Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Die Mauern müssen bersten vor Glück!“

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Gestern angekündigt, heute ausgeführt: Das Überschreiben und Oz.

Mit dem Musical habe er gar nichts zu tun und bedaure das, sagte er. Er sei ja kein Zauberer.

Unmittelbar nach Oz‘ Tod, R.i.P.!, ist nun das Buch „Zwischen Repression, Revolte und Kommerz“ erschienen, herausgegeben von Andreas Belchschmidt, Kp Flügel, Jorinde Reznikoff.

Es macht tatsächlich Spaß, darin herum zu blättern und sich anzuschauen, wie Oz die Stadt
umdefinierte – und wie ihm das vor allem gelang, weil keinerlei Versuch von ihm ausging, nun cool, sexy, virtuos oder sonstwie sonderlich beeindruckend zu sein. Um gerade deshalb zu beeindrucken.

Verglichen mit manch opulenten, 3D suggerierenden Kunstwerken an städtischen Wänden samt Lichteefekt und Outline oder Grafik-Design adaptierenden Künstlern, deren Werke ebenfalls im Band abfotografiert sind, ist dieser immer raumfüllendere Gestus des Punkt, Punkt, Strich auf Fläche derart von der POSE entfernt, dass die Smileys Mensch WIRKLICH anlächeln.

Der Band versammelt einige Texte, aus verschiedensten Perspektiven nähern sich dem Künstler Autoren an: Biographisch, kunstgeschichtlich, im Zusammenhang des Galeriensystems, soziologisch – unbedingt lesenswert die Ausführungen zu Pierre Bourdieus Raumkonzept! – und auch aus der Sicht von Politaktivisten.

Am spannendsten fand ich einen Text von Andreas Beuth, seinem Anwalt. Und das deshalb, weil ja zunehmend so was wie eine vermeintlich linksliberale Sehnsucht nach den AfD-Erfolgen und dem FDP-Zusammenbruch sich breit macht.

Nun ist Kern des Liberalismus der Eigentumsschutz, deshalb eiern auch immer alle z.B. deliberativen Ansätze der Demokratiebegründung so um das Thema herum und widmen sich lieber Verfassungsgerichtsbarkeit und den Grundlagen demokratischer Verfahren, weil sie sich mit so „schmutzigen“ Themen wie der Hatz auf Oz lieber gar nicht auseinander setzen wollen. Wie vom Boulevard bis Schill sich alle in Lynchlust auf diesen Besitzlosen stürzten, das noch mal zu lesen ist alleine schon beängstigend bei der Lektüre des Buches. Menschenjagd.

Andreas Beuth hingegen haut einen geradezu revolutionären Ansatz heraus: Dass es nämlich nicht klar sei, ob der grundgesetzlich garantierte Eigentumsschutz prioritär gegenüber der ebenso garantierten Kunstfreiheit sei.

Kunstpause.

Das muss man sich einfach mal auf der Zunge zergehen lassen. Aus der Perspektive wäre Oz verfolgt worden als eine Art Verfassungspatriot wider Willen.

Da gerät tatsächlich eine allseits internalisierte Hierarchie der Grundrechte ins Wanken.

Letztlich ist ja das, was hierzulande als Demokratie exekutiert wird, Besitzstandswahrung, da nehmen sich Verbeamtete, Elbvorortler und der DGB gar nichts. Ich weiß, dass es diese These auch von rechts gibt, das sollte nun nicht freilich dazu dienen, sie da auch weiter zu belassen. Ebenso wie die ach aufrechten Antifaschisten, die gegen PC wettern und unter Kunst das Recht auf Herabwürdigung ganz im Sinne des Stürmers oft verstehen, meist für schlechte Kunst nur plädieren.

Dem sollte man sich ganz im Sinne der Kunstfreiheit annehmen und so eine Alternative zur einseitigen Privilegierung des Eigentumsschutzes voran treiben. Auch, um „Kreativität“ den Stadtplanern und Werbern, ja, ich mag viele derer, zu entreißen. Genau das war ja die Praxis von Oz: Werbung und grau sich sprühend widersetzen.

Empowerment. So lese bzw. gucke ich ja Oz. Dem Buch entnehme ich, dass Oz als uneheliches Kind mit Gaumenspalte in ein katholisches Kinderheim abgeschoben wurde. Oz berichtet von Demütigungen, Feindseligkeit und religiösem Sadismus. Und hat die Erfahrung als Quell genutzt, angemessene Antworten zu sprühen.

Hat das Überschreiben seiner Erfahrung kurzerhand umgedreht und das ihm Zugefügte selbst überschrieben. Buchstäblich.

Erzeugte stattdessen eine Welt, die ihn – und uns – anlächelte, Buntes, das nicht dazu diente, den Besitz Besitzender noch zu mehren, sondern einzig den funktionalen Sauberkeitswahn einer von Sozialhygiene geprägten Gesellschaft in den nicht-instrumentellen des Grußes, des „Willkommen!“ verkehrt. Er hat wohl tief und früh und immer wieder erfahren müssen, was es heißt, nicht willkommen zu sein. Und trotzte dem. Immer wieder. Bis zum Schluss.

Anders als diese USP-Tags, die selbst Terrains markieren, habe ich Oz‘ Kürzel immer als eine Art „Hallo, wie geht’s?“ jenseits der Floskel gelesen. Das Lächeln folgte dann ja auch noch. Ein unaufdringliches Zuzwinkern. Ich bin bei Dir und zeige Dir die Stadt, so wie sie sein könnte! Willkommen!

Die schönste Zwischenüberschrift im Buch ist ein Zitat des Expressionisten Franz Jung: „Die Mauern sollen bersten vor Glück“. Was für eine wundervolle Vorstellung! Und das durch ein Zurechtrücken der Eigentumsverhältnisse durch die Kunstfreiheit!

Selbstverständlich distanziere ich mich hiermit ausdrücklich von allen potenziell strafbaren Handlungen und verurteile sie zutiefst! Man muss ja vorsichtig sein, wo schon Menschen wegen T-Shirt-Aufdrucken verurteilt wurden …

Sich sorgen. Das steckt sogar in „Fürsorge“ mit drin. Heidegger hat das mit seiner „Sorge um sich“ vermutlich ungewollt gezerrspiegelt, was Oz boykottierte: Dass allesamt ständig in Sorge gehalten werden und mit vorsorgen, entsorgen und so weiter beschäftigt sind. Das ist ein angstgetriebenes Verhalten, und das geht immer gegen jeden selbst.

Das ist auch das Kennzeichen von Diktaturen und staatlichen Terrorregimen: Fortwährend Angst verbreiten. Deshalb ist Diskriminierung auch so effektiv: Sie verbreitet Angst und Schrecken. Deshalb wurde Hartz IV installiert: Um Angst zu machen. Deshalb diese ganzen künstlichen Verknappungen: Die Angst zementieren, zu kurz zu kommen. Als wäre nicht genug für alle da. Oz hat das illustriert.

Er war, auch das ist dem Buch zu entnehmen, einfach ungemein MUTIG. Der schöpfte einfach so aus der Fülle des Raumes.

Wen haben denn Anselm Kiefer, Gerhard Richter oder Neo Rauch wirklich INSPIRIERT außer anderen Künstlern und geschulten Interpreten?

Das unterscheidet Beuys, Basquiat, Haring und Oz einfach von den anderen: Tatsächlich ein abstraktes Grundrecht ins Leben überführt zu haben. So, dass es Mut macht.

Dankeschön!

2 Antworten zu “„Die Mauern müssen bersten vor Glück!“

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