Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Eine Routine unterbrechen: Eintracht Braunschweig – FC St. Pauli 0:2

IMG_5784.JPG

In einem dieser ganzen Roman- und Drehbuchschreibratgeber, die ich verschlinge, um anschließend zugleich verwirrt und zugeschissen mit lähmenden Regelwerken unter Garantie nichts Fiktionales zustande zu bringen, um schon aus Trotz, weil alle sagen, dass man das doch nicht mache, Sätze über Absätze hinweg genussvoll zu bilden, um auf Bildhaftigkeit völlig zu verzichten und innere Lust auf Passivkonstruktionen zu entwickeln und ganz viele bunte, schlechte, unerträgliche, falsche, gruselige, überflüssige, nervtötende, langweilige Adjektive auf Kosten von Verben verwenden zu wollen – da fand ich neulich doch glatt einen richtigen guten Tipp. Der beste Startpunkt sei gar nicht: Schreibe eine Geschichte! Sondern: Unterbreche eine Routine!

So entsteht halt Plot Point 1.

Im Falle der Mannschaft des FC St. Pauli war die Routine – im Falle eines Romans oder Spielfilms die Exposition: Die Hauptfigur wird in ihrem normalen Alltagsleben vorgestellt -: Regelmäßig jede Woche fürchterlich viel Aufwand ohne Ertrag zu betreiben, mit quälender Regelmäßigkeit 20 Minuten heftig los legen und dann in die Einzelteile zu zerfallen, sich überflüssige Tore zu fangen und immer weiter in der Tabelle zu fallen.

Nicht, dass nun gerade in der als anspruchsvoll verschrienen „Kunst“ solche Konzepte nicht auch, ästhetisch betrachtet, ihre Fürsprecher hätten. Walter Benjamins Flaneur, Guy Debords zielloses Herumschweifen als sich entziehender Protest gegen das Spektakel oder auch Gus van Sants Film mit zwei Typen, die ewig einfach nur durch die Wüste laufen – vermutlich haben wir den avantgardistischen Charme und die Utopie mancher Spiele unserer Mannschaft einfach noch nicht begriffen.

Zudem ja vermutlich ein Fest der Literatur zu zelebrieren wäre, würden die inneren Monologe der Spieler als Hörspiel zu hören sein, statt ein Spiel sich zu betrachten.

Das sind vermutlich viel widerständigere, sensitivere und reflektiertere Psychen als in anderen Teams, sonst gäbe es diese so genannten „Kopfprobleme“ gar nicht. Die in der Regel Potenziale darstellen.

Wer mit solcher Konstanz sich plumper Kraftmeierei, stumpfem Funktionieren und reinem Ergebnishunger verweigert, bietet halt Stoff für die großen Geschichten. Solche, die im Einheitsbrei des Ligaalltagsgroschenromans für ein gewisses Niveau sorgen könnten. Und werden!

Solche Geschichten brauchen halt etwas mehr Anlauf.

Und da sind die Anlässe, die Routine doch noch zu durchbrechen, oft auch gar nicht so melodramatisch wie im Seriengeschehen aller Sender und von Video on Demand-Diensten. Trainerwechsel, allenfalls temporär wirksam – es muss ja nun auch nicht gleich jedes blöde Klischee bedient werden. Sportdirektor weg? So what? Wer sich an Chefs orientiert, ist eh ein autoritärer Charakter.

Für wahre Eleganz des Storytellings reicht oft der kleine Moment mit großer Wirkung. Etwas fast Beiläufiges leitet die Wende ein, unterbricht die Routine. Das Lächeln eines Kioskverkäufers. Dass die Krokusse so lila aus dem Erdreich sprießen. Eine flüchtige Melodie, die aus dem 3. Stock des Neubaus in einer verkehrsberuhigten Seitenstraße dringt.

Manchmal reicht auch eine schlichte Ecke, vortrefflich eingeschädelt – und die Welt leuchtet plötzlich wieder hinter dem Grau. Farbenfrohes Frühlingserwachen! Zudem auch noch nachgelegt wurde. Und statt opulenter Aufstiegsträume zu Saisonbeginn entfaltet der Sprung auf Platz 17 pures Glück.

Ich meine das jenseits jeder Ironie. Diese schlichte, Lienensche Ansage: „Lasst Braunschweig kommen, verteidigt konsequent und nutzt eure Chancen jenseits aller Schönheitspreise!“ – was das auf einmal für Fähigkeiten frei legte!

Ist ja auch eine Debatte aus diesen ganzen Schreibratgebern: Die Hauptfigur müsse aktiv sein!

Aber wieso denn eigentlich? Wahres Schauspielern liegt ja auch in der Präsenz und im Reagieren.

Und wie sie reagierten!!! Braunschweig bekam kaum Luft. Was für Möglichkeiten sich eröffnen, scheißt mensch auf die Ansprüche Anderer! Konzentriert eigene Räume verteidigen ist letztlich ja auch das einzige, was politisch gerade geht. Und dann Nadelstiche setzen und so ganz allmählich doch noch vordringen.

Ich fand das schon cool, wie unser Team Spaß daran entwickelte, jenseits der Virtuosität Braunschweig in jene Rolle zu manövrieren, die uns in unzähligen Spielen zugedacht war. Als hätten sie denen nun den Schatten übergeworfen, der so lang uns verdüsterte.

Der bleibt da jetzt auch.

Jetzt ist ja die Routine unterbrochen.

Jetzt geht die Geschichte los.

Und ich habe das Gefühl, dass die Jungs noch sehr lust- und spaßbetont aus dem Trotzen heraus neue Erzählweisen finden werden, die ihnen so schon gar keiner mehr zugetraut hatte. Sie werden es uns zeigen!

Ich freu mich drauf. Und danke für dieses Spiel!!!

2 Antworten zu “Eine Routine unterbrechen: Eintracht Braunschweig – FC St. Pauli 0:2

  1. Pingback: Matchday 24: Eintracht Braunschweig – FC Sankt Pauli 0-2! | FCSP Athens South End Scum

  2. Pingback: Gewolltes Wunder – #FCSP holt den Dreier in Braunschweig | KleinerTods FC St. Pauli Blog

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s