Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wirtschaft ist Politik nicht äußerlich, liebes Noch-Präsidium des FC St. Pauli!

Ich gebe es ja zu: Am 1:1 in Nürnberg war ich schuld und übernehme die volle Verantwortung.

Ich darf Spiele nicht in livertickerähnlichen Instanzen verfolgen.

Und doch habe ich ungefähr um 13.15 h bei Twitter hinein gelinst. Erst erfreut, was, so schnell in Führung gegangen? Ratsche, Fussballgott! Doch, die Timeline herunter gescrollt, Fragen nach dem „Warum?“ ploppen auf. Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als ich meinen Blick in den Flow der Tweets eingelockt hatte, war der Ausgleich gefallen. Schnell machte ich alle Geräte dicht und guckte erst um 15.30 h wieder nach. Für das 2:2 kann ich somit nichts.

Nun sind wir Siebzehnter. Okay, bis Platz 6 sind auch nur 6 Punkte, und wir sind punktgleich mit anderen Vereinen bis zum zwölften Platz oder so – dennoch: Herzlichen Glückwunsch, liebes Noch-Präsidium des FC St. Pauli, für diese sportliche Entwicklung!!!

Ein Präsidium, das vor lauter Selbstbeweihräucherung wohl übersehen hat, dass es für diese sportliche Situation weit mehr Verantwortung trägt als der derzeitige Trainer, der erst einmal eine Folge von Fehlentscheidungen ab- und aufzuräumen hat und ja prima strukturell zu agieren vermag.

Die letzte Amtszeit von Orth und Co zeichnet sich im wesentlichen dadurch aus, dass sie wahlweise zu dem, was sie nun an sich selber loben, getragen und per Jolly Rouge schon fast gezwungen werden mussten und dass sie im sportlichen Bereich ein Desaster nach der nächsten Peinlichkeit zu verantworten haben.

Sie haben den Nachklapp von Stanis Aufbauarbeit zunächst genießen dürfen, aber seit sich abzeichnete, wo die Probleme André Schuberts lagen, und das war im Frühjahr der Rückrunde, als noch weit oben in der Tabelle wir rangierten, schufen sie Posse um Spielverzögerung. Ja, Frontzeck half vorüber gehend, er kam zu spät insofern, dass das Schmierentheater rund um Schubert und Schulte vor der Sommerpause bereits eine Entscheidung hätte nach sich ziehen müssen – trotzdem an Michael Frontzeck ein herzliches Dankeschön!

Wie das freilich bei Teilzeitmackern so üblich ist, verhedderten sie sich in einem Machtkampf und waren dann wieder nicht in der Lage, im Falle Vrabec rechtzeitig, eben vor der Sommerpause, die Reißleine zu ziehen.

Dass nun allseits Rachid Azzouzi in den Fokus geraten ist, zeugt letztlich auch von der Verantwortungslosigkeit des Noch-Präsidiums. An so was erkennt man schlechte Chefs. Eben daran, dass jene, die unter ihnen arbeiten, auf einmal im Mittelpunkt der Kritik stehen und sie selbst lange Interviews über die eigene Großartigkeit geben. Man schützt die, für die man, und sei es auch ehrenamtlich, Personalverantwortung trägt und bastelt nicht noch massenwirksam Dolchstoßlegenden.

StPauli.Nu und Lichterkarussell haben treffsicher verbales Tackling angesichts unappetitlichen Nachtretens per Abendblatt-Interview in Anschlag gebracht. Völlig zu recht, ich stimme beiden zu.

Dass nun auch noch die Edelfedern vom Abendblatt in Suggestivfragen von den „schwammigen Gründen“ des Aufsichtsrates faseln, dieses Präsidium satzungsgemäß nicht mehr zur Wahl zu stellen – man muss doch nur das Interview selbst lesen und weiß, was für eine auch noch typisch männliche Eitelkeit und Weltfremdheit an die Stelle eines reflektierten und vor allem selbst Impulse setzenden Präsidiums getreten ist. Tjark Woydt ist da ausdrücklich auszunehmen; der hat von der Fananleihe bis hin zu ehrlichem Engagement in der Antihomophobie-Frage ja gestaltet und Zeichen gesetzt. Herr Orth demonstrierte stattdessen auf der Bühne des CCH uns allen, dass er sich mit Fragen des Sexismus – ja, im Rahmen der „Susis Showbar“-Diskussion – in seinem Leben bisher noch nicht ernsthaft beschäftigt hatte.

All das ist freilich der sich selbst nicht minder als dieses Präsidium fortwährend selbst beweihräuchernden „Fanszene“ mindestens ebenso anzulasten.

Ich erinnere mich an diverse Gespräche, da Zufriedenheit mit den Akteuren geäußert wurde, weil Orth & Co so schwach wären und man sie so schön vor sich her treiben könne. Außerdem ist im Knast der Heteronormativität Eingepferchten halt ein Personal näher, das an den manchmal peinlichen Papa zu Hause in der Vorstadt erinnert. Nach all den Ausfällen gegen Corny, ja, es ist auch homophob, wenn lautstark gebuht wird, wenn jemand das Wort „schwul“ äußert, weil irgendwelche Heten sich davon „erpresst“ fühlen, war das aktuelle Präsidium wohl vertrauteres Personal.

Es war zudem so angenehm, denen vorzuwerfen, was selbst man tut:  Tagsüber Geld ran schaffen in Werbeagenturen, im Springer-Verlag, in Banken oder in großen Konzernen, wo man vorm Chef und neoliberalen Systemimperativen kuscht, um abends in Doppelmoral Anti-Kommerz zu fordern und sozialrevolutionäre Parolen zu schwingen. Und dann braucht Michael Meeske nur mal zu äußern: „das kostet uns aber eine halbe Million“, und alle schweigen furchtsam und reproduzieren genau das, was das Interview mit dem scheidenden Präsidium so erbärmlich macht:

Orth: Wir sind in erster Linie ein Sportverein und auch ein Wirtschaftsunternehmen, das auch eine große soziale Verantwortung im Stadtteil hat. Aber der FC St. Pauli ist kein Politbüro.

(…)

Spies: Unser Club hat sich ja schon dadurch ausgezeichnet, dass er mit der Lebenslüge im deutschen Fußball aufgeräumt hat, dass Sport unpolitisch sei. Das ist der Sport nicht. Er ist ein Teil des gesellschaftlichen Handels und der gesellschaftlichen Entwicklung. Der FC St. Pauli ist ein Sportverein mit gesellschaftlich geschärften Antennen. Deshalb sind Aussagen gegen Homophobie und Rechtsradikalismus völlig richtig und vereinbar. Aber der Club ist keine politische Partei mit angeschlossener Sportabteilung.

Zum einen hat keiner der Akteure aus dem Noch-Präsidium mit irgendeiner „Lebenslüge“ aufgeräumt, das haben die Fans schon 20 Jahre vorher getan. Die Fanräume geschaffen oder gar gegen Dauerbeschallung im Stadion wegweisend agitiert haben sie auch nicht; ich erinnere nur an ein paar LED-Laufbänder. Zum anderen ist diese Reproduktion des Unsinns, Wirtschaft und Politik seien einander äußerlich, Ideologie. Das bedingt einander. Und genau diese Trennung reproduziert auch „die Fanszene“, indem sie sich fortwährend irgendwo außerhalb situiert.

Wir, die guten, politischen Ehrenamtlichen, die das allerdings nur sein können, weil wir unsere Kohle in ganz alltäglichen Schweinereien scheffeln – und die eigene Teilnahme projiziert man am liebsten auf Management und ein vom ominösen „Freundeskreis“ bestimmtes Präsidium. Weil es so einfach ist. Und ergeht sich ansonsten in Symbolpolitik.

Vermutlich wird diese Ära nunmehr ein Ende haben: Oke ist ja viel mehr „einer von uns“. Da sind diese Spielchen nicht mehr ohne weiteres zu spielen. Er wird gar nicht umhin können, Politik und Wirtschaft zusammen zu denken. Darin liegt eine Riesen-Chance. Nutzen wir sie.

Eine Antwort zu “Wirtschaft ist Politik nicht äußerlich, liebes Noch-Präsidium des FC St. Pauli!

  1. Pingback: Ab jetzt gehts eigentlich nur noch aufwärts! #FCSP mit einem Punkt in Nürnberg. Und die anstehenden Wahlen – AR & Präsidium. | KleinerTods FC St. Pauli Blog

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