Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Solche Mäkelfritzen mögen die Heteros nicht“ – Sonntagsspaziergang durch wichtige Texte zu Fragen rund um Antidiskriminierung und indirekt Empowerment

Ich verspüre den Drang, sämtliche Blogeinträge im Blog „Der Zaunfink“ zu empfehlen, sozusagen als Sonntagspredigt – auch und eindringlich den Text „Draußen nur Heten„.

Eine andere satirische Perle des Bloggens habe ich neulich schon mal verlinkt und sie zitierend in meine Radiosendung eingebaut, um zur vollständigen Lektüre zu animieren.

Der folgende Essays passt einfach zu gut zur letzten Kontroverse, die ich mal wieder weitestgehend mit dem Kleinen Tod und mir selbst austrug, andere Heten finden ja die Antilopengang viel spannender – der Zaunfink skizziert den „Heteroflüsterer“ .

„Den Kampf um Gleichstellung und mehr Akzeptanz findet er unnötig. Diskriminierungen leugnet oder verharmlost er, egal, wo sie auftreten. Kritik an Diskriminierung, das ist etwas für die “Krawallschwuchteln”, die sich “in der Opferrolle gefallen und überall Benachteiligungen wittern”. Solche Mäkelfritzen mögen die Heteros nicht, glaubt er, und er will doch so gerne gemocht werden. “Man muss sich auch mal zufrieden geben”, findet er, “Immerhin werden wir nicht mehr eingesperrt, und anderswo werden Schwule an Baukränen aufgehängt.” Da ist eine erhöhte Suizidrate unter Jugendlichen doch verschmerzbar.“

Das Portrait jener also, die devot sich Parameter wie die Behauptung, dass es doch rührend sei, nicht wenigstens einen auf die Fresse zu bekommen, ganzkörperlich einverleibten.

Es ist ein wenig schade, dass in den so brillanten Zaunfink-Texten kein Abklopfen auf Identitäten und Unterschiede zu anderen Herabwürdigungsformen, die Marginalisierte bezogen auf dominante Gruppen und mehrheitsgesellschaftliche Perspektiven fortwährend als Zurichtung erfahren, analysiert werden.

Ich wurde in den Kommentaren jüngst zu recht darauf hingewiesen, dass ich selbst die Differenzen zugunsten der Ähnlichkeiten oft noch zu wenig ausarbeite und mühe mich da um Besserung, nehme Hinweise und Kritik diesbezüglich sehr gerne entgegen und ändere Texte dann auch.

Analogien zu dem, was Der Zaunfink unter Rekurs auf die „Bürgerlichen“ rund um queere Subkulturen beschreibt, eben innerpsychische Effekte bei von mehrheitsgesellschaftlichen Diskussionen Betroffenen, hat z.B Hanf Kureishi unter expliziter Bezugnahme auf  James Baldwin bereits Mitte der 80er Jahre eindrucksvoll verfasst – weit über das, was weiße Schwule erleben, hinaus gehend. Übrigens unter Einbeziehung der Klassen-Frage, da ist an Marx geschult sein ja gerade KEIN Argument, nun ständig irgendwas als Nebenwiderspruch weg zu wischen, ganz im Gegenteil – bei Kuresihi kann mensch das nachlesen.

Es gibt gerade in jüdischen wie auch schwarzen Traditionen unzählige tiefgreifende Beschreibungen solcher Effekte mehrheitsgesellschaftlicher Strukturen, wie der Zaunfink sie beschreibt. Mit White und Male Privilege gesegnete Schwule werden viele derer so auch nie erfahren. Da lohnt die Recherche – auch wenn sprachlich manches dort schwierig im Heute zu rezipieren ist, führt zum Beispiel auch Frantz Fanons „Schwarze Haut, weiße Masken“ beeindruckend in das Thema ein.

Gerade schwule Blogger sollten sich in diesen Themen informieren; auch eigene Erfahrungen können dann besser eingeordnet werden und die Wichtigkeit derer, die mensch lesen kann und die ihre viel weiter gehenden Prägungen analysieren, ebenso. Auch der erwähnte James Baldwin ist in diesem Fall eine gute Quelle, sich vieles klar zu machen. Ebenso freilich die unendlich reiche Tradition schwarzer Autorinnen von Audre Lodre über Bell Hoods bis Noah Sow, der ich so unendlich viel verdanke.

Auch in der feministischen Literatur sind die Analysen vielfältig, da muss ich auch erst noch eine ganze Menge lernen. Spontan fällt mir „Die Fesseln der Liebe“ von Jessica Benjamin ein – eines der vielen Werke, da auseinander gedröselt wird, wie Frauen darauf getrimmt werden, sich an den Bedürfnissen Anderer zu orientieren.

Das leitet zu einem Text über, den mir die großartige Mel Möhre in die Facebook-Timeline schickte – ich erhalte täglich so wertvolle Quellen von ihr, das ist toll, Dankeschön!

„Was zeichnet eine richtige Männlichkeit aus? Klares Gruppenstatement: Man muss sich hart und entschlussfreudig zeigen. Bei jedem ersten Kontakt stünde dieses Theater an. Zart werden dürfe man nur bei Leuten, die man schon gut kenne. Wenn überhaupt.“

Eine interessante Lektüre darüber, wie sich ihrereins in wirtschaftlich mächtige Zusammenhänge hinein fantasierende, angehende „Manager“ selbst verstehen. Auch, dass es schon aus Statusgründen strikt heteronormativ zugeht – wer will schon zu denen gehören, denen man erzählt, dass es rührend sei, dass sie nicht gleich eins auf die Schnauze bekommen?

Da zeigt sich freilich auch prompt die Falle: So wichtig ja so was wie „Critical Maleness“ ist – viele Feministinnen machen sich bei solchen Aussagen zu recht und treffsicher über die „Schmerzensmänner“ lustig, Wieder wird sich nicht mit den Effekten beschäftigt, die solche Muster auf Frauen haben, und das auf weiße und PoC-Frauen in ihrer Perspektivenvielfalt noch einmal sehr unterschiedlich. Stattdessen wird die Aufmerksamkeit auf jammernde Männer gerichtet.

Dagegen kann wieder nur das Umlenken auf Betroffenen-Sichtweisen etwas bewirken. Lest mehr Feministinnen! Und hört zu.

Das Bemerkenswerte ist, dass im provinziellen Deutschland so gar keine Tradition besteht, mal exklusiv die Perspektive Betroffener in den Blick zu nehmen und diese auch nur ausreden zu lassen. Ein ganz spannender Versuch, das zu ändern, findet sich nicht zufällig bei Youtube:

LGBT YOUTUBERS REACT TO ‚How not to react when your child tells you he’s gay video“

Auch da kann mensch jetzt sehr viel kritisieren: Alle jung und schön, alle weiß, mutmaßlich alles Mittelschicht.

Dennoch wird, ohne dass wie bei Maischberger oder Plasberg sofort wieder irgendein Queer- und „Gender-Gaga-Hasser“ dazwischen brettert, einfach nur die Reaktion von Lesben und Schwulen auf die Omnipräsenz der vernichtungswilligen Handlungsweisen von vielen Mehrheitsgesellschaftern gezeigt – anhand eines besonders krassen Beispiels.

Das, was der Zaunfink im Zitat eingangs beschreibt, ist ja dessen Gegenteil: Die Implementierung mehrheitsgesellschaftlicher Perspektiven ins das eigene Denken (und diese Manipulationen, Indoktrinationen usw. heteronormativer Ideologien wird mensch auch ein ganzes Leben nicht mehr los). Abstrakte Prinzipien-Diskussionen fangen nicht ein, was Diskreditierung und fortwährende Gewaltandrohung mit und aus Menschen macht. Durch Praktiken wie der Produktion des verlinkten Videos wird aufgebrochen, was in Deutschland so typisch ist: Die reine Selbstreferenz von Heteros noch da, wo es um LGBTIQ-People geht.

Stonewall einst, auch so ganz und gar keine weiße Veranstaltung und stark auch von Trans-Menschen initiiert, war eine Reaktion auf Polizei-Terror. Der Einsatzleiter hat sich später in Gram und Entsetzen über das eigene Verhalten geäußert. Das zumindest ist anders als noch in den 70er Jahren in Deutschland etwas, was weiße Schwule nicht mehr erleben müssen, von gelegentlichen Ausfällen abgesehen – und Menschen in einem Revier würde ich auch nicht vertrauen. Die Multidimensionalität der Herabwürdigung von People of Color beinhaltet jedoch auch weiterhin u.a. Racial Profiling auf allen Ebenen und andere Formen staatlicher Gewaltausübung.

Und daran wird sich auch so lange nichts ändern wie nicht IN DEN INSTITUTIONEN SELBST die Gewichtungen sich verschieben – und das gilt für ALLE Institutionen, von Universitäten bis hin zu Fussballvereinen und ihrer „Fanszene“. „Refugees Welcome“-T-Shirts sind eine schöne Geste, reichen aber noch lange nicht aus – in einem weiteren von Mel Möhre, Dankeschön!!!!,  mir anempfohlenen Interview wird das deutlich:

„Es reicht aber nicht aus, mit einem symbolischen Akt zu zeigen, „wir“ sind gegen Rassismus. Es müssen mehr praktische neue Strukturen geschaffen werden, in denen die Menschen als Mensch behandelt werden und als Mensch leben können. Die letzten Jahren zeigen aber, dass vieles sich nicht geändert hat. Wir sind immer noch weit entfernt, rassismuskritisch zu denken.“

Ja. In diesem Sinne einen schönen Sonntag. Das kann mensch nämlich ändern.

Und weiter denken. Verfolgt mensch z.B. die Diskussion rund um das Thema Depression aktuell, regt sich ja auch ein verdammt mulmiges Gefühl. Es gibt viel tun. Auch für mich gerade in Fragen des Ableismus: Quellen Betroffener und Erfahrener auftreiben. Nichts anderes bewegt etwas.

7 Antworten zu “„Solche Mäkelfritzen mögen die Heteros nicht“ – Sonntagsspaziergang durch wichtige Texte zu Fragen rund um Antidiskriminierung und indirekt Empowerment

  1. Joha Jay Simpson April 12, 2015 um 1:08 pm

    Was wird denn aktuell zum Thema Depression diskutiert (meinstu die Artesendung?), was dich beunruhigt. Gibt es neue Thesen? Ich höre immer nur die gleiche, langweilige Leier. Die arte-Doku hab ich noch nicht gesehen…

  2. momorulez April 12, 2015 um 1:35 pm

    Nee, ich meine die ganzen Folgediskussionen nach dem Flugzeugabsturz rund um den Piloten. Und da ist wohl einiges von Betroffenen zu geschrieben worden zu der Diskussion, was ich noch sichten müsste.

  3. Joha Nay April 12, 2015 um 11:24 pm

    Und wo ist das beunruhigende Moment?

  4. momorulez April 13, 2015 um 12:21 am

    Das Beunruhigende besteht für mich darin, in welcher Art und wie massiv diskursiv Jagd auf Menschen mit Depression gemacht wird.

  5. Joha Say S. April 13, 2015 um 1:32 am

    Achkommschon! Gehts noch dramatischer und globaler? Zumal, allein die Übernahme normativer Vokabulare entlarvt das Schaf im Wolfspelz.

  6. momorulez April 13, 2015 um 7:56 am

    Es geht immer noch dramatischer und globaler, keine Sorge😉 – und hier auch um normative Fragen, was denn sonst? Ich bin mir nicht ganz sicher, warum Du hier gerade kommentierst, aber wenn Du Lust auf reines Stänkern hast, schalte ich die Kommentare nicht mehr frei.

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