Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Kunst rehabilitiert das Menschliche“ – Symposion im Rahmen der Millerntor-Gallery #5 zum „interkulturellen Dialog“

Symposion

Ein Dialog auf Augenhöhe zwischen in Kolonial- und Missionarstradition „Helfenden“ und denen, die von ihnen wahlweise heimgesucht werden, oder die sich ihnen zu unterwerfen haben, um das nackte Überleben zu sichern?

Weit und breit nicht in Sicht.

Einseitig wird er verhindert vom institutionellen Gefüge, überheblichen NGOs, einem Caritas-Markt und mangelnder Offenheit dank eingeübter White Supremacy.

Etwas überpointiert könnte man so das Ergebnis des Symposions im Rahmen der Millerntor-Gallery zusammen fassen, das sich dem Thema „Interkultureller Dialog“ bei brütender Hitze stellte –  unter der dem Motto „Auf Augenhöhe“.

Doch das war noch nicht alles. Holt mensch sich PoC-Experten hinzu und lädt ergänzend jene auf’s Podium, bei denen aus der Praxiserfahrung heraus ein Bewusstseinswandel einsetzt, solche, in denen eher Fragenbündel wabern als vorgefertigte Antworten, so kann das ein Anfang des Abräumens des im Wege stehenden Dünkels wie auch der ökonomsichen Machtverteilung sein. Kann. Aber es ist schon mal ein winziger Schritt.

Es ist schon enorm, wie und dass Viva con Aqua eine Diskussion veranstaltet, bei der letztlich die Grundlagen des eigenen Agierens in Frage gestellt werden!!!! Danke für diese Veranstaltung!

Keine Ahnung, ob und wie das Konsequenzen hat in der praktischen Arbeit, aber die Kritik dessen, was mensch selbst tut, ins Zentrum der Veranstaltung zu rücken: Hut ab!!!! Das ist ja der Grund, wieso ich da viel mehr Potenzial wittere als in anderen Regionen von „die Fanszene“.

Mag auch am Wetter gelegen haben, dass es nicht allzu gut gefüllt war; so richtig straßenkampfgestählte Polit-Macker hören PoC-Frauen in der Regeln auch nicht so gerne zu und hätten vermutlich den Dialog störend zum belehrenden Referat angehoben, wieso das ja alles gar nicht stimme. Oder verbuchten es gleich unter „Kunstkacke“.

Wann und wie das Sinn machen, also von „Kunstkacke“ zu reden, war von der sehr beeindruckenden Safia Dickersbach zu erfahren. Sie betreibt einen Kunstverlag sowie Artfacts und ist unter anderem bekannt geworden durch eine harsche, aber profunde und wirksame Kritik an TURN, einem Programm der Bundeskulturstiftung. Alleine schon die Argumente hierzu noch einmal referiert zu bekommen, 1000 Dank!, lohnte das Zuhören. Gebündelt wurde freundlicherweise – und umsonst, mal ab vom Gesamt-Eintritt – exakt das vollzogen, was ich seit Jahren einfordere und mir ebenso lange als ungebührliche Polemik gegen weiße, heterosexuelle Männer ausgelegt wird.

Frau Dickersbach beschrub, wie sie aus Wut auf die Gestaltung des Programmes der Bundeskulturstiftung einen mehrseitigen, offenen Brief verfasste und diesen ihrem Mann zeigte. Er meinte, der sei zu beleidigend und greife zu sehr an. Das ist wichtig zu berichten, weil es eine sehr typische Kommunikationskonstellation aufzeigt: Das „Du schadest Dir nur selbst und bist zu emotional“-„Argument“, Teil jedes Bullshit-Bingos, das marginalisierten Perspektiven vorschreibt, wie sie sich zu äußern haben – und somit die dominante Sicht, die eh schon institutionalisiert übermächtigt,  als Kriterium des Gelingens ansetzt. Erst mal paternalistisch die Regeln vorgibt, nach denen Artikulationen a priori Unterworfener zu gestalten seien. Dabei wäre korrekter, die Bundeskulturstiftung würde sich an der Wut von Rassismus Betroffener orientieren.

Safia Dickersbach entschärfte den Brief und veröffentlichte ihn. Im Blog „deargermankulturstiftungafricaisnotacountry“ (toller Name!!!) ist er vollständig zu lesen.

Ich zitiere mal nur Punkt f., weil er für den Kontext der „Millerntor-Gallery“ von Relevanz ist, und empfehle die vollständige Lektüre:

„f) Was ist die Rolle und Bedeutung der „neuen Entwicklungen und Initiativen“ in Afrika, die die Kulturstiftung betont, wenn nur deutsche Institutionen das Recht haben zu entscheiden, wen sie als ihre afrikanischen Kooperationspartner auswählen? Im Ergebnis zementiert die Kulturstiftung mit ihrer Programmstrategie die gegenwärtige Dominanz westlicher bzw. überwiegend europäischer Kulturakteure bei der Entscheidungsfindung und Meinungsbildung darüber, was als bedeutsame afrikanische Kunst akzeptiert wird. Wenn das kein Ausdruck hegemonialer Bestrebungen im Kulturbereich ist, was ist es dann?“

Auf dem Podium hob sie den Unsinn hervor, Afrika als Ganzes zu betrachten – und das, wo auf der Seite des Auswärtigen Amtes davon abgeraten würde, die Hälfte der Länder auch nur zu betreten. Es sei zudem eine merkwürdige Konstellation, dass ein einzelnes Land sich zu einem ganzen, hoch ausdifferenzierten Kontinent in Relation setze und als Förderer aufspiele. 2 Millionen als Budget seien ein schlechter Witz angesichts des Unterfangens – das Budget wurde auf aufgrund des Briefes aufgestockt und blieb dennoch weit unter dem für z.B. die Elbphilharmonie, als habe der Kaispeicher, auf den die gepropft wird, nicht auch seine Kolonialgeschichte.

Ich kann all die Wirkungstreffer, die Frau Dickersbach landete, gar nicht vollumfänglich aufzählen. Es begann bei dem Misstrauen, dass als „Afrikanern“ Gelesenen entgegen schlägt, wenn es z.B. um Fragen der Buchhaltung geht, wie, Budget? Organisation?, und endete noch lange nicht bei Ausführungen darüber, dass in Deutschland sich immer alle als Experten für alles aufspielen, um darauf hin alle, am liebsten Betroffene gleich mit, darüber zu belehren, in was für einer Welt sie lebten, was sie WIRKLICH erfahren würden und wie das einzuordnen sei. Als Beispiel führte sie akademisch Legitimierte an, die sich als „Experten für afrikanische Literatur“ Lehrstühle verschafften, obwohl sie die Sprachen, in denen geschrieben wird, gar nicht kennen. Auch im Falle der Ukraine-Krise sei das bemerkenswert, dass hier lauter Fachmänner referierten, die in Kiew keine einzige Zeitung lesen könnten.

Sie amüsierte sich auch über Kunstausflugsreisende, die nach Tansania aufbrechen, um gönnerhaft großherzig die dortige Kunstszene „zu entdecken“ und ggf. zu fördern – obgleich sie davon ausgehe, dass die dortigen Künstler daran oft gar kein Interesse hätten. Und stellte die entscheidende, mir jüngst auch von Noah Sow noch mal gelehrte Frage: Wessen Interessen stehen denn nun im Mittelpunkt des Agierens?

Das ist jedes Mal neu zu checken. Ihre Aversion und Kritik galt vor allem NGOs und deren Unfähigkeit, eben diese Frage zu stellen und zudem deren komplette Weigerung, sich auf Mikroebenen und Spezifisches einzulassen oder zu begreifen, was Empowerment bedeute.

Dickersbachs lehrreiche Ausführungen gipfelten in der Aussage, dass in einem Dialog ja weniger um anstudierte „interkulturelle Kompetenz“ ginge, sondern schlicht um die Abwesenheit von Demütigungen.

Rumms. Das ist jetzt der Moment für die Kunstpause. Buchstäblich.

Weil ich exakt das nun insbesondere von PoC-Frauen derart häufig, systematisch und immer wieder neu gehört habe, dass das als allererstes gelernt werden müsse von weißen Menschen – weil es eben allerorten und strukturell abgesichert fehlt. Kein Konjunktiv.

Es führt zum Beispiel beim Stadtbummel dazu, PoC-Frauen dazu zu bringen, ganz klar zwischen weißen und nicht-weißen Terrains zu unterscheiden und erstere zu meiden, weil ein Sich-freiwllig-Demütigungen-Aussetzen nichts ist, was freiwillig aufgesucht wird.

Ich habe beim Nach-dem-Spiel-Bier einen weißen Jüngling neulich wirklich angebrüllt, er habe das auch nicht zu bewerten. Weil er in einem ähnlich gelagerten Fall, den ich berichtete, auf einmal zum Vortrag über Verhaltensanweisungen an schwarze Frauen anhob, was die wem wann zu erklären hätten usw. – er möge einfach mal ruhig sein und das SCHLUCKEN. Er habe da keine Ansprüche zu erheben (das sind weiße Männer so gewohnt, dass sie das überall dürfen). Auch die Akzeptanz solcher Erfahrungen als maßgeblich für Andere und deren Orientierung und Überleben in dieser Gesellschaft zielt auf das, was Thema ist: Die Menschenwürde.

Steht auch im Grundgesetz.

White Supremacy – weißer Überlegenheitsdünkel – äußert sich halt im fortwährenden Herabwürdigen, wozu auch überflüssige Belehrungen und chronisches Bescheidwissen zählen.

Safia Dickersbach sprach schlicht von Menschlichkeit als Antwort darauf – und in der Tat ist sie es, die gerade im akademischen Feld, da Menschen sich „postkolonial“ als Etikett auf das eigene Forschen schreiben, so gut wie keine Berücksichtigung erfährt, sobald PoC das Feld betreten. Da durfte ich neulich in einer sehr krassen Situation Zeuge sein.

Das ist auch deshalb so wichtig, weil gerade auf der Linken es üblich ist, gegen „Moralisierung“ zu wettern, um sich einen Freibrief zur Demütigung eh schon fortwährend Herabgewürdigter auszustellen.

Interessant – und ungewöhnlich, aber gut – war, wie die anderen Referenten Safia Dickersbach zustimmend flankierten. Alexander Kochs Ausführungen beeindruckten mich ansonsten weniger, Teile des Projektes will ich hier gar nicht beschreiben, weil es ethnographisch-kolonial verseuchte Begrifflichkeiten für Bevölkerungsgruppen in Kamerun erforderte. Ich habe die Selbstbezeichnung deshalb nicht finden können, wohl, weil europäische Oberbegriffe keine Entsprechung im Selbstverständnis der Kartographierten und Klassifizierten haben. Deshalb lasse ich das mal sein.

Hier findet sich eine Pressemitteilung dessen, was als „Neue Auftraggeber“ auftritt, bei denen Koch mit wirkt; ich fand das nicht sonderlich überzeugend und will ja positiv Bericht erstatten.Vielleicht habe ich die Pointe auch nicht verstanden.

Dennoch: Auch er schilderte vor allem das Entstehen von Demut. Im positiven Sinne. Von Taxifahrern in Lagos/Nigeria erführe mensch mehr über die politische Weltlage als von vielen deutschen Journalisten. Die seien besser informiert.

Einen Schreck bekam ich zunächst bei Frank Alva Buechler. Er warnte aber selbst vor der Eitelkeit der kurzen Präsentation seines Schaffens mittels Keynote oder Powerpoint.

Buechler: Multitalent in Theaterfragen, er hat unter anderem das Musical-Theater auf der anderen Elbseite, in dem zunächst „Buddy Holly“ lief, geplant und gegründet. Meine positiven Vorurteile für diesen Kulturbereich – so lange es nicht gerade um das „Wunder von Bern“ geht; aber auch meine ehemalige Kollegin Kerstin bei der Stage Holding ist nicht halb so von Dünkel gesättigt wie manch Thresenredner in „die Fanszene“ – bestätigten sich mal wieder: Interessanterweise ist die Offenheit in diesen „kommerziellen“ Terrains oft viel ausgeprägter als bei irgendwelchen „Aufruhr und Lärm“-Veranstaltungen im „Golem“.

Was wohl auch daran liegt, dass aus Hochkultur Ausgegrenzte dort ihren Raum finden. Mögen z.B. Oper und Ballett ebenfalls stockschwul sein, so ist eben die Musical-Form des Camp auch ein ganz lustvoller Bereich😀 – wie „König der Löwen“ (und jede „Madame Butterfly“-Inszenierung) zeigt, sind PoC-Kulturen dort noch ganz dem kolonialen Blick unterworfen. Was nichts daran ändert, dass es für sie dort aber anders als im weißen Theater oder der weißen Oper wenigstens Jobs gibt, wenn auch unter, so sagt mensch, teils üblen monetären Bedingungen.

Buechler ist tief eingestiegen in die Unterstützung von in seiner Nachbarschaft untergebrachten Refugees – im Elisabeth-Haus des St. Hedwig-Krankenhauses in Berlin. Interessant an seinem Bericht war, wie er nun aber so gar nicht in den Rausch des „Helfens“ abglitt, sondern – wenn auch ratlos – die eigene Rolle intensiv hinterfragte. Weil auch er sich Symmetrie wünschte, die da gar nicht gegeben sein könne. Es war sozusagen ergebnisoffene Ratlosigkeit, in die Buechler sich hinein dachte. Was gut so ist: Weil die Antworten ja erst noch gefunden werden müssen. Wenn auch die Bundesregierung alles dafür tut, das zu verhindern.

Buechler posierte nicht als Retter, ganz im Gegenteil: Er eröffnete einen Raum, der erst noch geschaffen werden muss, indem er problematisierte. Auch das Agieren der Caritas und deren Geschäftsmodell, das auf Flüchtlingshilfe basiert, erfuhr Kritik wie die Haltung der christlichen Missionarstradition als Ganze.

Der Regisseur und Produzent formulierte freilich auch die sehr schöne Pointe der ganzen Veranstaltung: Er wundere sich oft, wieso nun ausgerechnet Syrien-Flüchtlinge so eine Lust an klassischen Konzerten entwickeln könnten.

Dieses sei nach deren Auskunft jedoch das folgende Phänomen: Nachdem ihnen auf der Flucht nichts als das nackte Leben, Homo Sacer, Agamben, geblieben sei, rehabilitiere der Kunstgenuss ihre Menschlichkeit. Stehe für das Mehr – als nur für pures Überleben.

Den Gedanken muss mensch erst mal sacken lassen.

So blieb Moderator Kolja Reichert adäquat als Schlusswort, dies sei ein Nachmittag gewesen, sich mal in Sensibilität zu üben.

Und ich fragte mich, was ein Kunstkritiker wohl sonst so tut …

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