Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Eher Big Band als Modern Jazz Ensemble: FC St. Pauli – VFR Aalen 3:1

 

Aalen

Ja, ich habe mich gefreut.

Und wie!

Ich habe sie wieder geliebt, bin ihnen gefolgt, ganz, wie Baudrilliard ausführte, dass man dem Anderen folgte, von ihm verführt – ich glaube, der war das, der dergestalt dachte und es aufschrub.

Und so sehr das Gewettere, gestern durchtränkt 

von Regen, Sturm und ganz und gar In-Kälte-Sein, von Nass und Sturm und Wehen gegen die reine Erfolgsorientierung mich oft antreibt, so sehr das Scheitern schillernde Juwele in sich birgt und  St. Poesie die einzige Möglichkeit ist: Gewinnen tut zwischendurch ja auch mal wieder sehr, sehr gut.

Wenn Lebensgeister in zeitweise schon resigniert und verängstigt scheinenden Jungmännern erwachen und immer mehr Raum einnehmen, wenn Freude gar sie treibt und nach Latte, Pfosten das Tor tatsächlich fällt und alle auf den Rängen, in den Kurven, gerissen von den Sitzen platzen, sich verstreuen  – schon schön.

Als endlich auch Trybull und Nöthe wieder den Platz verzaubern durften, der Sturm einsetze und diverse Objekte vor sich her trieb, gen Tor der Aalener wehte und Luft- und Wassergeist vereint in Trybull fuhren, so dass er Lennart Thy zum 3:0 so magisch in Szene setzte – Magma!

„Mit dem Begriff des Magmas will Castoriadis die Tatsache ausdrücken, dass sich die Wirklichkeit (die Natur wie die Gesellschaft oder die Psyche) zwar einerseits identitätslogisch und mengenlogisch aussagen und organisieren lässt (das ist ein Baum, das ist ein Kind, das ist eine Frau), andererseits niemals in dieser identitätslogischen Ordnung aufgeht und stets einen unabzählbaren Überschuss enthält.“

Dass nach diesem Kulminationspunkt des Überschusses die Verwirrung bei Spielern einsetzte – wie so oft nach sich zuspitzender Intensität -, okay, nervös war ich schon ganz gewaltig in den letzten 15 Minuten und hatte Angst, sie könnten uns wieder mitten ins Abwesende hinein verlassen. Aber so ist das beim Erhabenen Kant zufolge: Es überwältigt. Das klingt schon mal 10-15 Minuten nach. Dass dazu noch die Flagge des Antihomophoben Aktionsbündnisses auf der Süd in Regenbogenfarben schillerte: Toll!

Und nur zwischendurch mal Chaos und Kontrollverlust birgt in sich all die Chancen, die Lust ganz zu genießen.

Die Sätze treiben hier so wirr sich wild sich verstreuend vor mich hin und her wie Schneegestöber, weil ich die Verstörung der letzten Woche so ganz noch nicht verarbeitet habe.

Ich wusste noch nicht einmal, was ich nun dazu schreiben soll. Kommt ja auch mal ganz gut😀 …

Ich sah das Spiel in Ingolstadt und wusste nicht, ob das nun anders war oder nicht doch wieder nur Kreisverkehr.

Ich las, dass Azzouzi trotz übelster Diskreditierungen in diversen Foren und Kommentarsträngen, die mich um Fassung ringen ließen, beurlaubt wurde – und ärgerte mich darüber sehr, war doch noch das sehr wohl durchdacht in seinem Handeln, was nicht einschlug. Und bei derartigen Anfeindungen hätte er schlicht Solidarität verdient von seinen Vorgesetzten. Im Handeln.

Es freute mich dennoch, dass Meggle gehalten wurde, und ja – ich hätte ihm gerne weiter bei seinem Try & Error im Sinn des Werdens auf der Trainerbank zugesehen.

Und fürchtete, dass nun, da die Wahl auf Ewald Lienen fiel, nur wieder irgendwelche Retro-Linkspolitik-Ikonographien mumifiziert würden. Dachte zurück an die Zeit, da ich mich für Fussball einen Scheißdreck interessierte und lediglich in Wallung geriet, wenn Toni Schuhmacher meine Franzosen foulte – Ewald Lienen kannte ich dennoch, weil er im konservativen Fussballgeschehen eine Ausnahmeerscheinung war und ein wenig so wirkte wie manche, die ich in Kifferdiscos auf dem Lande tanzen sah zu Jazzrock und Funk.

Dass nun gestern wieder Bots‘ „7 Tage lang“ auf St. Pauli umgedichtet von der Süd erklang, Dieter Dehm ist inakzeptabel und das Lied mag ich dennoch, weil doch die berühmte Oberschenkelwunde ungefähr zu jenem Zeitpunkt klaffte, da ich frühpubertierend als erstes Konzert in meinem noch blutjungen Leben tatsächlich Bots in der hannöverschen „Rotation“ besuchte: All diese Echos der Erinnerung waren mir ein wenig too much. Da eh zu viel „es war einmal“ statt Werden diesen Verein noch zu prägen scheint. Trotz neuem Stadion.

Doch als der neue Trainer in vorab schon offenkundig purer Freude auf den heiligen Rasen des Millerntorstadions, ja, eilte, als könne er es kaum erwarten, als er begeistert die Menge begrüßte, sie grüßte und jubelte zurück, als die Chöre schon lange vor Anpfiff lauter erschallten als zuletzt bei manchem Spiel, da wirkte das doch erfreulich jetzig und gar nicht mehr so retro. Da sprang jemand mit Elan und Bindungsfreude an der Grundlinie entlang, sich in die neue Aufgabe jauchzend beinahe stürzend. Das kam schon gut. „You and me together fighting for our love“ lag in Mimik und Gestik – und dass das auch Spaß machen kann. Also dann mal los!

Vorab noch diskutierte ich mit Martino vor dem Miller, wofür überhaupt ein Trainer gut ist. So richtig verstehe ich das ja nicht, obgleich ich nun selbst lang genug Teams leitete. Die Jungs können doch sowieso Fussball spielen.

Mein Ideal gelingender Intersubjektivität folgt eher dem des Modern Jazz – nicht, wenn sich Solo an Solo reiht, sondern wenn Interaktionsmuster improvisiert aufgrund wohl geübter Fähigkeiten, durchaus aufgrund vorab getroffener Übereinkünfte, die Freiheit erkunden, jene, die entsteht, verbinden sich Menschen in geteilter Kreativität und Kommunikation als dezentralem Miteinander.

Martino wandte ein: Dann setzte da mal einen Schlagzeuger mitten rein, der einen konträren Rhythmus spielt – doch ist nicht das die Kunst ganz wie bei Judo und Karate, diese Kraft des Gegners in eigenen Schwung zu verwandeln? Ja, mensch würde ja merken, ich hätte nie Fussball gespielt, meinte Martino …

Na, dieses Team ist doch wohl eher Big Band, und wenn sie das so aufführt und lebt wie gestern, schwelge ja auch gerne mal im Geiste von Duke Ellington oder Count Basie mit ihnen mit. Den Boys in Brown scheint ein erfahrener Bandleader Sicherheit zu geben, und wenn das so bleibt, hat das Präsidium ja alles richtig gemacht.

Trotz Pawliks Personalmangement. Hoffentlich nicht deswegen, das wäre ja der Tod der Utopie.

Aber zu Glück haben wir ja noch solche auf dem Rasen, die auch mal zu einem überraschenden Solo fähig sind, solche wie Nöthe und Trybull – und Himmelmann gibt, finde ich, ziemlich gut den Takt vor von seinem Strafraum aus.

Die Rückrunde wird unser! Hoffe ich, glaube ich – ich werde es lieben …

 

5 Antworten zu “Eher Big Band als Modern Jazz Ensemble: FC St. Pauli – VFR Aalen 3:1

  1. Pingback: Der Anfang vom Anfang | Grenzenlos Sankt Pauli

  2. biber Dezember 23, 2014 um 3:29 pm

    Lieber Momo,
    ich gehöre ja nun zu denen, die Du „in Kifferdiscos auf dem Lande tanzen sah[st] zu Jazzrock und Funk“ (und ja, Jazzrock hat mich auch bis heute noch nicht losgelassen].
    Im Gegensatz zu Dir (und das mag mit dem Alter zu tun haben), hatte ich doch von Anfang an große Schwierigkeiten mit Bots und habe sie immer noch (warum, erzähle ich Dir gerne bei unserem Bier [und ich vermute langsam, es könnte ein langer Abend werden]).
    Alles egal, es war einfach schön, sie wieder so (!) spielen zu sehen und wenn, nach meiner bescheidenen Meinung, das was mit Jazz zu tun hat, dann eher doch ála Defunkt: So richtig reingearbeitet mit allem Einsatz. Und der Texter und Komponist mag der Trainer sein, umgesetzt hat es die Band.
    Und, entschuldige bitte die Besserwisserei, Duke Ellington war der Erste, der mit komponierten Impressionen gearbeitet hat. DAS war Samstag bestimmt nicht. Dann wirklich eher das dreckige Saxophon mit einem unglaublich treibenden Bass und Beat.

    Nichts desto trotz: Ein wunderschöner Beitrag von Dir
    (und die Bitte: Egal, was Du nimmst. Gibst Du mir was ab?)

    Gruß
    Biber

  3. momorulez Dezember 23, 2014 um 4:28 pm

    Lediglich Kaffee, ganz normale Zigaretten und Bier.🙂 – und Danke dafür, dass Du im Bild/ der Analogiewelt bereichert hast, und Besserwissereien und Korrekturen diesbezüglich nehme ich sehr gerne entgegen, auch und gerade im Bezug auf Duke Ellington! Da freue ich mich über Nachhilfe, und einen ganz herzlichen Dank zurück! Und immer gerne auf ein Bier. Jazzrock – manchen davon – entdecke ich mir ja allmählich zurück, also so 70er-Fusion im Allgemeinen, weil das auch völlig zu Unrecht so einen schlechten Ruf bekam.

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