Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Wir sind keine kickende Werbeunterbrechung!“

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Mit Glückwünschen und Danksagungen einsteigen – ach, das überlasse ich mal Wirtschaftsinformatikern und anderen Freunden der dehumanisierten Formeln und Algorithmen. Mühe mich eher um Synthese, die seltsame Melancholie und auch Ratlosigkeit, die diese Jahreshauptversammlung des FC St. Pauli bei einigen auslöste, will ja sortiert sein.

Zentral wehte und windete, ja wand sich die Frage, was den Aufsichtsrat bewogen hat, das Präsidium um Stefan Orth nicht zur Wiederwahl zu stellen,
durch das CCH. Für mich erklang die Antwort kristallklar, und doch schien sie nicht so richtig durchzudringen.

Sehr holzschnittartig zusammen gefasst, was ich zu verstehen glaubte: Die immensen Herausforderungen, durch das dusselige, blutarme und regressive Spiel der Profimannschaft und dem daraus resultierenden Tabellenplatz noch verschärft, provozierten eine Antwort im Paradigma der Sozialromantiker. Ob und wie das geht, das wird die Zukunft zeigen … die Antworten waren durchwachsen. Aber sie werden gesucht, und das ist ja zunächst mal gut so.

Es war teils grotesk, wie Fragende fortwährend Aufsichtsrat Marcus Schulz löcherten, er möge nun endlich mal Stefan Orth nieder machen. Ich empfand es als teils gelungene Diplomatie, wie dem ausgewichen wurde, auch wenn viele im Saal das unbefriedigt ließ – manche merkten auch nicht, wie sie dem ehemaligen Präsidium durch fortwährendes Nachhaken in vermeintlich deren Sinne schadeten.

Die Message war: Wir brauchen ein Präsidium, das selbst initiativ wird, das strategische Visionen entwickelt, wie inmitten von ausgegliederten AGs und von Sponsoren gesteuerten Proficlubs der FC St. Pauli seine Identität als basisdemokratischer Verein mit klarer, politischer Akzentsetzung wahren und daraus auch noch Kapital schlagen kann.

Dem bisherigen Präsidium wurde attestiert, eher Impulse Anderer umgesetzt zu haben: Cornys Langzeiterbe in Fragen des Stadionbaus, diverse Fan-Initiativen von den Fanräumen über „Museum statt Goliathwache“ bis zum Engagement für die Lampedusa-Gruppe und dem tradierten „Gegen rechts!“.

Nachdem es reichlich ungeschickt los gelegt hatte mit LED-Laufbändern, Stangentanz und Analogien zwischen „Jolly Rouge“ und blutigen Straßenkämpfen, lernte es zunehmend, sich auf Initiativen drauf zu satteln und diese zumeist zu spät sich zueigen zu machen. Um sie hinterher als eigene Erfolge zu verkaufen.

Das ist besser, als Fun als Stahlbad zu betreiben und das Millerntor in eine Operetten-Arena wie in München oder noch gesichtsloser zu wandeln. Die Gefahr besteht auch weiterhin, der Verein für den besserverdienenden weißen, heterosexuellen Mittelstand mit gehobenen Manieren und ein wenig Symbolpolitik in Regenbogenfarben drumherum in bester Innenstadtlage zu sein. Andere Funktionsträger hätten dem vielleicht nachgegeben, auch gegen die eigenen Fans Verklatschpappisierung zu betreiben, um noch zahlungskräftigere Kundschaft ins Stadion zu ziehen.

Angesichts tatsächlich drückender, finanzieller Verbindlichkeiten infolge diverser Infrastrukturmaßnahmen – Stadionbau, Kollau 1 und Kollau 2, um mich herum wurde gewitzelt, das höre sich an wie Atommeiler, und auch der extern zu bauenden Polizeiwache – sah der Aufsichtsrat die Notwendigkeit, ein unternehmerisch visionäreres, aktiveres und wirtschaftlich nicht nur verwaltendes und konsolidierendes Präsidium zu suchen. Eines, das ohne 0815-Vermarktungsideen in der Lage ist, das was anderswo in Zeiten des Neoliberalismus als Anachronismus, Hemmschuh und Kostenfaktor gilt, als Kapital zu begreifen: Ein Verein (!!!) mit einer aktiven und kreativen, jedoch höchst eigensinnigen Fanszene. Das nahm Oke in seiner Rede ernst und suchte Antworten anzudeuten, ohne das bisherige Präsidium zu düpieren. „Wir sind keine kickende Werbeunterbrechung!“

Damit ist die Messlatte freilich sehr hoch angelegt: Anderswo würde das als Quadratur des Kreises begriffen. Da halt, wo wahllose und nivellierende Kommerzialisierung als „mit der Zeit gehen“ gilt, Mitbestimmung als Inbegriff der Ineffizienz behauptet wird und Wirtschaft zur Mackerfantasie gerinnt. Hier nun, in Okes Programmatik, und das muss schon jedem klar sein, werden noch Kapitalismuskritik, Antidiskriminierungsrhetorik und irgendwielinke Botschaften in die Marktförmigkeit überführt bei gleichzeitiger Wahrung demokratischer Strukturen.

Das ist Risiko und Chance zugleich. Da kann ein anderes Wirtschaften draus entstehen, eines, das sich wie Okes Bündnis aus Indie-Labels gegen die „Majors“ behauptet und hartnäckig Eigenes wahrt – oder eine Totalentwertung dessen, was als „Werte“ proklamiert wurde. Weil sie nur noch dazu dienen, eben jenes Geld zu generieren, das der Verein braucht, um seinen drückenden und wachsenden Verbindlichkeiten nachkommen zu können und lebensfähig zu bleiben.

Ich sympathisiere sehr mit sehr solchen Ansätzen, weil gerade in irgendwielinken Szenen häufig eine Glorifizierung von No Budget, Ehrenamt und Armut als Ehrlichkeit bejubelt wird. Auf dass immer nur die Anderen ein Leben in Luxus genießen.

Oke konnte gar nicht mal eben so das visionäre Vollprogramm alternativer und trotzdem gewinnträchtiger Ökonomie entwerfen. Hier und da war ich dennoch erstaunt, wie als Schwerpunkte neben Slogans, die auch auf Transparenten stehen könnten und ungefähr so viel auch aussagen, vor allem Pawliksche Personaloptimierungsrezepte zur Erschaffung möglichst perfekt funktionierender, menschlicher Systemelemente in den Mittelpunkt rückten.

Joachim Pawlik ist Teil des neuen Präsidiums, die Praktiken und Programme seines Unternehmens kann jeder auf seiner Homepage nachlesen. Das erscheint mir schon mehr als grenzwertig, was dort für Umerziehungsprogramme sich finden:

„Mitarbeiter mit starker Willenskraft überwinden Hindernisse und halten an ihrem Kurs fest, planen vorausschauend, setzen die richtigen Prioritäten, gehen beharrlich und fokussiert Schritt für Schritt, sind von ihren Fähigkeiten und dem Ziel überzeugt, agieren aktiv und lösungsorientiert und gestalten ein optimistisches Klima. Dabei geht es nicht in erster Linie um die eine herausragende Leistung, sondern vielmehr darum, laufend und permanent das Richtige für ein Ziel zu tun – auch gegen eigene und fremde Motive. Willenskraft hat also einen eindeutig nachhaltigen Effekt.“

Das wirkt auf mich auch eher wie eine realsozialistische Vision des „Neuen Menschen“ mit freilich anderen Akzentsetzungen. Derlei Ansätze gibt es zuhauf, sie sind keine Spezialität Joachim Pawliks – trotzdem haben sie erstaunliche Ähnlichkeiten mit Anleitungen für Drehbuchautoren, wie deren Hauptfiguren beschaffen sein sollten: Der aktive Held, der gegen antagonistische Kräfte beharrlich sein „unbedingt etwas wollen“ bis zum Showdown und Sieg trägt. Solche Fiktionalisierungen menschlicher Psyche sind Ideologie, sind extrem maskulin und können meines Erachtens direkt in den BurnOut führen. Das liest sich wie Fussball, manipuliert jedoch das wahre Leben. Es steht Chefs nicht zu, in den Psychen ihres Personals herum zu pfuschen.

Ich bin ja für jede Sottise in Richtung dieses demotivierten und verantwortungslosen Spielerhaufens, der so tut, als sei er die Mannschaft des FC St. Pauli, derzeit zu haben. Ändert sich hoffentlich wieder. Ist enttäuschte Liebe.

Als freilich referiert wurde, man solle doch in Zukunft schauen, welcher Spieler in welchem Umfeld am besten funktioniere – vielleicht ist mensch als Schwuler bei solchen Themen auch etwas empfindlicher, ein Leben lang konfrontiert mit irgendwelchen Diagnostiken, wie so welche wohl seien, während mensch fortwährend irgendwelche Labilitäten angedichtet bekommt, zuhören dürfend, wie all die Fortpflanzer sich ach so gesund fühlen im Bewusstsein ihrer Normalität.

Aber diese Methoden sind schon mehr als nur zweifelhaft. Die kreativsten, auch ökonomisch, Ideen haben Menschen, die sich fallen lassen können, die Stigmatisierung kennen, die Räusche zu leben in der Lage sind und die zu träumen vermögen. Die mit der Spontanität, der Einfühlung und dem Zufall zu arbeiten wissen, sich auf Situationen EINLASSEN.

Das sei so ausführlich referiert, weil es substanziell das einzige war, was Oke vortrug: Solche Rezepte wie jene Pawliks auf den Hauptamtlichensektor des FC St. Pauli anzuwenden.

Ich gebe ja zu, ich hatte z.B. auf Diversity-Management gehofft. Auf konkretere Antworten, wie „linksalternativ“ denn nun zu barer Münze führen könnte, ohne das preiszugeben, was das inhaltlich meint.

Das kommt dann wohl noch. Ich freue mich sehr, dass er jetzt der Präsident des FC St. Pauli ist. Aber wie sagte Marcus Schulz so schön? Er und sein Team werden jetzt liefern müssen.

Bei dem Ergebnis der Aufsichtsratswahl bin ich etwas entsetzt, dass treudoof wie Stimmvieh offenkundig viele den teils ärgerlichen Wahlempfehlungen von BASCH und AFM folgten. Vielleicht war es aber nur der Triumph etablierter Seilschaften. Das sind die, by the way, die auch für die Stagnation in der Antidiskriminierungsarbeit verantwortlich sind. Da war selbst das ehemalige Präsidium offener, allen voran Tjark Woydt.

Ich freue mich sehr, dass eine Kandidatin die meisten Stimmen erhielt, dass eine hochintegrative Persönlichkeit wie Roger Hasenbein so eindrucksvoll bestätigt wurde – und auch, wenn vielen das Visionäre an den Ausführungen Marcus Schulz‘ gar nicht auffiel, ist wohl gut, dass trotz merkwürdig abstrafendem Wahlergebnis er weiter mit dabei ist. Auch im Sinne der Kontinuität.

Umgekehrt sind Teile der Pawlikisierung nun auch im Aufsichtsrat vertreten: Solche, die Effizienlogik vorgaukelnd im ehrenamtlichen Kontext frontal und teils intrigant Chef spielend meiner Erfahrung nach wenig Skrupel haben, anderen ggf., metaphorisch gesprochen, mitten in die Fresse zu springen – wohl im Sinne der „Voluntion“. Das gilt halt als „willensstark“. Der Neoliberalismus ist auch eine Form des Patriachats.

8 Antworten zu “„Wir sind keine kickende Werbeunterbrechung!“

  1. Pingback: Das ist Oke so oder ein Orth der Enttäuschungen | Grenzenlos Sankt Pauli

  2. Pingback: Jetzt bloß kein Wortspiel… #FCSPJHV 2014 | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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  4. Janno November 17, 2014 um 6:21 pm

    Hallo Momo,

    erst einmal vielen Dank für Deinen Bericht. Den ersten Teil zur Wahl des neuen Präsdidenten und gerade Deine Vorbehalte gegenüber Pawlik kann ich so unterschreiben – seine Ausführungen habe ich gestern genauso merkwürdig wie hier beschrieben empfunden und habe ihn als einzigen Vize nicht gewählt.

    Im zweiten Teil gehen unsere Einschätzungen aber auseinander: Dass die AFM eine Wahlempfehlung herausgibt, halte ich für legitim. Darüber kann mensch aber sicher streiten oder geteilter Meinung sein. Gern würde ich Dich aber fragen, worauf sich diese Passage „Das sind die, by the way, die auch für die Stagnation in der Antidiskriminierungsarbeit verantwortlich sind. Da war selbst das ehemalige Präsidium offener, allen voran Tjark Woydt.“ bezieht. Mir sind die empfohlenen Kandidat_innen in der Vergangenheit so nicht aufgefallen, bei zweien habe ich eher einen gegenteiligen Eindruck. Kannst Du hier schreiben, auf welche Vorgänge Du Dich beziehst? Danke + Greetz!!

    Janno

  5. momorulez November 17, 2014 um 6:48 pm

    Hallo Janno,

    Danke für den Kommentar! Und über die Wahlempfehlung des AFM-Vorstandes habe ich auch sogar schon mit Teilen desselben mich ausgetauscht😉 – ich finde die einfach insofern falsch, weil bestimmte Kungeleien und auch ein Sich-Verschließen gegen neue Impulse, so weit ich das wahrzunehmen in der Lage bin und genug Einblick habe, so zementiert wird. Und es auch zu zu vielen Ämterhäufungen kommt.

    Das bezog sich jetzt auch weniger auf konkrete Kandidaten als auf’s Prinzip. Und Christian Ott beispielsweise zeigte sich ja auch deutlich genervt in seiner Kurzvorstellung.

    Das Antidiskriminierungsthema, das war jetzt sehr allgemein auf die tradierten Seilschaften in der aktiven Fanszene bezogen und nicht auf konkrete Kandidaten, außer einem vielleicht ein wenig. Es gibt da bei manchen die Tendenz , sich für vollends aufgeklärt zu halten und in Sachen Rassismus, Homophobie und Sexismus nun sowieso immer schon auf der richtigen Seite befunden zu haben, dass Stagnation eintritt. Kratzen halbwegs selbstbewusste Frauen, LGBTIQ-People oder PoC an diesen seit den frühen 90ern größtenteils konservierten Rezepten als vielleicht nicht mehr ganz aktuell, entstehen zum Teil sehr kuriose Situationen. Nein, natürlich nicht bei allen, aber gerade bei manchen der gönnerhaften Platzhirschen. Da rollt nun zwar manch Fanzine-Macher und Altgedienter mit den Augen, wenn ich damit nun schon wieder komme, und es gehört zu allgemein wirksamen gesellschaftlichen Mechanismen, dann alles an der Persönlichkeit des Kritikers fest zu machen. Weil das am einfachsten ist.

    Aber die Mechanismen von Abwehr und offener Aggression bis hin zu hinterhältigem Rumgeläster und ständigem Beleidigtsein gibt es sehr ausgeprägt auch in der Fan-Szene, wie nicht nur ich erfahren durfte. Da sind viele auch nicht anders als der bundesrepublikanische Rest derer, die nicht sowieso offen homophob, rassistisch oder sexistisch agieren. Und ich sehe da weniger USP oder die noch Jüngeren als das Problem, sondern eher die 30-50jährigen. Und bei den Organisierten eher ausgeprägter als in meiner lockeren Twitter-Bezugsgruppe, wo es solche Probleme tatsächlich so gut wie gar nicht gibt.

    Sonst hätten sich auch mehr Frauen aufstellen lassen, wir hätten keine weitestgehend weiße Fanszene, was einfach so ist, und es wären viel mehr Schwule und Lesben in den Gremien aktiv. Ich könnte das auch guten Gewissens keinem eh schon durch Diskrimierung Sozialisierten empfehlen, sich da zu engagieren. Und das ist ja nicht gut. Alles unter dem Vorbehalt, dass ich selbst nur in einem eine Zeit lang aktiv war. Aber Ähnliches hört man von anderen Schwulen auch, PoC-Frauen bleiben eher ganz weg – ja, Freundinnen von mir.

    Beste Grüße,

    Christian

  6. Mrs. Mop November 17, 2014 um 8:25 pm

    Sorry, 200 Prozent OT, aber hey! Giorgio Moroder legt sein neues Opus vor, holy f*cking Strohsack, das MUSST Du gucken! Und natürlich hören! Taufrisch und kribbelt bis in die kleinste Zehenspitze. Ein wundervolles Video, ich kann mich nicht sattsehen, eine ganz abgefahrene illuminierte Tour durch digitales Terrain, mit einem herrlich saukomischen Nashorn, das groovig durch die Straßen springt, das soll wohl Moroder selber sein, der hat doch auch so eine Riesennase, oder? ‚74 Is The New 24‘ heißt das neue Album – weißt ja, wie alt der Typ ist, Mann Mann Mann, ich bin so angetörnt. Klick auf den Link von Creators Project fürs Video plus ein schön leichtfüßiges Interview mit Moroder über sein Album. Have lots of fun!

  7. momorulez November 17, 2014 um 8:35 pm

    1000 Dank für den Tipp!

  8. Pingback: Lotsenwechsel an Bord der MV St. Pauli - St. Pauli Nu*de

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