Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum, Mo, 9.2., 14-16 h, FSK Hamburg

Vor lauter Arbeit kam ich kaum noch zum Bloggen, die nächste Radiosendung der „Tales of St. Pauli“ aus gescheiterten Moderationen, toller Musik und einem fortwährenden Verstoß gegen Regeln der Servicehaftigkeit habe ich soeben dennoch fertig gestellt. Wird Montag ausgestrahlt.

Diesmal witzel ich im Vorbeigehen über einstige Aussagen des neuen Trainers Ewald Lienen und die „Einfach mal die Klasse halten!“-Kampagne des Vereins, lästere über den Facebook-Auftritt des Jolly Roger und verlese den im folgenden verlinkten, ungemein wichtigen, weil über den akuten Anlass hinaus strukturell bedeutsamen Text:

Community Statement: “Black” Studies at the University of Bremen

in Auszügen auch auf deutsch im Blog von Noah Sow zu lesen (das verlese ich auch):

SCHWARZE STUDIEN OHNE SCHWARZE LEUTE: COMMUNITY STATEMENT ÜBER DIE IMPLEMENTIERUNG VON “BLACK” STUDIES AN DER UNIVERSITÄT BREMEN

Ziemlich albern wirkt dagegen meine Lesung von Tweets, geschrieben parallel zum Sandhausen-Spiel.

Außerdem kommentiere ich den merkwürdigen Wandel des „Rechtsstaates“ von einer Selbstbeschränkung staatlicher Willkür hin zu „List und Tücke“ (Michael Neumann) und einer Anforderung an das Bewusstsein der Staatsbürger, während diverse Grundsätze meines Erachtens von der vermeintlichen „Gefahrenabwehr“ folgenden Disziplinen unterlaufen werden und der Staat sich nicht mehr groß drum kümmert, was als Lehre aus dem „3.Reich“ er sich selbst einst auferlegte.

Unsortiert rede ich u.a. diesen Gedanken folgend ein wenig über die Serie „The Wire“, ohne auch nur einmal zu erwähnen, worum es darin überhaupt geht, und lausche Xavier Dolan, obgleich ich nur einen seiner Filme nenne.

Das Finale bilden dann kurze Erläuterungen zu Thomas Bauers „Die Kultur der Ambiguität“ und Gunnar Hindrichs „Die Autonomie des Klangs“.

Hier wie immer die Tracklist:

Jingle „Nun aber doch“
Lisa Simone – Interlude
Donna Summer – On The Radio
Moldy Peaches – These Burgers
Two Dancers – We Still Got The Dancin‘ On Our Tongues
The Lumineers – Flower in your hair
Klaus Hoffmann – Wenn ich sing
The Blind Boys Of Alabama – Way Down To The Hole
Theo Parrish – Make No War
Joshua Redman – People Like You
Harlem River Drive – Harlem River Drive Theme
Lisa Simone – As Is well
Curtis Harding – Next Time
Miss Dominique – Les Moulins de mon coeur
Bent – Magic Love
Jingle „Fubbel“
Patrick Juvet – Medley Gay Paris
Julia Bell – We Watch The Stars
Badi Assad – Saudade Verdade Sorte
CéU – Mais Um Lamenta
Ingrid Caven – Chambre 1050
Mittendrin ist auch noch ein gnadenlos verunglückter Versuch eines Mashups aus „Happy“ und „Self Destruction“ zu hören, der sich aus einer Kommunikation mit Odradek/Twitter ergeben hat. Viel Spaß, wer auch immer sich das geben will  – zu erlauschen beim FSK-Hamburg.
Literatur:
Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität, Berlin 2011
Gunnar Hindrichs, Die Autonomie des Klangs, Berlin 2014
 UPDATE: Die Black Knowledges Research-Group, der die oben verlinkte, massive Kritik galt, hat sich aufgelöst, weil sie die Intervention als zutreffend und richtig erkannte (via Mädchenmannschaft). Das freilich schafft ein zu füllendes Vakuum: Es anders machen – unter der Regie von PoC, und zwar ausreichend finanziert.

13 Antworten zu “Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum, Mo, 9.2., 14-16 h, FSK Hamburg

  1. Mrs. Mop Februar 8, 2015 um 9:10 pm

    Wird aber auch Zeit, Mensch, bin ja völlig auf Entzug.

    Wie, fortwährender Verstoß gegen, öhm, Servicehaftigkeit, was ist das denn? Ich nix raff.

    Rechtsstaat … List und Tücke … Unsortiertes … Twitterlesung … Autonomie des Klangs … Herrgottsakra, ich hab keine Ahnung, was mich da morgen (ist doch morgen, oder?) erwartet, aber feststeht, ich werde mit Elefantenohren am digitalen Volxempfänger kleben.

  2. momorulez Februar 9, 2015 um 10:42 am

    „Verstoß gegen Servicehaftigkeit“ ist, über The Wire zu reden, aber nicht zu sagen, worum es da eigentlich geht, eine Szene akustisch einzuspielen, ohne zu erläutern, was in ihr geschieht, Innensenatoren-Statements zu zitieren und nur am Rande zu erwähnen, wo die nun genau zu finden sind, Xavier Dolan abzufeiern, aber nur einen seiner Filme zu erwähnen … eben all das einfach NICHT zu machen, was man normalerweise so macht in den Medien, bereitet man für Zuhörer, Zuschauer, Leser nun alles konsumierbar auf.

    Weil mir da zunehmend auf die Nerven geht, dass eine Anspruchshaltung weit verbreitet ist, die nur am Denken, Suchen und Finden hindert: Alles nun nach Möglichkeit perfekt so vorverdaut zu bekommen, dass es einfach so abgehakt werden kann und ein jeder dann zur Tagesordnung übergeht. Weil nur noch signalsprachlich nach genehmen Stichworten abgehakt wird, zu Mündigkeit führt das dann aber auch nicht.

    Hatte ja auch ’ne Januar-Sendung, da war ich aber dermaßen geschockt, ja, vor allem von dem Anschlag selbst, aber auch von den Reaktionen allerorten gerade in Deutschland (die in den USA waren deutlich avancierter, zeitgemäßer und reflektierter) im Falle von „Charme Hebdo“, dass es mir glatt die Sprache verschlagen hatte. Der Thomas Bauer formuliert da eine sehr weit reichende Antwort, solche Stimmen verstummen aber, wenn allerorten unter Freiheit verstanden wird, homophobe Hetze, rassistische Scheiße und misogynen Müll zu verbreiten und das wie immer schon unter „Aufklärung“ zu verbuchen. Habe deshalb nur Musik gespielt.

    Ich mühe mich ja um ein teiilverätseltes Gegenmodell😀 – und nichts führt da weiter als die Autonomie des Klangs, glaube ich.

  3. Mrs. Mop Februar 9, 2015 um 12:14 pm

    Oooh, vielen Dank für die Erläuterungen, jetzt hast du mich aber schwer neugierig gemacht. Erst recht mit dem, was Du über die CH-Debatte in Deutschland (war das überhaupt eine Debatte?) andeutest – schade, dass es Dir da die Sprache verschlagen hat, ich hab in der Sache dringend nach intelligenten, gegen den Strich gebürsteten Stellungnahmen gesucht und diese auch hauptsächlich in den USA gefunden. Am allerbesten gefallen hat mir dieser kurze Text von Shailja Patel, einer in Kalifornien lebenden kenianischen Schriftstellerin, so simpel, so schlicht, so schmerzhaft auf den Punkt gebracht. DAS verstehe ich unter Aufklärung.

    Hui, die Zeit rast, gleich hört man sich. Freu mich drauf😉

  4. Mrs. Mop Februar 9, 2015 um 4:50 pm

    Nach Hören der Sendung muss ich doch was loswerden zu dem, was Du Servicehaftigkeit nennst:

    Ehrlich gesagt, ohne Deinen Kommentar von heute früh hätte ich die Kurve von Thomas Bauer zu Charlie Hebdo nicht gekriegt, fand das Zitat von Bauer aber gerade im Hinblick auf CH hochinteressant. Hast Du diesen Zusammenhang absichtlich nicht explizit hergestellt, um besagter ‚Serviceunhaftigkeit‘ willen, d.h. wäre ein entsprechender Hinweis für Dich in die Rubrik „Vorverdautes“ gefallen? Oder aus anderen Gründen?

    P.S.:
    „Antifa-Konservativismus“, geiles Wort! Und wie ging das andere, „linker Law-and-order-Fetischismus“ oder wie war das? Sehr erheiterlich, danke dafür🙂

  5. momorulez Februar 9, 2015 um 5:00 pm

    Ich glaube, der „Law and Order“-Fetischismus war ohne links, aber der ist mittlerweile im Stadion bei Becherwürfen, Pyro etc. derart krass ausgeprägt … schlimm. Antifa-Konservatismus finde ich aber selbst auch sehr treffend😀 …

    Den Charlie-Hebdo-Bezug bei Bauer habe ich extra nicht hergestellt, gar nicht wegen Service, sondern weil dann alle gleich „Relativismus“ schreien, manche auch „Postmoderne“, und letzteres ist immer „irgendwie schwul“, „weibisch“, „Schnickschnack für Besserverdiener mit Luxusproblemen“.

    Da dachte ich, besser mal mit Zygmont Baumann abfedern, damit vor allem „antideutsch“ Geprägte nicht gleich weg hören. Das Bauer-Buch ist dermaßen großartig, dass ich hoffte, es jenseits der üblichen Reflexe positionieren zu können🙂 …

  6. Mrs. Mop Februar 9, 2015 um 6:28 pm

    Yo my, dann lass sie halt schreien, so what? Diese CH-Nichtdebatte (und nicht nur die) krankt doch daran, dass bestimmte Gedankengänge nicht explizit ausgesprochen werden, weil, huch!, Reflexe!, und alle dann gleich alle schreien könnten!, aber was passiert stattdessen? – „solche Stimmen verstummen aber“, sagst Du ja selber. Das kann’s doch nicht gewesen sein, oder?

    Außerdem, sooo viele Leute sind es ja nicht, die hier an Ort und Stelle rumschreien nach einer Sendung von Dir. Zu meinem Bedauern, denn Tales of St.Pauli hätte mehr Feedback verdient. Müssen ja nicht alle gleich rumschreien. Höchstens ein bisschen🙂

  7. momorulez Februar 9, 2015 um 6:47 pm

    Danke😉 – in diesem Fall stand ich aber richtig unter Schock, wie massiv die „Freiheit“, Andere herabzuwürdigen, mit unverhohlener Aggression von Leuten vehement verteidigt wurde, die genau das Gegenteil in der Stadionordnung befürworten würden. Fühlte mich umzingelt. Ich habe das als hochgradig bedrohlich erlebt; auch, dass das kaum formulierter war, ohne dass irgendein Arsch glaubt, einem unterstellen zu müssen, man wolle dieses Menschenabschlachten nun auch noch gut heißen. Was mir nicht im Traum einfiele.

    Musste einfach abwarten, bis sich das alles setzt. Und leg ja nun wieder los😉 …

  8. Mrs. Mop Februar 9, 2015 um 8:16 pm

    Verstehe, das mit dem Stadionstress. Kann mir gut vorstellen, dass Dich das mürbe macht. Trotzdem möchte ich Dir gern ans Herz legen, solcherart Referenzen wie auf den Thomas Bauer innerhalb Deiner Sendung (Sendung!, also nicht unbedingt in der Südkurve oder wie die Location bei St. Pauli heißt) klarer/mutiger zu konturieren, bzw. angesichts des aktuellen politischen Gehackes (inklusive der üblichen rhetorischen Totschlagargumente) entsprechend zu highlighten. Auch – und nicht zuletzt – um der Dramaturgie Deiner Audiobotschaft willen. Andernfalls kann es Dir nämlich passieren, dass solche unglaublich wertvollen, informativen Literaturverweise, wenn sie lediglich ‚verschlüsselt‘ anmoderiert werden, beim Hörer schlichtweg versacken während eines zweistündigen Audiomarathons*.

    *wohlgemerkt, ein durch und durch lustvoller Marathon für den Hörer/die Hörerin; nur ist letztere/r – also ich, um genau zu sein🙂 – tendentiell überfordert, sich auf solche anspruchsvolle Zitatstrecken einen echten Reim zu machen, wenn Du es versäumst, ihm/ihr mit entsprechenden Akzentuierungen** auf die Sprünge zu helfen.

    **Akzentuierung, ha, das war das magische Wort! Du bist doch nicht umsonst Musiker, also geh die Textvermittlung in der Sendung musikalisch an. Weißt schon: paar überraschende Akzente, dynamisches Phrasieren, immer mal in Offbeat rein, und zack!, hast du die Hörerschaft in der Tasche***.

    ***Sag, dass ich recht hab🙂

  9. momorulez Februar 9, 2015 um 8:33 pm

    Nö😀 – ich danke Dir ja sehr für die Anmerkungen! Und dass alles mögliche Beiläufige hier im Blog auch versandet, weil es nicht in Headlines oder Demo-Slogans übersetzt wird und die meisten Leute eh keine Bereitschaft haben, irgendwas zur Kenntnis zu nehmen, wo ihnen nicht drei Mal erklärt wird, wieso das jetzt gesagt/geschrieben wird und wieso es wichtig ist und wie sie es doch bitte verstehen mögen, das weiß ich ja. Aber das ist doch komplett selbstwidersprüchlich, mit Bauer das Mehrdeutige eindeutig zu fordern.

    Ich bin ja auch gar kein Musiker😀 … allenfalls fröhlicher Dilettant.

    Ich mache das ja auch alles so in meinem anderen Leben, wobei ich da auch manchmal verblüfft bin von dem, was Medienschaffende so alles gar nicht mit bekommen, wenn man es nicht fortwährend explizit macht. Aber beim FSK habe ich ja die Möglichkeit der Freiheit des Regelbruchs und möchte die doch nutzen …

    Das ist ja ein ganz alter Konflikt in diesem Blog. Komischerweise: Je mehr ich parallel in den „richtigen Medien“ zu tun habe, desto mehr wächst in mir im Blog und beim FSK das Bedürfnis, das alles zu unterlaufen.

  10. Mrs. Mop Februar 9, 2015 um 9:32 pm

    Papperlapapp, Du kneifst. Natürlich bist Du ein Musiker, was denn sonst? Du bläst Dir die Seele in die Tröte, Du quälst Dich, kasteist Dich, jubilierst, wenn Dein Herzblut endlich mit dem Blech amalgiert, beschäftigst Dich mit dem ganzen musiktheoretischen Krempel, kannst den Hals(!) gar nicht voll genug kriegen und – willst kein Musiker sein? Erzähl das Deiner Tante Erna. Herrgott, Du bist doch nicht erst dann ein Musiker, wenn Dir irgendwer Wichtiges die professionellen Weihen übers Haupt gießt. Du bist es, weil Du es tust und weil Du etwas zu sagen hast auf Deinem Instrument. Völlig egal auf welchem Level, völlig wurscht, ob Dir die Töne mitunter martialisch entgleiten. Du bläst, also bist Du (tschuldigung, ist jetzt völlig unzweideutig gemeint).

    Alles, was ich sagen wollte, ist: Als Musiker hast Du das Potential, Deine eigene Sendung nach musikalischen Prinzipien zu gestalten, wirkungsvoll zu gestalten, den Hörer gefangen zu nehmen, sodass er sich nicht entziehen kann, nicht entziehen will. Nochmal anders gesagt: Du als Musiker/Moderator hast das Zeug zum Verführer. Nutze es.

    Und jetzt erzähl mir bloß nicht, dass Du den Hörer gar nicht verführen willst. Glaubt Dir kein Mensch, bei der Stimme.

    Keep going🙂

  11. momorulez Februar 10, 2015 um 1:00 am

    🙂 – jetzt fehlen mir die Worte.

  12. mattn Februar 17, 2015 um 12:11 pm

    Moin moin,
    gibt es hiervon einen (öffentlichen) Mitschnitt?

  13. momorulez Februar 17, 2015 um 2:10 pm

    Nee, das geht leider wegen der Musikrechte nicht😦 …

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