Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Die Dialektik von Ordnung und Varianz: FC St. Pauli – Union Berlin 3:0

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Die kurioseste Passage im OZ-Buch ist, es wundert kaum, jene, da psychiatrische Gutachten sich des Sprühlings annahmen. Die Funktionsfähigmacher, Unterdrogensetzer (ja, manche brauchen das Zeug auch und dann ist es ja gut so, wenn sie’s bekommen) und ihr Blick: Irgendwie schwingen da oft die Elektroschocks mit, die man Schwulen einst zum Abgewöhnen des Begehrens verabreichte.

Eines dieser Highlights der Indvidualisierung des Strukturellen, des Aufbürdens kollektiver Zurichtungen dem Einzelnen spricht aus einem der Gutachten zu OZ: „Aufgrund seines schweren Schicksals neigt Herr F. dazu, sich in Dinge hineinzusteigern. Er fühlt sich leicht abgelehnt und verfolgt“.

Und das wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt, da auflagenstark der Boulevard ihn wortgewaltig hetzte, Innensenatoren in spe ihn für immer einsperren wollten.

Ihn, dem das Leben von Sozialhilfe von der BILD um die Ohren gehauen wurde, als müsse man an ihm das Exempel all der für nutzlos, überflüssig und dsyfunktional Erklärten statuieren. Die nicht auch noch wagen sollen, die Schnauze aufzumachen – oder gar zu sprühen.

Ihm, der noch bevor die CDU Wahlkampf gegen „Brandt alias Frahm“ machte, um die uneheliche Herkunft wie auch das Nutzen eines Tarnnamens im Widerstand gegen die Nazis herauszustellen, außerhalb der christlichen Zwangsehe in diese Welt geworfen von Caritasschwestern als „Satansbrut“ bespuckt wurde. Er kritzelte daraufhin auf Tischen herum, und die Sozialhygieniker rasteten aus. Immer wieder, immer neu – wie OZ da wohl den Eindruck bekam, in einer ihm feindselig begegnenden Welt zu leben, auch weiterhin, also, ganz klar ein Knacks. Der steigerte sich da nur rein.

Lustig auch der psychiatrisch geäußerte Satz „Er sprüht, um der Welt zu zeigen, dass er da ist!“ Was man so wohl angesichts jedes Facebook-Kommentators, jedes Innensenator-Statements und jedes Hupens auf der Straße ebenso diagnostizieren könnte. Dass nun ausgerechnet Redakteure großer Schmierfinkblätter fragten, wie „gestört“ dieser Mann sei, während sie fortwährend einvernehmliches Miteinander stören, na, manch Kommentator unter Fotoveröffentlichungen des FC St. Pauli scheint sich dem Hörensagen nach dem angeähnelt zu haben. Legalismus ist ein Zeichen für mangelndes, demokratisches Bewusstsein, ihr Lieben.

Nun stand das gestrige Spiel ganz im Zeichen von OZ, und das war auch gut so! Wie cool die quietschbunte

Choreo auf der Süd! Super!!!

Wie großartig dieses geOZte Banner, die ganze Kurve entlang, ornamental, gepunktet, fast wie Club Culture der 80er sah das aus – als Kontrapunkt zu der grausigen und ausgrenzenden musikalischen Beschallung vor dem Spiel mit Hard- und Heavy-Varianten entbluester, weißer Hetero-Gitarren-Riff-Kultur, ein Meer farbenfroher Luftballons. Da wird manchem Verfechter des Purismus schwarzer Fussballschuhe hoffentlich die Schamesröte ins Gesicht gestiegen sein.

Farbkartons prägten dann auch den Spielverlauf. Union fühlte sich schlecht behandelt wegen des frühen Rot. Mir schien es nicht unplausibel, sei’s drum: So uneinschätzbar ich deren Crowd ja finde, nach dem Spiel mussten vor der Domschänke wohl auch noch einige aufgeklärt werden, dass „schwul“ kein Schimpfwort sei, so sehr bewundere ich ja deren Intensität, mit der sie ihren Verein leben. Ich finde den Präsidenten prima und schließe mich unserem Stadionsprecher an, dass sie uns erhalten bleiben mögen. Solche Spiele kennt man ja umgekehrt allzu gut, so empfand ich durchaus Emphatie. Demoralisiert spielten sie erst noch mit, und dann, als sie sich mühten, doch noch den Ausgleich zu schaffen und drängelten, fingen sie sich noch 2 Gegentreffer, wie der Fussball halt so spielt. Fühlt sich Scheiße an.

Was mich von der Freude über das Spiel unserer Mannschaft nicht abhielt😀 – da waren ja auch schon einige in Fernpsychiatrie vom Abendblatt übelst zu „Patienten“ und „Pflegefällen“ in diskreditierender Absicht erklärt worden, und manche Statements im Forum ließen mir eiskalte Schauer über den Rücken laufen. Bin mir sicher, dass auch der zauberhafte Tom Trybull es genau denen noch so was von zeigen wird und ihnen spielerisch einen Smiley über das Schandmaul sprühen wird!

Was Meggles Aufbauarbeit aus den Trümmern attackierter Psychen – und nein, nicht der Attackierte ist „krank“ oder „labil“, es liegt am Aggressor! – zu leisten vermochte, unterstützt vom immer risikoreich und frech aufspielenden Okan Kurt und dem So-lange-nachsetzen-bis-es-klappt-Startsev wie auch dem grundsouveränen, immens ball- und pass-sicheren Alushi, Wahnsinn!

Die Dialektik von Ordnung und Varianz klappte immer besser. Ratsche blühte auf, als habe er sich mit Positive Thinking gedopet. Über Budimir mussten natürlich wieder einige lästern hinterher; ich fand es enorm, wie der sich konstant ackernd in alles Brenzlige hinein warf und Angst und Schrecken verbreitete, so dass Union ihn fortwährend doppelte – wie auch zwei Flanken von Nöthe präzise auf Antes Schädel grandios waren. Nöthe, der bis auf eine misslungene Aktion ja sein merkwürdig verhaltenes Tarnkappenspiel mit plötzlichen, überraschenden Vorstößen ausbauen durfte, das wird noch viele Abbstaubertore geben, wenn alle sich auf Budimir konzentrieren und er dann zuschlägt; also, wenn das so weiter geht, sich stabilisiert, dann ist spätetestens die Rückrunde wirklich unsere.

Dass die Mannschaft allmählich den St. Pauli-Spirit, diesmal im Zeichen von OZ, ganz und gar gefressen hat, zeigte auch das allseits geteilte Foto mit dem „R.i.P. OZ-Plakat“. Nicht zufällig hielt es u.a. Kurt, dessen Jugendmannschafts-Kumpel schon mal auf der Polizeiwache landeten, wenn sie auch nur auf offener Straße einen Stift aus der Tasche zogen, ohne damit auch nur irgendetwas gemacht zu haben. Sie KÖNNTEN ja taggen und wurden halt als „migrantisch“ gelesen.

Nee, nur ein wenig Outlaw-Culture hält den Rechtsstaat flexibel und Demokratien in der Entwicklung.

Und mag der FC St. Pauli auch schon lange kein Underdog mehr sein: Wahrt er nicht seine Solidarität mit diesen, so schmiert er ab.

Bewahrt er sie, dann sind die Fanräume nach dem Spiel derart brechend voll, dass ich gar nicht mehr hinein kam, obgleich doch der FC Lampedusa gekocht hatte. Auch dessen Team trotzte der Kriminalisierung bisher großartig und imposant, trotz DGB und alledem … diese utopischen Zwischenräume, jene im Spannungsverhältnis von Faktizität und Transzendenz, sie wurden mit bunten Luftballons und gesprühter Ornamentik halt bestmöglich ausgefüllt.

Der FC St. Pauli lebt wieder und siecht nicht mehr. Danke! So ist es schön, St. Paulianer zu sein ….

6 Antworten zu “Die Dialektik von Ordnung und Varianz: FC St. Pauli – Union Berlin 3:0

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  4. cut Oktober 20, 2014 um 8:16 am

    Hoffen wir mal auf ein schönes Spiel heute!

  5. momorulez Oktober 23, 2014 um 3:04 pm

    Sorry, Cut, habe Dich gerade erst im SPAM entdeckt! Schön war es ja nicht, aber für euch erfolgreich😉 – Glückwunsch!!!

  6. cut Oktober 26, 2014 um 3:42 am

    Spam? So was!😉 Hatte ich schon befürchtet. Nicht weiter schlimm. Und wenn es auch kein schönes Spiel war, so war es doch ein schöner Abend.

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