Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Life is a composition of complementary ideas“ – Millerntor-Gallery #5, zweiter Eintrag

„How does life exist? I understand that this world cannot exist without life. So that leads me to wonder how we exist in the context of this life. From what I realize life is a composition of complementary ideas and realities affected by the arrangement of nature. In nature we find diverse compositions that range from extreme opposites to complimentary formations.  However, the recognition of the other side or in other words, opposing contrasting elements, can add great value to the meaning of life.  Emotions are one such example.  To truly feel or speak about happiness we have to know about sadness.“ 

Ich habe mir  die Millerntor-Gallery gestern mal angeguckt und finde echt: Es lohnt sich! Die Bilder des oben verlinkten Ashenafe Mestika gehörten zu den stärksten Eindrücken. Fand ich großartig. Da wird zurückgeholt, was u.a. Gauguin verbockt hat – wobei das (wie später auch unten noch in einem Passus) schon wieder eine sehr eurozentrische Sicht ist, was weiß denn ich Nichtswisser, welche Traditionen und Auseinandersetzungen Kunstschaffen in Äthiopien bedingen und was und ob und welche Rolle eine Institution wie Kunst da spielt. Aber alleine schon die Sichtbarkeit der Bilder des Künstlers ruft ja zum Nachdenken, Nachhaken, Nachrecherchieren und Zurücktreten zugleich auf. Finde ich gut. Wie die Bilder selbst auch. Für meine Augen und bescheidene Expertise hat sich das Feld der  im Stadion gezeigten Kunst deutlich geöffnet. Menschen, die das wesentlich besser beurteilen können als ich, würden vermutlich recht viele kolonialrassistische Traditionen aufspüren; bei einigen Fotos zum Beispiel war ich mir nicht sicher, ob das nicht 1 zu 1 in der Tradition „ethnographischer Fotografie“ steht – das könnten Kompetentere als ich aber viel besser beurteilen. Die fehlen da halt unter den Kuratoren. Aber dennoch und vorsichtshalber: Content-Warnung.  Umgekehrt hatte ich zumindest den Eindruck, dass der visuelle Gegendiskurs sehr viel stärker geworden ist und durch die Kontrastierung Problematiken sichtbar und deutlich werden. Das hilft Betroffenen auch nicht, ohne Kontrast ist ja angenhemer; stellt aber vielleicht ja eine Zwischenstufe hin zum zu Erreichenden dar.

Auf der anderen Seite ist insbesondere im Werk eines Künstlers aus Uganda (wenn ich mir mal Namen merken könnte, ich suche schon die ganze Zeit auf der Homepage der Millerntor-Gallery, vielleicht kann mir da jemand helfen, hing links von Ashenafe Mestika im Eingangsbereich zur Haupttribüne – EDITH: Tindi ist es!) eine derart großartige Auseinandersetzung mit eben diesem kolonialrassistischen Blick wie auch der Kunst der frühen, ästhetischen Moderne Europas zu betrachten, dass es nur so kracht (erneut der Einschub: Das ist meine eurozentristische Sicht und deshalb sehe ich da vielleicht auch vieles gar nicht, was eine Rolle in Uganda spielt; das Hingucken alleine freilich eröffnet einen Raum, der diese Sicht bricht und für das Wissen des eigenen Unwissens öffnet) , die bekanntlich durch Appropriation (Aneignung und Überschreiben) als „primitiv“ behaupteter Traditionen künstlerischen Weltbezugs erst wurde, was sie dann war bei Picasso und den anderen. Das ist wirklich ziemlich toll, wenn der Spieß umgedreht wird und dabei was ganz und gar Visionäres entsteht. Wie gesagt: So habe ich es gelesen und das kann völlig falsch sein. Die Bilder hingegen sind richtig gut.
Auch sonst wirken auf mich am stärksten die Auseinandersetzungen mit dieser frühen Moderne in der Ausstellung wie auch das, was aus Graffiti entstanden ist – so dass Bezüge auf die Renaissance dagegen fast wie billige Effekthascherei wirken. Präsentiertes Ornamentales und Collagen sind oft pfiffig anzusehen, manchmal jedoch zu sehr an Markenbildung orientiert. Und mal ab von einer sehr charmanten Foto-Strecke der Bewohner der ESSO-Häuser ist doch einmal mehr zu sehen, dass das Medium Fotografie einfach das problematischte ist, vermutlich auch, weil in Zeiten von Instagram und Co die Bilderfluten, Snapshots und Selfies derart angewachsen und omnipräsent sind, dass Rückgriffe auf Darstellungsweisen erfolgen, die seltsam verstaubt erscheinen.
Das ist aber schon und trotz allem eine dolle, kuratorische Leistung, in einem Stadion (!!!) etwas entstehen zu lassen, das solche und viele Fragestellungen darüber hinaus überhaupt ermöglicht. Kann jetzt selbst die privilegierte Sichtweise sein, ich weiß es nicht. Trotzdem aus dieser dann Glückwunsch an Michael Fritz und sein Team!!!
Was aber eben doch auch immer wieder auffällt: Es fehlen einfach Institutionen, die nicht WHM-dominiert sind, die in solchen Fällen (kostenpflichtig) beraten. Vieles kann ein Team, dass sich derart in Action aufreibt, gar nicht wissen können. Ich finde schon, das die Macher der Millerntor-Gallery viele Problematiken sehr viel ernster nehmen und da auch viel mehr wagen und weiter gehen als sonstige Symbolpolitiken in „die Fanszene“ – der Kontrast zum Beispiel zum Museumsverein 1910 e.V.  ist ja doch erheblichst sicht- und spürbar. Nein, in dem Fall kann mensch mir auch nicht sagen, ich hätte mich ja selbst engagieren können😉 …
Noch besser würde es, wenn endlich mal Anschluss an internationale Diskussionen gefunden würde, dass noch profunder aufgegriffen wird, was mittlerweile selbst in Netflix-Serien zumindest irgendwie Berücksichtigung findet. Da ist Deutschland krass Entwicklungsland und der FC St. Pauli unglaublich deutsch; die Welt der Wissenden rollt mit den Augen angesichts all der Hilflosigkeit hiesiger Macher – dabei wäre das gar nicht so schwer, Abhilfe zu schaffen, wenn zu all den fest verschlossenen Institutionen mal welche hinzu träten, die das Gefälle abmildern könnten. Konzepte dazu liegen der AFM und Präsidium des FC St. Pauli ja vor😉 …

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