Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Zurück zum Tatort Stadion“: Die da unter sich!

Oje, oje … habe gerade „Zurück zum Tatort Station“ quer gelesen, und bin neben Spuren des Besseren und bestimmt für manche Leser auch neuen Einsichten ein wenig erschüttert.

Kein durchgängiger Verzicht auf gewaltfreie Sprache, braucht mensch nur ins Inhaltsverzeichnis gucken – N-Wort, Z-Wort. Und nein, es geht nicht um „Sprachsäuberung“, sondern um Handlungen mit Effekten stärker, weil kontinuierlicher wie von jenen des Mobbings: Eben eine Form von Gewalt. Eine performative Platzzuweisung mit Drohpotenzial, eine soziale Praxis des symbolischen Ins-Gesicht-Spuckens – mindestens.

Zwar gibt es mittlerweile wieder ganze Texte auf stark frequentierten und oft verlinkten Blogs, die vor lauter N-Wort unleserlich werden, um final das Einfordern des Rechts auf Verwendung desselben vehement anzugreifen. Das sind dann eben jene in sich widersprüchlichen Botschaften, da die weiße Definitionsmacht kritisiert, zugleich jedoch abgesichert wird: Indem zum Beispiel nur die eigenen Texte weißer Autoren verlinkt und als Quelle genannt werden. Glatte Kommunikationsverweigerung.

Das passt zwar nicht ganz, aber ein wenig doch zu der Attitude von „Zurück zum Tatort Stadion“: Z.B. tauchen da Nicht-Weiße, soweit ich es überblicke, allenfalls als Interviewpartner auf. Dazu später mehr. Bei der Zusammenstellung ist noch ziemlich klar, wer steuert und wer blickt und wer fragt, sich somit sich aus dem Blick rückt noch da, wo „Whiteness“ kritisiert wird. Ich zähle 4 Frauen unter mehr als 20 Autoren, 2 davon dürfen über „Frauenthemen“ schreiben – während doch zugleich der Zusatz beim „Frauenfussball“ im Gegensatz zum Männlich-Allgemeinen vehement kritisiert wird. Es geht nicht um Quotierungen, sondern um Wissens- und Erfahrungszugänge und deren Möglichkeiten. Alles andere wird unwahr, weil der allgemeine Standpunkt der Theorie auch nur ein Gottesersatz ist, in dem sich zudem „White Supremacy“ und andere Formen derselben zuverlässig tradieren und abgesichert werden noch auf der Ebene der Kritik. Es ist nicht mögliche, dergleichen von Positionen in sozialer Praxis vollends zu lösen noch da, wo argumentiert wird.

Es ist schon bemerkenswert, dass die meisten US-Soap-Operas und Horror-Serien erheblich weiter sind: Da wird oft scheiternd zumindest versucht, wenigstens das, die symbolische Ordnung ein wenig aufzumischen. Da tauchen gegen das Klischee besetzte, schwarze Figuren ebenso auf wie queere, und wenn das auch wie in der dritten Staffel von „American Horror Story“ ganz gehörig, ja, drastisch sogar daneben geht,bloß nicht gucken, ist selbst in dem Fall der Versuch spürbar, Geschichte nicht nur als die weißer Männer zu schreiben. Und jede noch so laute Kritik am Scheitern sollte ja nun nicht darin münden, es fortan bleiben zu lassen, sondern daraus zu lernen und vielleicht einfach mal die Drehbuchautorinnen zu wechseln. Das Beispiel sei nur angeführt um zu belegen, wie unglaublich provinziell und rückschrittlich in Deutschland geschrieben, gedacht und sogar fantasiert wird.

Aber  erwähnt sei auch das, was doch gut ist in „Zurück zum Tatort Stadion“: Nämlich der „Wir sind besser als die Anderen“-Text von Gerd Dembowski und und Jonas Gabler. Ein Text, der sich gerade für überhebliche St. Paulianer empfiehlt, die ihr – ja, auch mein – Distinktionsgehabe gerne als Haltung derart vor sich her tragen, dass beinahe manches Mal ich glaube, noch die Antidiskriminierungsthematik mutiere zum von Pierre Bourdieu analysierten Geschmacksurteil und verlöre dadurch jeden emanzipatorischen Wert. Mensch heftet es sich an in Abgrenzung zu all den Anderen wie einen Sticker an, wahrt Unique Selling Prophecy und Exklusivität, und seitdem Regenbogenfahnen auch woanders wehen, wendet mensch sich halt lieber wieder dem Thema „Pyro“ zu.

Dembowski und Gabler nehmen solche Mechanismen in ihren Text indirekt ganz gut auseinander. Und die St. PaulianerIn als solche mache sich ja nichts vor – was Ali Schwarzer in seiner Trollbar schreibt, greift als Mechanismus in weniger eindeutigen Fällen in der Fanszene eben auch und gerade bei den vollends Aufgeklärten:

„Da nehmen sich also zwei schwarze Menschen die Zeit und Energie, einem Weißen Bildung angedeihen zu lassen, rennen aber gegen eine Wand namens kognitive Dissonanz: Da nur Nazis Rassisten sein können, ist alles, was ich mache, nicht rassistisch. Also ist auch mein Logo nicht rassistisch.“

So ist ganz wie in der „Fuck you, Freudenhaus“-Ausstellung im zukünftigen Museum unter der Gegengeraden auch „Zurück zum Tatort Stadion“ nicht davor gefeit, lediglich eine Erfolgsgeschichte weißer Heten nachzuzeichnen. Eben die der Antilopengang- und Marcus Wiebusch-Fans. Was immer neu Du Bois, Rosa Parks, Angela Davis, Stonewall, Audre Lordes, Bell Hoods, Noah Sow und all die anderen Vorreiter der Education Weißer ausradiert.

Zu finden sind in dem Buch wenigstens Versuche, sich in Ansätzen mit dem auseinanderzusetzen, was z.B. die Mädchenmannschaft schreibt, ja, in Fussnoten tauchen sie auf. Geschrieben hat jedoch keine Accalmie oder Nadine Lantzsch etwas für den Band, dabei wäre deren Perspektive doch viel wichtiger. Gerade WEIL sie das Stadion mutmaßlich eher von außen betrachten.

Hervorragend, das ist zu erwähnen, ist, dass Antisemitismus und Antiziganismus in den Fankurven  ausgiebig behandelt werden. Beides hat in meiner Wahrnehmung drastisch zugenommen. Auch wenn zur Realhistorie des Antisemitismus durchaus Patzer zu finden sind. Dazu vielleicht ein eigener Beitrag oder eine Behandlung in meiner FSK-Sendung.

Auch sonst greift vieles einfach zu kurz und ist nicht auf dem aktuellen Stand der Aufbereitung von Wissen. Das belegt unter anderem der Text von Jan Tölva „Fussball ist alles – auch lesbisch und schwul“ (S. 67 ff.). Er nimmt einen Teilbereich des Heterosexismus, die Behauptung , Schwule seien irgendwie „weiblich“, ganz treffend auseinander und bietet auch den Propagandisten und Hetero-Lobbyisten die Stirn, die Kampagnen gegen „Gender Gaga“ in diversen überregionalen, großen Tageszeitungen und darüber hinaus betreiben. Ja, bis in die ARD hinein stoßen sie dabei auf weit offene Arme.

Der Fokussierung auf das vermeintlich „Weibliche“ glaube ich eine  jedoch eine gewisse Genugtuung und Beruhigung anzuspüren. Der Text ist konsequent antimachistisch, und das ist auch gut so. Phänomene freilich wie jene, dass viele Männer auch Angst verspüren könnten, man könnte mit ihnen so umgehen, wie sie mit Frauen gewöhnt sind, erfahren keine Thematisierung, wenn ich das richtig gelesen habe. Da hat einst Sokee auf der „Fussball und Liebe“-Bühne im Millerntor-Stadion wirklich tiefer gebuddelt.

Das mündet schnell in ein Wegredigieren schwulen Begehrens, dass eben – im besten Fall – nicht einfach so ein Abbild heterosexistsicher Mann/Frau-Verhältnisse ist, übrigens auch bei Femmes und Butches nicht meines Wissens, da lasse ich gerne korrigieren. Intervenieren nicht Klassismus, Rassismus oder Statusfragen, ist so genanntes „gleichgeschlechtliches“ Begehren a priori symmetrischer in patriachalen Gesellschaften und bildet zudem häufig auch die Diskriminierungserfahrung ab – was heterosexistische Strukturen zu klären vermag. Deshalb bleibt das zumeist ausgeblendet. Wer Lust hat und über 18 ist, kann ja mal „Punishment“ in die Suche schwuler Porno-Seiten eingeben. Die exzessive Verwendung diskreditierender Begriffe für Frauen beim schwulen Sex ebendort stützt das, was Tölva schreibt – er übersieht freilich, was die mögliche Blickumkehr bei keineswegs allen, aber vielen Heten bewirkt: Wenn ein Mann einen Mann betrachtet, fühlt sich das in einer patriarchalen Kultur halt anders an, als wenn eine Frau blickt.

Wer das Thema übrigens vertiefen möchte, wie krasse und nachhaltige Diskriminierungserfahrung sich in der vermeintlich „natürlichen“ Sexualität abbildet, kann auch das so erschütternde wie eindringliche Werk von Georges-Arthur-Goldschmidt lesen.

Tölva betreibt stattdessen eine merkwürdige Entsexualisierung der „Homosexualität“, indem er die Stereotype von der „Verweiblichung“ ausführt – was als Kombi eine andere, diskriminierende Struktur ergibt, die vor allem Lesben historisch und gegenwärtig zu erleiden haben .

Dabei böte es nun wirklich Anlass, eben auch Dimensionen allgemein-männlichen Sexualverhaltens vertiefend und selbstkritisch zu behandeln, der Begriff „Dominanz“ immerhin taucht auf. Ansonsten geschieht es eher indirekt. Es hätte die ganze Diskussion rund um „Aufschrei“ Thema sein müssen, und ebenso die Differenzerfahrung von LGBTIQ-Menschen. Sonst versteht man das Phänomen Heterosexismus überhaupt nicht, meines Erachtens.

Über Kritik, Ergänzungen und Zurechtweisungen bei diesem Punkt bin ich wie immer dankbar.

Klar sollte jedoch sein, dass eben dieser Themenkomplex auch eine Brücke zum Antirassimus schlägt – und somit zu all den Projektionen, die nicht-weiße Männer erleiden müssen. Weil ihnen aufgebürdet wird, was weiße Männer als ach so „westlich“ und „zivilisiert“ verdrängen, aber doch selbst ausleben. Bei der Betrachtung dessen entstehen vertiefende Perspektiven für die Analyse, die noch klären helfen, wie es sein konnte, dass Ouury Jalloh mutmaßlich und zumindest wahrscheinlich in einer Polizeizelle ermordet wurde. Nix von alledem habe ich in dem Band gelesen (vielleicht auch überlesen). Dabei wäre nun gerade das weiße Männlichkeitstritual unter anderem auch auf den Business-Seats, von wo aus dann z.B, beim HSV schwarze Spieler verhöhnt werden, die doch für Zahlungskräftigen auf den teuren Plätzen „sich den Arsch aufreißen sollen“, viel zu sagen.

Kuriose Thesen wie jene, Fussballfans müssten doch ein Verständnis für Diskriminierung entwickeln können, weil sie ja selbst, wenn auch anders, diskriminiert würden, ploppen ergänzend in dem Band auf. Da stockte mir doch der Atem.

Es existiert ja so ein kurioser, gesellschaftlicher Neid auf tatsächlich strukturell Diskriminierte, der dann bei Vertretern der Katholischen Kirche, selbsterklärten „Bio-Deutschen“ in Dresden oder bei Kristina Schröder auftritt wie auch bei Maskulisten. Aber bei Jonas Gabler eben auch: Der schreibt zwar schlau in seinem Text „Das Stigma Fussball als Chance?“ :

„(…) Die sichtbaren Merkmale, aufgrund derer sie stigmatisiert werden, werden, können sie anders als Nicht-Weiße einfach ablegen, indem sie schlicht nicht in szenetypischen Klamotten zu den Spielen gehen (…). Stigmatisierung erleben Ultras also letztlich in ihrem Hobby.“

Gabler, Jonas, Das Stigma Fussball als Chance?, in: Zurück zum „Tatort Stadion“, Göttingen 2015, S. 177

Und ja, Gabler verweist auch darauf, dass Nicht-Weiße das nicht mal eben so können und somit auch auf eine der unzähligen Differenzen zwischen schwarz und schwul – als weißes, schwules cis-Exemplar verfügt Mann eben immer noch über male und white Privilege.

Dennoch ist dieser Vergleich eine Zumutung auch dann, wenn mensch sich sehr wohl bewusst ist über Polizeigewalt, Einschränkung von Freizügigkeit und analogen Phänomenen: Der tiefgreifend sozialisatorische Aspekt fehlt einfach völlig. Dieses Gemachtwerden-und-Sich-dazu-verhalten-Müssen greift vollumfänglich bei struktureller Diskriminierung und wirkt in de Beziehungen, die alle Nicht-Weißen erfahren. Ein Sozialisationsmodus, gegen den im Falle der Bildungsplan-Diskussionen ja nun wenigstens im Falle heterosexistischer Strukturen ein klein wenig was getan werden soll.

So fallen mir beim Lesen vor allem lauter Lücken auf. Ein ja nun eh nicht mal eben so nebenbei thematisierbares Phänomen wie „Salafismus“ wird  aber eben doch nur aus Neonazi-Perspektive, diese kritisch beäugend, abgehandelt. So etwas wie Muslimfeindschaft ist da noch gar nicht angekommen im Buch, oder allenfalls am Rande. Oder ich habe was überlesen.

Nicht-weiße Stimmen, allesamt männlich, erfahren zudem lediglich Präsentation im Interview und Zitat , tauchen jedoch nicht als Autor_innen auf, wenn ich das richtig sehe – wie oben bereits erwähnt. Das umgekehrte Interview hätte ich viel spannender gefunden: Der Kölner Ultra V. interviewt Gerd Dembowski. Nicht, dass ich die Arbeit von letzterem nicht sehr schätzen und bewundern würde. Nur ist die Perspektive des Buches zwar ständig Thema – z.B. in Titeln wie „Ethnizität und Weißsein in Fankulturen“ -, wird aber nicht wirklich eingelöst, indem es auf Herausgeber- und Autorenschaft bezogen würde.

Das Ganze gipfelt dann in:

„Die zentrale Frage, die sich stellt, lautet: Null-Toleranz-Politik oder doch Bildungsarbeit von Fans für Fans? Kann ich, wenn ich eine nach rechts offene Ultragruppe als Gesprächspartner kategorisch ablehne, etwas an deren Geisteshaltung und Handlungsweisen ändern?“

Heidi Thaler, The Beautiful Game – Antidiskriminierungsarbeit im europäischen Fussball, in: Zurück zum Tatort Stadion, Göttingen 2015, S. 323

Wer ist denn da „ich“? Mit Pediga reden oder nicht? Ist das nun die zentrale Frage?

Na, klar, ist wieder so eine „unter uns“-Frage: Tolerieren „wir“ „die da“ und sind dann gute Menschen oder nicht?

Ich wüsste nicht, warum ich mit Leuten reden sollte, die mir Rechte aberkennen wollen und mich stigmatisieren. Brav „Bitte, bitte“ sagen?

Ergänzend empfiehlt sich noch mal die Lektüre dieses Textes:

„[um die strukturelle Gewalt klarzumachen: zwei ‘weiße’, typisierte Personen insbesondere die beiden einzigen als nicht-‘weiße’ gelesenen, frauisierten Personen verbal und körperlich an und versuchen sie daran zu hindern, diese Objekte die rassistische und sexistische Gewalt re_produzieren von einem „emanzipatorischen, Rassismus- und Sexismus- kritischen ‘linken’ Ort“ zu entfernen]“

Der ging ja einst vor allem als allseits – zu Unrecht! – verlachtes Beispiel für angeblich „unleserliche Sprache“ durch die Netzwerke. Dabei versucht der Text nur, mal zu umgehen, was für Raster das Soziale prägen. Die Pointe war, dass Antifa-Macker massiv Gewalt gegen eine als „schwarze Frau“ Gelesene ausübten, weil diese keine Lust hatte, sich in als „antirassistisch“ deklarierten Räumen mit symbolischer Gewalt konfrontiert zu sehen. Die genüsslich-kritisch in der „Tatort Stadion“-Ausstellung aufbereitet und zu sehen war.

Der Text wurde bezeichnenderweise NICHT in den Sammelband aufgenommen.

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