Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Und so was nennt sich dann Analyse … die FAZ zur Flüchtlingsstatistik

Alleine schon „schwarzhäutig“.

Steht da, in der FAZ.

Schreibt ein Rosahäutiger mit vermutlich Grau, Fahlgelb, Hellbraun- und Rottönen im Gesicht.

Nun ist selbst zu solchen allmählich durchgedrungen, dass „schwarz“ als Begriff angemessen ist, aber nein, da muss nun unbedingt die Phänotypenlehre der Schädelvermesser wieder eingebaut werden ins Sprachgeschehen.

Sie können einfach nicht anders mit ihrem aufgeblasenen Ego, das fortwährend Menschen klassifizieren muss in der Legitimation des Kontrollbedürfnisses unmenschlicher Politik.

Dann werden sarrazinesk Statistiken ausgepackt, um Wälle gegen das hier und da noch vorhandene Mitgefühl für im Mittelmeer Ersaufende zu errichten und gleichzeitig antiziganistische und, ganz wie der „Ostmarkenverein“ einst, antislavistisch loszubrettern – ganz so, wie auch Rostocker Fans Gesänge zu Sorben in Cottbus anstimmen .

Und Scholz macht prompt mit und träumt treudeutsch von Lagern.

Und hinterher wundern sich alle, wieso Mädels aus Wien zum IS nach Syrien ziehen, wohlgemerkt mit Sebrenica als Legitimationserzählung im Kopf …

Nein, das bringt gar nichts durcheinander. Schon wieder wird ganz und gar zauberlehrlingshaft Historie negiert, um ältere Kontinuitäten zu tarnen.

„In Wirklichkeit waren in den ersten sechs Monaten Europäer die mit Abstand größte Flüchtlingsgruppe. 35 Prozent der Asylerstanträge, die in den EU-Staaten gestellt wurden, stammten von europäischen Staatsbürgern, überwiegend vom westlichen Balkan: Kosovaren (58.060 Anträge), Albaner (24.870), Serben (10.985) und Mazedonier (4625). Aus Nahost kamen dagegen 25 Prozent der Asylbewerber, aus Afrika 19 Prozent und aus Asien 17 Prozent.“

War da nicht was? Genscher? Kroatien? Zusammenbruch Jugoslawiens und internationale Reaktionen darauf? Wieso konnte MIlosevic denn auf’s Amselfeld latschen, und in was für einer internationalen Konstellation passierte das? Und was für eine Art von Diskurs war das, den er da nutzte? Hat das nicht vielleicht auch einiges mit dem zu tun, was in Hirnen in Dresden oder bei FPÖ-Wählern vorgeht?

Und: Hat nicht Joschka Fischer heroisch unter Berufung auf Auschwitz da allesamt ein für allemal gerettet?

Und wieso können „Schlepperbanden“ denn nun gerade da so erfolgreich rekrutieren?

Es ist schon atemberaubend:

„Eine andere verbreitete Vorstellung lautet, dass wir in Zeiten einer neuen Völkerwanderung leben, in der das wohlhabende Europa zunehmend von den armen Völkern aus dem Süden überrannt wird.“

Nunmehr ist also im Süden zu sein nicht mehr deutschen Interessensphären in Südosteuropa zuzubiligen, sondern irgendwie weiter weg. Aber im Falle Griechenlands werden dann doch wieder alle „Südländer“-Klischees ausgepackt. Um sich demnächst zu wundern, wieso nun eigentlich lauter Griechen da hin wollen, wo es noch funktionierende Krankenversicherung und Arbeit gibt.

Und zudem mal eben die Ersoffenen, die in italienischen Lagern Gestrandeten und sonstwie nicht Durchdringenden, weil in der Statistik nicht präsent, per FAZ-Deklaration aus der Wirklichkeit zu tilgen. Die nun tatsächlich schon aus geographischen Gründen noch ein paar mehr Stationen vor sich haben und „Frontex“ vor der Nase.

Hübsch dann auch der folgende Passus:

„Ohne Balkan folgen dann: Afghanistan (28.410), der Irak (16.420), Eritrea (11.025), Pakistan (10.235), die Ukraine (8900).“

Äh – das liest sich bei dem Rosanen (ja, bin ich auch, rosa) so naturwüchsig.

Was genau war und ist noch im Irak und in Afghanistan los? Wie wirkt das auf Pakistan? Was zeichnet sich in der Ukraine ab? Libyen fehlt, schon das ist in die Statistik irgendwie nicht vorgedrungen, dass dort insbesondere Schwarze deshalb flüchten müssten, weil noch unter Gadafi das Tor in südlichere Regionen Afrikas weit offen stand, viele dort gerne und gut arbeiteten – nach der NATO-Intervention freilich ein offener Rassismus von Bürgerkriegsparteien und eine nachhaltige Destabilisierung des Landes z.B. die Lampedusa-Gruppe auf die Boote trieb, nicht irgendwelche „Schlepperbanden“.

Ja, und Syrien erwähnt er – da wird das Ganze komplexer, das zu analysieren traue ich mir nicht zu. Nur dass der IS schon auch infolge der US-Intervention im Irak sich formierte, wie auch immer, das ist nun mal so. Und auch da intervenieren selbstverständlich westliche Interessen, und Deutschland als Waffenexporteur Nr. 3 meines Wissens verdient sowieso an all den Kriegen irgendwie mit, die der Herr da aufzählt.

Die Pointe somit des Artikels, kann ja jeder lesen, Entwicklungshilfe und die „Abschwächung“ der „Konflikte“ in den jeweiligen Ländern, wo zumindest Schäuble so ziemlich überall seine Finger mit drin hatte und hat, gerade auch in denen in Ex-Jugoslawien, ist somit ja noch nicht mal falsch.

Nur dass einigermaßen überdeutlich ist, dass „der Westen“ zumindest einen nicht unerheblichen Teil wenn auch nicht exklusiv, so doch zumindest mitverursacht hat und durch Wirtschaftskriegsführung auch fortwährend und überall neue „Krisen“ heraufbeschwört.

Es ist doch abenteuerlich, das Ganze ohne die „westliche“ Politik nach der Implosion des „Ostblocks“ zu diskutieren.

Selbst der „islamische Fundamentalismus“ oder wie auch immer man das nun nennen möchte nährt sich doch, da braucht mensch nur mal Interviews mit Anjem Choudary lesen, eben davon, dass er die „soziale Frage“ stellt und ganz außerordentlich gruselig beantwortet. So sind, wissen Leute, die sich da besser auskennen als ich, zu berichten, viele derer, die es heute zum IS zieht, solche, die noch in den 70ern nach Nicaragua gegangen wären.

Demokratie als Modell erscheint vielen Menschen nach der Neocon-Begründung der Interventionen im Irak und in Afghanistan sowie nach dem „arabischen Frühling“ wie infolge des Eindrucks, sie verschleiere nur die neoliberal Interessenpolitik der sich abschottenden Eliten, schlicht out – so suchen die einen dann halt „göttliche Ordnungen“ statt menschengemachter Systeme, die anderen flüchten sich in Nationalismen, dritte in mit Naturwüchsigkeit operierendenden Wirtschaftsideologien, vierte in Ethnisierungen von allem und jedem, und im Grunde genommen machen sie all das Gleiche, weil eh Gemengelagen die Flüchtlingsbewegungen antreiben – und „der Westen“ tut so, als habe er mit alledem nichts zu tun und sei nun Opfer „ethnischer Übermächtigung“.

Weil einfach die Frage gar nicht mehr gestellt wird: Wie wäre es denn mal, Politik an den tatsächlichen Bedürfnissen von Menschen, und zwar allen gleichermaßen, zu orientieren? Was für ein Wirtschaften wäre das denn, das jenseits von Ethnie, Staat, Religion und Privilegienverteidigung dafür sorgt, dass es allen besser geht und nicht ständig Kriegsführung als Konfliktlösung privilegiert wird? Wie schützt mensch die Schwächeren vor den Stärkeren?

Was nun genau wäre so schlimm daran, wenn, statt dass immer alle glauben, sie würden sich wechselseitig etwas weg nehmen, Modelle kooperativen und gemeinschaftlichen Handelns mal gedacht würden, die sich nicht aus „höheren Wahrheiten“ wie „die Wirtschaft“, „Gott“, „Bibel“, „Nation“ speisten, sondern empirisch als Zielsetzung die Beseitigung von Not und Elend verfolgten, als nun mittels Krieg ständig mehr davon zu erzeugen?

Ein bißchen Fair Trade und Viva con Agua reicht da offenkundig nicht.

Aber wer denkt denn da auch nur drüber nach??? Die Fragen mögen ja alte sein, aber wenn die nicht jetzt wieder auf die Tagesordnung gehören, wann denn dann?

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