Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Angst und das Urteil oder Tränen lügen nicht: FC St. Pauli – FSV Frankfurt 1:1

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Über Angst zu philosophieren hat eine ebenso lange Tradition wie sie zu haben.

Manche unterscheiden zwischen Furcht und und Angst: Erstere sei konkret, letztere diffus. Erstere befürchte ETWAS, letztere habe den Menschen/der Mensch.

Religionen wurden vermutlich gar nicht erfunden und kanonisiert, weil die, die sie durchsetzten, gemeint sind nicht die, die ihr freiwillig bekehrt folgten, an irgendetwas oder irgendwen glaubten – sondern weil Vermutungen über Vorgänge nach dem, wovor viele am meisten sich ängstigen, dem Tod, herbei spekuliert wurden. Die schrecklich oder traumhaft sein könnten. Und weil dann Behauptungen manipulativ direkt an den Lüsten und Begierden angesiedelt Personen eingepeitscht wurden, dass ihre Art zu leben Konsequenzen in der Ewigkeit nach sich zöge, wuchs die Macht. Ich glaube übrigens, dass Religion und Glaube nicht das gleiche sind und sogar das Gegenteil voneinander werden können. Und ich will auch nicht gegen wohl motivierte Erlösungshoffnungen polemisieren. Es geht mir um politische Macht. Und die Hölle hat meines Wissens erst das Christentum erfunden. Okay, griechische Mythen waren auch nicht ohne,

Säkular sind Hartz IV oder das Straf- und Asylrecht Methoden, mit Angst per Abschreckung zu regieren – auch Eltern können das können, den Aktionsradius naturgemäß neugieriger Kinder durch Visionen furchtbarer Konsequenzen einschnüren.

Angst motiviert zur Vermeidung und kann, in Panik gekippt, für Individuen grausame Verhaltensmuster nach sich ziehen oder auch körperlich massive Reaktionen erzeugen.

Manche behaupten auch, Angst sei doch nützlich – sie schütze vor dem unbedachten Eingehen gefährlicher Situationen.

Jean-Paul Sartre sah den Menschen Angst SEIN: Vor allem die vor der eigenen Freiheit und Verantwortung.

Bestimmte Personengruppen werden, da sie stets latenter Bedrohung ausgesetzt sind, durch Angst geformt und sozialisiert: Frauen, LGBTIQ und PoC. Auch Klassismen wirken so.

Dominante Teile der Mehrheitsgesellschaft implementieren Mechanismen, dass diese Gruppen sich nie sicher fühlen können und üben so Macht über sie aus. Besonders perfide ist, dass genau diese dominanten Gruppen nun auch noch als „Besorgte“ ihren brutalen und ins Mörderische umschlagen könnenden Gesinnungsterror in sämtliche Massenmedien ergießen, um ihr Regiment der Angst aufrecht zu erhalten.

Aber was genau nun eigentlich treibt hervorragend ausgebildete, weit überdurchschnittlich fähige, durch- und austrainierte Männer auf dem Rasen des coolsten Stadions
der Welt immer wieder in diese Ängstlichkeit hinein? In diese damit korrespondierende Verkrampftheit, die zu Fehlpassorgien führt und noch den ja tollen Kampf in Halbzeit 2 eher wie ein Vorpreschen aus Verzweiflung erscheinen lässt?

Sebastian Maiers Aussetzer war ja nur einer von vielen in diesem Spiel, wenn auch folgenschwerer, und echt nix, wofür er nun verbal vermöbelt gehörte. Eher geknuddelt, vor sich leerenden Rängen auf offener Wiese Tränen zu zeigen ist nämlich ganz schon mutig. We love you!!!

Also jene zumindest, die nicht wie die Geier auf den Rängen stehen und sich geifernd wahlweise über Nöthe, gar dessen (übrigens raubtierhaft elegante, wenn er spielt, und ganz schön aufregende) Körpersprache erheben oder wen auch immer sie sich mobbend ausgesucht haben. Diese ganzen „Prinz Valium“-Sprüche von Leuten, die ansonsten gerne mal mit einem Joint in der Kneipenecke die Seele baumeln lassen, was soll das?

Das kennt doch jede, der Selbstvertrauen geraubt wurde, dass Dösbaddeligkeiten sich einschleichen. Bei vielen Bevölkerungsgruppen ist das auch ausdrücklich gewollt: Weil sie fortwährendem Urteil und Beurteilwerden unterliegen und das zu internalisieren lernen, nötigen Mächtige sie zu Fehlern und implementieren Versagensängste bei der gleichzeitigen Schaffung von Abhängigkeiten, das Urteil möge revidiert werden.

Auch das kann man bei Sartre gut lernen: Seinsvollzug im Alltag ist präreflexiv. Mensch urteilt in der Regel nicht darüber, wie mensch einen Bürgersteig entlang läuft, eine Einkaufstasche trägt oder ein Buch beim Lesen hält. Thomas Meggle hat einst in einem Interview erzählt, wie es war, nach einem Kreuzbandriss wieder auf dem Platz zu stehen: Wie all das Selbstverständliche, sich fast automatisch vollziehende beim Fussballspielen auf einmal hinterfragt und reflektiert ins Stolpern führte.

Aber woher kommt das alles bei diesem im Grunde genommen super besetzten Kader? Wessen Urteil fürchten sie denn so, dass all das, was sie könnten, plötzlich in individuelle Panikaktionen kippt?

Sören Gonther hat ja selbst erzählt, wie er überhastet zum Kopfball ansetzte, als er doch noch Zeit gehabt habe, ihn formvollendet einzunetzen. Und das war ja auch schon so, als wir noch nicht im Tabellenkeller hingen.

Fühlen sie sich vielleicht sogar durch sensationelle Weltklasse-Choreos wie gestern unter Druck gesetzt und ängstigen sich, dem nicht zu genügen? Das Urteil, auch Sartre, ist ja der internalisierte Blick des Anderen, eine Form des Seins, die meines ist und über die ich aufgrund der Freiheit des Anderen nie verfügen kann.

Wenn ich mir die Spielerbiographien so angucke, zum Teil frisch vom Dorf ins Fussballinternat und dann auf den Platz, so wirkt das ja zunächst mal recht wohlbehütet. Aber vielleicht ist da ja wie in Universitäten mittlerweile, wo es nicht mehr darum geht, eigenständiges Denken zu lernen, sondern durch Credits, Bonus und Malus „optimiert“ und in den Urteilen Anderer verheddert das Selbstsein im Funktionalismus derart ausgetrieben zu bekommen, dass gar keine Ressourcen mehr gebildet werden können, in schwierigen Situationen zu bestehen. Solchen, wo Autonomie und Kreativität gefragt sind. Je nach absteigendem, gesellschaftlichem Privileg nehmen diese Muster dann zu und wirken vernichtend da, wo Menschen aus Funktionszusammenhägen getrieben und aussortiert wurden.

Da hat uns Sebastian Maier im Gegenzug einen Blick in die Utopie geschenkt: Weinen zeigt Selbstsein als Potenzial.

Selbst wenn es in Urteilen gründet: Es wandelt sie durch Aneignung. Und führt drum heraus. In den Flow des Seindürfens. Und da wohnt das Schöne. Folgen wir ihm.

4 Antworten zu “Die Angst und das Urteil oder Tränen lügen nicht: FC St. Pauli – FSV Frankfurt 1:1

  1. KiezkickerDe März 15, 2015 um 7:27 pm

    Öhm…. wofür steht denn nun wieder „LGBTIQ“? Nutz doch bitte mal passende HTML- Tags bei deinen Szeneabkürzungen…😉
    http://wiki.selfhtml.org/wiki/HTML/Textauszeichnung/abbr

  2. momorulez März 15, 2015 um 7:29 pm

    Lesbian Bi Gay Trans Inter Queer. Letzteres füge ich als gewissermaßen unbestimmteste Form immer ganz gern noch mit dazu.

  3. KiezkickerDe März 15, 2015 um 8:02 pm

    Danke.🙂

  4. Pingback: So vieles paßt – nur der Dreier wollte nicht gelingen. #FCSP 1-1 FSV Frankfurt | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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