufgetan hat, das Sommerloch. So gar nicht. Ganz im Gegenteil.

Ich weiß noch, wie in der Grundschule das „Sommerloch“ uns anhand von Nessie erläutert wurde – sei sonst nichts los, würde halt auf Seeungeheuer ausgewichen und dazu irgendeine Geschichte geschrieben in den Blätterwald hinein und notfalls ein Bild mit langem Hals aus Lochwasser hervorgekramt.

Loch Ness stellte ich mir daraufhin kalt, tief und gruselig vor – das Spiel heute schien eher abgeflacht und ausgetrocknet durch zu viel Hitze und noch nicht mal vom Grauen gepackt zu sein. Ein blöder, aber ganz hübsch anzusehender  Fehler, ein guter gegnerischer Torwart, eine Taktik bei uns, die nicht so richtig aufging – so dass auf einmal der Wechsel von Halstenberg nach Leipzig die Twitter-Timeline mehr emotionalisierte als der Kick auf dem Rasen. Soll er doch, wenn er glaubt, dass das gut für ihn ist. Viel Glück. Klar wird der fehlen. Wir ihm aber vermutlich auch.

Was ich ja an den Dramen Tschechows immer so faszinierend finde, an die ich bei dem Spiel tatsächlich die ganze Zeit denken musste, „Nach Moskau!“ im Kopf, aber nicht ganz in den Füßen,  ist, dass er aus der Abwesenheit von Handlung, dem wahlweise scheiterenden oder aber bis in den Untergang Aufrechterhalten von Illusionen, dem Schwelgen in sich nie erfüllenden Zukunfsträumen und all dem, was die Öde des Alltags auszufüllen versucht und dabei doch nur in Passivität und Jammern und auch mal plötzliche Wut mündet, so unglaublich spannende und ergreifende Geschichten bauen konnte.

Das unterscheidet mich von Tschechow 😀 … mir fällt zu dem Spiel einfach nichts ein.

Aber für’s nächste Mal erfinde ich einfach irgendein Elbungeheuer …

Ballsaal, 26.8., 19 h: „Refugees Welcome, Karo-Viertel“ – Zusammenfassung

Eine gewaltige Menschentraube breitete sich bereits Viertel vor Sieben vor der Südtribüne aus. Das Interesse brodelt gewaltig: Jene facettenreiche und ausdifferenzierte Gruppe, die aktuell den in einer Messehalle geparkten, geflüchteten Menschen Unterstützung gewährt, lud zur Info-Veranstaltung. Grüppchenweise Einlaß; ich gehörte zu fast den den letzten, die noch hinein gelassen wurden. Der „Ballsaal“ fasst 900 Menschen, es passten nicht alle rein.

Coole, von Percussion geprägte Musik von Refugees empfing mich – da liegt es fast nahe, Tocotronic und Co zu fragen, wieso sie musikalisch so wenig fähig sind, sich mit globalen Polyrhythmen musikalisch auseinanderzusetzen.

Die Veranstalter ließen völlig zu recht zunächst einen Geflüchteten seine Geschichte erzählen. Doch schon da schlich sich diese verfluchte Ambivalenz ein, die keinem vorzuwerfen ist, der ehrlich ambitioniert sich hinein wirft in den Support, aber eben nagt und so tief strukturell sitzt, dass es mich täglich in die Verzweiflung treibt: Da muss ein Mensch sich vor 1000 Leute auf eine Bühne stellen und die schrecklichsten individuellen Erfahrungen vor Wildfremden ausbreiten. Und Hochengagierte, Bewundernswerte, Sich Aufreibende lauschen gebannt und können nach ein paar Monaten intensiver, nicht entlohnter Arbeit in ihre weißdeutschen Zusammenhänge problemlos und jederzeit zurück kehren und danach zur Erholung den Mallorca- oder Kenia-Urlaub planen. Und als stete Gefahr bleibt, dass sich alle auch dann noch an der eigenen Güte berauschen, wenn die Betroffenen längst abgeschoben sind – mir erschien es jedoch so, als sei diese Gefahr den ganzen Aktiven vollauf bewusst.

Mensch verstehe mich nicht falsch: Ich kreide diese eben fundamentale Differenz niemandem an. Sie ist aber schrecklich.

Der geschilderte Lebenslauf des Refugees stand völlig quer zu den großen Erzählungen rund um Fluchtgründe. Was gut so ist, Abstrakta wie „Wirtschaftsflüchtlinge“ zu missbrauchen ist Geschäft der strategisch orientierten, „Großen Politik“ – dem gehört das Individuelle entgegen gestellt. Er berichtete von dem Aufeinandertreffen des Differenten in der überfüllten Messehalle, wo ich schon den überfüllten Ballsaal kaum ertrage. Kann mich danach mit Bier in den Park setzen und dann nach Hause gehen. Diese Möglichkeiten hat er nicht und das ist FALSCH und unerträglich.

Ich will, wie alle anderen im Saal ebenfalls, dass er das auch kann. Ganz ohne Racial Profiling zu erleben, ganz ohne Not, alleine schon, um in Ruhe das Dramatische, Furchtbare, Entsetzliche wenigstens irgendwie verdauen können zu dürfen.

Stattdessen krakeelt und eifert Innenminister de Maziére Gegenteiliges in Mikrophone und legt so rhetorisch Ursachen für weitere Brände, legitimiert meines Erachtens Gewalt gegen Geflüchtete dadurch, dass er sich von ihr treiben lässt.

Es ist einfach erbärmlich, dass nun gerade die, die jedem Hartz IV-Empfänger „Eigenverantwortung“ ins Gesicht brüllen, in Kollektiven und pauschal „sicheren Herkunftsländern“ denken und schwadronieren, eben exakt jene sind, die im Falle von Freihandelsabkommen von „Freiheit“ und „Individuum“ faseln. Bei Geflüchteten scheißen sie drauf, wenn sie selbst die Individualprüfung des Asylbegehrs durch pauschalisierende Abkommen aufheben. Und auf einmal „europäische Solidarität“ einfordern, jetzt, bei der Geflüchtetenunterbringung, nachdem sie höchstselbst Griechenland zum Einsturz brachten und Irland, Spanien, Portugal und Italien im nicht rechtlichen, in meinen Augen aber tatsächlichen Sinne nötigen und erpressen mit den Mitteln nackter Macht: Eine Farce.

Zurück vom Exkurs zum Handeln der Aktiven: Die Karo-Viertel-Initiave hat binnen kurzem Beeindruckendes auf die Beine gestellt. Die Veranstaltung diente vor allem der Vorstellung der agierenden Arbeitsgruppen: Kleiderkammer, Kinderprogramm, Deutschunterricht, Unterrichtsmaterial-Spenden, Kinderchor, Willkommensfest, Sport & Spiel, Telekommunikation, Leerstand, Übersetzungen, Medizinische Versorgung, Selbermachen/D.I.Y.-Nähmaschine, Karte, Fundraising.

Details, Kontakt beim Wunsch der Mitarbeit etc. können auf dieser Seite eingesehen werden: https://refugeeswelcome20357.wordpress.com.

Zentral war den Agierenden, immer wieder zu betonen, wie wichtig es sei, sich nicht nur auf die Situation in den Messehallen zu fokussieren. Da seien nun sehr viele aktiv aktuell, klar, das Viertel ist trendy und in begehrter Lage, Popalltagsgeschehen ist direkt um die Ecke zum Biertrinken nach all dem Elend – aber auch Schnakenburgsallee, Jenfeld und andere Auffang-, ja, -lager brauchen Unterstützung angesichts eines mutmaßlich willentlichen Versagens von Behörden und Senat und seiner in meinen Augen „Deutschland den Deutschen„-Politik. Die Initiative rund um die Messehallen ist derart öffentlichkeitswirksam und populär, dass deren Kleiderkammer mittlerweile andere Stationen mit beliefert.

Der Verweis auf das Wenig- bis Nicht-Handeln der staatlichen Institutionen zog sich als roter Faden durch die Redebeiträge: Es ist wieder eine dieser Situationen, wo privates Engagement die Löcher stopft, die die Senatspolitik aufreißt. Und das, weil zumindest meiner Beobachtung nach gerade Hamburg früh auf Abschreckung setzte, damit auch ja nicht „noch mehr kommen“.

Ich glaube sogar, dass kommunale Strukturen nicht nur in Hamburg tatsächlich überfordert sind angesichts der aktuellen Situation – auch das ist unter anderem den „weniger Staat, mehr Eigenverantwortung!“-Apologeten vergangener Jahrzehnte zu verdanken. Es ist schon erstaunlich, wie easy Konjunkturprogramme zur „Bankenrettung“ aufgelegt und sich neue Einnahmequellen aus den zwangszuverscherbelnden griechischen Flughäfen erschlossen werden, nun aber Suggestionen kursieren, es bestünde eine Konkurrenz zwischen Geflüchteten und Hartz IV-Empfängern. Ganz wie ebenfalls eingeflüstert wird, dass im Falle lauter den „Pursuit of Happiness“ als Antwort auf unfreiwilliges Leid und Elend Suchenden angeblich Knappheit herrsche.

Ich bin für ein Umwidmen des „Soli“ und eine Zwangsabgabe für von Rüstungsexporten direkt und indirekt Profitierende (also auch manch Reederei) zugunsten der Flüchtenden ohne Umlagemöglichkeit auf die Beschäftigten. Letzteres ist ja auch eine Art Wiedergutmachung.

Die gestrige Veranstaltung betreffend schienen mir das die zentralen Aussagen zu sein:

  • Informiert euch über die Arbeitsgruppen, Mitarbeit ist willkommen
  • Übt Druck auf den Senat aus, der sich schon unfähig zeigt, genug Dixie-Clos bereit zu stellen und diese sauber zu halten und dazu erst mal gebrach werden muss.
  • Konzentriert euch nicht nur auf die Messehalle, sondern agiert in euren Vierteln und Umfeldern
  • Lasst euch nicht beeindrucken vom Gefasel über „Wirtschaftsflüchtlinge“ und „sichere Herkunftsländer“; jede Biographie ist einzigartig und jeder Mensch hat gleichermaßen ein Recht auf gutes Leben und sollte über die Freiheitsmöglichkeiten verfügen können, selbst den Weg dahin zu suchen und dabei unterstützt zu werden.

Abschließend sei noch das verteilte Flugblatt zitiert:

„(…) Dass das selbsterklärte „Tor zur Welt“ Hamburg nicht darauf vorbereitet ist, einige Tausend Menschen würdig willkommen zu heißen, ist ein Skandal. Dabei gibt es reichlich Leerstand in Hamburg.

(…) Unabhängig davon, ob im Falle des rot-grünen Senats Absicht oder Unfähigkeit ausschlaggebend ist: Die miserable Behandlung von Geflüchteten hat in Deutschland System. Menschen werden von der herrschenden Politik danach sortiert, welchen Nutzen sie für Deutschland in der globalen Staatenkonkurrenz bringen. Wir lehnen diese Logik der ökonomischen Verwertbarkeit entschieden ab. Für eine solidarische Gesellschaft, in der die Bedürfnisse der Menschen Vorrang haben! (…)

Wir fordern:

  • Zugang zum regulären Arbeitsmarkt

  • Zugang zur gesetzlichen Krankenversicherung

  • Kostenlose Sprachkurse

  • Zugang zu Bildung an Schulen, Unis & Volkshochschulen

  • Sofortige Umwandlung von Leerstand aller Art in Wohnungen

  • Bleiberecht für alle

  • für jeweils alle Refugees!

Ich schließe mich dem an!

Die völkische Hypothek der „Wieder“vereinigung

Die Passage aus dem großartigen Roman Utlus schwirrt mir jedes Mal durch den Kopf, wenn im Zuge neuer rassistischer Pogrome auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gemutmaßt wird, da seien „Demokratie“, „das westliche System“ oder ähnliche Abstrakta nicht internalisiert, nicht verstanden worden oder nicht akzeptiert. Manche der Diagnostiker sind klug genug, von in universellen (!!!) Grundwerten gründender Demokratie zu schreiben – die letztlich gar keine Werte sind, sondern begründungsfähige Regeln des Miteinanders sowie des Verhaltens eines Staates denen gegenüber, die auf seinem Territorium seinen Handlungen aufgrund des Gewaltmonopols ausgeliefert sind.

Nun ist angesichts des Handelns und Redens der Kanzlerin in Fragen der so genannten „Homo-Ehe“ oder auch von Sonntagspredigten Olaf Scholz‘ zur Situation Geflüchteter die Frage, wer die denn überhaupt internalisiert oder akzeptiert hat in der BRD.

Vielmehr korrespondiert die Frage nach Demokratie annähernd durchgängig mit einem tief sitzenden, völkischen Demokratieverständnis, das sich von Schäuble bis zu manch Gutmeinenden durch sämtliche Institutionen dieser Republik zieht – und wurde im Zuge der so genannten „Wieder“-Vereinigung noch zementiert, wie Utlus Geschichte bestens belegt.

Und eben auch ein Artikel in „DIE ZEIT“:

„Es mag befremdlich klingen, aber für Deutschland sind die Flüchtlinge, diese vielen jungen, zuversichtlichen, nicht selten begabten und ehrgeizigen Menschen, ein Glück.“

Was ist denn da „Deutschland“? Und wieso muss so etwas erläutert werden, und was ist daran für wen genau befremdlich?

Wem gegenüber positioniert sich da stellvertretend für „Deutschland“ Sabine Rückert?

In was wird „integriert“?

Wer hat dabei erst einmal, ein der Verfassung fremder Gedanke, seine „Nützlichkeit“ unter Beweis zu stellen und wer nicht?

Die Prämissen eines letztlich weiß“arisch“ gedachten „Volkskörpers“, der sich wahlweise nährt oder an dem, vermeintlich überall aufzufinden, angeblich „Parasitäres schmarotzen“ würde, bleiben in dieser Sicht gewahrt – und völlig ausgeblendet wird, wer denn nun so alles zu dem Gedeihen jener BRD, der einst die „Neuen Länder“ beigetreten sind, beigetragen hat.

Und das nicht erst bei den Anwerbeabkommen der 50er und 60er Jahre, sondern schon im 19. Jahrhundert – vorher gab es „Deutschland“ ja gar nicht. Im Zuge der Industrialisierung war es unter anderem Zuwanderung aus Polen, die in der Konkurrenz europäischer Staaten für „Deutschland“ einen Vorteil bewirkten.

Soll heißen: Jene jenseits der ehemaligen „Mauer“, deren Leben auf den Kopf gestellt, deren Institutionengefüge von Schäuble und Co verramscht wurde – nach diesem Vorbild quält er nun Griechenland -, haben seit 1989  eben doch ganz nachhaltig von der Vorarbeit als „Gastarbeiter“ Geschmähter profitiert, ohne sich auch nur einmal dafür zu bedanken.

Um so befremdlicher, dass Frau Rückert diese Realgeschichte befremdlich findet und gar nicht berücksichtigt, ganz so. als sei die Fragestellung neu. Da ist sie ganz Kind der „Wieder“vereinigung.

Weil natürlich um Wahlen zu gewinnen bauernschlau Kohl einst die berühmte semantische Wende von „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“ für sich nutzte – das war jener Schachzug, der aus einer Bürgerrechts- eine völkische Bewegung formte, die letztlich in die de facto-Abschaffung des Asylrechts mündete.

Damit hat sich ein Demokratieverständnis zementiert, das bereits zur Reichsgründung im 19. Jahrhudnert aggressiv von Bismarck befördert wurde, um mittels Nationalismus „Einheit“ zu erzeugen – mit korrespondierenden „Sozialistengesetzen“ und der Erfindung „vaterlandsloser“, weil internationalistischer „Gesellen“. Das jagt der SPD bis heute so eine Angst ein, dass sie bei jeder völkisch-nationalistischen Runde auch einen ausgibt. Heute tönt widergängerisch „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“ aus den Kehlen der Rechten, was eben das gleiche meint.

Die Pointe freilich ist, dass anschließend „Wir sind ein Volk“ und „Wir sind das Volk“ fusionierten, was aggressiv gegen PoC, manchmal im Zuge bürgerlicher, gar nicht christlicher Familien-Ideologie auch gegen queere Menschen in Anschlag gebracht wird unter kompletter Ignoranz historischer Realitäten.

Viele wettern ja gegen den „Privilegienansatz“ in der Antirassismusarbeit, der belegt, dass eben alleine schon sozial als weiß situiert zu sein sein Vorteile mit sich brächte – die Völkischen wollen schlicht und ergreifend, dass das so bleibt, während die Anderen es weg diskutieren.

Und die Völkischen wollen das ja gar nicht durch und durch „antidemokratisch“ zementieren: Ihr Demokratieverständnis ist halt zutiefst rassistisch. Also eine vorpolitisch sich vorgestellte, „rassisch“ reine Abstammungsgemeinschaft mit natürlichen Rechten, der gegenüber dann „die Anderen“ stehen, die notfalls auch ermordet und vernichtet gehören, prägt ihre Sicht. Diese sei dann „Demos“ oder wie das altgriechisch auch immer heißt, und sie entscheide über Wohl und Wehe derer, die sie duldet oder auch nicht.

Exakt das steckt aber auch im Artikel von Sabine Rückert mit drin. Und da zeigt sich einfach, dass die BRD in Gänze überhaupt nie in einer grundrechtsbasierten Demokratie angekommen ist. Weil das ja nicht nur in Heidenau so gedacht wird, sondern, geht mensch über Universitätsflure, dort ebenso praktiziert sich findet.

Und der erste Schritt weg davon wäre anzuerkennen, welche historische Leistung Menschen wie die Verwandten von Deniz Utlu vollbracht haben. Ohne freilich das Thema auf „Nützlichkeit“ zu reduzieren.

Das Problem ergänzend ist, dass das noch nicht mal in linken Zusammenhängen immer geschieht. Da ist das historisches Subjekt z.B. „die Antifa“ und schreibt nur SEINE Geschichte.

Es weiß doch kein Mensch, was mit den Bewohnern der Häuser in Lichtenhagen passiert ist. Die in Hoyersverda wurden wohl vorsichtshalber prompt deportiert, wenn Wikipedia nicht lügt. Stattdessen werden die ja akut wirklich mutigen Heldentaten der einst in Lichtenhagen Agierenden ganz ohne die erzählt, vor die sie sich schützend stellten.

Da sollten auch die eigenen in diesem Fall, also linken Mythen mal deutlcher unter die Lupe genommen werden, wo sie denn nun vielleicht noch „antideutsch“ einfach reproduzieren, strukturell, was als Kern in all den Problemen steckt.

Weil nämlich das Folgende ganz genau so auch bei den Helfenden oft aufscheint:

„In der Westdeutschen Zeitung etwa werden die Einwanderer „stets als eine primitive Problemgruppe dargestellt, die sich durch Nomadentum auszeichnet. Sie kommen nie zu Wort, sind passiv und die Kriminalität eines Teils dieser Personengruppe wird ethnisiert“, heißt es in der Studie.

„Einheimische“ hingegen sind der Studie zufolge stets aktiv, haben Ziele, gehen, begleiten, versuchen und helfen. Sie mahnen, denken, urteilen und unterstützen. Darüber hinaus reden sie Klartext und kommen entsprechend oft zu Wort. „Kurzum spielen die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft eine aktiv gestaltende Rolle in der Gesellschaft und handeln vernunftbasiert. Ihnen werden darüber hinaus individualisierende Attribute zugeschrieben – was bei der Repräsentation von Zuwanderern aus Südosteuropa weitgehend fehlt“, so die Wissenschaftler.“

Mensch hält sich Hilfsobjekte, um doch wieder nur „White Supremacy“ anzufüttern – ganz wie die Missionare in den Kolonien einst mit ihren Krankenhäusern und Schulen.

Das ist nun spätestens seit dem Wirken der Lampedusa-Gruppe zumindest in Hamburg auch sehr vielen aufgefallen. Vor und in den Messehallen scheint sich somit aktuell Anderes abzuspielen. Da wird sehr deutlich ein symmetrisches Miteinander mit Einbürgerung als Ziel zumindest formuliert. Und die taz kommentiert spitz und treffend:

„Die Frage ist dabei nicht, ob die Helfer selbst etwas von ihrer Hilfe haben. Die Frage ist: Was haben die Flüchtlinge davon? Und: Haben die Helfer den Anspruch, die Ungleichheit, die jeder Hilfe eingeschrieben ist, zu überwinden?“

Das ist nämlich die tatsächliche Frage nach Demokratie: Dass eben die Interessen ALLER GLEICHERMASSEN von Relevanz sind und im politischen Diskurs Berücksichtigung finden. Nicht nur die weißer Deutscher. Dass die Grundrechte sich nicht nur auf „Staatsbürger“ beziehen, sondern auf alle, die sich auf einem bestimmten Territorium bewegen. Eine grundrechtsbasierte Demokratie ist NICHT die Diktatur der Mehrheit über Minderheiten, folgt NICHT dem Schema „Hier die Dominanzkultur als Subjekt, da zu Paternalisierende“. Sie konstituiert sich erst dann, wenn inklusiv operiert wird.

Davon ist die politische Realität in diesem Land allerdings sehr weit entfernt. Da sind sich schützende Mega-Institutionen (Behörden, Ministerien usw.), die nur gegen die vorgehen, von deren Seite sie Kritik oder Widerspruch fürchten und den Anderen dann ggf. zu viel Saufen zubilligen – und sie nutzen den völkischen Diskurs zum Erhalt nackter Macht für sich.

Das hat mit der Begründung des Grundgesetzes NICHTS zu tun. Insofern haben da noch ein paar mehr Leute zu lernen, was Demokratie bedeuten sollte, als nur der Mob in Heidenau.

That’s Entertainment! I found my thrill … FC St. Pauli – Greuther Fürth 3:2 

  

Manche hegen ja Aversionen gegen das Wort „Unterhaltung“. Also das, was in der DDR einst „Unterhaltungskunst“ genannt wurde. Entertainment. Großes Gefühlskino. Liebe, Drama, Wahnsinn. Emotionaler Extremismus. Krude Plots mit konstruiert wirkenden Höhepunkten und attraktiven Hauptdarstellern. Solche, wo die Musikuntermalung fast ins Melodramatische kippt,  um sich anschließend in Suspense zu aalen – wirbelnde Streicher zu Pauken und Trompeten abgehen, als wäre der Komponist auf Speed im Purple Rain versunken. Singend.

Ja, so ungefähr der Soundtrack meines inneren Ohres gestern im Millerntorstadion 🙂 … was ein GROSSARTIGES Spiel! Mehr geht ja kaum. Ritt auf Messers Schneide. Kippen die Metaphern um zur Plattitüde, so war das Geschehen zumeist unbeschreiblich. In diesem Falle gut.

Zunächst 20 Minuten Gewackel der unseren. Fürth bot den Habitus von Schulhofschlägern, unsere Abwehr auf der Suche im Nichts nach der Abwesenheit von Halt,  aus dem dann das Potenzial der Chancen des Gegners erwächst – sie wirkten merkwürdig filigran gegen die grünweißen Brocken, die sich über den Platz rempelten. 

Und machten genau daraus anschließend eine Tugend wie in diesem uralten Kung Fu-Streifen, da vom wilhelminischen Boxer mit Zwirbelbart in seiner Grobschlächtigkeit der elegante Kampfkünstler beinahe zu Boden gedrückt wird, um sich frei schwingend doch zum Sieg zu erheben. 

Na, etwas übertrieben, aber ich fand schon dolle, wie das auf einmal flutschte, als flink die Boys in Brown wie zum 1:0. ihre Leichtigkeit als Chance begriffen und Schneisen, Wege, Pfade für den Pass inmitten des undurchdringlichen Weißgrün entdeckten, die prompt zum Treffer führten. War ja nur eine recht kurze Phase, die war aber so schwerelos, kosmisch – wie ich mich bei Sobota  eh frage, ob der sich heimlich über den Platz beamt. Der tauchte fortwährend irgendwo wie aus dem Nichts auf, und ich habe ihn da beim besten Willen nicht hin laufen sehen. Okay, das Bier, das Wetter … 

Muss ich Ratsche huldigen, Halstenberg feiern, das Offenkundige beglückt ausformulieren? Deichmann beglückwunschen, dass er nach anfänglicher Überforderung doch sich so klasse eingroovete mit aufmunternder Unterstützung seiner Mitspieler? Was eben, ja, und überhaupt: Wie sie halt zusammen (!!!) alles in die Waagschale warfen, bis die zu unseren Günsten final kippte. 
Euphorie bereits in der Halbzeit. Trotz Anschlusstreffer, nachdem es so wirkte, als sei unserer Manschaft vor Überrraschung über das 2:0 vorrübergehend das Ziel abhanden gekommen. 

Die Plakate und Transparente in Ankündigung des Protestes gegen den Aufmarsch der Alten und Neuen Rechten bis in den Fürther Block hinein waren beeindruckend (!!!) und zutreffend. Großartig! 

Wobei ich ja eben doch immer befürchte, dass zu viel Fokus auf alte und neue Nazis Nazis, zu wenig auf deren  tatsächliche und potenzielle Opfer auch kontraproduktiv wirken können könnte. Weil Fragen z.B. des Rassismus nicht nur im Paradigma des Nationalsozialismus diskutiert werden können. Ja,  mittlerweile stellt das sogar ein Problem in der Analyse und somit auch den daraus zu ziehenden Schlüssen dar. 

Und dass nun noch den Anfängen zu wehren sei, wie auf einem Plakat zu lesen war –  hmmm, dazu ist wohl längst zu spät. Über die sind die Massen hierzulande schon längst hinaus, angefeuert von einer interessegesteuerten politischen Klasse, der die Legitimation von Demokratie größtenteils am Arsch vorbei geht. 

Was freilich auch auf ein Feld der Auseiandersetzung verweist, dass den Rechten überlassen wird: Die tuen ja so (bis hin zu Merkel), als seien nun ausgerechnet sie die Gralshüter der Demokratie, während sie die Entrechtung von Minderheiten im Namen der Mehrhei twahlweise fordern oder zementieren. 

Nein, das ist falsch, es sind der formale Gleicheitsgrundsatz und das Grundrechtekonzept, das für alle gleichermaßen gilt, das die Verfahren überhaupt erst als demokratische ausweist. Exakt die gegenteilige Annahme der gerechtfertigten Dominanz, des vorab gültigen Privilegs ist antidemokratisch und faschistoid. Das raubt den Verfahren jede Rechtfertigung – während automatisches Bleibe- und Wahlrecht für alle, die sich auf dem klar definierten Territorium befinden, in der Tat begründungsfähig ist und eine Demokratie als solche in Bewegung hielte, Erstarrung verhinderte. 
Insofern ist zum Beispiel die sehr breite Unterstützung für die nun in den Messehallen eintreffenden Refugees, die sich bis zu recht biederen Hundebesitzern in Planten & Blomen zeigt, zukunftsfähig und großartig. Inzestuöse Zustände in Sachsen oder in sterbenden Dörfern in Meck-Pomm sind dies nicht, und Dortmunder Bürgerwehren auch nicht. Neoliberale Politik und technokratischer Funktionalismus im Stile von Scholz, Neumann und de Maiziére produzieren auch nur fortwährend neue Nationalismen, um Interessenpolitik zu tarnen.
Lange Rede, kurzer Sinn: Das Umfeld des FC St. Pauli ist doch so unendlich reich, multidimensional, dass das Hervorheben dessen, was schon cool ist und noch viel besser werden kann, mischt die Crowd mal ihre folkloristischen Tendenzen auf und öffnet sich der Symmetrie, immer noch die beste Antwort ist.

Passiert ja bereits, in den Konzepten zum ESSO-Häuser-Gelände, beim FSK usw. – geht nur manchmal unter, beschäftigt mensch sich zu sehr mit denen, die all das verhindern wollen im Sinne menschenverachtender Gleichmacherei. 

Mehr Pro-Demos fänd ich cool! Lieber noch Pro Homo als gegen Homophobie, lieber Raum, Macht, Einfluss und Kohle fur PoC als die freiwillige Selbstbeschränkung auf Antirassismus. Dann versteht mensch irgendwann auch besser, wie der funktioniert und wirkt. Sich von Pegida und Co die Themen vorgeben zu lassen, das bestätigt die ja nur in ihrem Machtrausch. 
Halbzeit vorbei, und ja, also, nun stilistisch zurück in die Euphorie zu finden ist gar nicht so einfach, und doch, es hängt ja zusammen – nach Jahren der freiwilligen Selbstmusealisierung und – mummifizierung bis kurz vor den Untergang WIRD da wieder was auf dem Platz. Dieser Thrill, so sexy, so haarscharf am Gegenteil des tatsächlichen Ergebnisses vorbei schrammend, so SCHNELL, juchhu nach Abseitstor der Fürther mit Nachstochern das 3:1 und mittlerweile sogar fair und ansehnlich spielende Grünweiße, die beinahe noch den Ausgleich schaffen – ja, es hat ja jeder gesehen, was ich hier beschreibe, aber es fühlt sich so gut an, es noch einmal zu durchleben 😀 …

Entertainment, Zukunft, Spaß und Werden schließen einander gar nicht aus. Und Ewald Lienen gebührt echt tiefste Anerkennung, aus einem Haufen Verunsicherter eine lustorientierte, selbstbewusste, ja, glatt bei allen noch sichtbaren Unzulänglichkeiten (die sind das, was Menschen liebenswert macht) den Eros des FC St. Pauli atmendes Team geformt zu haben. Ressourcen nutzen, stark zu machen statt nur Fehler zu kritiseren – das ist ein Weg. 

Wenn der für uns geebnet uns so weiter führt – ich folge ihm gerne! 

Mein bisher schnellster und längster Spielbericht: Pokalspiel FC St. Pauli -Borussia Mönchengladbach, ach, Ergebnis egal … 

Seltsam. Kann mich gar nicht daran erinnern, überhaupt, ja je ein Heimspiel des FC St. Pauli im Fernsehen geguckt zu haben. War fast immer da, seitdem ich dabei bin; bei live übertragenen Spielen sowieso.

Und habe nun verpasst, mir fristgerecht „meine“ Karte besorgt zu haben. Dumm gelaufen.

Sitze auf dem Sofa; der Torjubel aus dem Stadion wird in meine Wohnung wehen – der Hund pennt. Mein Fernseher, das dritte Mal in diesem Jahr erst eingeschaltet, zeigt nur noch schwarz/weiß. Im Computer läuft parallel mit einer Minute Versatz der Stream in Farbe.

Auf zum Kühlschrank. Bier zum Sound von „Hell’s Bells“ holen …. Schick schmiegen sie sich an Spielerkörper, Mehr von diesem Beitrag lesen

Momo on the radio: Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum, Mo 10.8., FSK Hamburg, 14-16 h

Morgen ist es wieder so weit, eine weitere Ausgabe der „Tales of St. Pauli“ – und soooo viel will ich diesmal gar nicht vorher sagen. Wie immer auch über’s Netz zu hören – beim FSK.

Hier auf jeden Fall wie üblich die Tracklist:

Donna Summer – On The Radio
Coco Rosie – Beautiful Boyz
Seu Jorge – Tive Razao
Jonny – The Gay Canon
Brolin – Swimm Deep
Madblush – Love Love Love
Low Motion Disco – People Come In Slowly
Sharon Needles – Everyday Is Helloween
Massive Attack – Risingson
DeeDee Bridgewater – Midnight Sun
Thiago Pethit – Nightwalker
Mando Diao – Sweet Wet Dreams
Maya Jane Coles – The High Life
Portishead – Sour Times
Ben Webster – Soulville
Louis Armstrong – West End Blues
Kansas City Band – Moten Swing
Hildegard Knef – Es hat alles einen Anfang
Literatur:
Rechy, John, Nacht in der Stadt, München 1965/1986
Schmidt, Gunther, Das grosse DerDieDas, Reinbek bei Hamburg 1991
Links:
Ludersocke (Contentwarnung; nicht, weil das ein schlechtes Blog wäre, ganz im Gegenteil – es ist eines der besten, das ich zur Hamburger Geschichte und der von St. Pauli kenne. Es enthält aus Gründen der historischen Dokumentation freilich diverse rassistische und sexistische Orginalquellen auch im Bildmaterial)