Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Geburt der „Gemeinschaft des FC St. Pauli“ aus dem Geiste der Romantik?

Nein, es muss nicht jede_r sich in der politischen und Geistes-Geschichte des 19. Jahrhunderts auskennen. Bezieht mensch sich freilich explizit darauf, so wären ein paar Recherchen nix, was schaden würde.

„Tölle stellte u.a. in einer urkomischen Performance mit Lothar Matthäus einen der „ganz großen Romanciers des Fußballs“ vor und sorgte mit einem einleitenden Text des Dichters Friedrich von Hardenberg alias Novalis (1798) für einen ungewöhnlichen Start. „Die Welt muss romantisiert werden!“, forderte Novalis in seinem Text, der so etwas wie ein „Grundprogramm der Romantik“ darstellt.

Sein Ziel, „dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Endlichen einen unendlichen Schein“ zu geben, finde sich auch heute im Fußball wieder, so Christoph Nagel: „Ein Ball rollt in ein Netz. Eigentlich nichts Besonderes. Aber jeder hier im Saal weiß, was für unendliche Gefühle das auslösen kann!““

Ja, witzig, bierselig-sentimental in der Unendlichkeit zu schwelgen. Nun ist die Zusammensetzung eines Panels nie zufällig, und ist nur eine Frau dabei, fällt das eh schon auf. Um so mehr, wenn zwei Tage später auf dem Platz jene, deren Sichtweisen auf die weißdeutsche „Romantik“ und wie sie sich beim Moderator, Rettig oder Tölle artikuliert, mich tatsächlich interessieren würden, nämlich die Spieler des FC Lampedusa, jene Rolle einnehmen, die Schwarzen in dieser Gesellschaft eingeräumt wird: Fussball spielen. Dabei weiß jeder, der ihnen je lauschte, wie ungeheuer lehrreich das ist. Warum diskutiert da keiner mit? Wurden sie gefragt und wollten nicht? Falls ja, und sie wollten nicht, erübrigt sich der Einwand.

Ich habe auch gegen Novalis nix einzuwenden, würde von Moderatoren des ach so politischen FC St. Pauli wenigstens, Historiker!, sich mal schlau gemacht im Vorfeld, auf was für ein Terrain sie sich begeben, wenn sie in Zeiten der Kritik an „Red Bull Leipzig“  „Fussballromantik“ affirmierend (dem Homepage-Bericht folgend flankiert von Sandra Schwedler, Aufsichtsrätin des FC St. Pauli) diese gegen Ökonomisierung ins Feld führen.

Die zu kritisieren aus der Perspektive eines demokratisch verfassten Vereins durchaus möglich ist – aber da die „Romantik“ ins Feld führen? Weil sich das so nach Liebe anhört? Selbst im Falle von Liebesbeziehungen sollen zur Konfliktentschärfung jenseits reiner Macht legitimierbare Verfahren eine Rolle spielen, auch wenn mensch da andere Begriffe verwendet.

Richtige Historiker ließe das aufhorchen – war die historische Romantik doch auch Erfinderin eines deutschen Spezifikums mit fataler Wirkungsgeschichte: Der „Kulturnation“ als VORdemokratischer Gemeinschaft, der die Gebrüder Grimm Wörterbuch und Märchen lieferten und Herder und Fichte noch ein paar andere Zutaten. Sie situierte sich gegen die „napoleonischen Besatzer“, die zum Beispiel hinsichtlich der rechtlichen Gleichstellung von Juden einen Moderninsierungsschub bewirkten. Nach Ende der napoleonischen Zeit wurden diese, durchaus auch im Sinne „romantischer Gemeinschaftsvorstellungen“, rückgängig gemacht:

„Deutsche Juden nahmen vielfach freiwillig an den antinapoleonischen Befreiungskriegen teil und versuchten danach mit einer Petition, ihre vollen Bürgerrechte einzufordern. Auf dem Wiener Kongress von 1814 versuchte Wilhelm von Humboldt erfolglos, das preußische Judenedikt von 1812 auf den Deutschen Bund auszudehnen. Besonders die süddeutschen Staaten und die norddeutschen Hansestädte verhinderten dies und verabschiedeten stattdessen ein Gesetz, das es erlaubte, den Juden ihre von Napoleon verfügten Rechte wieder zu nehmen.“

Michael Dusche formuliert das Problem in einem lesenswerten Text folgendermaßen:

„Das Phänomen des ethnischen Nationalismus lässt sich idealtypisch wie folgt beschreiben: Weil demokratische Teilhabe gefordert wird, aber nicht gewährt werden soll, greifen ethnische Nationalisten zur Metapher der orga- nischen Gemeinschaft, an der jeder durch Geburt Anteil hat. Demokratische Teilhabe dient dem rationalen (gewaltfreien) Ausgleich von Interessen- gegensätzen. Im Ethno-Nationalismus ist ein solcher Ausgleich nicht vorge- s- sengegensätze müssen also unterdrückt werden. Dem dient der Verweis auf eine Bedrohungslage, die eine Pflicht zur Wahrung des Burgfriedens recht- fertigt. Dieser e- n- darüber hinaus die Produktion – n- schaft orientiert, sind Konflikte mit anderen (fiktiven) Abstammungsgemein- schaften vorprogrammiert. Und zuletzt gilt: Indem der Ethno-Nationalismus das Volk von definiert, missachtet er den realen Pluralismus menschlicher Gesellschaften.“

Was das heißt und wie das wirkt, konnte der Zuschauer auf dem Podium ja auch beobachten und es ist völlig egal, ob das nun in einem nationalistischen Kontext verortet ist oder in dem „Organismus“ Fussballverein: Wie der sich bestimmt, wer da zu „politischen Fragen“ interviewt und wer in das Sexismus-Panel delegiert wird, das dem Aktionsbündnis gegen Sexismus und Homophobie wie ausgesondert vorbehalten bleibt, das ist ganz unabhängig vom Gesagten allzu sichtbar. Ich entschuldige mich ausdrücklich bei Wolfgang Niedecken, den ich durchaus schätze und der in „Kristallnaach'“ ja sogar über solche Zusammenhänge gesungen hat und bei dem es ja toll ist, dass er gekommen ist.

Die Pointe der Auseinandersetzung rund um ein Politischwerden der Romantik ist halt: Es ist historisch ein GEGENMODELL zur demokratischen Partizipation. Das zieht sich durch die Heimatfilme der 50er wie auch durch aktuelle „Hipster“-Kritik im Antigentrifzierungskontext: Die „organische Gemeinschaft“ versus „die Eindringlinge“. In der Romantik wurde hierzu häufig die Mittelaltersehnsucht mobilisiert, nicht zufällig einhergehend mit Vorstellungen einer ständischen Ordnung, die im real-existierenden Kapitalismus nie verschwunden sind. Hier verlinkt noch eine vertiefender Text aus der Geschichte dieses Blogs. Das wildert jetzt zwar teilweise auf dem Feld „antideutschen“ Denkens, aber manchmal hat das ja auch Recht.

Eine Diskussionsveranstaltung in einem Fussballstadion muss kein Geschichtsseminar sein; es sollte freilich auch so deutlich sein, worin nun gerade Pointe bei einem Verein wie diesem liegt, wo Partizipation ja auch nicht grundlos nur von bestimmten Bevölkerungsgruppen wahrgenommen wird (und Andere kriegen das ggf. sehr deutlich zu spüren, das sie „die Anderen“ sind, in „die aktive Fanszene“ zumindest von einigen, wagen sie sich doch mal hinein), der per Stadionbeschallung von „Antidiskriminierung“ behauptet.

Diese romantischen, vorpolitischen Gemeinschaftsvorstellungen, denen wie Substanzen Eigenschaften zugeschrieben werden, sind das Gegenteil von demokratischen Partizipationsmodellen noch dann, wenn „willkommen geheißen wird“- die formalen Prinzipien der Aufklärung werden durch sie unterlaufen. Ja ich weiß, dass auch die Aufklärungskritik möglich und geboten ist, dass gerade aus dem Feminismus wie auch aus antirassistischer Perspektive da ganz gewichtige Stimmen laut werden, weil die Berufung darauf auch in Dünkel und in Supremacy münden kann – dennoch sollte offenkundig sein, dass keine dieser Sichtweisen auf dem Podium eine dominante Rolle einnahm und alle sich der Frage, welche Art der Romantik sie reproduzieren, ja sowieso auch ständig schon stellen.

Es gibt all das Wundervolle an der Romantik, das Schwärmen, Poetisieren, Erotisieren, all das findet sich hier im Blog zuhauf. Klar zieht mich das auch ins Stadion: Wenn Spieler auf dem Platz sich abknutschen, übereinander her und sich in die Arme fallen, bricht ja auch in eine heterosexistische Welt auf einmal das ein, was ich unter „Romantik“ verstehe in meinem alltagssprachlichen Sinne – Nicole Selmer hat das bei der letzten „Fussball und Liebe Veranstaltung“ sehr schön auf den Punkt gebracht. Michel Foucault hat dazu so schön „Zärtlichkeit unter Männern als Kunstwerk betrachtet“ geschrieben.

Was mich nur schon beim letzten Mal fast zur Raserei trieb, war der Unwille und die Unfähigkeit von „Historikern“, aus Geschichte zu lernen und tatsächlich solche Perspektiven wie die genannte als INTEGRALEN BESTANDTEIL EINER GESAMTVERANSTALTUNG zu begreifen, Sichtweisen, die sich durch ALLE Bereiche des Events ziehen. Um nicht als „Randgruppenthema“ an den einzigen Schwulen die Schwarzen, LGBTIQ und Frauen zu deligieren und sich selbst mit Prominenz geschmückt in die Lokalberichterstattung der Schmierblätter zu beamen. Und scheinbar haben auch die Chef-Kuratoren diesmal keinen Sinn darin gesehen, etwas zu ändern.

Will mensch das ernst nehmen, was ganz großartig über die Stadionlautsprecher verkündet wird, müssen bei der Gestaltung eines solchen Events einfach ganz andere Kriterien berücksichtigt werden.

Schon beim letzten Mal fand der Slogan „alle reden von Fussball und Gewalt, wir reden von Fussball und Liebe“ bei der Diskussionsrunde zum Thema „Gewalt“ KEINERLEI Bezugnahme auf jene, die ganz alltäglich von Gewaltandrohung und tatsächlichen Formen BETROFFEN sind, ja, sogar in Polizeizellen mutmaßlich abgefackelt werden – und das sind halt im Alltag nicht primär Fussballfans, sondern Frauen, PoC („People of Colour“) und LGBTIQ-People („Lesbian Gay Bisexual Intersexual Queer“).

In bornierter Ignoranz wird stattdessen gegen RB-Leipzig eine weiße, männliche (eine Frau zählt nicht), mutmaßlich heterosexuelle GEMEINSCHAFT ins Feld geführt, nicht per Proklamation, sondern handelnd-performativ, die sich auf Podien versammelt. Eine, die ggf. duldet und toleriert ganz wie Frau Merkel, begeistert die sich knutschende Antilopengang abfeiert, aber nicht mal in der Lage ist, bei Facebook Links zu teilen, in denen sich der zeitweise die queeren Fanclubs Deutschlands koordinierende Dirk Brüllau, ein St. Paulianer, zu strukturellen Problemen äußert.

Dass diese Strukturen  GEWALTVERHÄLTNISSE sind, das vergessen DFL-Geschäftsführer und das unendliche Gefühl des eingenetzten Balls Beschwörende vermutlich im heterosexistischen Gemeinschaftsgefühl (ich kenne nur die Mitschrift auf der Homepage, werde aber auch keine Veranstaltungen mehr besuchen, wo ein solches ganz klar einseitig dominiertes Panel rum sitzt. Selbst wenn da irgendeines der hier skizzierten Themen behandelt wurde ist das witzlos, wenn es die Immergleichen unter sich diskutieren oder im Programm selbst nicht eindeutig klar ist, dass auch nicht-weiße und queere Perspektiven KONSTITUTIV eine Rolle spielen).

Und das, obgleich Sookee ihnen allen letztes Jahr erläutert hat, was es mit dem Begriff „Heterosexismus“ auf sich hat und dass der wie auch der Begriff der Heteronormativität auch nicht mit „Schwulenfeindlichkeit“ zu übersetzen ist.

Na ja, aber der FC St. Pauli ist ja auch der Verein, wo einem von (einzelnen) Fans mitgeteilt wird, dass man froh sein solle, nicht wenigstens eins auf die Schnauze zu bekommen …

Das alles wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht durch die gesamte Veranstaltung, von Tubbe mal abgesehen, ‚tschuldigung auch an sie, und dem Panel zum Sexismus, sich White Supremacy und Heterosexismus hindurch ziehen würden – und ja, mensch kann das daran ablesen, wer auf einem Panel sitzt, wer moderiert und verantwortlich in hierarchischen Konstellationen agiert.

Ich habe mir neulich schon einen – Dank und Credits an Noah Sow! – Link gepostet der LesMigras, wie an Veranstaltungen in solchen Zusammenhängen heran gegangen werden kann. Das ist eine freundliche Serviceleistung der LesMigras, umsonst zu educaten, um diese Formulierung aufzugreifen, und wenn mensch nun wirklich an dem interessiert ist, was über Stadionlautsprecher verkündet wird, ist das nicht schwierig, sich vertiefend zu informieren. Mir wurde letztes Jahr noch typisch männlich-dominantes Sprechervhalten zur recht attestiert; versuche ich zumindest, es mir zu merken und werde Kritik diesbezüglich auch weiterhin sehr ernst nehmen und in Situation was zu ändern.

Das Schlimme ist: ALL DIESE INFORMATIONEN SIND DEN VERANSTALTERN BEKANNT, bestens sogar.

Das ist schon offene Aggression gegen Formen der Wissens- und Kulturbereitsstellung aus marginalisierten Perspektiven mittels Ignoranz, um sich weiter wie Gauck und Merkel ungestört als „tolerant“ inszenieren zu können.

Mit dem angeblichen Motto der Veranstaltung hat es zumindest rein gar nichts zu tun.

EDITH: Das Panel zu „Self Organization and Social Movement“ ist ja offenkundig doch ganz gut besetzt gewesen. Immerhin, Find ich gut,

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Eine Antwort zu “Die Geburt der „Gemeinschaft des FC St. Pauli“ aus dem Geiste der Romantik?

  1. Pingback: Alles gegeben. #FCSP mit dem 5 – 1 gegen Bochum. Ob es reicht, wird sich zeigen im letzten Spiel. | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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