Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Das Werden denken

„Im strengen Sinne ist die Philosophie die Disziplin, die in der Erschaffung von Begriffen besteht“.

Gilles Deleuze/Felix Guattari, Was ist Philosophie, Frankfurt/M. 2000, S. 9

Die Spielphilosophie eine Fussballvereins, Unique Selling Prophecy, Mission Statement. Leitbilder. Marketing- und Firmenphilosophie.

Was zum Teufel ist aus diesem Begriff „Philosophie“ nur geworden? Habe das ja studiert; die Zeit war wunderschön, da ich sie vor dem „Bologna-Prozess“ verbringen durfte. Schon damals belächelten jene aus den „Methoden der empirischen Sozialforschung“ im Nebenfach Soziologie die „eher philosophisch Orientierten“. Das war ungefähr zu jener Zeit, da die Werber begannen, sich als Künstler zu behaupten, da im Gefolge von Thatcher und Reagan allerlei schillernder Begriffsmüll rund um die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, seinen Weg in die Arbeitswelt fand. Deleuze formuliert auch dies prägnant:

„Schließlich wurde der Tiefpunkt der Schmach erreicht, als die Informatik, das Marketing, das Design, die Werbung, alle Fachrichtungen der Kommunikation sich des Wortes Begriff, Konzept, selbst bemächtigten und sagten: Das ist unsere Sache, wir sind die Konzeptemacher! Wir sind die Freunde des Begriffs, des Konzepts, wir bringen ihn in unsere Computer. Information und Kreativität, Konzept und Unternehmen: schon eine ausufernde Bibliographie … (…) Die allgemeine Bewegung, die die Kritik durch promotion ersetzte, hat ihre Wirkung auf die Philosophie nicht verfehlt.“

Deleuze/Guattari, a.a.O., S. 15-16

Es ist sozusagen Ironie der Philosophiegeschichte, dass nun ausgerechnet die Philosophie von Deleuze sich als außerdordentlich marketingfähig erwies vor allem dann, wenn seine Bücher gar nicht gelesen wurden: Rhizom, Ritornell, philosophische Guerilla, das Virtuelle, Kontrollgesellschaft. Die Begriffe gingen durch die Popkultur und geronnen phasenweise zum Jargon, damals, als all die Neo-Heroischen noch nicht so eindimensional ins Kampfhorn tuteten, das Spielen noch nicht als obsolet galt.

Dabei ist Deleuze ein ungemein schwieriger Autor. Es sind ja nicht zufällig die „kleinen Schriften“, das Merve-Bändchen zum „Rhizom“, das „Postskriptum zur Kontrollgesellschaft“, die die Bonmots lieferten – und die „Tausend Plateaus“, die, zusammen mit Felix Guattari verfasst, sich mäandernd rund um Begriffe wuchern so, dass einzelne Fetzen es erlauben, dass mensch sie heraus zupft, auf dass sie sozusagen als Stecklinge für Begonien auf Balkonen genutzt werden können.

Ein merkwürdiges Buch: Obgleich ich in den gelesenen Passagen allenfalls Gedankenansätze richtig finde, inspiriert es doch durch seinen ganz und gar merkwürdigen Crossover zwischen Denkformen, Diskurstypen und Wissensbereichen als Suchbewegung.

„Unglücklicherweise fielen auch immer mehr Linke auf dieses Konstrukt einer klassistischen Kränkung herein. Der zunächst von rechts inszenierte Antiintellektualismus (der hierzulande seine eigene Geschichte hat) verbreitete sich wie eine Krankheit. Der Diskursraum linker Kritik, Kunst und Kultur wurde zur Quarantänestation. Wer nicht in der einfachen Sprache (des »Volkes«? Nein, der Medien!) sprach, hatte das Recht auf Gehör verwirkt. Die Anstrengung, Kunst, Kultur und Kritik zu erobern, geriet in den Rang einer unverschämten Zumutung. Wer sich blöd stellt angesichts von Gedanken, die mehr und anders sind als die medial vertrauten, darf dagegen mit breiterer Zustimmung rechnen. Der Arbeiter, der nach dem Kapital auch noch die Kritik der reinen Vernunft lesen wollte, sollte undenkbar werden, der Student, die Studentin, die es mit ihm gemeinsam (beide in Demut und Stolz verbunden) tun, ebenso. Groß denken dürfen nur die Kapitalisten; wir dagegen, wir richten uns in kleinem Denken ein, und je kleiner das Denken, desto erfolgreicher ist es auf dem neuen Kulturmarkt, der für das »Intellektuelle« nicht einmal mehr ein Hinterzimmer reserviert. Für uns sind die Kolumnen aus dem lustigen Alltagsleben gedacht. Jetzt treffen wir uns nicht mehr auf dem Zauberberg, sondern im Dschungelcamp.“

So schrub Georg Seeßlen jüngst zutreffend in der KONKRET. Der ganze Text ist großartig.

Was er nicht beschrub, war die freiwillige Beschränkung des Denkens all der WHM-Intellektuellen auf den europäischen Kanon.

Ich habe mir das zweifelhafte Vergnügen gegönnt, mir das Programm des diesjährigen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Philosophie in Münster anzuschauen. Oje. Ich war geradezu erschüttert. Philosophie als Philosophiegeschichte, vor allem Kant – wie zur Dekoration ein wenig Gender, ein wenig „asiatisches“ Denken, aus den USA nur und ausschließlich analytische Philosophie. Nix aus „Afrika“ oder „Lateinamerika“. Eine selbstreferentielle Suppe wie auf der Gegengeraden.

Was sehne ich mich da nach dem „Magischen Realismus!“

Das Interessante an Deleuze ist, dass er sich redlich mühte, das Werden, nicht das Sein begrifflich möglichst unorthodox und kreativ zu um-denken, durch und durch produktiv. Das ist ja eines dieser ständigen, philosophischen Probleme:  Man klebt eben an dem, was ist, wenn man die Diagnostik in den Mittelpunkt stellt, und gelangt zum Werden nicht. Das ist auch das Drama an der ganzen Antidiskriminierungsarbeit: Man landet gar nicht bei dem Besseren, weil fortwährend die Vorgaben der Hater zu analysieren und zu beantworten sind.

In der Humboldt-Uni, welch Hohn, ausgerechnet da, steht – oder stand? – großartig dieser Satz von Karl Marx an der Wand, es ginge nicht darum, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu verändern.

Formuliert man das auf Marx sich berufend, beginnt sofort der Chor der rechten Schreihälse: „Soziaingenieurstum! Das Erschaffen des neuen Menschen! Totalitär““ und all der ganze Blubb, die Blasen, den all die neoliberalen Sozialingenieure in stetem Änderungswillen aggressiv und mörderisch selbst fortwährend durchsetzen. Als deren Schatten allerorten die genau so schlimmen Verfechter „natürlicher Ordnungen“ politisch grausam wirken.

Einer der groteskesten Filme, die jüngst ich sah, war „Prakti.com“. Zwei mittelalte Verkäufer bewerben sich, frisch gefeuert, um ein Praktikum (!!!) bei Google und müssen dabei absurde Prüfungen bestehen – mit der unheimlichen Pointe, dass ja auch die Fähigkeiten des „alten Eisens“ noch lange nicht obsolet seien. Und dann stehen sie da in einem Foyer, quietschbunt, unzählige Youngster als Publikum applaudieren dem Team der „Outsider“, dass sie einen Praktikumsplatz  (!!!) erkämpft haben. Yes! Das wurde aus den Heldentaten. Ich war ein wenig fassungslos. Auch, wie als Ideologie eine „Google-Philosophie“, ein Zerrbild längst vergangener Utopien, auf Psychen wirken sollte.

Ich erinnere mich, damals noch Philosophiestudent, wie ich zu Beginn meines zweiten Praktikums bei meinem damaligen Chef saß in Gehaltsverhandlungen und mir großartige Vorträge anhören müsste, dass ich froh sein könne, überhaupt bezahlt zu werden, draußen würden Unzählige Schlange stehen, dort ein Praktikum machen zu dürfen.

Später habe ich der Firma in vielen Jahren Millionen eingespielt und ordentlich Image generiert. Ich hatte halt den Übergang vom philosophischen Begriff zum „Konzept“ im Sinne der Massenmedien ganz „gut“ vollzogen, viele dieser wurden realisiert. Um eines Tages erst bloggend mich wieder dem annähern zu müssen, was ich selber denke. Ich hatte es vergessen, weil ich selbst zensierend all diese Sprüche nicht mehr hören wollte, die zwangsläufig folgten, wenn ich selber dachte und Andere Anpassungen an „Philosophien“ forderten.

Da wurde schon auch eine ganze Menge Wirklichkeit, auf das ich stolz bin. Das Werden freilich, das Deleuze meinte, das blieb zunehmend auf der Strecke.

„Je mehr aber die Philosophie mit schamlosen und albernen Rivalen aneinander geraten war, desto mehr begegnete sie ihnen in ihrem eigenen Innern, desto mehr fühlt sie sich zur Erfüllung der Aufgabe getrieben, nämlich Begriffe zu schaffen, die eher Meteoriten als Waren sind. Mit schallendem Gelächter vertreibt sie ihre Tränen. So ist denn die Frage der Philosophie der singuläre Punkt, an dem sich Begriff und Schöpfung aufeinander beziehen.“

Deleuze/Guattari, a.a.O., S. 16

Schaut man sich das Programm des Kongresses in Münster an, ist das Gegenteil der Fall. Ein Restglimmen vergangener Einschläge.

Wie aber nun wendet mensch sich wieder dem Werden in diesem Sinne zu, ohne dass all die Versuche vom Homo Sacer bis zu Empire und Multitude wieder verschwinden oder von den Falschen rezipiert werden?

Am meisten findet mensch bei Autorinnen wie Bel Hooks. Nimmt mensch sie ernst: Was für Meteoriten könnten das sein, die mal jenes Schema auflösen, das Seeßlen so treffend beschreibt und die nicht immer nur verglühend am Löffel des falschen Ganzen kleben, indem sie in der immer gleichen Kanon-Suppe schwimmen?

Ich suche noch. Aber vielleicht hat ja jemand eine Idee.

 

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