Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„the idea is that two or three people can have a conversation with sounds, without trying to dominate it or lead it.“

Das ist wieder einer dieser Tage. Der heutige. Einer, da ich raus schreiben muss, weil sich sonst etwas im Kopf unaufhörlich weiter dreht. Das leitet aber direkt zum Thema über. Diese Gedankendreher kenne ich noch aus dem Job, diese endlosen Diskussionen mit sich selbst rund um die Sätze anderer Leute. Sie können Schlaflosigkeit initiieren, einen Burn Out signalisieren, auch Depressionen. Das Problem habe ich aktuell nun keineswegs.

Dennoch gibt es noch ein Phänomen, das eine sehr gute Freundin und Mentorin mal das „Überschreiben von Erfahrungen“ genannt hat. Mensch lebt genüsslich vor sich hin, sehnt, lacht und genießt, und ruuuuuums, fliegt einem von irgendwo ein Satz entgegen: Dass irgendein mexikanischer Bischof meinte, wenn Schwule und Lesben heirateten, würden manche bald ihre Haustiere ehelichen. Oder hübsche Jünglinge beschimpfen sich wechselseitig als „Schwuchtel“, man hört es im Vorbeigehen auf dem Schulterblatt – und plötzlich fliegt Mensch aus der eben noch so ganz eigenen Erfahrung, der Selbstverständlichkeit des Weltgenießens. Auf einmal dominieren wieder mehrheitsgesellschaftliche Perspektiven das ganz alltägliche Erleben. Natürlich ist Ziel, den ganzen Quatsch einfach zu ignorieren und die Hater nicht noch fortwährend aufzuwerten. Das ist nur gar nicht so einfach; je näher die Einschläge kommen, desto schwerer fällt es. So als soziales Wesen ist Mensch ja nicht autark.

Ich vermute mal, dass es sogar für solche, die aus Gewohnheitsrecht mit N-Wörtern um sich werfen oder Frauen herabwürdigen, weil man das unter Männern so macht, offenkundig fällt vielen Heten sonst das Begehren schwer,  sogar eine ähnliche Erfahrung ist, wenn sie darauf hin gerüffelt werden. Das ist dieser Moment, den Jean-Paul Sartre so vortrefflich in „Das Sein und das Nichts“ beschrieben hat“: Man ist so ganz im Seinsvollzug, und auf einmal trifft einen der Blick des Anderen. Er wählt den Blick durch das Schlüsselloch als Beispiel, bei dem ertappt wird – das ist ja übliches Motiv in Horror-Filmen: einer guckt durch, und auf einmal erscheint auf der anderen Seite auch ein Auge.

Der Unterschied in der Erfahrung, die man da macht, sollte dennoch offenkundig sein: Die Herabwürdigung strukturell diskriminierter Anderer, die ja nicht einfach so ein paar Worte sind, sondern die wie schweres Mobbing wirken, stellt aktiv einen Bezug zum Anderen her, der anschließend zurück gewiesen wird. Das erfahrende Subjekt, das einfach so durch die Straße tobt und plötzlich von verbalen Schlägen getroffen wird, ganz, wie es ihm bei gebracht wurde, dass diese immer und überall lauern können, hat keinerlei Bezug hergestellt und erfährt trotzdem eine Attacke. Söhne von Freunden stehen amüsierwillig an Straßenecken – plötzlich hält die Polizei, sie werden gefilzt, weil sie als schwarz gelesen werden. Mensch will mit weißen Freunden einen Club besuchen, nö, kein Einlass, der „Migrantenanteil“ sei schon zu hoch. Mensch im Rollstuhl fährt mit Freund an die Kaufhauskasse, der Verkäufer spricht nicht ihn an, der etwas kaufen möchte, sondern redet nur in Richtung des Begleiters.

Die aktuell perfideste Masche, den so fortwährend Attackierten das Problem wieder rüber zu schieben, was gesellschaftliche Zurichtungen ihnen antrainiert haben, ist die Pathologisierung und Pychologisierung. Ersteres tritt auf als scheinemphatische Bemitleidung all dieser ach so labilen und traumarisierten Menschen, die deshalb politisch nicht so ernst zu nehmen seien wie gestählte Hetero-Wortführer. Noch falscher und gemeiner ist die nun auch nicht mehr neue Variante des „Es spricht in mir!“, eben jene Textbausteine, die in Mehrheitsgesellschaftern pawlowsch konditioniert in Diskussionen ausgestoßen werden, um die eigene Denkfaulheit zu genießen: Alles Narzissmus!

Mal ab davon, dass es nun gerade im so vollends geläuterten Deutschland (in Österreich offenkundig noch schlimmer), wo es dank des Holocaust eh keine Rassisten, Antisemiten, LGBTIQ-Feinde und Sexisten gibt, sich um eine glasklare Projektion handelt, wird nunmehr die Diagnose des „Sich über den Opferstatus erhöhen“ phrasenhaft ausgekotzt und schafft es sogar in die „edition Suhrkamp“. Das ist dieses auch so heroische Sich-Erhöhen im Widerstand gegen all die „Keulen“, das Menschen spätestens seit Martin Walsers Antisemiten-Rede in der Frankfurter Paulskirche als Keule fortwährend zücken und das auf eine narzisstische Kränkung von solchen mit Faschismushintergrund zurück zu führen ist. Nun mühte man sich doch so und kriegt doch wieder einen verpasst! Und dann noch diese Schmach, mal nicht selbst der zu sein, der die Welt belehrt …

Nur dass dieses ja gar kein individualpsychologischer Narzissmus ist, der nun etwas mit dem, dem Therapeuten sich widmen, zu tun hätte: Das sind Kollektiv-Egos, zu denen manche Buddhisten Treffsicheres berichten könnten, Achtsamkeit fordernd.

Im Grunde genommen dürfte man dieses Buch gar nicht auch noch promoten. Der Kauf war eine Verzweiflungstat: Diese ewige Agitation gegen PC nervt einfach derart, dass ich hoffte, mal wenigstens EINEN anknüpfungsfähigen Gedanken aus den Reihen derer zu finden, die die Namen ihrer Fleischgerichte so lieben und entdifferenziert ganz wie Sarrazin, Gensing und Rejsin „Tugendterror“ beklagen. So habe ich nun auch Geld dafür ausgegeben und lasse mich dafür gerne in der Kommentarsektion beschimpfen. Ich empfehle das Buch ausdrücklich nicht, die Einleitung ist bereits eine Zumutung für alle Schwarzen und erschöpft sich im Genuss, rassistische Kraftausdrücke inflationär in den Text zu rotzen. Gemeint ist „In Anführungszeichen – Glanz und Elend der Political Correctness“ von Matthias Dusini und Thomas Edlinger, Berlin 2012.

Die unsägliche Einleitung setzt ganz darauf, dass Leute wie ich sich darüber aufregen, und packt dann triumphierend die These von der „moralischen Selbsterhöhung dank Opferstatus“ aus, um sie im Verlaufe des Buches mit vulgärpsychologischen Narzissmustheorien abzufedern. Es ist proppevoll mit falschen Zeitdiagnosen; wie üblich tut es so, als seien Medien, Universitäten und überhaupt alles Mächtige längst in der Hand von Vertretern der Gender-Theorie, sämtliche Aufsichtsräte mit PoC, Schwulen und Feministinnen besetzt und  PC die etablierte Leitkultur. Was angesichts von Bestsellern wie Sarrazin, Hahne und Pirincci, angesichts der Ausstrahlung einer Talkshow zur Verunglimpfung von Schwulen und Lesben alle zwei Wochen einfach falsch ist.

Lehrreich an dem Buch, das ich wie gesagt insbesondere Schwarzen auf keinen Fall zur Lektüre anempfehlen würde, weil es vor Rassismus nur so strotzt, ist zum einen, dass die Autoren sich immerhin die Mühe machen, Diskriminierung als Phänomen, trotzdem sie sie vollziehen, ernst zu nehmen. Dass sie zudem Gedanken wie jene, dass eine Öffnung öffentlicher Diskurse für marginalisierte Perspektiven tatsächlich wünschenswert sein könnte im Sinne einer Perspektivenvielfalt, die zum Lernen animiert, nicht weg wischen. Auch sonst streifen sie Begründungen, die Sinn machen, um sich anschließend wieder in unsinnigen Psychologisierungen und Polemiken zu verlieren.

Das geschieht deshalb, weil sie völlig selbstreferentiell nur Quellen aus deutschen und österreichischen Diskussionszusammenhängen hinzu ziehen. Sie streifen die Black Panther, die „neuen sozialen Bewegungen“, die Diskussion rund um den Antisemitismus von Mitgliedern von Public Enemy – um dann immer wieder bei Autoren wie Diedrich Diederichsen hängen zu bleiben, der in den 90ern Kluges zum Thema geschrieben hat.

Das ist prototypisch: So unter weißen, mutmaßlich heterosexuellen  (den ganzen Quatsch rund um diktatorische PC gibt es allerdings unter Schwulen ganz und gar genau so) Männern braucht es ja immer seinesgleiche als Referenz, um ein Argument ernst zu nehmen.

So schreiben sie im Kapitel über „Die Diaspora in der Beatbox. Eine Geschichte des PC-Imports“, S. 62 ff., kurioserweise vor allem über eben jenen Diededrichsen und dessen Kippenberger-Exegese, nicht jedoch über die Geschichte von PC als Kampfbegriff der Rechtsextremen in den USA. Das ist ja das Dilemma, wenn man diesen Begriff affirmativ verwendet: Entwickelt haben ihn a priori Rechtslibertäre und Evangelikale – die Tea Party ist ein historisch spätes Gewächs dieses Denkens, „manif pour tous“ und Bestrebungen in CDU und AfD ebenso.

Das ist eine Art vermeintlicher Antifaschismus von rechts, der selbst faschistoide Züge aufweist und überall Zensoren, Unterdrückung durch einen ins freie Wirtschaften, von Christentum und Familie flankiertem Unternehmer- und Pionierhandeln eingreifenden Staat wittert, um ergänzend ach so mächtige Minderheiten, die Mehrheiten unterjochen wollten, herbei zu fantasieren, die „Protokolle der Weisen von Zion“ lassen grüßen,  und sich anschließend ach so sozialrevolutionär gegen deren „Zerstörungswerk“ natürlicher Ordnungen zu behaupten. Zumeist funktioniert dieses, freie Fahrt für freie Bürger, über die moralisch niedrigstufige Präferenzgeneralisierung und vehemente Moralisierung in eben diesem Sinne, dass also eigene Vorlieben und Gewohnheiten als Moral für alle behauptet werden – und das paradoxerweise auch noch als Kritik der „Gleichmacherei“. Während zugleich sozialdarwinistisch soziale Ungleichheit befördert werden solle und als „Wirklichkeit“ zu konstatieren sei. Weil durch jede Egalität das Gleichgestellte infrage gestellt wurde – so z.B. einer Gleichbehandlung homosexueller Partnerschaften es irgendwie gelänge, Hetero-Lebensformen infrage zu stellen. Was sie ja umgekehrt fortwährend proklamieren: Eine Infragestellung der Lebensformen Anderer. Das ist eine gewaltige Projektionskiste: Sie denken einfach, alle wären genau so perfide wie sie selbst und tarnen das als Konvention.

Obgleich einige der Ausführungen der Autoren dieses „formale Gleichheit und materiale Differenz“-Thema sogar ganz gelungen zusammen fassen, entgeht ihnen dieser sich auf „Meinungsfreiheit nur für mich, alle anderen sind Zensoren“-Zusammenhang der Genese des Themas in US-Diskussionen. Was auch daran liegt, dass sie konsequent alles, was in Black Communities erarbeitet wurde, ignorieren bzw. nur gefiltert durch Diederichsen und Co wahr nehmen – in den Passagen, die ich gelesen habe, aber die sind ja die zum Thema. Um letztlich eine wüstes Konglomerat zu schreiben, in dem dann die vermeintlichen Opfer von „PC“ sich durch den dadurch gewonnenen Status erhöhen …

Es entgeht ihnen einfach völlig, dass z.B. das Tilgen von N-Worten in Kinderbüchern, ihre Polemik zielt eher auf ein Viertel in Wien und den Pudding im Hemd, ja nun gerade nicht dazu dient, sich zu erhöhen, sondern nicht in Erniedrigung sozialisiert zu werden. Also exakt das Gegenteil.

Sie streifen den „Kampf um Anerkennung“, freilich immer nur, um doch wieder in die Küchentischpsychologie  des Dorfpfarrers abzudriften.

Das Ziel ist ja nicht Sprachlosigkeit statt N-Wort, sondern die Frage, was da statt dessen stehen könnte, was mit den Erfahrungen von Schwarzen besser korrespondiert und diese verständlich macht. Das ist ja das Kuriosum dieser ach so unterdrückten, dem Tugendterror Ausgesetzten: Dass sie vor lauter narzißtischem Selbstbezug noch nicht mal in der Lage sind, auch nur James Baldwin, Frantz Fanon, Bel Hooks oder Tony Morrison zu lesen. Dass eine kritische Lesart von Kant und Hegel, ein kritisches Hören von Beethoven bis Bruckner eben ungeahnte MÖGLICHKEITEN für Kunst, Wissenschaft, Literatur, Musik und allerlei Institutionen in sich birgt – Freiheitsmöglichkeiten, die sozusagen automatisch auch auf die Ökonomie wirkten, wenn andere Personengruppen dort aktiv sind. Auch das wird den Kapitalismus nicht abschaffen. Sarrazin aber auch nicht.

Der Anlass, diesen Text überhaupt zu schreiben? Das hier:

 

„Der „Faschismus“, so zeigt es eine Analytik der Macht, ist nicht erst eine Großformation, als die er – in vielfachen Spielarten – das 20. Jahrhundert heimgesucht hat. Früher noch ist er ein Dispositiv, das in der späten Moderne überall eine Rolle spielt, wo Gruppen die Machtfrage aufwerfen. „Der ‚Ursprung’ ist der Mythos der Faschisten“ (Hans-Jürgen Krahl). Im Ursprung versichern sich politisch agierende Bünde ihrer unhintergehbaren Fundamente. „Mikrofaschismen“ tauchen in ihnen auf, die sich um die Reinheit des Authentischen und die Abwehr seiner „Verunreinigung“ schützen. Namentlich im Zeichen einer „Biopolitik“ generieren sie Vorschriften zur Erhaltung körperlicher und geistiger Gesundheit, – und sei es „nur“ als Rauchverbot oder als Ritual der Fitness-Studios, als Inquisition einer „political correctness“ oder als Diktatur der „Nachhaltigkeit“. Wie wenig „linke“ Gruppen, die sich einem „Antifaschismus“ verpflichtet wähnen, von solchen Dynamiken frei sind, zeigt der Streit um die „Fundamente“, der sich in ihnen dann umso fanatischer wiederholt, als er im Zeichen tiefgreifender Ohnmacht ausgetragen wird.“

 

Das ist eine Sendungsankündigung beim FSK, für das ich auch Sendungen produziere. Hinsichtlich Ernährungskontrolle, Fat-Shaming, Rauchverbot und Co ist das völlig ja richtig. Während ich hier so ganz und gar prekär vor mich hin plappere, ist die Produktion gekoppelt an eine staatliche Institution, die HfbK, und auch ein Doktorandenkolleg.

Der Passus ist auch völlig richtig hinsichtlich Fundamentalismus und Ursprungsphilosophie – schon da ist jedoch Differenzierung angebracht: Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ein Miles Davis in den 50er Jahren sich mit westafrikanischen Musiken auseinandersetzt, weil seine Vorfahren von dort verschifft, gequält und versklavt wurden und er die Folgen täglich erfährt, und seine Suche musikalisch in Relation zu Debussy setzt in einer weiß dominierten Gesellschaft mit weißer Sprache und weißem Kulturverständnis. Einem, das in der Abwertung von PoC gründet. Das ist etwas anderes, als wenn weiße Mitteleuropäer sich das Privileg gönnen, so zu tun, als würden sie in irgendwelchen geschichtslosen Räumen als ewiger Widerstand operieren. Das war für auch für mich ein harter Weg, das zu begreifen, in langen Diskussionen mit Freunden, deren Väter aus afrikanischen Ländern stammten – das erfährt man aber nur durch ZUHÖREN, wo der Unterschied zur Pommern-Flucht der eigenen Großeltern liegt, auf die ich mich nie berufen würde.

Für queere Communities ist das ein Riesenproblem, dass das Schreiben der EIGENEN Geschichte völlig anders vollzogen werden muss als die der Mehrheitsgesellschaften, aber in Relation zu dieser  – wobei manche dann auch in voraus eilendem Gehorsam Nationalismen und Quasi-Nationalismen sich unterwerfen.

Eine der mich am meisten beeindruckenden Dokumentationen war einst eine über die Entschlüsselung der Maya-Sprache und die Begierde der Nachfahren Kolonisierter , sie zu erlernen. Den Grund formuliert treffend Jacques Derrida in einem Gespräch mit Ornette Coleman

„JD: If we were here to talk about me, which is not the case, I would tell you that, in a different but analogous manner, it’s the same thing for me. I was born into a family of Algerian Jews who spoke French, but that was not really their language of origin. I wrote a little book on this subject, and in a certain way I am always in the process of speaking what I call the „monolingualism of the other.“5 I have no contact of any sort with my language of origin, or rather that of my supposed ancestors.

OC: Do you ever ask yourself if the language that you speak now interferes with your actual thoughts? Can a language of origin influence your thoughts?

JD: It is an enigma for me. I cannot know it. I know that something speaks through me, a language that I don’t understand, that I sometimes translate more or less easily into my „language.“ I am of course a French intellectual, I teach in French-speak- ing schools, but I have the impression that something is forcing me to do something for the French language…“

Es ist gewichtig, dass Derrida dieses im Interview mit Ornette Coleman äußert – der anders als Miles Davis einfach alles über den Haufen warf, was als weiße Harmonik als Gipfel musikalischer Schöpfung galt.

Diesen Mikromechanismen der Macht, ja, Mikrofaschismen, sind Marginalisierte fortwährend unterworfen – indem z.B. der Kampf gegen „Political Correctness“ sich ach so freiheitsliebend gebärdet, um andere zu zensieren, zu unterwerfen , zu beleidigen, ausgrenzen und erniedrigen zu können. Und die Zurückweisung gewalthaltiger Sprache dient dazu, überhaupt eine finden zu können, in der ohne Überschreibung gelebt werden kann.

In der Opferrolle mögen sich ja die Katholische Kirche, evangelikale Hetzer und viele Deutsche mit Faschismushintergrund wohl fühlen – ich kenne keinen, der sich gegen Überschreibungen und gewalthaltige Sprache wehrt, der das mag. Sie wollen gerade nicht mehr geopfert werden auf dem Altar der Mehrheitsgesellschaft.

Diese Gegenwehr und Zielsetzung dann universitär ermächtigt mal eben so nebenbei als „inquisitorisch“ abzutun – warum? Und wie äußert sich diese ach so faschistoide „Inquisition“? Was verleiht ihr diese angebliche Macht? Welche Institutionen stützen sie, welche mit Gewaltmonopol ausgestattete Polizei agiert in ihrem Namen? Die, die den NSU vor lauter Dönern übersah? Es gibt die anderen Mikrofaschismen, aber sie alle haben institutionelle Macht im Rücken.

Jetzt bin ich wegen des Schreibens gar nicht dazu gekommen, die Hanteln zu schwingen, das macht nämlich Spaß – und in dem Gespräch zwischen Derrida und Coleman tauchen Spuren der Utopie auch auf:

4 Antworten zu “„the idea is that two or three people can have a conversation with sounds, without trying to dominate it or lead it.“

  1. Person Nurmalso Oktober 19, 2014 um 10:53 pm

    Zitat Anfang: „Zumeist funktioniert dieses, freie Fahrt für freie Bürger, über die moralisch niedrigstufige Präferenzgeneralisierung und vehemente Moralisierung in eben diesem Sinne, dass also eigene Vorlieben und Gewohnheiten als Moral für alle behauptet werden – und das paradoxerweise auch noch als Kritik der “Gleichmacherei”.“ Zitat Ende.

    Diesen Satz fand ich RIESENGROß, zumal im Kontext. Den solltest du gleich mehrfach recyclen!

    Abweichend vielleicht von deiner Art, darüber zu denken, finde ich den Gedanken ziemlich nahe liegend, „die“ Mehrheitsgesellschaft bzw. Teile davon befinden sich auch bei „den“ Marginalisierten. Ich sehe das Ganze nämlich als vielschichtig an, zu sehr sogar, um es selbst ausreichend verstehen zu können. Ich bin Marginalisierter und Mehrheitsgesellschaftler zugleich. So paradox das vielleicht klingen mag, ich glaube sogar, das trifft auf sehr viele Menschen zu. Beim Drübernachdenken ist mir aufgefallen, und zwar aus meiner Position als Marginalisierter heraus, dass der Grad der Marginalisierung, zweitens die Möglichkeit zur Verständlichmachung und drittens die mehrdimensionale Friktion bzw. Nichtfriktion der jeweiligen Marginalisierung mit der Mehrheitsgesellschaft eine bedeutende Rolle hat.

    Zumindestens dafür, dass ich mich persönlich selbst nicht ganz so schlecht fühle. Einmal darum, weil mir das das Gefühl gibt, dass es anderen schlicht schlechter geht. Ich würde beispielsweise mit einer schwarzen Geflüchteten, die sich in einer bayrischen „Erstunterbringungsmöglichkeit“ aufhalten muss, eher nicht tauschen wollen. Oder auch nicht mit einem weißen Mann, der an Diabetis Mellitus schwer erkrankt ist. Zum anderen finde ich es hilfreich, die vielen anderen Dimensionen des Lebens zu berücksichtigen, bei denen auch Nichtmarginalisierte Bürden tragen. Auch wenn ich in der Theorie genau weiß, dass das dann nicht das Gleiche ist.

    Mir tut es ganz gut, mich bzw. mein Schicksal in Relation zu betrachten. Nicht zu vergessen, wie viel ich im Grunde genommen habe. Und darüber hinaus vor allem nicht zu vergessen, wie viel ich noch bewegen kann. Dass schon das pure Leben einfach ein Geschenk ist. Und die vielen schönen Erinnerungen. Das klingt vermutlich tausendmal schlimmer noch als allerübelste Küchenpsychologie, aber was mich betrifft, ist das ein ganz wichtiger Punkt für mich: Darauf zu gucken, was ich noch alles tun könnte. Was im Leben noch für geile Sachen möglich sind.

    Trotz alledem. Und das tröstet mich über Nackenschläge gut hinweg.

  2. momorulez Oktober 20, 2014 um 7:47 am

    Danke für Deinen Kommentar! Dieser Punkt, dass jede Person in gesellschaftlicher Hinsicht viele ist, der ist ja mit bedacht – auch Schwule verfügen ggf. über white, auf jeden Fall male Privilege, zum Beispiel. Die Strukturen gehen ja durch die Individuen gewissermaßen hindurch. Der Verweis auf die Bürden der Mehrheitsgesellschaftler birgt dann immer die Gefahr, dass nur zur erneuten Marginalisierung zu nutzen. Auch diese übergriffigen Formen, die Felder Marginalisierter zu okkupieren, die es bis hin zu Patti Smith, Gilles Deleuze und Heiner Müller gab und bei „Ich bin Lampedusa“ auch gibt, ist auch wieder eine Form des Überschreibens. Ich glaube ja, dass es viel mehr darum geht, sich die Freiheitsmöglichkeit klar zu machen, die im Zuhören liegt. Die Perspektiven Marginalisierter erzählen sehr viel über Zwänge und Machtmuster, denen auch Mehrheitsgesellschaftler unterworfen sind.

    Dass man glaubt, es ginge einem besser, wenn es Anderen schlechter geht, redet „das System“ einem ein, denke ich. Die Devianz wird ja produziert, um Abgrenzung genau in diesem Sinne zu erzeugen. Das ist eine Falle, glaube ich.

  3. Person Nurmalso Oktober 21, 2014 um 7:19 am

    Ich weiß nicht, ob das eine Falle ist. Ich sehe das als eine Art Bestandsaufnahme und finde das sogar sehr wertvoll.

    Wenn man sich selbst in einer eher bescheidenen Lage vorfindet, dann ist es ungemein tröstlich zu wissen, einmal, dass man vom Leben noch „genügend hat“, dass man noch Möglichkeiten hat und sowas, und zum anderen finde ich es immer wichtig, dass man im Auge behält, dass es anderen Menschen objektiv schlechter geht. Das ist in meinen Augen sogar ein Teil gesellschaftlich notwendiger Empathie. Wenn dann am Ende der Bestandsaufnahme rauskommen sollte, dass die Lage zwar ziemlich bescheiden ist, aber andererseits noch eine Reihe von wichtigen, und eben nicht selbstverständlichen Essentials bietet und darüber hinaus gute Gründe zur Hoffnung, dann fände ich es falsch, mich darüber zu ärgern. Gerade eben, weil meine Lage objektiv betrachtet einigermaßen beschissen ist.

    Ich glaube, das ist noch etwas anderes als wenn man sich im lebenswirklichkeitsmäßigen Durchschnitt befindet oder wie der Rahm über allen anderen schwimmt, weil man komplett frei von Diskriminierungen, existentiellen und anderen Nöten ist. Sich dann hinzustellen, und zu trällern: „Hach, was geht es mir gut!“ wäre ganz schön oberflächlich und mitleidslos, zudem dann, wenn der Blick auf die weniger Glücklichen abschätzig gerät.

    Ich finde es superwichtig, die eigene Lage vernünftig einordnen zu können. Das ist bei mir ein Teil meiner Überlebensstrategie. Wobei mein Vorteil auch darin liegt, dass ich an einem guten Teil meiner leider massiven Probleme selbst schuld bin. Schieres Pech, Diskriminierungen zählen da auch rein, aber auch jede Menge eigenes Verschulden. Das ist zwar einerseits eine gewisse Last, aber ich würde vermutlich fast durchdrehen, wenn die Beschissenheit meiner eigenen Lage im Wesentlichen auf massive Marginalisierungsprozesse zurück zu führen wäre. Wie das eben bei vielen Geflüchteten der Fall ist.

    Wenn mir zum Beispiel ein Spruch gedrückt wird, dann kann ich das durch diese Bestandsaufnahme viel leichter abschütteln. Da läuft dann gleich bei mir ein innerer Film mit, bestehend aus ganz viel „du kannst mir garnichts“ und „du hast echt keine Ahnung“ und jede Menge Hoffnung auf die Zukunft sowie Stolz, darüber, was ich trotz schlechter Voraussetzungen erreicht habe. Und eben auch das Wissen um diejenigen, denen es schlechter geht.

    Da erschüttert mich dann nichts so schnell. Das mich umgebende Deppentum wird dann ganz klein. Extrem klein sogar.

  4. momorulez Oktober 21, 2014 um 9:10 am

    Für mich ist halt immer das Entscheidende, die Marginaliserten, Rassifizierten, Gegenderten usw. nach vorne zu bringen im Sinne eines möglichen Empowerments, was das dann den Blick eher auf die Potenziale richtet. Mittlerweile habe ich mich ja auch freiwillig eher ins Prekariat eingereiht; in Phasen, da ich noch gewisse Entscheidungsspielräume hatte, habe ich mich eher gemüht, diese auch dahingehend zu nutzen, und da spielten dann meine Nöte, die sich auf ganz anderen Ebenen abspielten, eher auf jener extremer Vermachtung, des doppelten Lebens, weil ich ständig übersetzen und abflachen, mainstreamfähig machen musste, was ich wirklich denke und dem Problem, mir fortwährend den Kopf anderer Leute zerbrechen zu müssen, eine nicht sooo große Rolle. Aber so lange da die Emphatie mit drin steckt und der Wille zur Veränderung und jener, die Marginalisierten Subjekt sein zu lassen, steckt das bei Dir ja auch alles noch mit drin.

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