Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Theorie ist nicht Praxis und Macht wirkt in den Beziehungen: Noch mal was zu den „Sprecherpositionen“

Endlich mal eine Kritik der Theorie der Sprecherpositionen, jüngst auch rund um dieses Blog wieder kontrovers diskutiert, mit der es sich auseinanderzusetzen lohnt. Lesen, ich zitiere extra nicht, um die Lektüre des Textes dort Lesenden, nicht hier Ausschnitte Rezipierenden, zum empfehlen.

Und da fangen die Problem schon an: Habe nun ich Texte in einem feministischen Blog zu kommentieren? Was MACHE ich denn, wenn ich das tue?

Ich nehme zunächst mal in Anspruch, irgendetwas besser zu wissen als das verlinkte Blog. Automatisch. Ohne dabei ausklammern zu können, was das in der sich konstituierenden Intersubjektivität heißt. Und das auch noch als jemand, der doch zunächst von feministischen Perspektiven viel lernen kann, der viel mehr feministische Studien überall immens wichtig fände und wünschte, dass sie Gehör fänden und ungestört Wirkung entfalten könnten. Und der vor allem die omnipräsente maskulistische Maulstopferei, die sich auchinmitten von vollends aufgeklärter Linker so was von die Bahn gebrochen hat, unerträglich findet.

Und das auch noch als jemand, der viel bessere Chancen hat, schlicht Gehör zu finden in solchen Fragen. Der nicht auf ständig diese Blase hasserfüllter Misogynie, von Zugriffsberechtigungsforderungen, Distanzlosigkeiten, von Frustrationsmanagement, dem Nichtaushaltenkönnen, wird Aufmerksamkeit verweigert, und der schlichten Absicherung von Dominanz trifft. Eben jener, die bei allen Formen sexistischer und sexualisierender Verniedlichung auch in Erscheinung tritt, von fortwährenden Belehrungen darüber, wie die Welt wirklich sei, auch „Mansplaining“ genannt, die Frauen im Alltag nicht nur von Heteromännern erfahren.

Alles Mechanismen, die außerordentlich wirksam sind, um zum Verstummen zu bringen. Die ich aber alle gar nicht mitbekommen würde, wenn ich nicht den Erfahrungen von Frauen lauschen würde, immer mal wieder. Die mir entgingen, wären da nicht diverse Lektüren feministischer Texte und tatsächlich gezielter „Feldforschung“ unter Freundinnen und Kolleginnen in mein Leben getreten.

Mit Verblüffung und Erstaunen hörte ich, was sie so den ganzen Tag erleben. Ich sah daraufhin genauer hin,  bei Meetings mit Kunden, männlichen, wie unterschiedlich deren Verhalten mir gegenüber war als den anwesenden Frauen gegenüber, selbst wenn wir die gleiche Tätigkeit ausübten.

Gerade, weil ich allenfalls hinsichtlich dessen, dass ich auch auf ggf. auf Heteromänner reagiere, keine Partei in heternormativ organisierten Beziehungsformen bin und somit auch zu irgendeinem Zeitpunkt in manchen, nicht allen Bereichen andere Sozialisationmodi in Geschlechterverhältnissen durchlaufen habe, bin ich oft einigermaßen entsetzt, was für hochaggressive Formen des Begehrens oder auch der Abwertung eines nicht begehrten Gegenübers in Heterokreisen üblich sind. Mit was für einer aggressiven Selbstverständlichkeit Dominanzen ausgeübt werden, die andere Formen der institutionellen Absicherung erfahren als in schwulen Zusammenhängen,

Die krassen Abwertungen dessen, was als sexuell uninteressant gilt, gibt es da auch, und das wirkt massiv innerhalb der Subkultur – aber eben anders als in der dominanten, heteronormativen Matrix.

Die Benennung einer Sprecherposition ist in dem Fall weder „Selbstbezichtigung“ noch ein „Gruppismus“, es ist ein Verweis auf Mechanismen, die in Beziehungen wirken und die institutionell abgesichert sind. Die ich für mich nutzen kann als weißer cisMann, oder ich kann es bleiben lassen. Eine Wahlmöglichkeit, die Andere gar nicht haben, weil sie anhand der Reaktionen erleben werden, dass mensch ihnen keine Wahl LÄSST.

Es ist kein Bekenntnis, es verweist auf das Bewusstsein einer fehlenden Erfahrung und einer damit verbundenen Unmöglichkeit des Wissens, wenn ich nicht zuhöre, mir Texte besorge, die mich diesbezüglich aufklären, mittels derer ich Geschichte derer vertiefe, die anderen Mechanismen begegnen als ich. Ganz wie die Autorin des verlinkten Blogs ja auch.

Seien es Erfahrungen, die so und nur so als „Frauen“ gelesene machen, oder auch PoC – ein Wissen über degradierende, marginalisierende und ent-individualisierende Interaktionsmuster ist überhaupt nur dann zugänglich, wenn ich mir klar mache, dass ich aufgrund von gesellschaftlichen Mechanismen zu diesen gar keinen Zugang habe unabhängig von den Erfahrungen derer, die Dominanz erfahren müssen. Es geht ja nicht um die bestmögliche Theorie, sondern im Praxis in ganz alltäglichen Zusammenhängen.

Ich erhalte hier im Blog auch keine derart drastischen Kommentare, wie schwarze Frauen diese erleiden müssen. Ich bin, will ich im Sinne der Emanzipation einem jeden ermöglichen, ohne fortwährende Abwertung zu erfahren, Individualität überhaupt erleben zu können, auf deren Wissen angewiesen. Und die Benennung der Sprecherposition hilft ungemein dabei, mir klar zu machen, dass ich nicht als allwissende Müllhalde nun fortwährend im Sinne eines Allgemeinen zu referieren vermag, weil das sachlich falsch und performativ ein Unding wäre, da es diese Konstellationen nicht berücksichtigte. Das ist nicht auf der reinen Inhaltseben von Kommunikation zugänglich, sondern berücksichtigt Assymmetrien auf der Ebene dessen, der spricht. Und kurioserweise sind es immer die gleichen, die so tun, als gäbe es diese unterschiedlichen Platzzuweisungen nicht und die dann alles „Abweichende“ nicht einfach so unwidersprochen im Raume stehen lassen wollen. Was ja jeder weiß, der aus nicht-dominater Perspektive spricht: Irgendjemand behält sich schon vor, da noch mal die Stimme mahnend zu erheben.

Die nächste Stufe ist jene, wo es es um manifeste, wirtschaftliche Interessen geht, und da ist auch ein Benennen der Sprecherposition ggf, sogar kontraproduktiv, weil sie wie ein „Ablasshandel“ wirken kann. Und darüber hinaus: Noah Sow hat es prägnant als

SCHWARZE WISSENSPRODUKTION ALS ANGEEIGNETE PROFILIERUNGSRESSOURCE

 

– ich lasse das mal so groß😀 – auf den Punkt gebracht, und das ist dann das, was die fortwährende Gefahr diesen Blogs ist. Es gelingt mir mit Sicherheit auch nicht, mit Klassensprecher- und Platzhirsch-Sozialisation das zu vermeiden.

Ich mühe mich bei vermutlich fortwährendem Scheitern, hier verschiedene Perspektiven aufeinander zu beziehen, meine ganz individuelle und doch schwule Perspektive dabei explizit zu machen, in den Feminismus und Black Communities hinein zu lauschen und so nicht als Stellvertreter für Andere hier rum zu schwadronieren. Und suche teilweise Potenziale der Selbstkritik in der weißen Wissensgeschichte, die „White Supremacy“ verunmöglichen KÖNNTEN. Es ist natürlich nicht so, dass alles Weiße, Männliche, Heterosexuelle automatisch nicht wahrheitsfähig wäre. Dann würde das Partikulare generalisiert. Es geht PRAKTISCH darum, Räume, ja, auch zu besetzende Stellen und Gelder zu generieren, dass nicht immer die gleichen zum Verstummen gebracht werden oder deren Perspektive erst einmal eine Zeugnis der eh schon Dominanten nach sich zu ziehen hätte.

Ganz und gar praktisch läuft das in Medien, in Universitäten uws. freilich oft anders: Da eignen sich viele Nicht-Betroffene das Wissen der Marginalisierten an, um darauf ganze Karrieren aufzubauen, auf Demos und in Pamphleten für diese zu sprechen. Bis zu einem gewissen Punkt kann das sogar Sinn machen, weil sie eben aufgrund struktureller Gegebenheiten eher Gehör finden. Es kann aber auch dazu führen, dass eh schon mächtige Dominanzmuster einfach reproduziert werden. Und die anderen können dann sehen, wie sie ihre Miete bezahlen. Antidiskriminierungsarbeit gilt halt auch oft als kostenloses Beiwerk, dann holen sich mächtige Institutionen möglichst kostenlos zur Befriedigung des eigenen Gewissens ein paar auf ein Podium oder ein Foto und machen danach weiter wie zuvor.

Gerade im Feld der vielfältigen und ausdifferenzierten jüdischen Geschichtsschreibung gibt es das auch. Und gerade da passiert ebenso das, was überall geschieht: Nicht-jüdische Deutsche haben eine ungleich größere Chance, unbeschadet durch eine Darstellung solcher Perspektiven Erfahrungen, Traumata hindurch zu kommen, als es Betroffne je hätten, die sich wieder allseits einem krassen Antisemitismus und SOFORT im Gegenzug sich nackter Aggression ausgesetzt sehen, sich erst mal alles von Israel bis hin zu angeblich „zu großen Einflüssen“ ganz in der Tradition der „Protokolle der Weisen von Zion“ anhören müssen und so irgendwann gar nichts mehr sagen wollen. Es wird ihnen fortwährend passieren, dass ihre Sicht als partikular gebrandmarkt wird und irgendein Allgemeines ihnen gegenüber tritt, dass glaubt, nun die Objektivität für sich gepachtet zu haben.

Die Kritik der Sprecherpositionen kann so freilich da Sinn machen, wo auf einmal völlig irrationale Schuldgefühle aufbrechen, in Deutschland besonders häufig, und irgendeine psychische Verarbeitung einsetzt, die kontraproduktiv wirkt und in reine Bekenntnisse ohne praktische Folgen mündet: Dann ist jede Diskussion vergiftet, und das Schuldgefühl kann zu nacktem Hass mutieren.  In Deutschland eben auf die tatsächlichen Opfer des Nationalsozialismus, und allerlei Entlastungsmechanismen greifen im Anschluss.

Da setzen auch all die „Du hast mich homophob genannt, Du Schwuchtel!“-Mechanismen an, die dazu führen, dass geradezu gespenstisch das Verdrängte wieder in Erscheinung tritt. Wiederum mündet das Ganze in einen reinen Selbstbezug dominanter Gruppen, oft auch in die Diskussion, wer denn nun gerade der Nazi sei und wer nicht, wieder wird die Befindlichkeit, Verletzlichkeit und das Selbstverständnis der eh schon Dominierenden zum Gegenstand der Diskussion – neuerdings gar politisch-programmatisch und mittels symbolischer und tatsächlicher Gewaltandrohung. Und wieder sind die als „anders“ Verstandenen zum Verstummen gebracht worden.

In all dem spielt die Differenz „Gruppismus versus Individualität“ gar keine Rolle. Diese Mechanismen verhindern gerade die Wahrnehmung des Selbstseinkönnens der nicht-dominanten Positionen. Die ja Positionen heißen, weil sie nicht eben nicht Personen und deren Eigenschaften bezeichnen, sondern im kulturellen und soziökonomischen, ganz alltäglichen gesellschaftlichen Spiel Menschen Plätze zuweisen.

Das sind keine theoretischen, selbstverdinglichenden Perspektiven. Es geht tatsächlich um Praxis. Und die unverhohlene Wut derer, die ihr ganzes Leben Zurechtweisung erfahren, dass doch die Perspektiven der Anderen viel wichtiger seien als die eigenen und sie diese in allem, was sie sagen, was sie tun als Parameter eigenen Handelns ansetzen sollten, dient schlicht dazu, überhaupt erst mal Platz zu schaffen für die eigene Sicht der Dinge. Die mit allen Mitteln gesellschaftlicher Macht fortwährend wieder zum Verschwinden gebracht werden.

Ich habe nun auch schon Rüffel erfahren: „Halt die Schnauze, wenn eine Feministin spricht!“ Zu recht!!! Das ist auch gar nicht so schwer, übrigens. Weder das nun zu ertragen, noch, mal die Klappe zu halten.

Ich sympathisiere vollumfänglich mit dem Anliegen des als Ausgangspunkt verlinkten Texten, glaube jedoch nicht, das die Mechanismen dort richtig beschrieben sind.

Es ist mir völlig zu recht Mansplaining anzulasten hinsichtlich dessen, was ich hier schreibe. Hier im Raum meines Blogs, der hoffentlich nicht die dort formulierten Perspektiven einfach weg drückt. Im Rahmen einer Diskussion, eines Panels oder auch in meiner beruflichen Praxis mühte ich mich zumindest, in solchen Fällen Berufeneren den Raum zu lassen und die Schnauze zu halten. Ging oft genug auch richtig schief😦 …

8 Antworten zu “Theorie ist nicht Praxis und Macht wirkt in den Beziehungen: Noch mal was zu den „Sprecherpositionen“

  1. Person Nurmalso Dezember 6, 2014 um 3:29 pm

    Wenn du einen eigenen Standpunkt hast oder eine Frage stellst, dann nimmst du automatisch in Anspruch, irgendetwas besser zu wissen als das verlinkte Blog?

    Ich glaube, diese Gefahr besteht, vielleicht sogar recht häufig. Aber ist das so schlimm? Wir haben doch alle nur den eigenen Horizont, und meist ist dieser an der einen oder anderen Stelle begrenzt, ohne, dass wir es selber ahnen. Auch darum glaube ich an ein förderliches Nebeneinander von Positionen. Darüber hinaus glaube ich an die Möglichkeit von höflichen Dissens, der sich eben nicht als „besser wissen“ versteht. Vielfalt ohne Meinungsvielfalt funktioniert, glaube ich, nicht. Auch Meinungsstreit, in höflichen Bahnen, kann produktiv sein, und zwar gerade über verschiedene Sprecherpositionen hinweg. Für mich fühlt sich das sogar lebensnäher und angenehmer an, sofern dabei sicher gestellt ist, dass die marginalisierten Positionen ausreichend (also: umfangreich) zu Wort kommen.

    Eher glaube ich an das Konzept des gezielten Förderns und an Höflichkeitsregeln, als daran, dass Diskurs und freier Meinungsaustausch aus Gründen des überlegenen Prinzips nur innerhalb einer Sprecherposition stattfinden sollten. Meine Haltung zu dem Thema mag Nachteile haben, z.B., dass sie in der Praxis fehleranfällig und schwieriger zu handhaben ist.

    Vielleicht ist es vom Diskursrahmen und den jeweiligen praktischen Bedingungen abhängig, wie damit umzugehen ist. Es gibt sicher auch Situationen, wo ich mit meiner Bezugsgruppe (oder Sprecherposition – das muss ja nicht das gleiche sein) „unter uns“ oder jedenfalls wortführend sein möchte. Aber als allgemeines Ideal? Das verstehe ich nicht.

  2. momorulez Dezember 6, 2014 um 3:36 pm

    Das kann alles so sein, wobei ich jetzt mal aus raus aus Höflichkeitsregeln auch nicht immer schlimm finde – das Problem bei asymmetrischen Konstellationen wie z.B, zwischen schwarz und weiß sich gesellschaftliche Macht und tatsächliche Dominanzstrukturen dazwischen schieben und der pure Akte des Belehrens, Wegerklärens usw. durch diese abgesichert ist und zudem bei denen, deren Leben nun eh schon im ständig von dominanten Gruppen belehrt werden besteht, verdammt viel verdammt ungute Erfahrung aufsteigt, die sich auch an Wissen um den historisch tatsächlichen Umgang mit den Marginalisierten koppelt. Da wird selbst die schlichteste Argumentation sehr schnell zur Drohung.

  3. Person Nurmalso Dezember 6, 2014 um 6:56 pm

    Wenn eine schlichte Argumentation und das bloße Miteinandersprechen als Drohung aufgefasst werden, was dann? Wenn meine Sprecherposition mich aus Sicht anderer delegitimiert, dann muss ich diese Haltung hinnehmen. Es ist dennoch nicht mein Ideal. Es mag als Schutz aufgefasst werden, wenn eine ganze Gruppierung zu anderen Gruppierungen sagt und das zum Ideal erklärt: „Von euch wollen wir sowieso nichts hören.“

    Ich glaube, es gibt bessere Umgangsformen.

    Die mögen vielleicht etwas komplizierter zu handhaben sein, haben aber den nicht zu knappen Vorteil, dass sie wechselseitigen Austausch ermöglichen. Die Begrenzung von Kommunikation (du schweigst – du hast nur zuzuhören) mag Frustrierungen, die sich aus der Begegnung mit der Mehrheitsgesellschaft ergeben, begrenzen.

    Dort, wo ich marginalisiert bin, dort habe ich bzw. das Gespräch eher davon profitiert, wenn ein Dominanzler seine Vorbehalte offen ausspricht. Ja, es nervt, ja, es kann verletzend wirken. Aber es lässt mir die Chance, im Gespräch einen Vorbehalt auszuräumen. Wenn der Mensch von der Dominanzgruppe schweigt, sich Widerspruch und Fragen komplett verkneift, wegen der Sprecherpositionen, dann habe ich als Marginalisierter doch verloren! Der Dominanzler denkt ja trotzdem seinen ggf. bescheuerten Vorbehalt. Ich habe aber keine Chance mehr. Auch ist ja möglich, dass ich selbst etwas falsch sehe. Auch davon erfahre ich dann nichts mehr.

    Ich glaube, dass wechselseitige Gespräche gerade zwischen unterschiedlichen Sprecherpositionen wichtig sind! Natürlich mit wechselseitigen Bereitschaft zum Zuzuhören. Und dann gibt es die Möglichkeit, dass meine Moderationskapazität als Marginalisierter überschritten wird. Dort ist ein Gespräch dann halt nur bis zu einem bestimmten Punkt möglich.

    Aber alles abwürgen? Das ist ganz schön heftig.

  4. momorulez Dezember 6, 2014 um 8:23 pm

    „Alles abwürgen“ ist auch ein wenig überpointiert, aber exakt das, was marginalisierte Positionen nun sowieso fortwährend erfahren mit einer teils verblüffenden Ignoranz.

    Was ich als „Dominanzler“ ja auch erst schmerzhaft lernen musste, wo ich selbst mittels Haltungen, Ausblendungsmechanismen und fortwährendem Selbstbezug PoC, Frauen und solchen, die ableistischen Mechanismen unterliegen, gewissermaßen erlernt und automatisiert überfahre, wegdrücke und eben marginalisiere in Gesprächen.

    Das ist sehr tief in weißmännliche Rationalitäten eingeschrieben wie übrigens auch die Annahme, zu jedem Thema dieser Erde etwas zu sagen zu haben und stets Gehör zu finden. Antje Schrupp hat das mal sehr treffend geschrieben, dass ein Großteil der Bevölkerung diese Annahmen gar nicht teilt, weil sie dazu erzogen werden, sich an Anderen zu orientieren, sich zurückzunehmen usw.

    Diese Ansätze wie oben skizziert dienen dazu, solche Schemata wenigstens temporär aufzulösen – in emanzipatorischer Hinsicht. Und reflektiert Mann auf sue, löst das manchmal eh Haltungen ais, dass die von Dir gewünschte Offenheit entstehen kann und mensch sich nicht mehr diesen fortwährenden Tribunalen gegenüber sieht, die Weiße, Heterosexuelle und Männer über „Deviante“ so abzuhalten pflegen. Es gibt diesen Konflikt analog auch zwischen weißen und PoC-Feministinnen.

  5. Person Nurmalso Dezember 6, 2014 um 11:54 pm

    Offen gesagt erlebe ich in meinen persönlichen Lebenszusammenhängen keine Tribunale, sondern deutlich eher das Problem, dass mit meinen Devianzen mitleidig, verstellt „rücksichtsvoll“ umgegangen wird. Wenn die echte Neugierde völlig ausbleibt und stattdessen „höflich“ geschwiegen wird. Das nervt! Ich bin allerdings kein politischer Aktivist, da sähe die Welt dann vermutlich noch einmal ganz anders aus, schon allein, weil ich dann haufenweise auf sehr unangenehme, diskussionsgestählte Dominanzler treffen würde. Aber wenn dem so wäre: Dann würde ich mich mit denen, die auch im Dissens einen vernünftigen Umgang zustande bekommen, austauschen wollen. Jedenfalls mit einigen. Mir tut niemand einen Gefallen, wenn er Dominanzlern in öffentlichen Diskussionräumen das Wort verbietet. Garantiert nicht.

    Wenn ich Leuten den Mund verbieten wollte, genauer sie im Rede- und Argumentationsfluss bremsen, damit für andere Platz entsteht, dann exakt jenen Menschen, deren wichtigstes persönliches Hobby „politische Diskussionen“ sind. Ganz egal, ob das dann Dominanzler sind oder andere. Das sind verblüffend häufig Leute, die es darauf anlegen, andere Menschen im Gespräch unterzubuttern.

  6. momorulez Dezember 7, 2014 um 1:02 am

    Ja. Da hast Du recht, bei der Pointe, Conclusio, wie auch immer:

    „Wenn ich Leuten den Mund verbieten wollte, genauer sie im Rede- und Argumentationsfluss bremsen, damit für andere Platz entsteht, dann exakt jenen Menschen, deren wichtigstes persönliches Hobby “politische Diskussionen” sind. Ganz egal, ob das dann Dominanzler sind oder andere. Das sind verblüffend häufig Leute, die es darauf anlegen, andere Menschen im Gespräch unterzubuttern.“

    Das sind nur erstaunlich oft immer die gleichen.

    Dieses Verstellt-Rücksichtsvolle meine ich auch zu kennen, in der Hoffnung, dass wir das gleiche meinen – ich weiß ja nicht, in welchen Zusammenhängen Du das erlebst -: Meiner Erfahrung nach finden „die Dominanzler“ alles irgendwie in Ordnung, so lange sie dem Gegenüber in asymmetrischen Konstellationen das Opferdasein zudiagnostizieren können, der oder die Arme. Bewegt mensch sich da raus, fällt selbst Urteile oder legt gar Wert auf eine Relevanz eigener Perspektiven jenseits der Artikulation von Leid, dann setzen die Tribunale ein.

    „Den Mund verbieten“ trifft es auch nicht. Situativ ist das ein begründetes und gerechtfertigtes Einfordern des temporären Zurücktretens, dass „Dominanzler“ nicht wieder nur Aufmerksamkeit für ihre Befindlichkeiten fordern, aus deren Sicht dann Anderen ggf. auch eine Opferperspektive zugewiesen wird, wo immer mal mit schwingt, dass das doch bitte auch so bleiben möge.

    Was ich halt nicht glaube, ist, dass das ohne die Diagnostik gesellschaftlicher Hierarchien und Strukturen zugänglich werden kann.

  7. Person Nurmalso Dezember 7, 2014 um 4:46 pm

    Das Verstellt-Rücksichtsvolle wird es in den unterschiedlichsten Färbungen und aus den unterschiedlichsten Motivationen heraus geben. Klar erlebe ich auch das, was du schreibst. Da wird man als Devianter bzw. Marginalisierter von einigen Menschen z.B. einfach in eine Kategorie gesteckt. Leicht werden dann die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen bestritten. Wer beispielsweise psychisch krank ist, dem wird gerne die Urteilsfähigkeit recht weitgehend bestritten. Wenn diese oder eine andere Fehlsortierung (für die der Marginalisierte ja nichts kann) dann doch deutlich wird, oder auch die eigenen Kompetenzen deutlich werden, dann kann die Reaktion darauf ziemlich ätzend ausfallen. Tribunale habe ich da aber noch nicht erlebt. Abwertungen und anderes Übles Verhalten der unterschiedlichsten Art, sogar bis hin zu offenen Drohungen, leider schon. Da könnte eine Angst der Arrivierten hereinspielen, eine Angst vor Mehrdeutigkeiten und davor, dass sie selbst ihre soziale Position verlieren könnten. Ich sehe sowas aber als Ausnahme und darüber hinaus fast immer als ein individuelles Problem. Es gibt halt überall 10 bis 20 Prozent Arschlöcher. Überall.

  8. momorulez Dezember 7, 2014 um 4:51 pm

    Ich sehe das schon als strukturell, nicht individuell oder durch Arschlochhaftigkeit bedingt …

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