Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Was ist überhaupt eine „Identifkationsfigur“

„Fehlt bei St. Pauli eine Identifikationsfigur wie Fabian Boll, ein Typ, der die Mannschaft mitreißen kann?

Dreyer: Ja, in jedem Fall. Boller klar, der würde der Mannschaft guttun. Aber einen Boller kannst du dir nicht aus den Rippen schneiden. Ich glaube übrigens, dass das Abschiedsspiel für Boller der Mannschaft geschadet hat. Plötzlich war das Stadion gegen sie und hat die „Alten“ angefeuert. Und dann haben sie auch noch 1:5 verloren. Ich glaube, mit der Situation konnten einige nicht umgehen, Das hat sie verunsichert, und das schleppen sie immer noch mit.“

Das könnte wahr sein. Das könnte sogar das Problem sein. Auch die vom Magischen FC beklagen das Fehlen einer solchen „Figur“.

Es ergab sich neulich analog bei Facebook eine kuriose, aber spannende Diskussion rund um die Idole vergangener, vielleicht auch noch aktueller schwuler Subkulturen.

Noch in meiner Generation waren das sehr wenige, und Rosa von Praunheim bot nun zumindest für mich wenig Möglichkeiten, mich da zu identifizieren. Dann schon eher John Waters oder Marc Almond. Die Generation davor hatte kaum Angebote, außer Zeichen zu deuten – Anspielungen im Subtext und der Ikonographie zu Zeiten der Illegalität homosexueller Praktiken.

Pasolini lud noch am ehesten ein, „Teorama“ zum Beispiel.

Man begab sich auf Spurensuche und suchte in der Historie, betrachtete entsetzt den Umgang von Thomas mit Klaus Mann, um doch die Werke beider zu durchstöbern wie auch die von André Gide und James Baldwin.

Oft waren Spuren da zu finden, wo kaum sie zu vermuten waren: „Verdammt in alle Ewigkeit“, letztlich ein Kriegspropaganda-Film rund um den Angriff auf Pearl Harbour, war so einer. Er gab vor, indem ein Ex-Boxer von „Kameraden“ und Vorgesetzten gemobbt wurde, der nicht mehr in den Rings steigen wollte,  Mechanismen im Militär zu kritisieren und feierte doch den Patriotismus. Montgomery Clifts wohl wichtigste Rolle – die Szene, da Frank Sinatra in seinen Armen stirbt und anschließend Clift mit kullernden Tränen ihm den letzten Zapfenstreich auf dem Hof der Kaserne bläst, sie war für mich allzu deutlich lesbar. Auch das Nichtmitspielenwollen beim Box-Ritual, weil er einen anderen Kämpfer blind geschlagen hatte: Schon ein Statement gegen bestimmte Weisen, wie Männer miteinander umzugehen pflegten. Als ich die Biographie Clifts anschließend las, dessen „längsten Selbstmord Hollywoods“, auch, weil er Männer liebte, war das nun nicht mehr sonderlich hoffnungsfroh, sich damit zu identifizieren.

Um Figuren zu finden, die ermöglichten, Männer begehren zu können inmitten der heteronormativen Matrix, boten sich oft eher Frauen an. In den USA Bette Davis oder Judy Garland, weltweit Barbra Streisand und Bette Middler – in Deutschland sind die Rollen Zarah Leanders und Marlene Dietrichs legendär für die „schwule Szene“. Für mich waren nicht Role-Models, aber Identifikationsfiguren eher die Knef oder Georgette Dee.

Das verweist auf einen in allen Debatten immens wichtigen Unterschied: Den zwischen Identifikation und Identität. Kritiken am „Identitären“ durchziehen alle Diskussionen rund um Poststrukturalismus und Gender-Theorie wie ein roter Faden; dass manche der Feinde sich mittlerweile „die Identitären“ nennen, passt dazu.

Das sind zwei paar Pumps: Ein Mitsichidentischsein, immer nur auf Meta-Ebenen rekonstruierbar, entspricht nicht der menschlichen Praxis. Zwar sind Zuordnungen zu abtrakten Begrifflichkeiten möglich und im Sinne des berühmten „pragmatischen Essentialismus“ auch einsetzbar, aber das trifft nie, was z.B. als „schwule Erfahrung“ begriffen werden kann. Die bewegt sich in diversen Konfliktfeldern rund um gesellschaftlich wirksame Stereotype der Männlichkeit und mögliche Antworten darauf in konkreten Situationen, im Umgang mit Anderen, und wandelt sich je nachdem, wo man sich gerade bewegt: In einer Berufsrolle entstehen daraus ganz andere Verhaltensweisen als abends in der Kneipe. In einem Fussballstadion situiert man sich anders als in der Oper.

Von „Identität“ da zu reden führt völlig in die Irre. Eher sucht man Angebote, die mit etwas korrespondieren, was eigene Erfahrung und einen Umgang damit zum Ausdruck bringt. Die distanziert-ironische und doch mit Sehnsucht und dem Schmelz des Trotzdem aufgeladene Haltung der Knef, der irrwitzige Parcours der Dee durch den Brachial-Pathos des Emotionalisierens und furiose, wilde Komik in direktem Wechsel bot sich mir an😀 … aber auch diese sentimentale Note im Disco-Sound, die über den Dance-Beats schwebt wie ihr Gegenteil.

Was heißt das nun aber alles im Falle des FC St. Pauli?

Bei der breiten Masse derer, die da immer wieder hin gehen, sind das ja definitiv andere Parameter, die zur Identifikation einladen😀 – vielleicht gehören die ja auch auf den Prüfstand? Wieso nun gerade Boll? Wieso überhaupt ein „Leader“?

Klar, er war am längsten dabei von jener Helden-Generation. Aber er brauchte auch seine Zeit, bis er in die Rolle hinein gewachsen war. Klar, da ist dieser typisch hamburgische Schnack, aber weder Roger Hasenbein noch Florian Lechner haben den drauf.

Ich denke langsam und allmählich, gerade nach der für mich erstaunlichen Reichweite des „Offenen Briefes“, dass vielleicht auch einfach die Parameter für Identifikation auf den Prüfstand gehören. Mir ist da mittlerweile zu viel freiwillige Selbstmusealisierung auf den Rängen und in der „Fanszene“. Ja Selbstkritik.

Und es könnte ja sein, dass es das der Mannschaft so schwer macht, Fuss zu fassen – ganz wie im Abendblatt-Interview auch formuliert. Eine Erwartungshaltung, die Schachten zu ständigem Posieren veranlasst, um irgendein Bedürfnis auf den Rängen symbolisch zu befriedigen. Die auswärts manchmal, nicht immer, zu mehr Konzentration führt.

Viel wurde ja darüber diskutiert, dass beim aktuellen Stand der Entwicklung des Fussballspielens auch Rezepte wie jene, die zum Bayern-Sieg einst führten, gar nicht mehr funktionieren würden – wie nun auch niemand besser weiß als Thomas Meggle, deshalb geht er ja auch ganz anders heran an das Spiel. Und immer wieder scheint es so, als kämen die Spieler nicht zum Spielen, weil sie ständig damit beschäftigt sind, wie man sie sehen und beurteilen könnte. Und das bei einer Sozialisation, die gänzlich anders verlief als in den Generationen davor in all den Institutionen, die sie heute ausbilden.

Für mich ergeben sich daraus eher neue Fragestellungen.

Allmählich habe ich das Gefühl, dass bei uns wie auch so lange schon  beim HSV sich mystisch auf dem Platze spiegelt, dass alle Selbstverständnisse in der Vergangenheit liegen – bei denen noch weit ferner in der Historie als bei uns😀 – und nun auf einmal Oke die Arschkarte gezogen hat, das umdefinieren zu müssen.

Weil im Pendeln zwischen klassischer Antifa und neuem Spaß-Publikum noch gar nicht die Frage gestellt wurde, was denn nun zukünftig im neuen Stadion zum Identifikationsangebot taugen würde. Nur das Altbewährte hieße Stagnation.

Ist das nun echt der Haudegen? Ist das nicht vielmehr einer wie Buchtmann, der als „zu filigran“ einst in Köln aussortiert auch am Sonntag wieder was draus machte, was ihm so, bevor er zu uns kam, keiner mehr zugetraut hatte? Oder wäre es nicht auch weiterhin ein Ralph Gunesch, leider fort geschickt, der sich sehr tief in Fragen des Antirassismus und des Kampfes gegen Homophobie eingearbeitet hat? Was eben auch Tschauner auszeichnet: Von den „Neuen“ war er der, der am Auschwitz-Gedenktag zugegen war. Die Texte Robin Himmelmanns bei Facebook, stilsicher und echt lustig, laden zumindest mich auch zur Identifikation ein.

Es ist ja so, dass nichts sich ändert, trauert man um vergangene Liebhaber. Um auf Georgette Dee zurück zu kommen:

„Schluss mit dem Geschrei
und der Jammerei
du gewinnst überhaupt gar nichts damit
das ist keine Art und weise,
sein Herz neu zu erglühen.“

Ja, klar, das schreibe ich mir hier auch selbst zuallererst ins Stammbuch.

Vielleicht sollten wir viel mehr Neugierde an den Tag legen, was da im Werden ist. Und alle Rezepte, um das Bessere zu wagen, liegen ja darin, jene Spuren, die schon zu sehen sind, fortwährend zu verstärken.

Welche das sind, das ist freilich die offene Frage – aber sie ist wenigstens so gestellt, dass die Suche nach Identifikation sich nicht nur auf Erinnerungen richtet.

2 Antworten zu “Was ist überhaupt eine „Identifkationsfigur“

  1. ring2 Dezember 4, 2014 um 5:13 pm

    „I believe in Boogie but the Boogie don’t believe in me“ ist ja eine meiner Lieblingszeilen eines Lieblingsdisco-Tracks😉

    Das mit dem Werden gefällt mir.

  2. momorulez Dezember 4, 2014 um 6:23 pm

    Mir auch, und ich glaube, wir haben da auch gar keine andere Wahl – wir können es im Sinne des Zerbröckelns geschehen lassen oder im Guten steuern, glaube ich …

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