Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Die große Schar der weißen Heten, die sich für nichts zu blöd sind …“

Formulierte so jüngst ein beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk Beschäftigter hier in der Kommentarsektion. Nun würde ich lügen, behauptete ich, dass ich mit diesen Institutionen nichts zu tun hätte.

Problem derer ist ja, dass ihnen schlicht die Zuschauer weg sterben. Zwar gab der NDR-Intendant jüngst die Parole aus, dass das Internet sowieso völlig überschätzt würde, Video-on-Demand ebenso und gerade Leuchttürme wie der „Tatort“ weiterhin gesellschaftliche Institutionen seien. Umgekehrt wird natürlich in den Sendern wüst diskutiert, was denn nun crossmedial sei und wie man das mal richtig angehen könne.

Jeder, der sich mit Mechanismen des Generierens von Aufmerksamkeit

im Netz beschäftigt, weiß, dass bemerkt wird, was shitstormfähig ist. Und jeder, der die Schlagzeilenpolitik von BILD & Co kennt, dass am meisten Reaktionen erzielt werden, drischt der gesellschaftliche Mainstream auf Minderheiten ein.

Der Gegenwehr kann sich „die große Schar weißer Heten, die sich für nichts zu blöd sind“ dann sicher sein: Juchhu! Wir werden bemerkt! Wir sind doch noch relevant!

Ich glaube nicht mehr, dass all diese rassistischen und heterosexistischen Inszenierungen vom Schauspielhaus über DIE ZEIT bis hin zur ARD, am krassesten im Falle des Hessischen Rundfunks, aus Versehen passieren.

Wer so deutlich rassistische Ikonographien mit den korrespondierenden Sprüchen versieht, macht das nicht mehr aus Versehen. Wer nach einer kaum überhörbaren Diskussion rund um Matussek diesen in Talkshows einlädt, auf dass er mit Vertretern der evangelischen Kirche über Dritte diskutiert, will damit auch sagen: „Es muss doch möglich sein auszurufen: Ich bin homophob und das ist auch gut so!“ Und dass diese Leute eben das Verfügungs- und Definitionsrecht über Minderheiten für sich beanspruchen können.

Da hat die Neue Rechte ganze Arbeit geleistet: Mittlerweile dröhnt auch die FAZ, dass nicht etwa die, die fortwährend LGBTIQ-People herabwürdigen, bedrohen und zum Verschwinden bringen wollen, Pluralität gefährdeten, sondern die Abwesenheit von Hetze und Verunglimpfung Vielfalt bedrohen würde.

Wie Schwule, Lesben, Transsexuelle, Schwarze, Muslime hierzulande aufwachsen, was sie prägt, demütigt, ihnen all die Scheiße in den Weg schaufelt, die in Biographien erst mal weg geräumt werden muss, das interessiert die auch nicht. Die sind wahlweise ignorant oder offen sadistisch und wollen wohl, dass Institutionen in diesem Sinne funktionieren.

Die Öffentlich-Rechtlichen sind prädestiniert für diese Weisen, Welt zu gestalten, weil sie nach Zentrum und Peripherie organisiert sind und durch Fixierung auf die Quote noch die vielen Wohlmeinenden in den Sendern bestimmte Themen deshalb gar nicht erst so angehen, dass auch mal andere Perspektiven als mehrheitsgesellschaftliche sichtbar sind. Sie folgen der Diktatur von Normalverteilung und Durchschnitt sowie des kleinsten gemeinsamen Nenners vor allem in ihren Zentren: ARD- und ZDF-Hauptprogramm. Bei den Drittprogrammen ist das Publikum noch älter; obgleich mittlerweile verstanden wurde, dass 16 Millionen Deutsche andere Biographien haben als „die große Schar der weißen Heten, die sich für nichts zu blöd sind“, gehen sie davon aus, dass diese jünger sind als ihr Stammklientel. Insofern wird es als mögliche Zielgruppe gar nicht erst anvisiert.

„Minderheitenprogramme“, in diesen Zusammenhängen durchaus Schimpfwort für Redaktionkonferenzstrategen, gönnt man sich an der Peripherie, EinsFestival oder ARTE. In LGBTIQ-Fragen hat sich der Wind bei ARTE ein wenig gedreht, seitdem „Manif pour tous“ in Frankreich durchschlagende und buchstäblich mörderische Erfolge feierte. Der deutschen Seite kann mensch das nicht vorwerfen.

All das läuft auf eine strukturell gewaltige Gefahr hinaus, die vorher auch schon da war, sich freilich verschärft, je enger die Verteilungskämpfe in medialen, jedoch auch universitären und sowieso gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen werden. Die Politik in Deutschland ist ja seit Jahren auf Ent-Bildung durch Verknappung ausgerichtet, gesellschaftlich nicht-dominante Gruppen bekommen das zuerst zu spüren.

Gekoppelt an den medialen Mechanismus des Shitstorms und Quotenerfolge, wenn mal wieder irgendeine Frau von Storch Schwule bekämpft sowie einer immer aggressiver und dreisterweise auch noch „antifaschistsich“ auftretenden Neuen Rechten, die sich noch fortwährend unterdrückt fühlt, wenn sie nicht ganztägig ihre favorisierten Opfer quälen oder symbolisch vernichten kann, ist es tatsächlich schwierig geworden, dagegen zu halten. Protestiert mensch nun lautstark gegen diese unsägliche Infragestellung von Akzeptanz durch die ARD, erhalten sie eben jene Resonanz, die sie sich erhoffen. Voller Erfolg! Die Stammzuschauerschaft freilich stört das nicht, die normalverteilte, durchschnittliche, die wird ja fortwährend aus dem Scheinwerferlicht gerückt, um über andere zu richten wie immer schon. Um in idealisierten Fiction-Produktionen ihr Leben als das Richtige noch da, wo es in Krisen gerät und gerettet wird, zu lernen.

Im konkreten Fall sehe ich die Lage sogar noch krasser: Ich habe neulich einen sehr guten Vortrag gehört, da geschildert wurde, wie viel Angst Goebbels hatte, dass die Hörer angesichts von Hitlers Reden im Falle von Rundfunkübertragungen lachen könnten. Lachen könne als Herrschaft infragestellen, Ecos „Name der Rose“ hat auch diese Pointe. Das ist schon richtig.

Worüber lacht man denn aber in Deutschland? Selten über die wirklich Mächtigen. Da schleimt mensch sich ran. Und damals fanden genug Leute die Karrikaturen im Stürmer lustig. In der Hinsicht hat sich so viel nicht geändert: „Die Schar weißer Heten, die sich für nichts zu blöd sind“ lebt ja von der Konstitution ihrer selbst durch den Minderheiten- und den sexistischen Witz. Briten lachen oft über sich selbst, Amis zumindest gelegentlich auch über die Reichen und Schönen, Deutsche über Schwulen- und Blondinenwitze und rassistisches Vokabular und damit über die Bezeichneten. Immer und überall. Und ableistisch über „Doofe“.

Das spielt in die Plakatkampagne einfach mit rein. Das signalsiert Hohngelächter angesichts emanzipatorischer Ansprüche. Eine Ausformulierung des jüngst von einem CDU-Politiker in einem anderen Fall behaupteten „Gastrechts“: Liebe LGBTIQ-People, wenn ihr die Schnauze so weit auf reißt, euer abartiges Treiben nun auch noch als gleichwertig zu behaupen, werden wir euch schon zeigen, dass wir Toleranz auch entziehen können – ihr seid zu Gast in unserer Hetero-Welt. Liebe PoC, wenn ihr nun schon Rundfunkstationen entern und an Universitäten mitmischen wollt, werden wir euch schon mitteilen, ob ihr Belastung oder Bereicherung seid: Wir sind die Stärkeren, und wir haben die Macht. Seid mal lieber vorsichtig. Akzeptanz werden wir euch eh nicht gewähren, wir sind aber stets bereit, euch den Status Quo wieder zu entziehen, immerhin profitieren wir ganztägig von White Supremacy. Das lassen wir uns doch doch von EUCH nicht weg nehmen. Und ihr wisst, wozu wir fähig sind. Womit aber auch nur das reproduziert wird, was in linken Kreisen als Kritik an „Critical Whiteness“ oder „Mikrofaschismus der Political Correctness“ gelabelt wird.

Diese Plakate der ARD sind eine glatte Drohung. Ob gewollt oder nicht.

PS: Einige Twitter-Accounts der ÖR haben wohl reagiert und die üblichen Phrasen von „provokativ formuliert, sollte aber nicht verletzen“ geäußert. Das Kalkül, anfangs dieses Textes formuliert, wurde so wohl bestätigt. Auch, indem explizit das Erzielen von Aufmerksamkeit als Ziel formuliert wurde. Der Rest ist der übliche Trick, die Gegenwehr als rein emotional zu behaupten, um in ach so überlegener Rationalität weiter über Minderheiten verfügen zu können.

5 Antworten zu “„Die große Schar der weißen Heten, die sich für nichts zu blöd sind …“

  1. Pingback: Nach der Heimpleite gegen Heidenheim braucht der #FCSP die Quadratur des Kreises | KleinerTods FC St. Pauli Blog

  2. kleinertod November 10, 2014 um 7:51 pm

    Mußte ich gleich mal verlinken, auch wenn es nur bedingt in den Spieltagsbericht paßt. Aber das Thema an sich ist immer und jederzeit wichtig und Dein Beitrag dazu einfach lesenswert. Nochmals Danke.

  3. momorulez November 10, 2014 um 8:21 pm

    Danke für die Verlinkung! Das Dumme ist ja, dass sie einen tatsächlich in die Resignation treiben, weil jeder Betroffene, der sich in solchen Auseinandersetzungen einsetzt, einen viel höheren Preis zahlt. Bei PoC und von Geburt disabled-People geht es noch früher los, dass die in Deiner Psyche rum pfuschen, bei LGTBIQ zumeist in der Pubertät, bei vielen auch früher. Und was Du dann wirst, hängt noch dann, wenn man sich wenrt, behauptet, einfach sein Ding macht, an deren Attacken irgendwie mit dran. Und das aktivieren die auch noch dreist fortwährend.

    Auf deren Seite gibt es wahlweise noch Selbstverständnisprobleme wegen deutscher Geschichte – das haben die sich nun aber so hin gedreht, dass sowieso sie die Haupt-Opfer waren oder sind. So haben die sich fröhlich immunisiert, einige zeitweise „ihre Minderheiten“ dazu missbraucht, weil sie ja so hifreich und tolerant seien, um narzißtische Zufuhr zu generieren. Und Andere hauen mit einer Brutalität, Rücksichtslosigkeit und demagogischen Verve auf die drauf, die nun eh schon durch Tackling und Gewaltandrohung sozialisiert wurden, das ist echt anstrengend. Und diesen „Nun werd mal nicht frech, Schwuchtel!“ haben die meisten schon auf dem Schulhof geübt.

    Ich nehme mir dann immer vor „Komm, lass es, sollen sie doch, Du bist nicht auf die angewiesen, um glücklich zu sein“ – muss es mir aber raus schreiben. Das nervt alles.

  4. Johanna November 11, 2014 um 11:40 am

    @Die Öffentlich-Rechtlichen sind prädestiniert für diese Weisen, Welt zu gestalten, weil sie nach Zentrum und Peripherie organisiert sind und durch Fixierung auf die Quote noch die vielen Wohlmeinenden in den Sendern bestimmte Themen deshalb gar nicht erst so angehen, dass auch mal andere Perspektiven als mehrheitsgesellschaftliche sichtbar sind.

    Haben denn die Privaten, also RTL, Sat und so, da eine andere Ausrichtung und wie würdest Du die beschreiben? Fragt Eine, deren Fernsehkonsum sich auf Tagesschau und Tatort beschränkt.

  5. momorulez November 11, 2014 um 3:49 pm

    Ich stecke da nun nicht mehr so tief drin, deshalb unter Vorbehalt: Die Privaten sind kleinere Apparate, die viel pragmatischer an Märkten zumindest bisher der 14-49jährigen orientiert sind und deren Quotenerwartungen segmentierter sind. ProSieben bedient bis 30jährige, der RTL-Nachmittag Frauen um die 40, sehr skizzenhaft, usw.. Sie generieren zudem „Umfelder für Werbung“, die sich in manchen “ Umfeldern “ eben auch nicht wohl fühlen – das führte zum Niedergang der Erotik-Magazine, zum Beispiel. Die Kirchen und andere gesellschaftliche Machtfaktoren spielen kaum eine Rolle, wobei Bertelsmann schon sehr dominant ist oder zumindest war. Es gibt nicht diesen Bildungsbürgerdünkel – und wenn dann wie bei „Wer wird Millionär“. Selbst die „Unterschichtenhatz“ in manchen Programmen ist anders motiviert als Abgrenzungsprozesse im öffentlich-rechtlichen. Es ist aber auch kaum möglich, irgendeinen abstrakten Gedanken unter zu bringen; das ist im ZDF-Hauptprogramm aber auch nicht erwünscht. Die Orientierung an „soll Spaß machen“ kann, aber muss nicht eine hedonistische Orientierung mit sich bringen. Heraus kommen dann trotzdem oft hochgradig rassistische oder sexistische Programme. Ja, schlimm.

    Die geben aber ja auch gar nicht erst vor, nun Information, Kultur oder sonstwie eine „Message“ oder Werte-Orientierung zu transportieren, was Vor- und Nachteile hat. Die auch im ÖR präsenten boulevardesken Elemente sind ausgeprägter. Dabei entstehen andere Programmeffekte, die nicht besser sind, aber anders wirken.

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