Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Gebrauchsanleitung: Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum, Mo, 13.7., FSK, 14-16 h

Nachdem die letzte Sendung aufgrund unerklärlicher technischer Probleme nicht zu „bouncen“ war, also in eine Gesamt-Sound-Datei zu rechnen, hat es diesmal wieder geklappt. Wenn auch im Produktionsprozess etwas komplizierter. Und ich habe, um die Sprach-Takes „zwischenbouncen“ zu können, erstmals „geskriptet“. Hoffe, dass das nicht auf die Spontanität, die ein Medium wie Radio meines Erachtens erfordert, ging.

Diesmal steht ganz und gar Roland Barthes „Die Vorbereitung des Romans“ (Frankfurt/M. 2008) im Mittelpunkt – ein recht faszinierendes Werk. Eher Notizen, die Barthes verfasste, um seine Vorlesung am „Collège de  France“ halten zu können. Das Beeindruckende ist, wie bereits die Form übliche, akademische Diskurse und Haltungen sabotiert – assoziativ, mit Rekurs auf persönliche Situationen, und das auch noch dem Thema vollkommen gerecht werdend. Es ist faszinierend zu verfolgen, wie Barthes von der Mikro- zur Makroebene des Romanes und seiner Sichtweisen voran schreitet, ohne des Duktus des Großtheoretikers einzunehmen – vielmehr unterläuft er den Duktus der großen Thesen, indem er Hinsehen, Sprache und Erleben anders verknüpft, als es „Elementarsatzlehren“ oder mit dem Text- oder Zeichen-Begriff arbeitende Ansätze versuchen.

Das ist schon dolle, wie das Ganze ebenso auf Fragen zuläuft, die Barthes in „Wie zusammen leben“, einer anderen Vorlesungsvorbereitungsmitschrift, stellt. Kurz: Wie ist es möglich, über das Denkens des Rückzugs aus ihr Gemeinschaftlichkeit zu denken? Interindividualität? Romane schreiben ist ja Form des Rückzugs, eine Kommunikation mit der Sprache und dem Erleben selbst; in „Wie zusammen leben“ findet er einen Mönchsorden auf irgendeinem Berg, da sich Zusammenleben über Rückzugsmöglichkeiten als Weg zur Interindividualität darstellt.

Das ist alles so gar nicht trivial: Wie sehe ich hin und fasse es in Worte, ohne den „Gegenstand“ zu unterwerfen (Romanschreiben)? Wie leben wir zusammen, ohne den Anderen zu überschreiben, zu funktionalisieren, zu vereinnahmen? Barthes wählt ganz ungewöhnliche Wege, das alles zu fragen. Und ich philosophiere ein wenig drumherum.

Ich halte das auch für politischer, als Thresen- und Parteitagsredner mit ihren übergriffigen Vogelperspektiven des falschen Allgemeinen es wahr haben wollen.

Zunehmend gerät ja gerade männliches Sprechverhalten, an Regeln und vermeintlicher Objektivität orientiert, in den Fokus von Kritiken, völlig zu recht (auch meins). Reden, das so tut, als gäbe es da irgendwas dem männlichen Individuum privilegiert Zugängliches, was als Weltfunktionsweise entdeckt nun vorgäbe, wie Menschen zusammen leben sollten. Das Verblüffende ist, dass das gerade bei Theorien, die am stärksten gegen „Moralisierung“ wettern, am dominantesten auftritt, gerade auch jenen aus marxistischen oder neoliberalen Quellen, die ja erstaunlicherweise deutliche Parallelen in der Weltkonstruktion aufweisen.

Alles aushandeln, spezifische Kooperieren, entdecken, fantasieren und miteinander spielen (oder auch nicht) erfährt autoritäre Austreibung unter Berufung auf eine so oder so vorstrukturierte Welt, die nur bestimmte Wege offen ließe.

Das zieht sich nun durch alle aktuellen Problematiken, die in in der politischen Diskussion aufploppen: Egal, ob nun irgendwelche EU-Institutionen aggressiven, deutschen Neo-Nationalismus forcieren, der in Griechenland lieber Menschen sterben lässt und dem Elend aussetzt, als die eigenen theoretischen Annahmen mal zu hinterfragen (würde mensch ein Unternehmen so führen, wie Merkel das von Griechenland fordert, wäre das ja auch ratzfatz weg vom Markt), oder ob Menschen ihren eigenen Parkbesuch als unterhintergehbares Menschenrecht prioritär gegenüber Personen, die sich auch Besseres vorstellen können, als in Zeltlagern untergebracht zu werden, ganz prinzipiell behaupten und da notfalls auch strukturell mörderisch gegen Nicht-Weiße agitieren: Es wird ja immer der Umweg über irgendeine durchzusetzende Abstraktion gesucht, die angeblich vorgängig schon da sei.

Anstatt mal einfach die Assoziationsmaschine anzuwerfen und jenseits des Rigiden zu fragen: Wie lernen wir, hinzusehen und Fragen nach dem „Wie zusammen leben?“ neu zu stellen, so dass alle hinterher in einer besseren Welt leben, da Zusammenleben Spaß macht?

Ich höre ja schon den Hohn in den Gedanken der 20 Leser dieses Eintrags, aber die aktuellen Fragestellungen sind doch einfach falsch und fantasielos, weil sie Prinzipien vor Individuen stellen. Anstatt sich zu fragen: „Hey, da kommen lauter spannende Menschen noch nicht mal freiwillig nach Hamburg, was machen wir da mal Cooles draus so, dass es allen gleichermaßen gut gehen kann?“, werden noch Unterbringungen in Zeltstädten favorisiert. Als hätte eine Stadt wie Hamburg nicht alle Möglichkeiten dieser Welt, Jenfeldern und Refugees gleichermaßen ein tolles Leben zu bescheren.

Zu dem gehört tatsächlich auch die Frage des Rückzugs: Erinnere mich gut dran, wie ich ein einfach so bei mir herum liegendes iPhone für einen aus der Lampedusa-Gruppe aufsetzte, dass er die Möglichkeit hatte, sich mal einen Kopfhörer aufzusetzen, Musik zu hören, um wenigstens akustisch so etwas wie Privatsphäre zu erleben. Die fehle komplett, so wurde mir berichtet.

Da nun aber ständig alle denken, irgendwer würde ihnen was weg nehmen, anstatt sich überlagen, was sie voneinander haben könnten und zudem zu bedenken, dass Rechte, die Anderen nicht zugestanden werden, über kurz oder lang auch jedem selbst entzogen werden (Hartz IV in Jenfeld ist ja auch nicht lustig, und das geht noch schlimmer, da arbeiten schon welche drauf hin) – wie wäre es denn mal mit anderen, fantasievolleren Fragestellungen?

Sie werden auch „auf der Linken“ nicht gestellt. Mir sind keine Visionen bekannt, wie Ökonomie gestaltet werden könnte, wenn alle Refugees Bleiberecht hätten, sofort – was ja anzustreben ist. Spätestens dann verteidigten erstmal alle ihre eigenen Pfründe, auch in der Hierarchie der Flüchtlingshilfe.

Dass staatlich verordnete 5-Jahrespläne keine Antwort sind, ist bekannt – aber was denn dann?

Ich behaupte sogar handfeste Interessen, die dem entgegen stehen, solche Fragen mal zu stellen. Es ist ja geil für Ego, bei allem aufrechte Entsetzen über deren Agieren sich gegen Nazis zu stellen (was punktuell auch geschehen MUSS und gut ist)), die gar nicht merken, dass sie welche sein könnten.

Etwas mehr Interesse an den Erfahrungen, dem Wissen, dem Potenzial der Refugees als an Nazis würde die Perspektive verschieben. Jeder, der mal z.B. mit Mitgliedern der Lampedusa-Gruppe geredet hat, weiß ja, dass die viel mehr zu erzählen haben als Olaf Scholz oder Michael Neumann. Was eine Ressource für ein besseres Zusammenleben, da zuzuhören und gemeinsames Tun anzustreben! Und zu überlegen, was gemeinsam auf die Beine gestellt werden könnte! Das ist VIEL cooler als Olympia-Bewerbungen!

Statt über Ressourcen zu reden, bilden sich halt alle Knappheit ein. Das muss aber mal raus aus den Köpfen – wie so was gezielt produziert wird, Knappheit, sieht man ja gerade in Griechenland. Auch da könnten jenseits der Prinzipienlogik wahre Paradiese entstehen – würden sich mal mehr Leute Gedanken machen, WIE.

Ja, das alles steckt hinter dem wie immer etwas kryptischen Reden in meiner Radiosendung Montag.

Ich bin mir sicher, dass es zumindest AUCH um Sprachformen und Rationalitäten bei alledem geht. Sprecher der Lampedusa-Gruppe strukturieren das, was sie berichten, anders, lebendiger, nicht zweckorientiert-totverwaltet. Es sind Journalisten und Ingenieure, das ist auch kein „Ursprung“, dem irgendwie „moderner“ hierzulande dann Bürokratie und Kapitalismus übergestülpt worden wäre – es sind Weltzugänge, die sich schlicht unter anderen Bedingungen formierten. Kompetenzen, von denen nun gerade auch Jenfelder profitieren könnten. Wertschätzung für deren Erfahrungschatz, Erfahrungen des teils Unerträglichen, hinsehen und -hören, was sie daraus machen wollen würden und somit dorthin,wo etwas daraus gelernt werden kann, das sollte ganz oben auf der politischen Agenda stehen.

Hier wie immer – nach der Gebrauchsanweisung – die Tracklist der folgenden Sendung:

Donna Summer – On The Radio

Clueso – Rhythm is a dancer (Live im „Übel & Gefährllch“)

Hierzu muss ich kurz was anmerken: Neulich durfte ich einer Veranstaltung lauschen, da allerlei sich in Bildungsbürgerlichkeit Einübende Vorträgen über angeblich „Neue Musik“ lauschten, eben dem Fortschreiben der „Avantgarde“ von einst, in bemerkenswerter Ignoranz insbesondere der Tradition von Jazz und R&B – als hätte es Nina Simone, John Coltrane oder Ornette Coleman nie gegeben. ACHTUNG, CONTENTWARNUNG, BESCHREIBUNG RASSISTISCHER PRAKTIKEN: Das ging so weit, dass ein Referent sich über „Blue Notes“ lustig machte, indem er strotzend vor Arroganz einen charmanten Track, den eine Youtube-Unserin selbst auf Loop-Basis produziert hatte, zerfledderte und süffisant „chromatische Verschiebungen“ im Gesang veralberte. Die Zuhörer, alle weiß, fanden das total lustig. Und Gipfel des Sich-Erhebens war dann eine Sottise gegen SNAP – weil der Track der Youtube-Userin an „Rhythm is a Dancer“ erinnere. Das war zudem das einzige Mal bei der ganzen Veranstaltung, dass zwei Gesichter von als schwarz Gelesenen an die Wand projiziert wurden – fast alle im Publikum wandten sich überheblich ab angesichts dieser Unkultur, denn es waren die Gesichter und Stimmen von SNAP.

Hinter SNAP standen die Produzenten Anzalotti und Münzig, und es kuriseren allerlei Gerüchte, dass diese ganzen eingekauften Sängerinnen und Rapper damals zu Hochzeiten des Euro-Dance – auch im Falle von DJ Bobo und Co – nicht sonderlich gut entlohnt wurden, was wieder zeigt, wer in dieser Gesellschaft als „Urheber“ gilt und wer nicht.

Das wurde schon zu Elvis‘ Zeiten so gemacht, ihn als Urheber genuin schwarzer Musik in die Verwertungslisten einzutragen. Obwohl auch er „nur“ Interpret war, aber wer erschafft denn das Werk? Jeder, der mal über die Akkorde von „All of me“ improvisierte, hört die Welt da mit anderen Ohren – bei Shakespeare-Darstellern fragt so ja auch keiner.

Bei dem Clueso-Auftritt ist nun aber wieder bemerkenswert, wie das Publikum abgeht – aber so was von derart, geradezu erfüllt von Dankbarkeit. Er ist bei Youtube anzuschauen.

Aber ebenso, dass anders als all die Achsocrediblen er sich auf einmal so ein Song greift – klar, Gag, haha, er distanziert sich sogar fast schon wieder davon -, und doch spürt er instinktsicher ein Feld auf, dass all den Achsoalsoberschlauabgefeierten allenfalls ironisch in die Musik geriete (wie bei Tocotronic einst das Europe-Riff aus „Final Countdown“).

Für mich entstand da ein ganz merkwürdiger Schwurbel im Kopf, als ich das hörte, deshalb spiele ich es auch einfach nur, ohne all das hier zu berichten.

Etwas Ähnliches habe ich mal erlebt, als die unvergleichliche China Moses ein Britney-Spears Medley auf die Bühne brachte – pure Euphorie bei den Zuhörern. Da war der Schwurbel allerdings ein anderer, weil Britney Spears, wofür sie zunächst mal auch nichts konnte in der Disney-Maschinerie, als typische „Southern Belle“ eine ganz bestimmte Position im rassistischen Gefüge der USA besetzte – bei voller Appropriation diverser „Black Music“-Traditionen. Dadurch, dass nun China Moses als Französin und Tochter einer Black Panther-Aktivistin das Terrain kaperte, ja, gab es gleichzeitig viel zu erleben, zu erkennen und, weil sie es so großartig brachte, auch viel zu denken danach … zudem die Musik halt einfach einen Riesenspaß macht.

SNAP – The Power

Kamasi Washington – Malcom’s Theme

Franz Josef Degenhardt – Joss Fritz
Mrs. Kasha Davis – Cocktail
Dejavux – Jonte’
Felix – Don’t you want me
Abbey Lincoln – Freedom Day
José James – What a little moonlight can do
Langston Hughes – Poem/Blues
Auch hierzu eine Anmerkung. Langston Hughes spiele ich einfach so ein, weil er weiter führte, worüber Roland Barthes berichtete, noch bevor der auch nur seine Vorlesungen hielt. Da stellt sich mir jedes Mal die Frage: Muss ich eine Persönlichkeit wie Langston Hughes jetzt einführen und dessen Werden erläutern? Mache ich ja bei anderen Künstlern, deren Bekanntheit ich voraus setze, auch nicht. Und vor allem: Ist so eine Radiosendung – die vermutlich allenfalls 3 Hörer hat😀 – nun snackable und Service-Leistung, oder ist es nicht besser, dazu zu animieren, bei Interesse einfach selbst zu googeln? Langston Hughes zu googeln lohnt definitiv! Macht mal!
Grover Washington – Knucklehead
Michael Henderson – Going Places
Hildegard Knef – Aber schön war es doch
La Canaille – Redifinition
Patrick Juvet – Medley Gay Paris
Sylvester – I, who have nothing
Tiger Stripes – Back to Detroit City
Coco Rosie – Undertaker
Greta Keller – Allez-Vous En
Jau, das war’s dann auch. Viel Spaß beim Hören – beim FSK!!!

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