Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Februar 2015

Alles anders und doch so gleich: FC St. Pauli – Greuther Fürth 0:1

FÜRTH

 

 

„Auf den Straßen nur noch Lebenssurrogate, 
Liebesschwüre schwanken müde heim. 
Wieder nichts geschafft als Plagiate, 
und es wäre doch so schön, ein Held zu sein.“

(Konstantin Wecker, Vom Frieren)

Lieder machen aus Fussball spielen – was war denn nun Strophe gestern Abend, was Refrain, was Bridge? War das nun dem Blues-Schema folgend oder Schubert-Lied?

Nee, Blues war es nicht. Das Blues-Schema als eher starre Form ist zu facettenreich in all den Weisen, die es füllten und füllen, Paradebeispiel dafür, dass eine recht starre Abfolge der Akkorde durch Nuancen derer, die sie zum Leben erwecken, die ganze Vielfalt des Ausdrucks zum Singen bringen kann. Von Bessie Smith über Miles Davis bis Y’akoto..

Orientiert man sich an den akustischen Grausamkeiten, die vor dem Spiel aus den Boxen drangen, war es wohl eher die Austreibung des Blues mit den Mitteln der Heavy Metal-Gitarren. Das schienen die Spieler zu kopieren. Weil ihnen vermutlich gesagt wurde, der FC St. Pauli sei so. Was spielten sie noch zauberhaft, als man ihnen Vicky „Ich liebe das Leben!“ ließ, aber das wurde ja strikt heterosexuell nieder gebuht von jenen, die immer noch glauben, Punkrock sei je die Antwort gewesen.

Die alten Wecker-Scheiben würden vielleicht helfen … genug ist nicht genug! Wer nicht genießt ist ungenießbar! Das macht mir Mut! So muss es sein!

Und draußen steigt die Sonne hoch, 
bei uns die Fantasie. 
Jetzt auf die Straße! Lacht sie aus, 
die Scheiß-Technokratie!

(Konstantin Wecker, Das macht mir Mut)

Nur, passt das? Zu dem, was frierend gestern im Stadion zu sehen war? Alles anders und doch gleich. So fühlte es sich mir zumindest an. Als würde ein Zitat misslingen, obgleich es doch mit neuem Elan aufgesagt wurde. Weil so höllisch schön auf Bunkerdächern aufflammte, was keine Zukunft, kein Werden findet aktuell.

Alles wurde getan: Dritter Trainer, neue Spieler, hässliche Kampagne mit Maulstopf-Slogan „Einfach mal die Klasse halten!“ – wer hat eigentlich diese grausige Victory-Zombie-Hand entworfen oder abgesegnet? The Walking Dead fiel mir dazu ein …

Style und Inhalt finden im besten Falle zueinander, aber wenn das nun der Look meines Fussballvereins sein soll … willkommen in der Gruft!

Wie schon in Sandhausen ganz aufgedreht die ersten 20 Minuten, waren es 4 oder 5 Großchancen? Dann ein Gegentor, das von uns aus wie Abseits aussah, ein Torwartfehler des hinreißenden Himmelmann, der hat ja Style im Schreiben!, und dieser Eindruck, dass da Aufziehmännchen umeinander Kreise drehen im Dress des FC St. Pauli.

Zweite Halbzeit gegen tretmühlenhafte Fürther maximales Engagement, unorchestriert, aktionistisch. Koch assimiliert sich offenkundig schnell an eingeübte Töffeligkeiten, Sobota drehte echt hoch dynamisch auf, richtig gut, und doch wollte trotz der geballten Erfahrung der Dirigentschaft des Trainers der Eindruck nicht weichen, ein selbstreferentielles Solistenensemble spiele aneinander vorbei und habe zudem Abschlußpanik.

Ich verstehe es einfach nicht, dass bestens ausgebildete Akteure es schaffen, derart zu verdaddeln, wo sie, so scheint es mir als Niegespielthabendem, doch nur den Fuss hin halten müssten. Wie kommt das?

Woher diese Unstimmigkeiten, die mit gut gesetzten Dissonanzen in avancierter Musik so gar nichts zu tun haben? Es wirkte alles wie so oft bei uns wie die Simulation dessen, was alle noch für den FC St. Pauli halten: Kampfgeist, rennen, Ereifern über Ungerechtigkeiten (des Schiedsrichters, meine ich) – aber eben nur noch wie die Simulation.

So freuten sich auch allesamt zu recht über die großartige Pyro-Performance auf dem Bunker zum Einlaufen, aber … ich glaube ja immer noch, dass das Selbstverständnis als nur geschichtsbezogenes sich auf magische Weise sogar auf dem Feld verbreitet, weil zu viel Stagnation längst trotz Stadionneubau in die Hirne sich gefräst hat. Dass die Spieler sich in Rollen zu fügen haben, die sie gar nicht mehr so richtig verstehen, jeder eher mit sich beschäftigt. Dass sie irgendwas vorgeben sollen, während sie doch anderes leben und spielen wollen würden.

Ja, esoterische Analogieschlüsse sind unzulässig, aber es kann nicht gut sein, wenn man friert. Da hat Konstantin Wecker schon recht.

Ich werde dieses Fremdeln einfach nicht los derzeit, dieses Hoffen, Bangen und Erwarten, dass dann doch den frostigen Lappen der Gegenwart in Gesichter geschleudert bekommt. Da zieht sich trotz aller Duracell-Häschenhaftigkeit und dem Versuch, Ratlosigkeit durch Hyperaktivität zu bekämpfen,etwas merkwürdig Distanziertes durch alles mitten hindurch. So dass Fürth sich nur wie Obelix hinzustellen brauchte, um die Jungs an sich abprallen zu lassen.

Da ist in den tiefgefrorenen Lebenssurrogaten die Sexyness verloren gegangen, die erwartungsfroh angespannte Lässigkeit des Verführenwollens.

Dabei, so paradox das scheint, wäre gerade der Tabellenplatz dafür wie geschaffen. Ist der Ruf erst ruiniert, spielt es sich doch ganz ungeniert. Oder?

 

Tales of St. Pauli – Neues aus dem Metalustversum, Mo, 9.2., 14-16 h, FSK Hamburg

Vor lauter Arbeit kam ich kaum noch zum Bloggen, die nächste Radiosendung der „Tales of St. Pauli“ aus gescheiterten Moderationen, toller Musik und einem fortwährenden Verstoß gegen Regeln der Servicehaftigkeit habe ich soeben dennoch fertig gestellt. Wird Montag ausgestrahlt.

Diesmal witzel ich im Vorbeigehen über einstige Aussagen des neuen Trainers Ewald Lienen und die „Einfach mal die Klasse halten!“-Kampagne des Vereins, lästere über den Facebook-Auftritt des Jolly Roger und verlese den im folgenden verlinkten, ungemein wichtigen, weil über den akuten Anlass hinaus strukturell bedeutsamen Text:

Community Statement: “Black” Studies at the University of Bremen

in Auszügen auch auf deutsch im Blog von Noah Sow zu lesen (das verlese ich auch):

SCHWARZE STUDIEN OHNE SCHWARZE LEUTE: COMMUNITY STATEMENT ÜBER DIE IMPLEMENTIERUNG VON “BLACK” STUDIES AN DER UNIVERSITÄT BREMEN

Ziemlich albern wirkt dagegen meine Lesung von Tweets, geschrieben parallel zum Sandhausen-Spiel.

Außerdem kommentiere ich den merkwürdigen Wandel des „Rechtsstaates“ von einer Selbstbeschränkung staatlicher Willkür hin zu „List und Tücke“ (Michael Neumann) und einer Anforderung an das Bewusstsein der Staatsbürger, während diverse Grundsätze meines Erachtens von der vermeintlichen „Gefahrenabwehr“ folgenden Disziplinen unterlaufen werden und der Staat sich nicht mehr groß drum kümmert, was als Lehre aus dem „3.Reich“ er sich selbst einst auferlegte.

Unsortiert rede ich u.a. diesen Gedanken folgend ein wenig über die Serie „The Wire“, ohne auch nur einmal zu erwähnen, worum es darin überhaupt geht, und lausche Xavier Dolan, obgleich ich nur einen seiner Filme nenne.

Das Finale bilden dann kurze Erläuterungen zu Thomas Bauers „Die Kultur der Ambiguität“ und Gunnar Hindrichs „Die Autonomie des Klangs“.

Hier wie immer die Tracklist:

Jingle „Nun aber doch“
Lisa Simone – Interlude
Donna Summer – On The Radio
Moldy Peaches – These Burgers
Two Dancers – We Still Got The Dancin‘ On Our Tongues
The Lumineers – Flower in your hair
Klaus Hoffmann – Wenn ich sing
The Blind Boys Of Alabama – Way Down To The Hole
Theo Parrish – Make No War
Joshua Redman – People Like You
Harlem River Drive – Harlem River Drive Theme
Lisa Simone – As Is well
Curtis Harding – Next Time
Miss Dominique – Les Moulins de mon coeur
Bent – Magic Love
Jingle „Fubbel“
Patrick Juvet – Medley Gay Paris
Julia Bell – We Watch The Stars
Badi Assad – Saudade Verdade Sorte
CéU – Mais Um Lamenta
Ingrid Caven – Chambre 1050
Mittendrin ist auch noch ein gnadenlos verunglückter Versuch eines Mashups aus „Happy“ und „Self Destruction“ zu hören, der sich aus einer Kommunikation mit Odradek/Twitter ergeben hat. Viel Spaß, wer auch immer sich das geben will  – zu erlauschen beim FSK-Hamburg.
Literatur:
Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität, Berlin 2011
Gunnar Hindrichs, Die Autonomie des Klangs, Berlin 2014
 UPDATE: Die Black Knowledges Research-Group, der die oben verlinkte, massive Kritik galt, hat sich aufgelöst, weil sie die Intervention als zutreffend und richtig erkannte (via Mädchenmannschaft). Das freilich schafft ein zu füllendes Vakuum: Es anders machen – unter der Regie von PoC, und zwar ausreichend finanziert.