Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Zugehörigkeiten und: Ist nicht genug für alle da?

Für Drehbuch- und Romanautoren gibt es ein recht inspirierendes Werk namens „Der Publikumsvertrag„.

Es dekliniert durch, wie fiktionale Werke dadurch ihre Leser und Zuschauer gewinnen, dass sie ein Dazugehörenwollen in den Mittelpunkt stellen – zu wie auch immer definierten „Gemeinschaften“.

Dem folgt eine Serie wie „Gossip Girl“, deren Plot dadurch angeschoben wird, dass Dan, der Sohn des Galeristen aus Brooklyn, gerne zur High Society der Upper East Side New Yorks gehören möchte (und seine Schwester Jenny noch um einiges stärker, wozu sie sich allerlei Demütigungen aussetzt – bis sie aus der Stadt gemobbt und intrigiert wird). Das für den Zuschauer Tröstliche der Soap ist, dass die Gesellschaft der Upper East Side  derart von Intrigen, unsäglichem Umgang miteinander und Böswilligkeit durchdrungen ist, dass jede_r, der/die guckt, sich insgeheim freut, da nun nicht mit rumzuspuken – trotz all der schicken Klamotten, schönen Menschen und coolen Wohnungen/Penthouses/Ferienhäuser in den Hamptons.

Das ist wohl auch einer der Hintergründe der Yellow Press und des Boulevards: Menschen ruhig stellen, dass sie sich mit weniger zufrieden geben – all diese Skandale und Eitelkeiten im „Promi“-Rahmen, da fühlt das Publikum sich gleicht sittsam und selbstgerecht bescheiden. Und diese Presse/Magazine/Events dienen doch zugleich dazu, gesellschaftliche Missgunst zu etablieren, um ein feines, ökonomisches Netzt von Unterschieden und Statuszuweisungen aufrecht zu erhalten. Eben dazu, statt auf diese Protagonisten der Unterhaltungsindustrie zu schielen, vorsichtshalber immer mit dem Finger auf Schwächere zu zeigen in der irrigen Annahme, die könnten symbolisch oder ökonomisch irgendetwas weg nehmen.

Das Merkwürdig am Griechenland-Diskurs ist ja, mit welcher Verve da projektiv auf ein ganzes Land angewandt wird, was selbst mensch fortwährend erlebt. Fast wirkt es wie ein Hilfsmittel, die eigene Unterwerfung, Drangsalierung, die eigenen Nöte diesen aufbürden zu wollen – oder aber das eigene Privileg abzusichern, zu einer ach so heroischen „Wirtschaftsnation“ dazu zu gehören. Merkels aggressiver Nationalismus und Imperialismus füttert das ja fortwährend an.

Mit den Privilegien ist es ja so eine Sache. Theorien und Erfahrungen rundherum sind hochumstritten, weil viele die eigenen gar nicht wahr haben wollen oder sie selektiv und individualisierend ausschließlich ökonomisch deuten – so bloggen dann die einen „die Schwarze da hat aber einen Vertrag mit einem Verlag und ich nicht!!!“, andere „diese Flüchtlinge da haben sogar ein Handy und kriegen viel mehr Geld vom Staat als ich, dabei sind die noch nicht mal arisch!“. Letzteres mag noch so imaginär sein, es wird so gesabbelt.

Privilegien sind Zugangscodes zu – als soziale Fakten verstanden – Personengruppen. Ganz deutlich wird die Struktur bei V.I.P-Bereichen oder Pre-Openings von Galerien in Stadien. Erinnere mich auch gut daran, wie in der Hamburger Handelskammer einst, da mir bescheinigt wurde, mich als Gründer der Beratung ausgesetzt zu haben, so ein „Willkommen im Club!“ entgegen zwinkerte. Diese Zugangsmöglichkeiten sind Handlungsmöglichkeiten und gleichermaßen halten sie vom Leibe: Niemand greift ungefragt in die Haare, niemand belästigt in der U-Bahn, niemand kontrolliert nur aufgrund sozialer Positionieren den Ausweis und ist von Abschiebung bedroht, vor Kriegen muss nicht geflüchtet werden – und mensch darf kranke Angehörige im Krankenhaus besuchen. Staatsangehörigkeit ist ein formal-rechtliches Privileg, das nicht davor schützt, dann trotzdem allerorten als die – im besten Falle – neue Putzkraft angesprochen zu werden.

Auf solche Zugehörigkeiten zu verzichten ist innerlich sehr wohl, aber wohl nur dann möglich, partizpiert mensch sowieso an solchen Privilegien. Und emanzipatorisch kann ja sinnvoll nur heißen, dass nicht etwa allesamt nun an schlechtem Gewissen zugrunde gehen, sich wechselseitig für das, was sie haben, angreifen und möglichst gar nichts mehr tun, sondern dass ein Bewusstsein mit daraus folgenden Handlungen entsteht, dass möglichst alle gleichermaßen über Handlungs. und Freiheitsmöglichkeiten verfügen sollten – was durchaus Übergangszustände notwendig und denkbar werden lässt. So kam Marx einst auf die „Diktatur des Proletariats“. Ob und inwiefern die nun schlimmer ist als wahlweise ersaufende oder inhaftierte Flüchtlinge, fremdfinanzierte Warlords in rohstoffreichen Regionen, evangelikal finanzierte Hetze gegen gesellschaftliche Minderheiten auf halben Kontinenten, die so Zugangscodes zu bürgerlichen Mittelschichten schaffen,  oder ein Einbruch der Gesundheitsvorsorge in Südosteuropa, das sei mal offen gelassen.

Die Anschlussfrage ist die alte nach dem Kuchen und den Kindern (die, wie zu zeigen sein wird, falsch gestellt ist). Verteilungs- und Partizipationsgerechtigkeit im Sinne formaler Gleichheit ist die naheliegendste Antwort, da, wie u.a. Ernst Tugendhat überzeugend ausführte, sie nicht begründungsbedürftig ist. Sie ist die logischte und einfachste Regel. Ungleichverteilung ist hingegen ist begründungsbedürftig. Historisch und gegenwärtig sind der Beispiele hierfür unzählig: Das Patriachat begründet Privilegien für als Männer Gelesene, der Adel sah sich gottgewollt herrschend, das Erbschaftsrecht gründet ganz wie der Rassismus u.a. in Abstammungsregeln.

Andere Modelle fantasieren Leistungen, die den metaphysischen Regeln dessen, was Papa Markt zuweist,  entsprächen, der entsprechend zuteile. Immer geht es auch um Zugangsmöglichkeiten zu dem, was als Ungleichheitsverhältnis wahlweise soziale Akzeptanz erfährt oder umstritten ist, woraus sich anschließend gesellschaftliche Dynamiken speisen: Diese zu wahren, führt beispielsweise  ganz explizit zu Chorälen wie „Deutschland den Deutschen“ oder aber, versteckte Mechanismen,  zu annähernd rein weißen Universitäten mit klar männlicher Dominanz.

Und da alle denken, es ginge um einen Kuchen, wird das eigene Tortenstück vehement verteidigt, und sei es auch nur zur Statusgewinnung, indem z.B. irgendeine tradierte Beziehungsform als „Schöpfungsordnung“ behauptet wird, und dieses göttliche Recht sei ja wohl dem weltlichen klar überlegen. Da sind sich dann IS und Salafisten erstaunlich einig mit christlichen Fundis und Teilen der CDU. Speisen sich ja auch aus den selben Quellen wie auch der Nationalismus: Eben denen der historischen Gegenmoderne, nicht etwa dem Mittelalter – in das fantasierten stattdessen auf Aufgeklärte realgeschichtlich Juden hinein, wie diese Orthodoxen schon rum liefen!, mensch lese Richard Wagner, und imaginierten ergänzend und darüber hinaus vermeintlich „Primitive“ als deren und eigene Vorstufe.

Marx war da deshalb – in Phasen seines Schaffens – weiter, weil seine Prämissen nicht in Knappheit gründen, sondern letztlich in der Vorstellung, dass menschliche Vorstellungskraft ausreicht, um mittels Produktivkraftentwicklung von Naturzwängen zu entheben. Dass somit eine Entwicklung denkbar ist, dass schlicht genug für alle da ist.

Seit der Ökologie-Bewegung ist das aufgrund der Endlichkeit von Ressourcen nicht mehr trendy, das zu denken, aber warum denn? Ich glaube ja schon an menschliches Vorstellungsvermögen, das in der Lage ist, kreative Lösungen zu entwickeln, eben einen solchen Zustand herbei zu führen auch ohne übermäßige Ausbeutungd er Ressourcen, das ist nur u.U, ANDERS profitabel.

Dann, wenn statt der Vorstellung der Knappheit – der Torte – im Sinne wechselseitigen Respekts und dem Ziel eines Schaffens optimaler Lebensbedingungen für möglichst alle gehandelt- und gedacht würde. Ganz egoistisch gedacht, weil dann ja auch für mich genug da wäre. Die wundersamen Vermehrungen am Kapitalmarkt zeigen doch, dass mensch aus Nichts sehr Wirksames schaffen kann.

Mir ist nur komischerweise kein Ansatz bekannt, der das noch denken würde, abgesehen von denen Martha Nussbaums und Armatya Sens.

Stattdessen dominieren Vorstellungen, in denen materielle und symbolische Zugangscodes zu Zugehörigkeiten dominieren. Warm denn?

Einst setzte mensch dem „Hoch die internatioanle Solidarität“ entgegen.

Wie wäre es denn mal wieder damit?

PS: Dieser Eintrag ist insofern ein Kuriosum, weil ich was ganz anderes schreiben wollte. Dann hat er sich verselbständigt.

Ich war an folgendem Passus in einem hervorragenden Text von Nadine hängen geblieben:

„Der Versuch mich beschäftigt zu halten, abzulenken und mir falsche Hoffnung zu vermitteln, ich könnte zum erlesenen Kreis dazu gehören, wenn ich nur artig das will, was die Heten um mich herum auch wollen.“

Vorab: Ich stimme dem Text keineswegs in jeder Hinsicht zu, finde da aber jedes ARGUMENT gewichtig. Ich kann mir schon den Shitstorm vorstellen, der da folgen wird“öh, kaum ist mal was Gutes, kommen die „Netzfeministinnen“ um die Ecke und machen wieder alles madig“; nee, ist nicht, da steht ja sehr viel drin, also lesen. Die Methode, nun fortwährend „Dialog“ einzufordern, aber die Argumente dessen, was Abwehr mobilisiert, a priori jede Gültigkeit abzusprechen, ist ja auch etwas billig.  Auch die Thematisierung von Sprecherpositionen ist ein ARGUMENT. Siehe oben.

Daraufhin grübelte ich, wieso ich tatsächlich nie zum erlesenen Kreis der Heten gehören wollte😀 … bloß nicht.

Und dachte anschließend: Klar, als weißer Mann habe ich da auch bestimmte Notwendigkeiten gar nicht, weil ich aufgrund meiner sozialen Positionierung Freiräume habe, mich auch dagegen entscheiden zu können, ohne dass es für mich allzu schlimm kommt.

Dieses etwas dubiose Modell „Heterosexualität“ soll ja auch jeder für sich leben können, es soll nur nicht alles dominieren, das wäre ja eher meine Sicht.

Und dann landet mensch argumentativ eben doch bei Modellen für die Möglichkeit der freien Wahl des je eigenen Lebensmodells.

Was gleiche Privililegien für alle gleichermaßen als Forderung nach sich zieht (die dann eben keine mehr sind), welcher instituionelle Rahmen das auch immer ermöglichen möge.

Ich will ja auch ein Loft und ein Haus für ein intermediales  Kunstschaffen, in dem ich mit anderen wirken kann, und einen Lover, mit dem ich möglichst anders als eheähnlich lebe.

Ich will aber doch auch, dass alle anderen sich da auch aussuchen können, was zu ihnen passt, und dass niemand sie dabei stört.

Und frage mich dann immer, wieso das als „naiv“ abgetan wird, das zu denken.

Da stimmt doch nicht etwa an der Perspektive etwas nicht, sondern an dem Realitätskonzept, das es verhindert ….

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