Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Fussballästhetik und popkulturelle Phantasmen: Fortuna Düsseldorf – FC St. Pauli 1:0

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Da schmierte ich vor geraumer Zeit schon mit Ölfarben ein Gemäldchen vor mich hin – und, huch, dann stellte ich fest, dass es OZ-Anspielungen enthielt. Dabei wollte ich mich mit Keith Haring auseinander gesetzt haben. Und die komplexen Werke von OZ kannte ich da auch noch gar nicht. Nur ein Gesicht in der Bildmitte, das hatte nie gestimmt. Nun verzierte ich es im Gedenken einfach mit einem pink Smiley.

Zum Thema – dem Dusseldorf-Spiel – leitet das sehr wohl über. Würde

ich an irgendeiner Hochschule lehren, so wären mein Thema popkulturelle Phantasmen, Szenarien, spielerische Raumzeitfilter, das Wort dafür habe ich noch nicht gefunden, da bildende Kunst, Musik, Philosophie und öffentliche Räume für Körpererfahrungen sich zu etwas Emanzipatorischem verdichteten,

Das Metalustversum lebt ja davon und müht sich um subdiskursives Untermalen und Überlaufen. Das BeBop/Cool Jazz/Abstrakter Expressionismus/früher Existentialismus/Beat-Generation-Szenario ist so eines. Da gibt es immanent ebenso viel zu kritteln wie zu lernen.

Wäre ich jetzt ein Meister des Theoriemarketings mittels multipler Metaphernbildung wie Gilles Deleuze zum Beispiel („Rhizom“, „Ritornell“, „Nomadentum“, „philosophische Guerilla“), hätte ich es damit vielleicht weiter gebracht als nur zum Blogger und würde aus irgendeinem Biologiebuch oder Wortsammlungen sonstiger, entfernter Disziplinen – vielleicht der Archäologie oder einer fernöstlichen Grammatik – einen Terminus fischen und dem Weltmarkt feil bieten, in dem sich diese Perspektive verdichtet. Das meine ich frei von Ironie, diese ganze Metaphorik ist ja durchaus schöpferisch, und dass das Werden minoritär, aber nicht elitär ist, da bin ich auch ganz bei Gilles Deleuze.

Die später 70er, frühen 80er sind auch so ein Phantasma/Szenario. Nicht, wie manche glauben, nur wegen des Punk. Sondern wegen all der Kreuzungen und Schraffierungen, der Wildwüchse und Ornamente, die sich aus dem verzweigten Werden des Zugleichs von Disco, Post-Punk, Graffitti, frühem Hip Hop – „The Breaks“ von Kurtis Blow habe ich neulich beim FSK gespielt – und wüsten Club-Kulturen insbesondere in New York, aber auch in den sterbenden Industriestädten Großbritanniens heraus bildete.

Da gehört sehr viel hinein, von Joy Division über P.I.L. und die Specials bis hin zu Grace Jones, Grandmaster Flash und den B 52s wie auch Lydia Lunch.

Philosophien schmolzen sich ein wie jene Stuart Halls, der in Birmingham Entscheidendes sowohl zu einem Selbstbewusstwerden popkultureller Strömungen wie auch zu den postkolonialen Studien beitrug. Das allerdings im explizit neomarxistischen Sinne und in Fortschreibung von Fragestellungen der Arbeiterbewegung. Diedrich Diederichsen schrub, wie allesamt „Intensitäten“ von Francois Lyotard lasen, und der New Pop in Großbritannien zitierte explizit Jacques Derrida. Das liest sich nun wie dusseliges Namedropping; man nutze es als Google-Guide, es lohnt sich.

Wie üblich wählten viele in Deutschland einen teilkuriosen Sonderweg. Nur schlecht war der aber auch nicht. Hier formierte sich das, was später „Neue Deutsche Welle“ wurde. Da gab es Highlights wie D.A.F., die sich in Kommunikation mit Disco und dem, was später House werden sollte, befanden. Fehlfarben versuchten, Riffs wie Nile Rodgers von Chic zu spielen – so entstand das berühmte „Es geht voran“. Die Einstürzenden Neubauten fragten sich unter dem Einfluss von Aufnahmen vermeintlicher „afrikanischer Stammesmusiken“, spezifischer ging ja doch nicht in Deutschland, was das Äquivalent dazu unter den Bedingungen sterbender Industriegesellschaft wäre und legten los, musizierend mit dem Müll der Städte.

Die „Neuen Wilden“ in der Malerei waren zauberhaft queer und wiederholten doch viele Fehler und Klischees der Expressionisten einst hinsichtlich der Mythen vom „Primitiven“, während Kippenberger sich anschickte, Künstlerfürsten tatsächlich witzig vom Sockel zu stoßen in grandiosen Aktionen wie „Lieber Maler, male mir!“, da er ausdrücklich von Plakatmalern geschaffene Werke signierte und als Kippenberger ausstellte. Leider schuf er auch eine Blaupause für all die drögen Formen dahinwesender Ironie, wie sie Martenstein und andere Langweiler heute unendlich breit treten.

Man glaubt es kaum, aber das schoss mir tatsächlich alles gestern vor Anpfiff durch den Kopf. Einfach, weil Düsseldorf damals Zentrum der „Bewegung“ war. Der Ratinger Hof und die Kunstakademie wussten tatsächlich die Republik zu befruchten. Man kann die teils unglaublichen Geschichten, vor allem rund um den KFC, in „Verschwende Deine Jugend“ nachlesen, und trotz ZickZack-Label, Abwärts und Palais Schaumburg ist zuzugeben, dass die Dusseldorfer Szene – und übrigens auch die in Hannover – in mancherlei Hinsicht origineller und vielfältiger war als die hanseatische mit ihren Punk-Mythen. Ich hatte mal die Ehre, bei Carmen Knöbel, die den Club betrieb, alte Videos sichten zu dürfen: Toll. In Hamburg verprügelten derweil Punks Mitglieder von Palais Schaumburg, weil die für sie Popper waren; eines von Kippenbergers zwiespältig „witzigsten“ Bildern ist „Dialog mit der Jugend“: Aufnahmen von ihm als Schwerverletztem, nachdem er von einer Horde Punks ins Krankenhaus getreten wurde. Er betrieb damals unter anderem das SO 36.

Natürlich war schon zu jenen Zeiten die Ästhetik des Schönen, lange vor dem Punk, verabschiedet worden. Auch „hässlich“ liegt im Auge des Betrachters.

Aber die erbärmliche Seite des gestrigen Spiels zeigte sich nicht nur in der Halbzeitpause, als Die Toten Hosen ausschnittsweise und Thees Ullmann bei Sky im Intervjew zu sehen waren. „Der große Campino“ mit seinem Zauberer-Koffer war ja sozusagen bei seinen Auftritten im Ratinger Hof der Anfang vom Ende der punkinspirierten, Düsseldorfer Szene. Und man kann ohne Ende lästern über Tocotronic, Die Sterne oder Kante: So was wie die Toten Hosen waren und wurden sie nie. Okay, sie hatten auch schon die Chance, aus dem Desaster zu lernen. Und der Hamburger Hip Hop war auch immer reflektiert genug, zu wissen, was er nicht ist – mit Ausnahme von Jan Delay.

Dass da nun auch Thees Ullmann daneben stand, sollte allen St. Paulianern eine Warnung sein. Ja, das eine Lied in seiner Bierseligkeit mag ich auch. Das ist im Sinne des ungebrochenen Distinktionswillens trotzdem nicht akzeptabel, sich derart auf Düsseldorfer Niveau zu begeben. Da kann man auch heute noch von Der Plan mehr lernen (Moritz R. bezeichnete sein Wuppertal als „Vorort von Dusseldorf“), weil die von den Residents lernten. Manchmal ist ja möglich, zeitliche Verläufe im Sinne des Virtuellen kurzerhand aufzulösen und umzukehren.

Also das zu tun, was unsere Mannschaft in den ersten zwanzig Minuten gestern uns vorgemacht hat. Das hatte teilvisionäre Züge. Völlig unbeeindruckt den Gegner mit Sexyness hypnotisieren.

Klappte leider nur, bis die Düsseldorfer mit einer Altbier-Variante des Splatterns konterten, wobei sie daran scheiterten, auch nur im Ansatz an die Radikalität des KFC von einst heran zu reichen. Manch ekliger Splatterfilm mag die Höhen der Kunst durchaus erklommen haben; fussballästhetisch betrachtet, war das aber gestern die Kirmes-Variante, ganz, als würden Die Toten Hosen versuchen, einen Buttgereit- oder Wes Craven-Film zu drehen. Klar würde das Menschen ins Kino locken, die Kirmes gröhlt halt zu dieser Form des Ekligen. Klar haben sie verdient gewonnen mit ihrer Inszenierung einer Form des Spielens, die an das Trollen in Kommentarsektionen erinnerte.

Traurig fand ich ja, dass die Unseren phasenweise sich dem anähneltes, weil ihnen. angesichts des fussballerischen Mundgeruchs der Düsseldorfer, auch nichts mehr einfiel. Na, kurz mal doch, immerhin hat Verhoek noch ein Tor gemacht.

Klar hatte die Fortuna auch ein paar Spiielzüge, die richtig cool waren, Kompliment. Aber der Gesamteindruck blieb doch der Ekel angesichts Existenz des Erfolgs einer solchen Spielweise.

Da gibt sich ein an sich sympathischer Verein auf. Sah man ja auch an den unsinnigen Transparenten des Indiewiegelegens der Vereinszugehörigkeit statt „politischer Belehrung“: Erübrigt sich wohl, darauf hin zu weisen, womit so was gedanklich in Verbindung steht.

Das, was unsere Mannschaft da machte in den ersten zwanzig Minuten, das hingegen bleibt zukunftsweisend, Ich glaube wirklich, dass die Rückrunde uns gehört. Dass Meggle da auch zusammen mit Team ein neues, fussballästhetisches Paradigma installiert, Tanzschritt für Tanzschritt, Pinselstrich für Pinselstrich – oder auch gesprühlingt,

Das Werden ist halt minoritär. Hoffentlich gelingt es uns auf den Rängen, damit Schritt zu halten.

3 Antworten zu “Fussballästhetik und popkulturelle Phantasmen: Fortuna Düsseldorf – FC St. Pauli 1:0

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