Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

ONE DEEP BREATH by Anthony Hickling – Filmkritik

Da ich jetzt hin und wieder Texte für queermdb verfassen werde, wenn ich dazu komme, seien sie auch in diesem Blog veröffentlicht! Das impliziert freilich auch eine Empfehlung! Solche Projekte sind ja wichtig, Aufbereitung queeren Wissens und dessen Archivierung kämpft eben auch gegen heterosexistische, monokulturelle Geschichtsschreibung an. Gerade in Fragen des Antirassismus wie auch der Intersektionalität gibt es da noch viel zu lernen wie überall anders und in diesem Blog eben auch. Aber es hindert ja niemand wenauchimmer daran, dort mitzuwirken.

Ach ja: Gerade auch den St. Paulianern sei es empfohlen, dass sie statt Wiebusch und Antilopengang sich vielleicht auch mal mit den „Originalen“ beschäftigen😉 … 

Ein Fluss. Eine Schleuse. Eine U-Bahn.

Frau sitzt unter der Brücke.

So beginnt der Film.

Bilder in klassischer Zentralperspektivkomposition.

Ein keineswegs idealisierter Männerkörper liegt nackt auf einem Bett. Ein Dialog. Eine gescheiterte Beziehung ist Thema. Der Körper räkelt sich in die Fötus-Pose hinein. Tiefsinnige Monologe zum Beziehungsleben aus dem Off, gesprochen auf flackernde Artefakte. Ein geschminkter Mund in Großaufnahme, leider nicht so lustig und süffisant wie in der „Rocky Horror Picture Show“.

Bedeutungsschwanger und schwerfällig gräbt sich der Film seinen Weg mit aneinander gehängten Postkartenbildern, nervt durch aufdringlich ästhetisierte Komposition. Stilisiert, aber öde.

Die Bildgeometrie bleibt der Fotografie verhaftet und öffnet sich gar nicht erst dem Potenzial des Filmischen. Ist das mit einer EOS gedreht? Die wird mit Vorliebe für Fernsehinterviews eingesetzt. Da passt sie auch.

Die Kamera spielt mit EOS-typischen Unschärfen. Eine leere Badewanne. Ein laufender Wasserhahn. Gefesselte Trans-Mensch-Hände, Feuerschlucker. Schon bei Minuten Sieben ärgert mich der Film, weil an sich unendlich zu entfaltende Möglichkeiten der Stilisierung völlig ins Leere laufen wegen des Aufladens mit ach so viel Bedeutung und noch nicht einmal der Charme der reinen Geste, der puren Oberfläche regiert – sondern lediglich eine Suggestion von Tiefe.

Anstrengende, symbolische Inszenierungen scheitern am Performativ-Tänzerischen der Bewegungen der Darsteller. Die Bildsprache erschlägt jedes Bild.

Ah, eine Dreiecksbeziehung? Oh, Kampf geht in Schmusen über. Ein Strand.

Der Film müht sich selbstverliebt, die Beziehung zwischen zwei Männern zu symbolisieren und mit poetischen Texten zu versehen. Die Inszenierung folgt ein wenig den Prinzipien eines Tanztheaters ohne Tanz.

Das ständig hinein montierte Meer wirkt wie schlechte Esoterik. Emotionen erfahren eine übereindeutige Symbolisierung in Gesten und Mimiken, die in einem Groschenroman beschrieben herrlich übertrieben wirken könnten. So nicht.

Ein mutmaßlicher Transmensch interveniert in die schwule Beziehung, und irgendein Vierter kommt auch noch ins Spiel. Die Figuren interessieren nicht, weil es gar keine sind -. einfach Füllstoff für eine selbstreferentielle Inszenierung, die das Selbstreferentielle selbst nicht zu reflektieren vermag. Somit wirkt auch das, was erzählt werden soll, unerheblich.

Close gedrehte Sexszenen mühen sich, Klischees zu vermeiden und münden doch in die Clip-Ästhetik der frühen 90er. Das Video zu „Being Boring“ von den Pet Shop Boys ist trotzdem besser. Alles mit „Poesie, komm aus!“- Erzählungen aus dem Off unterlegt.

Oje, jetzt wird auch noch der „Joker“ aus „Batman“ zitiert – als Eifersucht in einer Dreierkonstellation. Die Analogisierung des Säuregesicht aus dem Comic mit im Film zunehmend dominierenden Trans-Effekten überzeugt nicht.

Zärtlichkeit geht fortwährend über in Gewalt. Selbst vor der spätestens seit „Das Schweigen der Lämmer“ harsch kritisierten Trans-Killer-Inszenierung schreckt der Film nicht zurück. Banal dringt das Traum-Motiv in die Story ein. Auch die Ikonographie christlicher Pieta-Darstellungen recycelt die Bilderfolge mehrfach und ebenso gnadenlos wie „Pieres & Gilles“ und „Bei Anruf Mord“. Wenigstens wird geraucht. Ja, es wird geraucht, es raucht nicht etwa Figur X oder Y – weil der Film Figuren nur suggeriert.

„One Deep Breath“ nutzt allerlei zauberhafte, reiche Quellen queerer Tradition: Die Stilisierung, das Spiel mit den Geschlechterrollen, die Ästhetisierung, die Pose, die Theatralik, ein gesellschaftlich induziert notgedrungener Narzißmus, das Zitat. Doch nichts davon funktioniert in ihm. Würde er das Aufgesetzte ganz so, wie es in vielen queeren Werken so vortrefflich als Wahrheit ALLER, nicht nur Schwuler, inszenieren und nicht fortwährend mit dem „Achtung Kunst!“-Ausrufezeichen erschlagen und mit „Ist das nicht ein tolles Bild!“ konterkarieren – der Film hätte Potenzial haben können. Das muss auch gar nicht ironisch, campy oder witzig umgesetzt werden. So jedoch wird das, was Filmgenuss ansonsten jederzeit bewirken kann, das Angestrengte nämlich, zum Ärgernis.

Ach so, der Plot? Er sei zitiert von imdb:

 „Maël tries hard to cope with his partner Adam’s suicide as well as their troubled past together. Patricia, also one of Adam’s lovers, gets herself into danger in her attempt to help Maël in his grief.“

One Deep Breath, Frankreich 2014, 63 Minuten

Regie: Anthony Heckling

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