Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Millerntor-Gallery 2. – 5.7. 2015

Keine andere Veranstaltung im Millerntor-Stadion verfügt über ein derartiges Potenzial – und an keiner anderen gibt es so viele mögliche Kritikpunkte: Die Millerntor Gallery.

Weil eben dann, wenn im Sinne des Werdens geackert wird, auch die Gefahr, etwas falsch zu machen, immens wächst. Manche meinen, mensch solle es dann lieber gleich bleiben lassen. Soll mensch das?

Denn keine andere Institution im Rahmen des FC St. Pauli-Kosmos ist zugleich derart offen für Kritik, ohne fortwährend beleidigt zu sein, bleibt derart in Bewegung. Die alten, fernöstlichen Weisheitslehren rund um das Ego scheinen da wirklich auf fruchtbaren Boden zu fallen. Bei jedem neuen Event ist schon am Programm abzulesen, wie auf die allgemeine Diskurslage reagiert wird.

Diesmal z.B. mit einem Symposion „Was ist ein Dialog auf Augenhöhe?“ am Samstag, 15.00 – 17.00 h – die Antwort wird notwendig lauten: Der in der Millerntor-Gallery bietet schon mal keinen, weil alle organisatorisch und ökonomisch relevanten Positionen von Weißen besetzt sind.

Das ist ja einer der zu checkenden Punkte, durfte ich gerade erneut bei einem Hfbk-Seminar von Noah Sow lernen: Alle hierarchischen und mit Macht versehenen Ebenen sind eben auch mit Nicht-Weißen zu besetzen, dann bestehen Chancen zur Besserung.

Und ja, das gilt gerade auch für Ehrenamtlichen-Heere. Das muss mensch sich ja auch erst mal leisten können, weil aufgrund von Zugangsmöglichkeiten zu Ressourcen Miete und Überleben gesichert sind und kann, muss freilich nicht schnell zur onanistischen Party für eh schon Privilegierte werden.

Zudem ist die Frage zu stellen, wessen Interessen da nun bedient werden: Sind es die eines Regisseurs, der sich als Flüchtlingshelfer ausweist, wo es doch gerade auf dem Feld des Theaters nun allerlei Fälle gab, wo eher Flüchtlinge dabei halfen, Image zu generieren, symbolisches Kapital, als dass ihnen geholfen wurde – oder sind es die von Mallence Bart-Williams und darüber hinaus der Flüchtlinge selbst? Auf wessen Wohlbefinden und Sicherheitsgefühl wird geachtet? Wer wird nun genötigt, fortwährend in eigenen Traumata zu wühlen, und wer konsumiert das nur, sich selbst aus dem Focus rückend und danach in Räume für Privilegierte zurück kehrend?

All das Fragen, die ich mir nicht selbst ausgedacht habe, im wesentlichen verdanke ich sie einmal mehr Noah Sow die nichts dafür kann, wenn ich etwas falsch verstanden habe und auch nicht dafür, dass ich sie hier und jetzt stelle😉 …

Immerhin, und da unterscheidet sich die Millerntor Gallery dann doch maßgeblich von analogen Veranstaltungen wie jene zur „Black Box“ in der HfbK: Mit Mallence Bart-Williams, Mario Macilau und Onejiru  sind Protagonist_innen präsent, die anders positioniert sind als die weißen, heterosexuellen Herren, die die auf einem Schiff im Hafen bei einer Pressekonferenz das Geschehen ankündigten.

Ich weiß, dass völlig zu recht PoC-Aktivist_innen unter meinen Freund_innen und Mentorinnen trotzdem mit den Augen rollen und fluchen werden – Prinzipien wie jene des „Tokenings“, den Begriff habe ich gerade ebenfalls in dem oben erwähnten Seminar gelernt, mensch holt sich ein paar PoC für’s Foto und lässt ansonsten alles so, wie es ist, lauern da als stete Gefahr.

Gerade an Viva con Aqua gibt es ja nun genug auch ansonsten genug zu meckern: U-Boot der Welthungerhilfe, koloniale Tradition der „Entwicklungshilfe“ mit Abenteuerfotos und ach so tiefen Erfahrungen der dafür Posierenden, danach zurück kehrend in ihre heile Welt; macht einfach das, was an „Brot für die Welt“ immer schon Scheiße war, für Hipster fit, die dann glauben, wenn sie irgendwo saufen, tatsächlich selbst „Brunnen in Afrika“ zu bauen.

Da ich allerdings ebenso zwiegespalten bin wie die meisten anderen Weißen auch und das kraft Privileg auch sein kann, agiere ich da selbst höchst merkwürdig: Als Medienarbeiter habe ich wenig Probleme, Viva con Augua zu promoten, als Blogger ätze ich rum. Lass ich mich gerne für schlachten, das ist ja tatsächlich absurd. Als Medienarbeiter biete ich Mitarbeit an, als Blogger – na, im Grunde genommen versuche ich hier eher ans Bessere zu appellieren als nur zu nörgeln.

Eben WEIL die Millerntor-Gallery der einzige (!!!) Raum im Stadion ist, wo ich so etwas wie eine Entwicklung sehe (okay, auf den neuen Trikots wird sie auch zu sehen sein). Einen der zentralen Macher kenne ich nun ein wenig, bewundere ihn sehr für all seine Talente, Ideen und sein Engagement, seine Offenheit, und eben vor allem für die Versuche, sich Kritik zu öffnen.

Weil zudem durch die Auswahl an Musik und Ambiente ein Raum geschaffen ist, sich auch mal als Schwuler wohl fühlen zu können, ohne gleich von irgendwelchen Punkrock-Anachronismen überrollt zu werden. In guten Momenten war da ein Spirit, der auch Queeres atmete. Was ansonsten im Millerntor-Stadion ausgesonderten Veranstaltungen vorbehalten bleibt und strukturell über Regenbogenflagge hinaus keinerlei Rolle spielt – wo offene Beschimpfungen vermieden werden, zeigt sich Heterosexismus halt oft einfach anders. Klar, als Erholungsraum von Mechanismen der Gay Communities kann mensch den Raum trotzdem nutzen😉 …

Dass Fragen nach Augenhöhe und was „interkulturell“ überhaupt heißen könnte sinnvoll gestellt werden, passiert ja sonst eher gar nicht rund ums Millerntor, da der je eigene „Antirassismus“ alles übertüncht – und das zumindest, wie ich das bei bisherigen Millerntor Galleries empfunden habe, auch außerhalb des karrieristisch bestimmten und rein weißen akademischen Raumes so, dass nicht sowieso der Paternalismus sofort greift.

Die Zutaten sind ja einfach top: Intermedial – Film, Kunst, Musik, Literatur ja leider nur sehr am Rande – und das in einem Raum, wo so was sonst kaum statt findet. Da sind auch gewichtige Geldgeber im Hintergrund, die ALLE Möglichkeiten hätten, noch mal was anderes zu ermöglichen als den üblichen Ablasshandel.

Ein Traum wäre ja, so was mal so zu institutionalisieren, dass es ständig wirkt, dass wirklich Kompetenzen aus PoC-, feministischen, intersektionalen und queeren Kreisen das Heft in die Hand bekämen, um aufzuzeigen, wie all das noch viel besser ginge.

Die Netzwerke der Millerntor Gallery hätten tatsächlich die Möglichkeit, das zu realisieren. Und zwar nicht nur, indem nun unendlich über Formen der Diskriminierung aufgeklärt wird – sondern empowernd und produktiv das Werden jenseits derer denken und in all den möglichen künstlerischen Formen zu beackern.

Ich meinerseits werde auf jeden Fall mal hingehen und freue mich auch drauf, wenn das Stadion, in das ich nun auch seit 15 Jahren gehe und das laut Dauerkartenaufdruck auch noch lange nicht fertig ist, mal anders bespielt wird.

Vermutlich ereifere ich mich hinterher wieder ausgiebig – meine prinzipielle Sympathie mit diesem Projekt wird das nicht schmälern … und ja, ich weiß, dass ich so einen Raum auch leichter betreten kann als schlimmer Traktierte. Vielleicht ist er perspektivisch ja dennoch zu öffnen.

Eine Antwort zu “Millerntor-Gallery 2. – 5.7. 2015

  1. Pingback: Auf ein Neues! Der #FCSP vor der Saison 2015/2016, die neue Nord-Tribüne und die Millerntor-Gallery | KleinerTods FC St. Pauli Blog

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s