Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Shitstorm initiieren, weil ihr Kunst gar nicht könnt, liebes Schauspielhaus?

Habe soeben bei Facebook einen Text von stpauli.nu geteilt und kommentiert; ich hole das noch schnell hier mit rüber.

Weil ich die Befürchtung habe, dass das gerade falsch diskutiert wird (ich lasse mich da gerne korrigieren).

Es ist davon auszugehen, dass die Schauspielhaus-Akteure die Diskussionen rund um gewalthaltige, rassistische Begriffe und Blackfacing kennen und verfolgt haben. Beides ist sehr gut dokumentiert, und es macht keinen Sinn mehr, das nun ständig und immer wieder jenen gegenüber aufzurollen, die die Argumentation mutmaßlich sogar voraus setzen. Die zivilisatorischen Standards sind klar benannt; wer derart großflächig dahinter zurück fällt, WILL das wohl so.

Leider ist in diesem Fall zu vermuten, dass das Schauspielhaus zum wiederholten Male wider besseren Wissens das Ganze eben in der Absicht so inszeniert, um die entsprechende und berechtigte Gegenwehr zu Publizitätszwecken zu nutzen. Weil das, was da sonst als „Kunst“ inszeniert wird, keinerlei Relevanz mehr erzeugt. Und wohl auch, weil mutmaßlich ein Interesse daran besteht, auf einem klar weiß dominierten Feld wie dem Theater Rassismus zu zementieren. So finden sie wohl wieder Gehör.

Was um so umverschämter bei diesem Stück ist. Genets Werk ist halt wie Jean-Paul Sartres „Die ehrbare Dirne“ ein Versuch gewesen, so etwas wie „Critical Whiteness“ zu betreiben, als es den Begriff noch nicht gab. Da ging vieles schief; das mag den Versuch aus der Zeit heraus tatsächlich ehren, das Resultat aber kann es nicht adeln.

Und BEIDE würden, würden sie sich heute noch äußern können, vermutlich vehement dagegen wehren, dass die Stücke noch aufgeführt werden, weil der „Zeitkern“ zu dominant ist – Genets Direktive, im Text bei stpauli.nu zitiert, belegt das ja deutlich und schafft exakt den Raum dafür, jenen, die von Rassismus betroffen sind, diese Entscheidung zu überlassen aus sehr guten Gründen.

Was das Schauspielhaus daraus macht, ist meines Erachtens multipel perfide, weil es den Protest mutmaßlich bereits einkalkuliert – wie Teenies auf dem Schulhof, die es witzig finden, Ausgegrenzte und Herabgewürdigte so lange zu piesacken, bis diese emotional angemessen reagieren.

Das ist pubertäre Grütze, in meinen Augen öffentlich inszenierter Sadismus, und in der Tat stellt sich da die Frage, was die Subventionierung solcher pubertär agierenden Häuser noch legitimiert. Sollen sie doch aufführen, was sie wollen, um sich dann über vermeintliche „Zensur“ zu beklagen, weil ihnen künstlerisch sonst nix mehr einfällt – Förderung oder Aufmerksamkeit verdienen die echt nicht mehr.

2 Antworten zu “Shitstorm initiieren, weil ihr Kunst gar nicht könnt, liebes Schauspielhaus?

  1. MartinM Oktober 5, 2014 um 7:21 pm

    Ich frage mich, was über die billige Provokation und das ebenso billige „Man-wird-doch-mal-sagen-düfen“ das Schauspielhaus geritten hat, dieses Drama aus dem Jahr 1959 wieder auf die Bühne zu bringen. Laut „Wikipedia“ war das erwähnte Stück Jean Genets eine Auftragsarbeit des Regisseurs Raymond Rouleau, der sich ein Stück für ein rein schwarzes Ensemble wünschte – und auch, dass Rouleau und Genet an der Inszenierung scheiterten. Auch dass das Stück nur selten aufgeführt wurde, was auf der „Wikipedia“ damit erklärt wird, dass Genet nicht von der Vorgabe abrückte, das Stück ausschließlich mit Schwarzen zu besetzen (gibt es wirklich so wenige Schwarze Schauspieler?), spricht, wie ich vermute, nicht unbedingt für eine wirklich herausragende Qualität.
    Der Ehrgeiz, unbedingt ein Stück aufzuführen, das selten gespielt wird? Möglich, aber es gibt einen gewaltigen Fundus an „zu unrecht vergessenen“ Dramen.
    So ungern ich es, als Anhänger der öffentlichen (und öffentlich geförderten) Theater, einräume: Es bleibt tatsächlich nur die billige, den Skandal gleich einkalkulierende, Provokation.

  2. momorulez Oktober 5, 2014 um 7:31 pm

    Ja. Bei Facebook habe ich ja auch gefordert, doch lieber der Lampedusa-Gruppe das Schauspielhaus zu übergeben. Die wüsste das besser zu bespielen.

    Ich hatte das aus Feigheit bleiben lasse, weil dann ja alle „Zensur“ schreien, obgleich doch de facto Schwarze, Frauen und LGBTIQ-People fortwährend durch Praktiken wie des Schauspielhause Zensur erfahren – sie finden ja nicht statt als relevante Perspektive, da kann Genet noch so schwul gewesen Ich könnte auch auf Anhieb 5 PoC sagen, die denen Stücke schreiben würden, dass ihnen die Ohren ab- und die Augen ausfallen. Der Bezug auf den Kanon führt ja auch zu Ausgrenzung als Form der Zensur. Es GIBT Stoffe, es GIBT Schauspieler, es GIBT jene, die das Know-How haben, deren Laden mal höchst relevant aufzumischen. Sie WOLLEN es aber nicht. Da kann ich noch so sehr für Kultursubventionen sein, die schaffen ja Plädoyers dagegen.

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