Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Weniger ist mehr? Form follows function? Nö – zurück in die Zukunft des FC St. Pauli mit neuen Trikots …

It’s a question of lust! Die nach den neuen Trikots, meine ich. Und „Just can’t get enough“ (1981) von Depeche Mode drang als Chant ja bereits aus Fan-Kehlen und Stadion-Boxen.

Voll Eighties also. Grund genug, erste Assoziationen zu den Shirts, Shorts und Stutzen der neuen Saison – „80er Jahre Cassetten-Design“, bei Twitter geäußert – gut zu heißen!

Die 80er – deren Design ist laut offizieller Präsentation maßgebliche Inspiration der neuen Trikots. Merkwürdiges Jahrzehnt, von Post-Hippie-Aufmärschen mit lila Tüchern im Namen des Weltfriedens über die „Neue Deutsche Welle“, yuppieskem Fegefeuer der Eitelkeiten und weltweitem Brodeln infolge der Entwicklungen in New York und Großbritannien war alles dabei. Gemeint mit dem Brodeln ist das Fortschreiben von Disco im Underground, über HRNG später zu House transformiert; ebenso die Überwindung des Punk, der sich bei vielen Protagonisten schnell des eigenen, ihm inhärenten Rassismus und Sexismus des Materials bewusst wurde und so mit den Früchten neuer, elektronischer Musik spielte. Um Postpunk aller Varianten hervor zu bringen, zudem fröhlich wie auch melancholisch mutierte und sich mit Dub und Reggae verband. Britische Label wie 2Tone, bekannt durch den Ska von The Specials, schmetterten dem brutalen, nationalistischen Neoliberalismus und Neokonservatismus Margaret Thatchers, Putins heimlichem Vorbild, schwarz/weiß-Designs, Streifen, Karos entgegen und besangen durch deren Politik entstehende Ghostowns. Dieses schwarz/weiß war durch und durch politisch: Einerseits hybrid, und doch verwies es explizit auf sozial wirksame Zuschreibungen in Zeiten der sich formierenden National Front. Nicht zu vergessen Bands wie die Au Pairs, Bronski Beat, Frankie goes to Hollywood, Culture Beat und viele andere mehr, die queere Ästhetiken mal mehr, mal weniger politisch performten – und natürlich Heroinnen wie Lydia Lunch.

Der Hip Hop baute zeitgleich auf dem P-Funk eines George Clinton, den Riffs von Nile Rodgers und Africa Baambaatas Aneignung der Sounds Giorgio Moroders und Kraftwerks sowie oralen Überlieferungstraditionen der Black Cultures auf – das Sampling etablierte sich. Marxisten und Konservative schimpften gleichermaßen auf „postmoderne Beliebigkeit“. Verglichen mit heute war das eine recht denkoffene Zeit, in der das Spiel mit den Zitaten lustvoll betrieben wurde.

In New York schuf Jean-Michel Basquiat ein auch weiterhin unerschöpfliches und unausdeutbares Werk; in Deutschland stieß Martin Kippenberger die Künstlerfürsten vom Thron und erschütterte sie mit der Ausstellung „Lieber Maler, male mir“ – Auftragsarbeiten von Plakatmalern, die er als seine Werke präsentierte. Womit er auch nix anderes machte als Rubens einst.

„I don’t think art is propaganda; it should be something that liberates the soul, provokes the imagination and encourages people to go further. It celebrates humanity instead of manipulating it.“

sprach Keith Haring damals, der mit seiner Art des Grafittis ein Jahrzehnt lang die Kneipeninterieurs des Urbanen beeinflusste – auf den die Trikots, wie ich finde, deutlich anspielen. Während zugleich aus der Bronx der Aufstand der Zeichen und die Wiedergewinnung städtischen Raumes weltweit ausstrahlte – ach, IST DAS GEIL, das nun alles auf Basis der Präsentation des Trikots einer Fussballmannschaft heraus zu kramen😀 …

Ja, die meines FC St. Pauli. Ich bin ja völlig begeistert. Auch, weil ich ein klein wenig vom Reflektionsprozess Jason Lees, dem Designer, verfolgen durfte. 4 Motti sind in Design geronnen, 4 Dimensionen des Denkens, des Handels, der Fan-Überzeugungen und der Geschichte des Clubs: „Pro Homo“ (wenden wir es doch ins Positive), „Kein Mensch ist illegal“, „Hafenstraße bleibt!“ und „Bring back St. Pauli“. Bei letzterem betont die Präsentation insbesondere die antisexistische Komponente im Bezug auf den „Jolly Rouge“ und dem Wettern u.a. gegen Stangentanz im Stadion, für das er stand. Die offizielle Präsentation verweist explizit darauf. Ein schwarzes Trikot, ein braunweißes plus Regenbogen-Acessoires (auch die Kapitänsbinde ist queer), ein grünes in Referenz auf und in Anerkennung der Lampedusa-Gruppe und allen, für die sie stellvertretend stehen – und ein rotes, ja, siehe oben, Jolly Rouge ist gemeint.

All das deshalb im Rahmen des 80er-Designs imaginiert und realisiert, weil eben auch die Hafenstraße in jenen Jahren besetzt wurde und das Geschehen und Publikum im Stadion sich nachhaltig wandelte.

Fast als eine Art Fusion all dessen erschuf der Designer on top ein gelbes Torhüter-Set mit pink und schwarzen Winkelkreationen, drumherum, ja, diffuse Struktur in fein ziseliert schwarz. Ein Muster, das mich zumindest an die Erinnerung der Erinnerung der Wände des Subito erinnert. Eine Kneipe an der Stresemannstraße, die überregional berühmt und berüchtigt eine der Keimzellen popkultureller Gegenästhetiken einst bildete und zu Abstürzen einlud. Damals, als linke und queere Szenen in Look & Feel noch nicht so strikt geschieden waren wie heute.

Zudem pink und neongelb auch, klar, das berühmte Sex Pistols-Cover zitiert (weil die 80er popkulturell ja von ca. 1976 bis ca. 88 währten). Ich finde das alles ja super. Auch deshalb, weil aufgrund von Bezügen zu z.B. der Memphis-Gruppe, ein italienischer Designer-Haufen, der konsequent antifunktionalistisches Design der Marktferne entzog und durch Opulenz und deren Spieltrieb all die Bauhaus-Jünger verschreckte, die Fragen rund um einen Verein wie den FC ST. Pauli sozusagen im Design-Brennglas gestellt werden: Wie jetzt, UNSERE Werte auf ZU VERKAUFENDEN Trikots von HUMMEL? Das ist ja eine tolle Debatte, die, nicht neu, immer wieder gut ist😀 – insbesondere von der Non-Kommerz-Fraktion der tagsüber Werber, abends Widerständler,  wie auch mancher Ehrenamtlichen, die sich letzteres leisten können, weil sich tagsüber in Touristikkonzernen oder Versicherungskonzernen arbeiten, dürfen lustige Antworten erwartet werden.

Was ich persönlich auch so erfreulich an den Entwürfen finde, ist, dass diese merkwürdig gegengesetzlichen Bilder, die Menschen von den 80ern im Kopf haben, als Fragestellung an die Aktualität designt wurden: Im Stadion-Zusammenhang wird ja oft nur (Ausnahme: Die Millerntor-Gallery) die Polit-Streetfighter-Variante als eine Art postautonomer Folklore und Traditionspflege noch im Falle von Diskussionen über Sportschuhe unaufhörlich recyclet. Ganz so, wie die Handelskammer auf marineblau mit Messingknöpfen setzt, dient das dem Reinhaltens symbolischen Kapitals.

Nun die Historie zu öffnen und visuell all das auf den Platz zu bringen, was oben nur in kurzen Ausschnitten dargestellt ich habe, die Bereitstellung eines unabgegoltenen Pools von Zeichen, Bedeutungen und Formen: Mehr geht nicht beim Trikot-Design.

Wozu auch die konsequente Nutzung des Ornamentalen zählt. Es ist möglich, „Animal-Print“ als blödes „Afrika-Klischee“ zu lesen. Genau so gut aber eben kann die Blickrichtung vertreten werden (als Indiz dient, dass es auf den roten Trikots ebenso auftaucht), es als Zitat all der Postpunk- und Hip Hop-Designs zu betrachten. Wobei „Postpunk“ eh  immer schon eine Öffnung hin zu Disco/Dancefloor, Hip Hop und Elektronik meint (außer in Deutschland zumeist und bei den eher konservativen Gitarrensträngen von The Cure bis New Model Army). Das später auch Jon Bon Jovi und Skid Row ihre Knackärsche in Animal Print zwängten – so what.

Ebenso ist das Ornamentale – viel zu allgemein gesprochen – eine Wurzel vermeintlich „westlicher Kunst“, die erst u.a. über Matisse und Klimmt z.B. aus dem arabischen und „orientalischen“ Raum re-importiert wurde und bis dahin verpönt war. Es ist Ausdruck globaler Kulturen, die sich nicht dem Dünkel der westlichen verschrieben haben (ggf. anderem). Das ist tatsächlich von Relevanz bis in die Musik hinein, dass das „verschnörkelte“ wahlweise als rokkokohafte „Tuntigkeit“ oder eben „nur Kunsthandwerk“ im Sinne „orientalen Kitsches“ verwendet wird. Jason hat es nun zentral auf unseren Trikots platziert. Das wird seine Gründe haben …

Ja, klar ist das nun für jemanden meines Alters alles nicht frei von Nostalgie. Und ich freue mich über alle Bezüge gleichermaßen, auch darüber, dass ein Pro Homo, Lampedusa, Infragestellung von Besitzverhälntnissen und Antisexismus aufeinander symbolisch bezogen bleiben. Das weiter zu entwickeln ist dann nicht mehr Aufgabe des Designers … fühle mich mit den Trikots im Stadion auf jeden Fall wieder sehr, sehr wohl!!!

Stelle mir vor, wie wir in 20 Jahren in Kneipen sitzen, angesichts vergilbter Zeitungsausschnitte, an der Wand drapiert, uns zurück erinnern an diese Mordssaison. Damals, 2015/2016, was ein Fest!, als Robin Himmelmann im Lampedusa-Trikot derart sexy das Tor sauber hielt … dann fangen wir leise an, „I just can’ get enough“ zu summen und wippen sachte dazu mit den Köpfen …

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