Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Jargon der Eigentlichkeit: Mottofahrt nach Leipzig

Ich wollte meine Klappe halten. Echt jetzt. Geht nicht, nachdem folgendermaßen zur „Mottofahrt zu Red Bull Leipzig“ aufgerufen wird:

„Bringt etwas mit, was eure Geschichte mit Sankt Pauli widerspiegelt, was euch immer begleitet oder mit dem ihr ein geschichtsträchtiges Spiel mit unserem Verein erlebt habt. Ganz egal, ob ihr es anhattet als wir den DFB-Pokal unsicher gemacht haben, bei eurer ersten Auswärtsfahrt oder es einem Spieler abluchsen konntet.

Lasst uns allen zeigen, was wir schon erlebt haben und wie viele Erlebnisse uns mit unserem Verein verbinden. Wir müssen dazu nicht mit dem Wort Tradition um uns schmeissen, ein Blick in den Kleiderschrank genügt, um zu erfahren, was wir mit diesem Verein schon alles durchlebt haben.

Das liest sich harmloser, als es ist. Demnächst also irgendwo in Niedersachsen: Der örtliche Schützenverein holt seine Uniformen aus dem Jahre 1990 heraus, um dem neuen anatolischen Restaurant in der Fachwerkhaus-Fussgängerzone einen Besuch abzustatten und ihm seine Erlebnisse entgegen zu schmettern? Diese Heimatschutz-Attitude gibt es auch in der Gentrifizierungskritk, sie ist allerdings strukturell hochproblematisch. Wie sich auch in der letzen Ausgabe der BASCH zeigte:

„Den Medien ließ sich entnehmen, dass dass mehrere Testspielansetzungen gegen RB massiv kritisiert worden und RB als perverseste Form der Kommerzialisierung des Fußballs massiv angefeindet wird.“

Anachronist, Red Bull Leipzig verrecke, in: BASCH #57, S.

Im Gegensatz zu anderen „Dorffanszenen“ (USP) wolle mensch jedoch nicht das Spiel boykottieren. Um stattdessen nun der „Perversion“ das „Natürliche“ der eigenen, gelebten Erfahrung entgegen zu setzen?

Von der Vorstellung einer „Perversion“ distanziert sich der Artikel nicht, er argumentiert konsequent in einer traditionsreichen Begriffsgeschichte. Da mag zum Schluss noch so vehement ein Plädoyer gegen Homophobie gehalten werden: Bewegt man sich in den gedanklichen Modellen, die auch Homophobie ggf. begründen, so hilft das auch nicht weiter. Und in deren Begrifflichkeiten zu operieren, das löst schon mal gar nichts auf.

Es gab neulich beim  FSK völlig zu recht Protest, da etwas in kritischer Absicht als „Gleitmittel“ im Kontext des Kapitalismus behauptet wurde, ich habe mal einen Autor fast angeschrien, als er ausgerechnet auf WHAM! „Gleitcreme-Pop“ textete: Mensch muss sich schon klar sein, in was für einem Begriffsfeld was genau gedeiht.

Ein anderes Beispiel:

„Man sucht sich die „Kanäle“, in denen das Geld am besten angelegt ist und es ist dann im ersten Schritt offen, ob man in einen Weltraumballon, eine Kampagne mit Straßenwerbung, ein Formel-1-Team oder eben einen „Fussballverein“ investiert.“

Ebd.

Ja, und? Es gibt nun diverse Gründe, durch Sponsoren gesteuerte Prozesse zu kritisieren – im Falle der Medien zum Beispiel, dass Geldgeber Einfluss auf Inhalte nehmen,  auf dass Wahrheit auf der Strecke bleibt. Einer der ersten Fälle, da mir das in meiner Medienlaufbahn begegnete, war, als ein Haarspray-Produzent, der zugleich Werbekunde war, vehement gegen einen Beitrag über Tierversuche opponierte und drohte, den Geldfluss zu stoppen.

Anders und gegenteilig: Dass mir das erste Mal bewusst „Kultursponsoring“ begegnete, war in Cornys „Schmidt“ Ende der 80er Jahre. In Durchsagen vor dem Beginn des Programms wurden Finanziers genannt. Ja, weil das die einzige Möglichkeit war, ein damals noch so richtig queeres Theater überhaupt zu finanzieren. Das hätte es sonst nicht gegeben.

Problem ist doch, nicht, DASS Geld irgendwo hin fließt, sondern allenfalls, woher es kommt und was es ermöglicht.

„Der Fussball und das Erlebnis Stadion wird hier schlicht instrumentalisiert und missbraucht. In einem Büro in Österreich mit Blick auf den Fuschlsee und mit einer Erlösprojektion für die verschiedenen Investitionen mag das plausibel sein, es ist allerdings in keiner Weise der Maßstab, den wir akzeptieren wollen“.
Ebd.

Immer diese Ausländer.  Ösis auch noch.

Gruß an den Fuschlsee: Ich nehme das Geld gerne😉 …

Es ist einfach lächerlich, nun im Profifussball, da seit den 70er Jahren Trikot-Sponsoring üblich ist, in den Fernsehgelder fließen,  dass ARTE von solchen Minutenpreisen nur träumen kann, irgendeine Oase des „ursprünglichen Erlebnisses“ jenseits der Ökonomie zu behaupten und das auch noch in die „Missbrauchs“rhetorik zu fassen.

Schon gar nicht angesichts der Masse von Werbern in unserem Stadion.

Das ist eine ähnliche Fiktion wie jene, die „Unpolitische“ angesichts der „Zersetzung“ durch Politik in Stadien proklamieren. Das ist der „Förster vom Silberwald“: Ein Heimatfilm. Hier die heile Welt, da die Eindringlinge. Hier die Gemeinschaft, da die Gesellschaft. Hier das Organische, da dessen „Perversion“. Hier das Volk, da die „Heuschrecken“ und „Besatzer“.

Genau diese Rhetorik bringen auch Manif pours tous, die Katholische Kirche und „Demo für alle“ in Anschlag: Hier die traditionelle Kernfamilie als „authentische Erfahrung“, da die zerstörerischen und „perversen“ Homos. Hier die Eigentlichkeit, da die Entfremdung.

Das funzt nicht. Den Bezug zum Antisemitismus lasse ich mal außen vor, der steckt da aber auch mitten drin.

Das ist auch nicht die Stoßrichtung, die z.B, Oke in seiner Rede vorgeben hat. Welche Strukturen wollen wir, welche finden wir richtig, das ist eine ganz andere Fragestellung. Wir votieren für eine demokratische Struktur, weil das unsere Stärke ist und Demokratie begründungsfähig ist, das ist ein ganz anderer Narrativ als diese „Grün ist die Heide“-Version, die auch noch erschreckend deutsch ist. Kritik an LED-Laufbändern und Stangenstanz ist ja nicht aus der Tradition heraus begründbar, auch nicht aus dem Erlebnis des Sieges gegen Rostock, sondern weil es dafür kritische, reflexive Kriterien gibt, anhand derer immer auch Traditionen angegriffen werden können. Ja, das ist Kant versus Hegel.

Ich habe es selbst erleben dürfen, wie eine Art patriarchalen Familienunternehmens nach und nach zum Teil einer durch Investoren gesteuerten Holding wurde. Das Problem bestand nicht etwa im „Eindringen in eine heile Welt“, sondern eine referenzfreie, totalisierte Renditeerwartung. Also unabhängig von allen qualitativen Erwägungen und allen inhaltlichen Motivationen wurde von nun an geschäftsschädigend gewirtschaftet. Das ist aber was anderes als das „Erlebnis in Tradition als eigene Erfahrung“, das die BASCH und die USP-Seite beschwört. Neuankömmlinge ohne Berge von Trikots im Schrank sind da ja misstrauisch zu beäugen.

Und „Tradition“ in alten St. Pauli-Trikots, was heißt denn das?

Vermutlich das, was auch bei der „Fuck you, Freudenhaus“-Ausstellung von 1910 e.V. zu sehen war: Viel Folklore einer re-integrierten Geschichte vor dem Bruch Ende der 80er, viele weiße Fans, und dann ein Raum, in dem Viertelgeschichte symbolisch gesäubert wurde. Da waren Filme zu sehen, in denen eine Antwort darauf gefunden werden sollte, ob das Stadion nun Fluch oder Segen für das Viertel sei. Ich bin ja bis heute stolz darauf, dass die Frage von mir stammte😀 – wer wurde gefragt? Altlinke, jemand vom Panoptikum und der Lampedusa-Flüchtling, der jetzt vorsichtshalber immer dazu geholt wird, weil gepeilt wurde, dass irgendwas nicht stimmt. Keine Prostuierte, ansonsten kein als „migrantisch“ gelesenes Gesicht, kein Axel Strehlitz, niemand vom Strich in der Schmuckstraße, falls es den noch gibt, niemand, der Spermaflecke in Porno-Kinos weg wischt oder Junggesellen-Abschiedsteilnehmern den Schnaps reicht.

RIESENGROSS die Stadionordnung – die ja nicht gut ist, weil sie Traditionen begründet, sondern weil richtig ist, was in ihr steht -, ganz klein eine Regenbogenflagge, unter der fälschlich zu lesen war, dass ja „heute ein Coming Out hierzulande selten ein Problem darstelle“ oder so ähnlich. HAR, HAR, HAR.

Was für eine „Tradition“ denn? Hatte sofort sofort das Bild von all den Heten-Hochzeitsklamotten vor Augen, die allerorten inflationär fotografiert werden. Zieht die doch an.

9 Antworten zu “Jargon der Eigentlichkeit: Mottofahrt nach Leipzig

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  2. goodsoul November 19, 2014 um 3:53 pm

    „Tradition und Vorurteile sind die Handschellen des schoepferischen Geistes!“

    Schoener Beitrag! Danke! Erinnert mich an eine Diskussion im Jolly aufgrund derer ich rausgeflogen bin. Hehe! However!

    Ich finde Red Bull aber auch scheisse!😉

  3. momorulez November 19, 2014 um 4:31 pm

    Vermutlich hattest Du bunte Schuhe an und wurdest deshalb des Jollys verwiesen😉 – ich finde die auch alles andere als sympathisch, aber kommt ja schon noch drauf an, WIE und aus welcher Perspektive man sie kritisiert. Danke!

  4. Martino November 19, 2014 um 5:49 pm

    Teilweise ganz gut..
    Leider hast du da einiges an der rb Kritik ausgelassen, das im der basch durchaus auch schon sachlicher thematisiert wurde. Ob absichtlich oder nicht weiß ich nicht aber die Kritik an rb ist deutlich umfangreicher.
    Diese mottofahrt ist mir allerdings auch seltsam aufgestoßen…

  5. momorulez November 19, 2014 um 5:59 pm

    Na, ich wollte jetzt hier den BASCH-Artikel nicht vollumfänglich zitieren; die Passagen reichen mir völlig aus, um da sehr kiebig zu werden. Ich habe die BASCH endlich mal wieder erwischt, lese freudig hinein – und dann so was. Im Rest des Artikels habe ich ehrlich gesagt auch nichts gefunden, was ich nun in irgendeiner Form als politisch-perspektivisch für relevant halten würde. Ich lese ihn mir daraufhin aber gerne noch mal durch.

  6. goodsoul November 19, 2014 um 6:50 pm

    „Vermutlich hattest Du bunte Schuhe an und wurdest deshalb des Jollys verwiesen “

    Nee, der eigentliche Ausgangspunkt dieses sich zum Absurden entwickelten Scenarios
    waren da Hipster bzw. Hipsterkritik.

    Und auch da kommt es -wie Du ja schon richtig sagst- eben auch darauf an wie und aus welcher Perspektive man kritisiert.

    Sei’s drum!
    So long!

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