Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wie wird es, ein St. Paulianer zu sein? FC St. Pauli : Kaiserslautern – ach, das Ergebnis ist doch egal.

Okay, okay, okay. Nein, ich habe nichts zurück zu nehmen.

Das ist mein Ernst😉 … mögen auch die Zahlen meines Traffics hier in letzter Zeit besser gewesen sein als die Ergebnisse der Mannschaft, nun auch wieder heute gegen die Region: Das heißt ja nichts. Weil heute alles anders war. Besser. Viel besser. Und vielleicht sogar der Auftakt zu einer richtig guten Zukunft.

Weil Zahlen nicht wirklich etwas besagen. „Die Tabelle lügt nicht!“

ist insofern ein blöder Spruch, dass sie außer Rangfolgen, gezählten Toren, gesammelten Punkten und administrativen Verordnungen, wer in welche Liga geht, nichts zu berichten weiß. Ja, auch Fernsehgelder orientieren sich daran, ja, es ist eine zu berücksichtigende Realität – aber es nicht die einzige.

Kein Erlebnis, kein Gefühl, keine Sehnsucht, keine Erfüllung bildet sich in ihr ab … Es wird immer Spiele geben, die viel toller sind als die zum Aufstieg.

Jeder, der ein Musikinstrument liebend erforscht, weiß das. Selbst, wenn ich alle Noten lesen kann, sie spielen und perfekt intonieren, ich exakt zähle, während ich vom Blatt spiele – nimmt mensch die Probesessions auf, lauscht sie Live-Aufnahmen, ist das, was fasziniert, ja nicht messbar.

Es sind die Abweichungen, die Emotionen, der Move, der Groove, das knapp daneben, das schräg noch die Ohren reizt. Es ist das IN-DER-MUSIK-SEIN, das sie zum Leben erweckt, und sie ist größer als wir alle zusammen.

Insofern ist vieles noch nicht einmal diskutierbar, betrachtet mensch es als eine theoretische Rekonstruktion aus der Perspektive der 3. Person. Es gibt dazu den berühmten Aufsatz „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“ Von Thomas Nagel ist der, glaube ich.

Es ist möglich, noch das Navigationssystem dieses nachtliebenden Flatterviehs exakt zu beschreiben – wie es sich anfühlt, sich mittels Schall durch die Welt zu navigieren, was diese Erfahrung qualitativ ausmacht, das könnten die Kreaturen uns nur selbst berichten. Mensch müsste ihnen zuhören, wäre die gemeinsame Sprache erst gefunden.

Manchmal sperrt mensch sich gegen neue Erfahrungen, weil, wie das Vertraute sich anfühlt, das kennt sie ja, und Neuland macht Angst. Da gibt es keine Überraschungen, da ist Erwartungssicherheit gegeben, das Fernsehprogramm ist voll davon – doch die faszinierendsten Erfahrungen sind jene, wo erst hinterher erkennbar ist, dass etwas, das gewohnt sich anfühlte, längst schon etwas Neues in das eigene Leben getragen hat.

Da weint mensch noch um den alten Geliebten, weil es so schön mit ihm war – und ahnt noch nicht, dass in dem wiederholten Smalltalk mit jemandem, der in der eigenen Stammkneipe oft schon am Tresen lehnte, in der, wo wir uns doch alle schon seit Jahren treffen, all die Kumpels, mit all den alt eingewöhnten Üblichkeiten, Streitigkeiten, den eingeübten Rivalitäten und Solidaritäten, dass da schon längst irgendetwas glimmt, das eine Zukunft verheißt, wenn er lächelt. Das ist noch unerahnbar – und gerade deshalb toll. Eine Zukunft, zu der bereit zu sein erst ganz allmählich durch die Poren dringt.

Ich glaube, das war heute so ein Spiel. Ich habe nichts von dem zurück zu nehmen, was ich geschrieben habe.

Ich habe aber heute etwas anderes GEFÜHLT. Etwas Neues. Etwas, das keine Liebe zu Altvorderen verblassen lassen könnte. Und das doch die Neugier weckt, weil die neuen (so neu zum Teil ja auch nicht mehr) Spieler ja auf ganz andere Art sexy sind.

Da war nichts mehr würdelos. Da war nichts mehr ohne Stolz. Da war spürbar, dass ein Haufen Männer bereit war, statt ein schweres Erbe einfach so zu kopieren, die ganz und gar eigene Energie frei zu legen und seinen Weg zu finden, das „Wie ist es, ein St. Paulianer zu sein?“ neu zu entdecken – so, dass wir alle noch überrascht sein werden. Wie sagte noch der am Kiosk danach beim Zigaretten holen? „Ich werde das Gefühl nicht los, dass der Knoten da noch platzt!!!“

Klar, das ist schwer. Das ist auch viel schwerer als Frontzecksche Korsette und Kopien dessen, was nun allseits als angesagte Strategie zum „modernen Fussball“ proklamiert wird. Das kann ja jeder kopieren und dann dran scheitern oder auch nicht.

Was nicht jeder kann, ist, bei dem Gegenwind, unsäglichen, miesmutigen Blogs, die die Tagespresse auch noch zitiert, und all den Mythen drumherum, nach all den Nackenschlägen eine Halbzeit auf den Platz zu bringen wie vor allem die zweite – wobei die erste auch in Ordnung war.

Plötzlich störten mich sogar „Bring back St. Pauli!“-Gesänge beim neugierigen Zuschauen ganz erheblich. Hey, Bruns hat mir eh nie ’ne Mail geschrieben oder ein Date gewährt! In aller Liebe: Du bist es nicht mehr!

Da war, zitternd inmitten der Eiseskälte, ein noch neues Licht am Flackern auf dem Platz – eines, das uns wohl zeigte, wie falsch es ist, eigene Vergangenheiten als Maßstab anzulegen.

Sondern dass in Entdeckungsfreude, Neugier, Fehler machen und daraus lernen ja das Abenteuer dieses Lebens liegt. Und dass die Mannschaft bereit ist, nach temporärer Ratlosigkeit uns DAS zu zeigen. Es mit uns zu finden. Dass sie jetzt unter Meggle einen Trainer hat, der das mit ihr sucht. Das ist viel spannender als 0815-Gegurke

Klar, die Fallhöhe ist immer dann gegeben, wenn etwas zu verlieren ist. Aber das Neue entsteht nie geplant. Das muss lebend und fühlend erst erkundet werden.

Vielleicht haben wir die Chance auch noch gar nicht vollumfänglich begriffen. Ich selbst durfte erfahren, dass erstmals in einem Konflikt in diesem Verein so etwas wie breitere menschlichere und auch öffentliche Unterstützung mir widerfuhr und sogar Moderation und Mediation möglich ist. Auch neu😉 …

Vielleicht verschieben sich ja auch zugunsten des Besseren einige Parameter im Politischen, die konserviert seit den frühen 90ern oft nur noch anachronistisch wirken und Neuformulierungen und Weiterentwicklungen brauchen. DAS würde mich freuen. Allmählich, behutsam, und doch, wie bei uns üblich, emotional. Nein, bestimmt nicht Event und Junggesellenabschied. Aber was viel Besseres!

Vielleicht haben wir alle noch gar nicht begriffen, was sich schon längst verändert hat und was wir selbst erst in Ansätzen – wie bei „Fussball und Liebe“ – mit neuem Leben füllen können, noch besser als bisher.

Sich auf dem Weg dahin noch ein paar Tore fangen: So what!!!

Es könnte ja sein, dass die Mannschaft uns heute in Halbzeit 2 vor gemacht hat, wozu wir selbst erst noch bereit werden müssen … und wenn wir so weit sind, fallen auch wieder die Tore für uns und nur für uns. Okay, okay, okay – bestimmt vorher schon!

 

 

2 Antworten zu “Wie wird es, ein St. Paulianer zu sein? FC St. Pauli : Kaiserslautern – ach, das Ergebnis ist doch egal.

  1. Pingback: Ganz unten glimmt schwach die Hoffnung – #FCSP und die etwas andere Niederlage daheim gegen den FCK | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. Pingback: FCSP 1-3 1.FC Kaiserslautern; 30.11.2014 Immer weiter nach vorne « Sankt Pauli Province Fanatics

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