Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„… ich denk, wie schön war es doch eben noch hier – mit Dir … “ – Udo Jürgens, R.i.P.!

Die „Wunderbar“ in der Talstraße Anfang bis Mitte der 90er: Je früher der Morgen, desto sentimentaler die Musik. Jene für schwule Communities damals, vielleicht heute noch so merkwürdige Mischung aus wechselseitiger Verachtung, garniert mit bösen Worten wie jenen vom „Resteficken“, und einem Aufgehen in Schmelz und Pathos wehte durch den Dunst von Bier, vielfältigen Düften und dem geteilten Lallen dank Wodka-Lemon und Kurzen. Der drogige Rausch des Jägermaster bereitete sich vor, Blackouts zu provozieren.

Ich weiß, was ich will!“ von Udo Jürgens spielte die DJane, der DJ  zu früher Stunde fast immer. Besser als andere adaptierte Jürgens da Disco- und Philly-Sounds, musikalischer Schwamm, der er war. Er, der noch den plüschigsten Kitsch, mal auch in Satin gewandet, mit der Aura eindringlicher Ernsthaftgkeit und frei von allen Camp-Anwandlungen dem Gehör anbot. Ein Könner, Künstler, Charismatiker – und immer war da die BOTSCHAFT. Teufel macht Schnaps, Rente macht Spaß, Sahne ist ungesund, aber immer wieder geht die Sonne auf. Merci, Chéri.

Es fiel auf, wenn Udo Jürgens seine Stimme erhob zwischen „Tanze Samba mit mir“ und „Rock you, Baby!“ und Sinn stiftete so, dass es nur selten wirklich weh tat. Er bediente virtuos diesen schmalen Grad, auf dem auch jene Produktionen im TV gerne wandeln, die im Trivialen noch den „Anspruch“ suggerieren und so die Bettruhe dem Deutschen ohne schlechtes Gewissen ermöglichen.

Damals, im roten Backsteinbau, an ein Flachdach-Waschbeton-Ensemble für 3500 Schüler geklebt als Zeichen neuer Zeiten, ereiferte sich im Schulzimmer für Musikunterricht über Udo Jürgens’ „Lieb Vaterland“ der Lehrer Herr G., der aussah wie einer von den Beatles, . Nicht aus konservativer Sicht, keineswegs, obgleich die Attacken auch aus dieser Ecke sehr scharf waren und es gar zu TV-Diskussionen rund um den Song kam: Herr G. sah Jürgens als Inbegriff der Mogelpackung. Einer, der in Gewässern des Kritischen fischte und es doch so verpackte und sich ihm annäherte, dass als Widerspruch es durch die Ohren geisterte und verklebt – weil es eher suggeriert als wirklich angreift oder klärt. Da sei einer, der die kleinen Fluchten feiert – „ich war noch niemals in New Yok“ – und an einen das Kritische depotenzierenden Konsens andockt:

„Lieb Vaterland, magst ruhig sein,

die Großen zäunen ihren Wohlstand ein.

Die Armen warten mit leerer Hand,

lieb Vaterland!

Lieb Vaterland, wofür soll ich dich preisen?

Es kommt ein Tag, da zählt ein Mann zum alten Eisen.

Wenn er noch schaffen will, du stellst ihn kalt,

doch für die Aufsichtsräte sind auch Greise nicht zu alt.“

Klar, das waren die späten 70er, frühen 80er. Da diskutierte mensch so, oft vor dem Hintergrund des angloamerikanischen Rockismus.

Und verglichen mit Westernhagen später – „Freiheit!“ – oder diesem schleimigen Deutschpoprock, der derzeit allseits aus dem Radio  dringt und manch Hete einen Glauben an das Leben im Wahren, Guten und Schönen in Harmlosigkeit beschert, gegen den noch Helene Fischer, trotzdem man Hogesa mit ihr besänftigen kann, wie eine Ausgeburt brutaler Ehrlichkeit erklingt, war das schon, na, immer schlicht und tatsächlich ergreifend gekonnt und vorzüglich offen pathetisch, was Udo Jürgens sang.

Habe schon einen Heidenrespekt vor den handwerklichen Fähigeiten, diesem Instinkt, so genau immer wieder neu den Punkt zu treffen – trotzdem ich vieles von Wader, dem Wecker von einst oder Klaus Hoffmann, der gar nicht so weit weg von Jürgens sich bewegt mit lediglich anderem Image, weit mehr schätze. Und so tief in jene anknüpfungsfähigen Traditionen des Chansons vor ‚33 von Mehring über Holländer bis Brecht und Tucholsky wie die Knef hat sich Udo Jürgens auch nie begeben, und trotzdem auch Shirley Bassey Songs von ihm sang, vermochte er Hildes so einzigartiger Fusion aus US- (Cole Porter-) und deutscher Traditionslinie bei gleichzeitig maximaler Selbstironie und trocknem Mutterwitz nicht zu folgen.

Trotzdem hat er mit dem „ehrenwerten Haus“ Räume eröffnete, natürlich erst nach nach ‚68, vorsichtshalber, und in „Griechischer Wein“, über das sich zu erheben es ebenso viele gute Gründe gibt wie anzuerkennen, wenigstens den Versuch unternommen zu haben, sich in jene, die einst mensch „Gastarbeiter“ nannte, hinein zu versetzen mit Ansätzen der Emphatie. Was bei den Betroffenen, so ist bezeugt, durchaus gut ankam.

Durfte neulich noch sogar ihm kurz lauschen, in einem Hamburger Kino, da eine 90minütige Dokumentation des WDR vorab gezeigt wurde und Jürgens in ihm eigener Art den recht schnodderigen Fragen des Kölner Kulturchefs auswich und eigene Perspektiven wahrte. Zu ernst wollte er nun auch nicht genommen werden, und dass seine Lieder wohl auch von den Jungen allseits mitgesungen werden können, schien ihm so sehr gar nicht zu schmeicheln. Eher der Stolz eines Handwerkers, der kraft eigener Aura und sehr viel Hartnäckigkeit als Spätdurchstarter und Musikarbeiter Bleibendes schuf, war da zu spüren. Kein Hauch des Volkstribuns, eher ein Wissen darum, wie man mitreißt, indem man Bedürfnisse bedient und dabei doch der eigenen Linie treu bleibt und sich nicht aufgibt, so kam es mir zumindest vor.

Es gäbe unzählige sehr kritische Aspekte auszubreiten – welche Art von Sexismus lebte er? – , aber nachtreten, da bieten sich auch genug aktuelle Fälle an. Irre ich?

Die „Methode Udo Jürgens“ glänzt im Zwiespalt des auf halber Strecke Stehenbeibens, um niemandem wirklich weh zu tun, bei gleichzeitiger Freude am gefällig Hybriden, das musikalisch aufsaugte, was trendy war und es dem Mann am Flügel veredelt gefügig machte. Mal ist das zweckmäßig und gut, weil es Räume eröffnen kann – mal dient es einfach nur zur Befriedigung des narzißtschen Ruhezustandes, sich diffus auf richtigen Seiten zu wähnen und nicht weiter nachdenken zu müssen. Eine Art musikalischer „Tatort“.

Ich persönlich mag ja den Satin und die gläsernen Flügel, diese als Gegenteil von Liberace inszenierte Glamourhaftigkeit bis zum abgeschminkten, obligatorischen Bademantel bei der Zugabe, trotzdem es so gar nicht schwul rüber kam, die Inszenierung des Jürgens als Jürgens viel lieber als seine Ausflüge in den „Anspruch“.

Wie im Falle all der gut getarnten Lust am prima Billigen, die immer wieder bei ihm durchbrach, dem er kraft des Gestus gesanglicher Markanz eine Art Segen erteilte. Halt ganz wie bei „Ich weiß, was ich will …“.

R.i.P, Udo Jürgens – einer, der ganz, ganz vielen bessere Zeiten bescherte, als sie ohne Deine Musik verbracht hätten, warst und bleibst Du definitiv! Und ja, ich singe ja auch gerne mit😉 …

5 Antworten zu “„… ich denk, wie schön war es doch eben noch hier – mit Dir … “ – Udo Jürgens, R.i.P.!

  1. quotenrocker Dezember 22, 2014 um 1:22 pm

    Mien Momo mien Momo…“Dein Haar weht im Wind….“ Es ist erstaunlich, was einem Künstler so geben. Is‘ ja gar nich‘ sooo mein Genre, Chanson & Schlager…aber die einige Big Band Arangements seiner Songs mag ich sehr…und ein Perfektionist war er der Udo! QuoteniRud.us : #RIP Udo Jürgens http://quotenrock.wordpress.com/2014/12/21/rip-udo-jurgens-np-%E2%96%B6-udo-jurgens-alles-im-griff-auf-dem-sinkendem-schiff-live-1980/

  2. momorulez Dezember 22, 2014 um 1:30 pm

    Bei Facebook wurde gerade noch auf fiese Statements von Jürgens zu so genannten „kriminellen Ausländern“ im „Herbst seines Lebens“ verwiesen Finde das immer ungeheuer schwierig, von da aus Perspektiven auf dessen Gesamtwerk zu formulieren. Habe deshalb kein „Edith“ mehr gemacht. Weil das ja schon trotz allem bemerkenswert ist, was der geschaffen hat. Deshalb auch Danke für Deinen Link!

  3. Pingback: ich habe kommentiert ! – zu Udo Jürgens | wortanfall

  4. ziggev Dezember 25, 2014 um 11:09 am

    my dear ! (hast Du die Doppeldeutigkeit gehört?), immer dieses Hinausextrapolieren von der Sache weg, um zu – Abstand betrachtet – doch richtigen Ergebnissen hinzufinden! ich greife nur zwei heraus:

    „mal dient es einfach nur zur Befriedigung des narzisstischen Ruhezustandes, sich diffus auf richtigen Seiten zu wähnen und nicht weiter nachdenken zu müssen. Eine Art musikalischer „Tatort“.

    Oh, ja, oh weh, der Tatort – du dachtest wahrscheinlich insonders an den heutigen? Diese Findung stimmt mich nämlich traurig, allerdings, was ich mir nie hätte träumen lassen, den „Tatort“ betreffend …

    „im Zwiespalt des auf halber Strecke Stehenbleibens“ (allein das) glänzen, „um niemandem wirklich weh zu tun, bei gleichzeitiger Freude am gefällig Hybriden, das musikalisch aufsaugte, was trendy war und es dem Mann am Flügel veredelt gefügig machte.

    denn das ‚Gefällig Hybride‘, schön getroffen, hat es mir ja auch angetan … ist das jetzt wirklich eine Art Pop-Philosophie, gar Pop-Diskurs? Mag sein. Es will mir jedoch nie gelingen, zu begreifen, worum es sich dabei eigentlich handeln könnte.

    Ich sag´s nochmal: ich sehe nicht die Methode, wie Du zu solchen

    Es könnte Fast so aussehen, dass das Ergebnis ja schon feststand, bloß fürs Jetzt noch einmal aufgegriffen. Hierin wäre „das Prinzip Pop-Diskurs“ tatsächlich der Kulturkritik adornitischer Prägung ähnlich: bloß dass es der lediglich darum geht, die Stimmigkeit der Theorie auszuweisen. Ist „die Methode Udo Jürgens“ nicht nicht mehr als ein ironisches Insinuieren, dass es einerseits zwar nicht um die Selbstdarstellung einer Theorie geht, andererseits aber die eigene „Methode“ eben auch nur insinuiert, deshalb ja die Anführungszeichen des „die Methode …“?

    Oder ist es bei Dir biographisch eingefärbtes Assoziieren, es spielerisch auszubauen zu einer tagebuchartigen Essayistik? Es ist dies natürlich die Schwierigkeit, ein Pop-Phänomen, wie jede Kunst, in seiner kulturellen und gesellschaftlichen bedingten garsowohl bedingenden Dimension zu begreifen, denn wir nennen es selbst ja ein „kulturelles Phänomen“. – diese mögliche Kreisbewegung zu kritisieren, wäre dann ja in der Tat „Kulturtheorie“; darum geht es mir aber nicht, sondern in der Tat, es geht mir um Pop, nicht um Theorie. denn ich fände solche Assoziationsspiele vollkommen ok. und berechtigt, denn sie machen aus Politik Poetik, nicht Pop. Geht es aber um Pop, wenn in diesem Fall Jürgens hinter solcher Kritik verschwindet, dann lasse ich nicht mehr mit mir reden. Die Gefahr droht aber.

    Aber:

    Ich glaube Dir Momo, dass Du nicht ein bestimmtes gesellschaftskritisches, poetologisches, philosophisches Programm verfolgst, und dann nur noch z. B. Udo Jürgens als Stichwortgeber heranziehst, denn schließlich erkennst Du dessen Qualitäten und weißt sie zu würdigen. Das gesellschaftskritische wäre das verachtenswereste, denn soetwas würde den Pop unvermeidlich erbarmungslos zermürben und zerreiben. Es wäre eine Kriegserklärung. Das philosophische wäre das bedauerlichste, denn da es in völliger Unkenntnis des Phänomens operieren muss, wäre jede Anstrengung vergebens. Es wäre nur etwas langweilig; es ginge lediglich darum, hinterher die Zunge herauszustrecken, „Aäätsch, ich habe mal wieder gewonnen! Ich, die Theorie!“

    Das poetologische wäre das gefährlichste, eine unschuldige Kindheitserinnerung (so, wie ich Jürgens höre) schwebt sogleich gespiegelt, so scheint es mir, in einer politisch kontaminierten Sphäre, welche wiederum poetisch ironisiert wird. „Freude am gefällig Hybriden.“

    Es ist aber nicht nur dieses Kind.

    Denn Jürgens ist natürlich Pop, und Pop hat nicht nur Kindertagträume evoziert sondern hat über Generationen Generationen zum Träumen gebracht, in den Wahnsinn, Mystische Verzückung und Kommunion getrieben, gewalttätig, süchtig, sentimental werden lassen, Mythenwelten geschaffen, den Alltag zerrissen, Tränen strömen lassen, gewissermaßen in Analogie zum Superpop Super-Camp hervorgebracht, einfach nur weil und solange er unschuldig und ernst, witzig und theatralisch, trivial und bombastisch gewesen ist, kurz, weil er es immer wieder schafft, er selbst zu bleiben – und das heißt: unter keinen Umständen sich mit Politik einlassen !!!!!!!

    Was „Popdiskurs“ ist, wird mir immer unbegreiflich werden, aber Udo Jürgens wegen Tagesschau-Seichtigkeit, also politisch zu kritisieren kastriert ihn – es ist der Tod für den Pop. Es geht einfach an der Sache vorbei.

    Udo Jürgens hat einfach unglaubliche Qualität abgeliefert, genau wie die Knef nur mit Top-Leuten gearbeitet (allerdings dabei gleich min.20 Leuten mehr Brot gegeben), wie sie seine Sache ernst genommen. Und er war ein Überzeugungstäter. Er war ein Überzeugungstäter und – ich erinnere mich an einen Auftritt im TV –er hat seine Sache geliebt, auf dem Höhepunkt des textlich noch so trivialen Stückes riss es ihn von seinem Glasflügel hoch, ein Arm in die Luft gestreckt, und er schrie es heraus, er kriegte einen richtig roten Kopf, aus Anstrengung, vielleicht aus Selbstrührung, ließ sich dadurch aber nicht aus dem Konzept bringen (wie Bowie einst), das ganze Orchester krachte herunter, perfekt auf den Punkt, und alle haben mitgemacht, das Publikum tobte, das Schlagzeug stürzte um, das Stück stürzte noch und mit ihm das Publikum ganz außer Rand und Band in einen unendlich tiefen, schwarzen Abgrund …

    – Blende –

    Und das nenne ich Qualität. Das ist Liebe.

  5. momorulez Dezember 25, 2014 um 12:47 pm

    Ich habe das von Brecht, diesem Banausen, nicht von Adorno, keine Sorge😉 … und natürlich wagte sich Jürgens auf politische Felder vor, ohne dabei allzu viel Risiko einzugehen. Das ist noch nicht mal von außen heran getragen, und klar stellt sich da die Frage, wie gelungen das nun war. Und da finde ich andere noch gelungener aus dem so genannten „Liedermacher“-Feld, zudem Jürgens ja nun musikalisch zwar auf hohem, handwerklichen Niveau sich bewegte, aber nie den Anspruch erhob, nun in der musikalischen Form irgendwas zu machen, was nicht sofort anschlussfähig für ein breites Publikum gewesen wäre – was er ja auch so wollte, seinem eigenen Anspruch wurde er da ja auch gerecht. Die Knef ist da weiter gegangen z.B. mit diesem unglaublichen Album wo „Im 80. Stockwerk“ mit drauf ist, aber auch bei ihren Texten, die ja Brüche ganz anders umspielen. Beides, der Verweis auf „Liedermacher“ wie auch die Knef dienen aber nur dazu, Jürgens richtig zu verorten – ganz viele bei Facebook usw. ordneten ihn bruchlos dem Chanson zu. Bei „Merci Chérie“ mag das hinhauen, bei den ganzen 70er-Gassenhauern so gar nicht. Ja, das war Pop. Teils sehr guter. Aber kein Chanson, was in Deutschland noch mal eine ganz eigene Traditionslinie war, und in Österreich ja auch. Und mich nerven manche Rezeptionen, deshalb der Verweis auf den „Tatort“, nicht die Musik selbst.

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