Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Deutschland Schwarz Weiss“ von Noah Sow – jetzt als (überarbeitetes) eBook erhältlich

Ein Sprung mitten hinein in die Kontroverse:

„Hör auf, dich als „antirassistisch“ zu bezeichnen. Vor allem, wenn du nur mit weißen Leuten befreundet bist. „Antirassistisch“ ist keine Überzeugung, sondern eine Praxis. Und die beschränkt sich nicht auf die Herstellung von „One World“-T-Shirts. Wer sich selbst das Verdienstabzeichen „antirassistisch“ verleiht, und sich damit flugs außerhalb des Systems platziert (schön praktisch), macht sich verdächtig.“

Noah Sow, Deutschland Schwarz-Weiss, Pos. 3671 der eBook-Ausgabe, München 2015 – Eigenverlag

Es sind Passagen wie diese, die regelmäßig Wellen der Empörung hervor rufen, in Rezensensionen Jahre nach der Veröffentlichung Forderungen nach Wohlfühlantirassismus nach sich ziehen. Denn diese Autorin versperre aufgrund einer Haltung, die sie weißen Lesern gegenüber einnehme, den Zugang zu dem, was sie sagen wolle.

So wird einer der gewichtigsten theoretischen wie praktischen Ansätze, Gesellschaft zu verstehen und Veränderungen an-zudenken und vorzubereiten, in die Tonne polemisiert. Die Verluste, die dabei entstehen, sind gewaltig – wie jede_r lernen wird, der es auch mal liest. Geht jetzt auch auf dem eBook-Reader. Wieso nun also gerade die Gutmeinenden angreifen, die Engagierten, die Aktiven? Es bilden sich im Gegenzug breite, personelle, oft publizistisch mächtige Kreise Beleidigter, die, narzisstisch gekränkt, vortrefflich belegen, worum es in dem Buch geht … eben darum.

Und darum, sich ausnahmsweise mal klar zu machen, warum als schwarz gelesen – und selbstbezeichnet – es sich schlicht ANDERS und keineswegs besser lebt in Deutschland, als wenn, weil weiß, bestimmte Hürden sich nicht vor den Alltagsvollzug schieben. Diese werden allgemeinverständlich aufgezeigt. Um eben als perspektivischen Ausweg die Reflektion der sozial wirksamen Position des Weißseins zu suchen. Diese Anleitung von Noah Sow ist letztlich eine grandiose Serviceleistung, für die sich zu bedanken keinerlei Unwohlsein befördert.

Gleichzeitig ist es, allen kursierenden Sottisen zum Trotze, ein Werk, das höchst scharfsinnig in ungemein treffenden, „feinstofflichen“ Beobachtungen die „Mikrophysik der Macht“ (Michel Foucault) seziert, ohne nun die Beobachtungen an weiße Philosophen wie Michel Foucault zu deiegieren.

Kurz: Es springt mitten hinein in die Macht, die in den Beziehungen wirkt und liefert dabei sogar noch eine Verknüpfung ansonsten zumeist unvermittelter Ansätze: Strukturanalyse und intersubjektivistische Sichtweisen sowie die Verbindung von Theorie, Praxis und Erfahrung.

Wieso also die Gutmeinenden angehen? Ja, weil, altes Bonmot ausgekramt, „gut gemeint“ eben nicht immer gut gemacht ist und de facto häufig, nicht immer, die ach so wohlgesonnenen Weißen, ja, ich auch, Plätze besetzen, die People of Colour zustünden. Stattdessen wird weiße Definitionsmacht zementiert und spätestens dann, wenn es ums Geld geht, auch aggressiv weg geboxt und sich selbst die Verteilungsordnung der Güter vorbehalten.

In einer stilistisch außergewöhnlich gewitzten und streckenweise wirklich lustigen Form, wenn mensch, anders als in Deutschland üblich, über sich selbst lachen mag, ist das Buch geschrieben – obgleich auch manche Passagen  in die Notwendigkeit bitteren, ja teils verzweifelten Humors gedrängt wurden. Schreiben als Überlebenshilfe.

Alleine schon, dass die Autorin sich dem üblichen Dozieren aus Perspektive der 3. Person verweigert, ein chronisch Anwendung findender Trick und Teil von Herrschaftsverhältnissen, sondern stattdessen die direkte Ansprache weißer Menschen wählt, ja, die zweite Person, „Sie“, im Englischen oft anstelle des „Gerede des Man“ (Heidegger) verwendet, hebt es wohltuend von anderen Traktaten ab. Solchen, die sich dem Wissen um die Verschränkung von Teilnehmer- und Beobachterperspektive komplett verweigern.

Deutschland Schwarz Weiss“ ist seit seinem Erscheinen 2008 längst zu einer Art „Klassiker“ des antirassistischen Denkens in Deutschland avanciert und zweifelsohne eines der zentralen Werke für jeden, der sich auf diesem Feld bilden will. Insbesondere die Weiterentwicklung von Positionen der us-amerikanischen Diskussion spätestens seit W.E.B. du Bois findet hier Verbreitung – ansonsten werden diese in Deutschland ja zumeist passiv-aggressiv ignoriert.

Dabei sind aus ihr längst Felder hervor gegangen, die aus in „Deutschland Schwarz-Weiss“ vortrefflich analysierten Gründen in der BRD auf massive Abwehr stoßen. Und das, obwohl in annähernd jeder US-Serie, ja, selbst in MTV-Reality-Shows es längst Versuche gibt, sie produktiv fort zu entwickeln. Da geht viel schief, da kann mensch sich entschuldigen und draus lernen. Ist hierzulande bist tief in linke Kreise hinein jedoch unerwünscht: Vor lauter Fixierung darauf, dass als Nazi mensch identifiziert werden könnte, das aber ja nicht ist, muss, um sich der eigenen Identität zu vergewissern, ein „Außerhalb“ dessen, was das Leben von People of Colour betrifft, behauptet werden. Denn: Der Alltagsrassismus ist ja exklusiv „denen da“  vorbehalten – gleichzeitig entbrennt die Lust, nun „Feminazis“, Pink Swastikas und noch den „Wderstand“ gegen Flüchtlingsunterbringungen in grenzenlosem Unsinn aus dem „3. Reich“ abzuleiten und natürlich schwarze Aktivisten zu den wahren Rassisten zu erklären. Und manch Kolumnist in DIE ZEIT entwickelt neuerdings auch noch Stolz darauf, derartigen Vergleichen unterzogen zu werden, alles andere sei ja langweilig.

Bei all diese selbstreferentiellen Spiegeleien bleibt sogar die Realgeschichte des Nationalsozailismus auf der Strecke, was sich u.a. im Ausblenden von dessen Vorgeschichte zeigt: Die maßgeblichen Werke des „modernen Antisemitismus“ ersetzten die klassische, christlich begründete „Judenfeindschaft“ durch pseudowissenschaftliche „Rasse-„Lehren, welche als Export noch beim Genozid in Ruanda 1994 wirkten (tatsächlich). Mit anderen Worten: Zu Hochzeiten des Kolonialismus Gedachtes und Veröffentlichtes ebnete der NSDAP den Weg, und Vorstufen der späteren KZs fanden sich in afrikanischen Regionen. Das fortwährend auszuklammern bei gleichzeitiger Instrumentalisierung jüdischer Geschichte ist üblich geworden – und was passiert, wenn „die“ nicht spuren, hat Martin Walser ja auch wirkungsmächtig vorgeführt, als er den Überlebenden die „Auschwitz-Keule“ überbriet.

Auch die vermeintliche „Entnazifierung“ nach ’49 gönnte sich den Luxus historischer Ignoranz – stattdessen verschickte man die „Brown Babies“, eben jene schwarzer GIs, in die USA, also in die Segregation. Und empörte sich anschließend lautstark über den dortigen Rassismus.

Noah Sow beschreibt ausgiebig eben diese Geschichte wie auch das, was dabei raus kam: Die spezifisch deutsche Situation, in der der Nationalsozialismus dazu missbraucht wird, sich – vollkommen (arisch) rein gewaschen – mit rassistsischen Strukturen nicht auseinander setzen zu müssen.

Ein Grundlagenwerk: Rassistische Sprache, soziale Grenzziehungen, Gewohnheiten Weißer, die den Blick auf vielfältige und multidimensionale schwarze Erfahrungen verstellen. Struktureller und institutioneller Rassismus, Polizeigewalt. Schule und Sport, Medien, Theater und Popkultur, „Entwicklungshilfe“ und Werbung, gerade auch für Viva con Agua-Fans lehrreich. Intersubjektive Platzzuweisungen, offene und getarnte rassistische Strategien: Die Bestandsaufnahme ist umfassend. Und hochinformativ. Pflichtlektüre.

Die eBook-Ausgabe ist auch für jene, die die Print-Ausgabe schon kennen, mit Gewinn zu lesen (und mit 2,99 auch erschwinglich): Im Vorwort zur Neu-Auflage schildert die Autorin, welche Überarbeitungen sie vorgenommen hat. Zentral hier u.a. das Tilgen ableistischer Worte und Perspektiven. All die Jahre des Lernens nach Erscheinen des Buches haben die Reflektion noch einmal auf eine neue Stufe gehoben. Das alleine zeigt schon auf, was so viele so gerne vergessen: Das Unabschließbare des Wissenwollens.

Wer erfahren will, wieso eine bestimmte Art, die Haare zu tragen, einst im FC St. Pauli-Fanartikelkatalog unerwünscht war, mit was für einer kaltschnäuzigen Unverschämtheit die Macher in Kolonialherrenattitüde „veredeln“ wollten, sonst eben keine Abbildung, der möge das dort nachlesen – ebenso über die Problematik der Appropriation. Auch kann die freundliche Serviceleistung genossen werden, die eigenen, weißen Abwehreaktionen erläutert zu bekommen.

„Schreiben Sie auf eine Liste, wie Sie sich eine rassistische Gesellschaft vorstellen würden. Fragen Sie sich: Wenn diese Gesellschaft rassistisch ist … welche Gruppen gäbe es dann? Wer dürfte was und wer dürfte was nicht? Wer würde die Entscheidungen treffen? Wer würde dabei benachteiligt und bevorzugt? Wie würde der Besitz verteilt werden? Welche Gruppe würde die Chefs und Vorstände welcher Institutionen (Banken, Schulen, Universitäten, Polizei, Regierung usw.) stellen, und was würden diese mit der ganzen Macht unternehmen? Welche Gruppe hätte was genau unter Kontrolle? Wer würde bestimmen, welche Inhalte und Zustände offiziell anerkannt werden und welche nicht? Wer müsste wem Rede und Antwort stehen? Welche Gruppe müsste sich vor welcher Gruppe nicht erklären und rechtfertigen? (…) Würde eine Gesellschaft, die Sie erfinden, selbst zugeben, dass die rassistisch ist, oder würde sie behaupten, nur alles so zu organisieren, wie es zum Wohl der öffentlichen Ordnung oder einfach „besser“ oder „normal“ sei?“

ebd., Pos. 179-187

Fragen, die noch im Falle von „1910 e.V.  – ein Museum für den FC St. Pauli“ Erstaunliches zutage fördern würden.

Der Fragenkatalog macht auch deutlich, wie widersinnig Behauptungen „reiner Sprachkosmetik“, „Ignoranz ökonomischer Strukturen“, „protestantischer Reinwaschung“ usw. sind, die als vermeintlich treffsichere Kritik überall wechselseitig abgeschrieben werden, als wollten (sozial konstruierte) Weiße wie ich ihre mangelnde Individuation unter Beweis stellen.

Das Modell Noah Sows ist ein hochkomplexes, das sich im Sprach- und Denk-Duktus freilich dem allwissenden Macker-Gestus verweigert und stattdessen die Konstellationen aufsucht, wo sich Strukturelles reproduziert und aktualisiert: In zwischenmenschlichen Beziehungen.

Es ist ja kein Geheimnis, dass ich selbst der Autorin in meinem Denken unendlich viel zu verdanken habe, dass sie maßgeblich dazu beigetragen hat, dass ich wenigstens versuche, es zu öffnen, um ein klein wenig mehr zuhören und hinsehen zu lernen und das eigene Weißsein im gesellschaftlichen Kontext zu reflektieren – vor allem, um zu entdecken, wann ich mich zurück nehmen will (nicht muss oder sollte).

Allen Unken- und Rönicke-Rufen zum Trotze führt das auch gar nicht zu Unwohlsein, bezieht mensch es auf das, was Noah Sow zum weißen Ego schreibt – zumindest im Selbstverhältnis, das Entsetzen angesichts gesellschaftlicher Verhältnisse bleibt. Es mündet auch deshalb in eine viel reichere Erfahrung, die nicht notwendig fortwährend auf Kosten Anderer gemacht wird, deren Elend dann zu konsumieren sei.

Was dabei eben immer auch zu beachten ist: Mein Wohl- und Unwohlsein ist dabei sekundär. Die Berücksichtigung des von Rassismus Betroffenen in den Mittelpunkt zu rücken, das nimmt mir aber auch nichts weg. Es eröffnet Welten.

Ich bin wie alle hier Sozialisierten auf dem Gebiet allenfalls Lehrling. Um so geehrter fühle ich mich, dass mein Blog in einem solchen Werk zustimmend zitiert wird. Danke!!!!

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